Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Wenn die Sache danebengeht, können wir uns warm anziehen«, murmelte Pjotr, der den Enthusiasmus Lobows gegenüber der Zarendelegation mit gemischten Gefühlen verfolgte.
Leonard stieß einen Seufzer aus. »Weiß unser hoher Besuch eigentlich, was wir genau vorhaben?«
Weinberg entrollte einen Gebietsplan und schüttelte kaum merklich den Kopf. »Soweit mir bekannt ist, hat Lobow davon Abstand genommen, bei seinen Erläuterungen ins Detail zu gehen. Entweder weil er es selbst nicht ganz verstanden hat - oder weil er dachte, wenn es nicht funktioniert, könnte man die ganze Sache als kleines Malheur vertuschen und die Aufmerksamkeit der Beobachter auf bereits bestehende Errungenschaften lenken.«
Leonard wandte sich mit einem unguten Gefühl ab und kümmerte sich um die Funksignale, die nun pausenlos hereinkamen. Sie zeigten ihm, dass das Luftschiff immer noch auf Kurs war, und zwar auf vier Werst Höhe. Am späten Nachmittag war es in Kirensk gestartet; von dort aus sollte es einem Zickzackkurs folgen, und am nächsten Morgen wurde es mit einer Sinkgeschwindigkeit von einhundert Werst in der Stunde am vereinbarten Treffpunkt erwartet. Maganhir richtete sich nicht nach einer Uhr, sondern nach dem Stand der Sonne. Der Wetterbericht für die nächsten Tage schien günstig. Ein zuverlässiges Hochdruckgebiet überlagerte die gesamte steinige Tunguska, und somit würde im entscheidenden Augenblick Sichtkontakt bestehen.
In der Nacht bereitete sich Maganhir auf eine besondere Begegnung vor. Auf einem Hügel, dessen Kuppe das gesamte Flusstal überragte, wollte er Ogdy, den Gott des Donners und des Lichtes, um die Steigerung seiner außerordentlichen Kräfte bitten. Am Fuß des Berges hatte er Wachen aufgestellt, damit niemand seine heiligen Kreise störte. Wölfe heulten in die mondlose Nacht, und nur die Sterne am Firmament erleuchteten den nicht gar so dunklen Junihimmel.
Der Gehilfe reichte dem Schamanen einen besonderen Trunk und schlug vor einem knisternden Lagerfeuer leise die Trommel, solange, bis sein Meister im Aufleuchten der Flammen in eine tiefe Trance versunken war.
Bis zum frühen Morgen erwachte er nicht aus seinem allumfassenden Traum; erst mit dem Aufgang der Sonne öffneten sich seine schmalen Lider.
Unruhe war in seinen Augen zu erkennen, erst recht als er sich erhob, um in die Ferne zu schauen. Obwohl das große, silberne Objekt noch nicht zu sehen war, konnte er es spüren. Der Himmel war klar, und mit der zunehmenden Kraft der Sonne spürte er die Kraft in seinem Innern. Sie würde stark genug sein, um nicht nur die Wünsche der Russen, sondern auch seine eigenen zu erfüllen.
Bereits jetzt spürte er, wie das Licht seinen Körper durchdrang und sich in seiner Mitte sammelte.
Seine Konzentration steigert sich, bis unvermittelt ein huschender Schatten die Wärme verdeckte. Er meinte, den Flügelschlag eines Raben gesehen zu haben, und fuhr erschrocken herum. Der Wind fegte durch sein Haar, und sein Gehilfe war mit einem Mal verschwunden.
Statt seiner baute sich eine große, hagere Gestalt vor ihm auf. Mit der Nase eines Falken und den glühenden Augen eines Dämons sah ihm Tschutschana direkt ins Gesicht.
»Du bist etwas vorschnell, Bruder. Dachtest du wirklich, ich lasse mir dein Vorgehen einfach so gefallen?«
Gegen vier Uhr in der Frühe trat Leonard seinen Dienst im Bunker an. 30. Juni 1908, schrieb er in eine Art Logbuch, in dem der Ablauf der Versuchsreihe minutiös protokolliert werden musste. Während die Feder über das Papier kratzte, wurde ihm bewusst, an was sie alles hatten denken müssen, bevor der Stützpunkt überhaupt seine Einsatzbereitschaft melden konnte. Einsam und von niemandem behelligt, überprüfte er in der großen Halle den Hauptgenerator, der mit einem Benzinmotor betrieben wurde und dessen Abgase durch einen schmalen Kamin nach draußen gelangten. Dann kontrollierte er die Funkarmaturen und seismographischen Aufzeichnungsgeräte, bevor er sich nach draußen begab, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Sonne erhob sich strahlend im Südosten, und auf einer kleinen
Anhöhe genoss er den Blick auf den glitzernden Fluss. Eingeschlossen von hoch aufragenden Tannen, wirkte er wie ein goldenes Band in einem tiefgrünen Bett.
Ein Räuspern holte Leonard aus seinen Gedanken. Pjotr machte sich bereit, um mit Aslan auf den etwa zweihundert Saschen hohen Beobachtungshügel zu steigen, der sich etwa zwei Werst entfernt über dem Fluß erhob. In seiner Hand hielt er eine silberne Taschenuhr, die sein Vater ihm einst geschenkt hatte und deren weiteren Besitzer er gegenüber der Ochrana mit dem Argument verteidigt hatte, dass er als Wissenschaftler auf genaue chronologische Messungen angewiesen sei.
»Schlummern die Günstlinge des Zaren noch?«, unkte Leonard boshaft.
»Weinberg hat in der Offiziersmesse echten Kaffee gekocht und Ba-ranki geröstet, da wird es nicht lange auf sich warten lassen, bis die hohen Herren zum Frühstück erscheinen.«
Neben Kontroll- und Maschinenraum bot der Bunker einen bescheidenen Luxus. Obwohl nur im Sommer bewohnbar, weil es ansonsten zu eisig geworden wäre, hatte man sogar an einen beheizten Schlafraum gedacht.
Während Aslan und Pjotr schon vorausgegangen waren, machte sich Leonard zusammen mit Weinberg und den zaristischen Kontrolleuren erst gegen fünf zum Hügel auf.
Das Luftschiff wurde um kurz vor sieben erwartet, und so hatten sie noch ein wenig Zeit, die technischen Gerätschaften und das Experiment zu erläutern, insofern es der Sachverstand der hohen Herren aus Sankt Petersburg zuließ. Kurz bevor die Bombe offiziell gezündet werden sollte, würde Leonard allein zum Bunker zurückkehren, um den reibungslosen Einsatz der Funkgeräte vor Ort zu garantieren. Ein bisschen bedauerte er, nicht näher dabei sein zu können, aber wenn man Aslan Glauben schenken konnte, würde außer einem Lichtblitz, einem ohrenbetäubenden Knall und einem leichten Beben ohnehin kaum etwas zu spüren sein.
Lobow folgte wenig später mit einem Trupp Kosaken, die den Ausguck bewachen sollte. Obwohl sich Leonard kaum vorzustellen vermochte, wer oder was sie hier angreifen sollte, gehörte es zu Lobows
Gewohnheiten, nie ohne militärischen Schutz durch die Wälder zu streifen.
Ein laues Lüftchen wehte um Leonards Nase, als er zusammen mit den anderen Männern den Ausguck erreichte. Trotz eines leichten Unbehagens, das durch die Höhe verursacht wurde, kletterte er als Erster mutig auf den beinahe zehn Saschen hohen Sendeturm. Oben im Krähennest angekommen, einer kleinen mit Gittern ummantelten Aluminiumplattform, blickte er auf die beiden Antennen, die sich unter ihm waagerecht ausbreiteten. Es roch nach Sommer und Frieden, und für einen Moment ließen ihn die warmen Strahlen der aufgehenden Sonne vergessen, dass er nicht in Sankt Petersburg in einem Cafe an der Newa saß, sondern inmitten der sibirischen Taiga. Der Himmel zeigte sich in reinstem Blau, und der Funkkontakt zum Luftschiff und zur Basisstation am Fuße des Turms verlief einwandfrei. Aslan, der die Mission zusammen mit Pjotr überwachte, hatte ihm mehrfach bestätigt, dass es keinerlei Kurskorrekturen bedurfte, um die Versuchsstrecke von fünfhundert Werst zu bewältigen. Also stimmten Leonards Berechnungen; dem zeitgerechten Empfang des silbernen »Feuerpferdes« würde nichts mehr entgegenstehen.