Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Ich war in Cheltenham. Sarah-Jane Beckett heißt jetzt Sarah-Jane Hamilton, seit zwölf Jahren schon. Körperlich hat sie sich seit der Zeit, als sie meine Lehrerin war, kaum verändert: Sie hat ein wenig an Gewicht zugelegt, aber der Busen ist immer noch flach und ihr Haar so rot wie damals, als sie noch bei uns lebte. Sie trägt es jetzt anders mit einem Haarband aus dem Gesicht gehalten -, aber es ist so glatt wie immer.
Eine Veränderung jedoch fiel mir augenblicklich an ihr auf. Sie kleidete sich anders. Sie hat sich offenbar von dem Stil abgewandt, den sie bevorzugte, als sie noch bei uns lebte - Kleider mit üppigen Kragen und Spitzenbesatz, wenn ich mich recht erinnere -, und hat den Aufstieg zu Twinset und Perlenkette geschafft. Die zweite Veränderung, die ich an ihr bemerkte, betrifft ihre Hände. Früher hatte sie immer bis zum Fleisch abgebissene Fingernägel, jetzt sind die Nägel lang und gepflegt und rot lackiert, damit der protzige Ring mit den Saphiren und Brillanten besser zur Geltung kommt. Die Fingernägel fielen mir vor allem deshalb auf, weil sie im Gespräch ständig mit den Händen gestikulierte, als wollte sie mir zeigen, wie reich sie mit weltlichen Gütern gesegnet ist.
Der Beschaffer der weltlichen Güter war nicht zu Hause, als ich kam. Sarah-Jane war vorn im Garten des Hauses - das in einem sehr eleganten Viertel steht, wo man offensichtlich bevorzugt Mercedes und Range Rover fährt und füllte, auf einer dreistufigen Trittleiter stehend, gerade einen riesigen Futtertrog für Vögel mit Körnern auf. Da ich sie nicht erschrecken wollte, wartete ich schweigend, bis sie von der Leiter heruntergestiegen war und sich, nachdem sie ihr Twinset glatt gezogen hatte, auf die Brust klopfte, um sich zu vergewissern, dass die Perlenkette noch da war. Erst dann rief ich ihren Namen, und nachdem sie mich überrascht und erfreut begrüßt hatte, klärte sie mich darüber auf, dass Perry - Ehemann und großzügiger Versorger - geschäftlich in Manchester war und sehr enttäuscht wäre, wenn er bei seiner Heimkehr erführe, dass er meinen Besuch verpasst hatte.
»Er hat ja im Lauf der Jahre ständig von Ihnen gehört«, sagte sie. »Aber wahrscheinlich hat er nie geglaubt, dass ich Sie tatsächlich kenne.« Sie begleitete ihre Worte mit einem trällernden kleinen Lachen, das mir ausgesprochen unangenehm war, obwohl ich nicht sagen könnte, warum, außer dass Gelächter dieser Art stets unecht klingt.
»Kommen Sie herein«, sagte sie. »Bitte, kommen Sie. Darf ich Ihnen eine Tasse Kaffee anbieten? Tee? Oder einen Drink?«
Sie ging mir voraus ins Haus, das so geschmackvoll eingerichtet war, wie dies nur ein Innenarchitekt fertig gebracht haben konnte: genau die richtigen Möbel, genau die richtigen Farben, genau die richtigen Objekte, sanfte Beleuchtung, die schmeichelte, und die kleine persönliche Note bei der sorgfältigen Auswahl von Familienfotos.
Eines dieser Bilder ergriff sie auf dem Weg zur Küche und hielt es mir hin. »Perry«, sagte sie. »Unsere Töchter und seine beiden Töchter aus erster Ehe. Sie sind die meiste Zeit bei ihrer Mutter und verbringen nur jedes zweite Wochenende bei uns. Und die halben Ferien. Die moderne britische Familie eben.« Wieder das trällernde Lachen, dann verschwand sie durch eine Schwingtür, hinter der sich, so vermutete ich, die Küche befand.
Während ihrer Abwesenheit sah ich mir die Atelieraufnahme der Familie an. Perry thronte in der Mitte und war von fünf Frauen umgeben: Neben ihm saß seine Frau, seine beiden älteren Töchter standen hinter ihm, jede eine Hand auf seinen Schultern, ein kleineres Mädchen stand an Sarah-Jane gelehnt, und die letzte, noch kleiner, saß auf Perrys Knie. Sein Gesicht zeigte jenen Ausdruck von Selbstgefälligkeit, der sich bei Männern offenbar einzustellen pflegt, wenn sie es geschafft haben, Nachkommen in die Welt zu setzen. Die älteren Mädchen wirkten zu Tode gelangweilt, die jüngeren sahen sympathisch aus, und Sarah-Jane schien hoch zufrieden zu sein.
Sie kam aus der Küche zurück, und ich stellte das Foto wieder auf den Tisch, von dem sie es genommen hatte.
»Als Stiefmutter«, bemerkte sie, »geht es einem ähnlich wie als Lehrerin: Man muss ständig ermutigen, aber man darf sich nicht die Freiheit nehmen, zu sagen, was man wirklich denkt. Und ständig machen einem die Eltern zu schaffen, in diesem Fall die Mutter. Sie trinkt leider.«
»War es bei mir auch so?«
»Um Gottes willen, Ihre Mutter hat doch nicht getrunken.«
»Ich meinte, dass man nicht die Freiheit hat, zu sagen, was man denkt.«
»Man lernt Diplomatie«, antwortete sie. »Das ist meine kleine Angelique.« Sie deutete auf das Kind auf Perrys Schoß. »Und das ist Anastasia. Sie ist übrigens musikalisch nicht unbegabt.«
Ich wartete darauf, dass sie mir auch die älteren Mädchen vorstellen würde, aber das tat sie nicht. So fragte ich schließlich pflichtschuldig, was für ein Instrument Anastasia denn spiele. Die Harfe, wurde mir geantwortet, und ich dachte, sehr passend. Sarah-Jane hatte immer ein wenig wie eine Jane-Austen-Figur gewirkt, die sich im Jahrhundert geirrt hatte, viel eher dazu geschaffen, in stiller Beschaulichkeit an ihrem Stickrahmen zu sitzen oder harmlose Aquarelle zu malen, als in der Härte und Hektik des modernen Lebens mit anderen Frauen zusammen um ihren Platz in der Gesellschaft zu kämpfen. Sarah-Jane Beckett Hamilton beim Joggen im Regent's Park mit einem Handy am Ohr? Das war mir so unvorstellbar wie Sarah-Jane Beckett Hamilton im Kampf gegen einen Großbrand, beim Kohleabbau in einem Bergwerk, als Mitglied einer Segelmannschaft bei der Fastnet-Regatta. Ganz logisch, dass sie ihre ältere Tochter lieber zur Harfe als etwa zur elektrischen Gitarre hingeführt hatte. Ich hatte keinen Zweifel, dass sie sie sehr energisch beeinflusst hatte, nachdem das Mädchen den Wunsch geäußert hatte, ein Instrument zu lernen.
»Ihnen kann sie natürlich nicht das Wasser reichen.« Sarah-Jane zeigte mir stolz ein weiteres Foto: Anastasia an der Harfe, die Arme anmutig erhoben, um mit den Fingern - die leider kurz und dick waren wie die der Mutter - in die Saiten zu greifen. »Aber sie macht ihre Sache recht gut. Ich hoffe, Sie werden sie einmal hören. Natürlich nur, wenn Sie Zeit haben.« Und sie ließ wieder ihr trällerndes Lachen erklingen. »Ach, es ist wirklich schade, dass Perry nicht hier ist, Gideon. Er hätte sich so sehr gefreut, Sie kennen zu lernen. Sind Sie hier, um ein Konzert zu geben?«
Ich verneinte kurz, ohne irgendetwas zu erklären. Sie hatte offensichtlich die Berichte über den Zwischenfall in der Wigmore Hall nicht gelesen, und mir war das nur recht. Ich wollte mich vor allem bei Sarah-Jane darüber nicht auslassen. Ich sagte einfach, dass ich gekommen sei, um mit ihr über den Tod meiner Schwester und die Gerichtsverhandlung zu sprechen.
»Ach so«, sagte sie. »Hm, ich verstehe.« Und sie setzte sich auf ein hoch aufgepolstertes Sofa von der Farbe frisch gemähten Grases und wies mich zu einem Sessel, über dessen Bezug, der in gedämpften Herbsttönen gehalten war, eine Hundemeute einem Hirsch hinterherjagte.
Ich wartete auf die logischen Fragen. Warum? Warum gerade jetzt? Warum diese alten Geschichten ausgraben, Gideon? Aber sie stellte diese Fragen nicht, und das fand ich seltsam. Vielmehr setzte sie sich auf dem Sofa ordentlich zurecht, kreuzte die Beine an den Fesseln, legte die Hände im Schoß übereinander - die Hand mit den Saphiren und Brillanten obenauf - und machte ein aufmerksames Gesicht ganz ohne eine Spur der misstrauischen Vorsicht, die ich erwartet hatte.
»Was möchten Sie denn wissen?«, fragte sie.
»Alles, was Sie mir erzählen können. Vor allem über Katja Wolff. Was für ein Mensch sie war, wie das Zusammenleben mit ihr war.«
»Ah ja. Natürlich.« Sarah-Jane saß still da und sammelte sich. Dann begann sie zu sprechen. »Nun ja, es war von Anfang an offensichtlich, dass sie als Kinderfrau für Ihre Schwester nicht geeignet war. Es war ein Fehler Ihrer Eltern, sie zu engagieren, aber das erkannten sie erst, als es zu spät war.«