Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Svetlana sah ihn prüfend an und strich über sein Haar. Dann schaute sie zu Viktoria hin. »Ihr könnt so nicht bleiben«, stellte sie tonlos fest. »Wir müssen wenigstens etwas mit euren Haaren anstellen.«
Wenig später kehrte sie mit einer silbernen Beuteltasche zurück.
»Ich bin gelernte Friseurin«, stellte sie vor Viktoria klar. »Ich werde euch jetzt die Haare schneiden und färben, damit euch niemand erkennt, wenn ihr zum Bahnhof geht.«
31.
Juni 1908, Sibirien - Versuchsstation
Bereits gegen vier Uhr morgens war Leonard auf den Beinen. Er hatte die halbe Nacht kein Auge zugetan. Vielleicht lag es an Pjotr und Weinberg, die mit ihm eine Kammer teilten und deren Schnarchen er nicht mehr ertragen konnte. Vielleicht lag der Grund aber auch in der jungen Prostituierten von gestern Abend. Nachdem sie den ersten hochgestellten Freier bedient hatte, folgten vier weitere, die allesamt nicht weniger pervers waren als ihr geschniegelter Kamerad. Deren Keuchen und Grunzen, das Klatschen einer Peitsche, die erstickten Schreie des Mädchens und das anschließende Wimmern hatte er mehrmals in der Nacht über den angrenzenden Flur hören können.
Wütend hatte Leonard die Zähne zusammengebissen, in dem Bewusstsein, gegen diese brutalen Kerle nichts ausrichten zu können, weil sie sich scheinheilig hinter hochdekorierten Uniformen verbargen.
Der Morgen war klar, und die Vögel zwitscherten, als Leonard endlich nach draußen gelangte, um sich hinter ein paar Büschen zu erleichtern. Einige Kosaken hielten vor ihren Zelten Wache. Sie saßen am Feuer, rauchten und tranken Malzkaffee.
Ein Treck von Arbeitern wanderte vorbei und fesselte Leonards Aufmerksamkeit. Plötzlich hörte er seinen Namen, und ein blendend weißes Lächeln erhellte die Düsternis zwischen den Tannen.
»Tschirin?« Er konnte es kaum fassen und fiel dem Tungusen mit klopfendem Herzen in die Arme. Minutenlang hielt er den ehemaligen Jämschtschik an sich gedrückt. »Es ist schön, dich zu sehen«, sagte er schließlich. »Ich befürchtete schon, es gäbe dich nicht mehr.«
»Ich habe Arbeit gefunden«, erklärte ihm Tschirin atemlos, »und meine Frau erwartet das dritte Kind.« »Dann geht es dir gut?« Leonard freute sich aufrichtig, dass es den freundlichen Tungusen nicht schlimmer erwischt hatte.
»Es ist so gekommen, wie ich gesagt habe. Mein Vater hat mich aus der Sippe verbannt. Und du?« Er hob seine Brauen und sah ihn erwartungsvoll an.
Mit wenigen Worten erzählte Leonard von seinem unverhofften Glück - von einer Frau, einem Kind und dass das Warten auf das zweite bald schon ein Ende haben würde.
»Das Schicksal der meisten Männer wird nicht durch die Geister bestimmt, das Schicksal der meisten Männer bestimmt eine Frau«, erklärte Tschirin ihm lachend. »Und was machst du hier draußen?«
Mit gedämpfter Stimme erinnerte ihn Leonard an das geheime Experiment. »In wenigen Tagen ist es soweit«, erklärte er flüsternd, »bis dahin bauen wir unsere Zelte hinter dem Fluss Kimchu auf.«
»Dann hat Maganhir also Wort gehalten?«
»Es sieht ganz danach aus.«
»Hütet euch vor meinem Vater.« Tschirin sah ihn durchdringend an. »Wenn er davon erfährt, wird seine Rache fürchterlich sein.«
»Wie sollte er davon erfahren, es sei denn, du sagst es ihm.«
»Ich?« Tschirin machte eine abwehrende Geste. »Ich habe keinerlei Verbindung mehr zu ihm, aber du darfst nie vergessen, er ist ein Schamane, er besitzt die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, auch über viele Werst entfernt.«
»Maganhir ist auch ein Schamane«, erinnerte ihn Leonard beschwichtigend. »Wenn beide tatsächlich so mächtig sind, wie du sagst, werden sie sich gegenseitig in Schach halten.«
»Sehe ich dich irgendwann wieder, Bruder?« Tschirin hatte eine Hand auf Leonards Schulter gelegt.
»Wenn das Experiment gelingt, bestimmt. Ich hoffe, dass man uns die Freiheit schenkt, wenn wir liefern, was man von uns verlangt.«
»Die Ahnen sollen mit dir sein.« Tschirin umarmte ihn noch einmal, bevor er sich umdrehte und seinen Mitstreitern im Laufschritt folgte, bis er mit ihnen im Wald verschwunden war.
Der Weg bis zum Kimchu war überaus beschwerlich. Bäume so weit das Auge reichte, dazwischen tückische Sümpfe, brackiges Wasser und
Myriaden von Stechmücken. Leonard empfand Erleichterung, als er von weitem auf einem Hügel den dreißig Meter hohen Antennenmast sehen konnte. Von dort aus wurden die eingehenden Signale des Luftschiffes in die Haupteinsatzzentrale weiter unten am Fluss gefunkt. Unterhalb des Hügels hatten die Arbeiter einen Bunker in den steinigen Untergrund getrieben. Mit Isoliermaterial ausgekleidet und vollkommen verputzt, wirkte der sichere Unterschlupf in einer Tiefe von zwölf Meter und einem Ausmaß von ungefähr fünfhundert Quadratmeter wie ein weit verzweigter Kaninchenbau. In sicherer Entfernung zum eigentlichen Schauplatz wollte man hier den Fortgang des Experimentes koordinieren. Etwa zehn Werst südöstlich würde die Bombe regelrecht platzen - oder auch nicht, falls Maganhir nicht hielt, was er versprochen hatte. Von einem Hochplateau aus würde er seine Kräfte auf eine Weise einsetzen, die ausschließlich Aslan und Weinberg bekannt war. Es schien niemanden zu kümmern, dass man nicht Genaueres über die Fähigkeiten des Mannes mit den listigen Augen erfuhr. Trotz aller Untersuchungen war es weder Primanov noch Weinberg gelungen, hinter das wahre Geheimnis des tungusischen Schamanen zu kommen. Fest stand, dass er in der Lage war, gleißende Kugelblitze zu erzeugen, denen er sogar eine Richtung verleihen konnte. Aslan schwärmte unentwegt, dass die elektrischen Kräfte, die dabei freigesetzt wurden, tatsächlich gigantisch waren. Die Energie, die der Schamane auf das Versuchsluftschiff richten sollte, würde noch stärker sein als alles, was er bisher zustande gebracht hatte. Einzige Bedingung war, dass ihn kein Russe auf den ausgesuchten Berg begleiten durfte. Um mit einem Gott zu verhandeln, bedurfte es keiner Zeugen, sie würden die Zeremonie nur stören.
Leonard war bei aller Begeisterung skeptisch. »Habt ihr euch überlegt, was geschieht, wenn er versagt?«, flüsterte er Weinberg zu, nachdem sie die hypermoderne Schaltzentrale unten im Bunker mit einem Gläschen Wodka eingeweiht hatten. Weinberg hob eine Braue und antwortete nicht sofort. Hinter ihm besichtigte die Delegation des Zaren das Neueste, was man an Funktechnik auf dem Markt finden konnte.
»Marconi«, murmelte einer der Offiziere anerkennend, als er mit hinter dem Rücken verschränkten Händen den großen Schaltschrank inspizierte. »Wie haben Sie das alles hierher bekommen?«
Lobow grinste stolz. »Wir haben es nach den Vorschlägen der anwesenden Wissenschaftler beschafft und mit Rentier-Schlitten in die Taiga transportiert. Das meiste davon im Winter, weil es einfacher war.«