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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Schlagt die Deutschen tot!« schrie einer.

»Hol sie der Teufel, die Verräter!«

»Zum Henker diese Russen …!« brummte ein Deutscher vor sich hin.

Auch einige Verwundete kamen auf demselben Weg vorüber. Ihr Stöhnen floß mit dem Schimpfen und Schreien zu einem allgemeinen, wirren Getöse zusammen. Das Schießen war verstummt; wie Rostow später erfuhr, hatten russische und österreichische Soldaten aufeinander geschossen.

»Mein Gott! Wie ist es nur möglich, daß sie so fliehen?« dachte Rostow. »Und noch dazu hier, wo sie jeden Augenblick der Kaiser sehen kann …! Aber nein, es sind gewiß nur einige Lumpen. Das ist eine vorübergehende Erscheinung; das ist kein wahres Bild der Sache; es ist nicht möglich!« dachte er. »Ich will nur recht schnell, recht schnell an ihnen vorbeireiten!«

Sein ganzes Wesen sträubte sich gegen den Gedanken an Niederlage und Flucht des Heeres. Obgleich er französische Geschütze und französische Truppen auf den Höhen von Pratzen erblickte, also gerade da, wo er den Oberkommandierenden aufsuchen sollte, konnte und wollte er nicht daran glauben.

XVIII

Rostow hatte Befehl, Kutusow und den Kaiser in der Nähe des Dorfes Pratzen zu suchen. Aber dort war keiner von beiden und überhaupt kein höherer Offizier, sondern nur buntscheckige Haufen, Reste aufgelöster Truppenteile. Er trieb sein bereits müde werdendes Pferd an, um möglichst schnell an diesen Haufen vorbeizukommen; aber je weiter er kam, um so ärger wurde der Zustand der Zerrüttung. Auf der breiten Landstraße, auf die er nun gelangte, drängten sich Fuhrwerke aller Art, russische und österreichische Soldaten aller Waffengattungen, Verwundete und Unversehrte. Alles das drängte in wildem Durcheinander und mit lautem Getöse vorwärts, unter der schrecklichen Begleitmusik der Kanonenkugeln, die von den Batterien auf den Höhen von Pratzen herübergeflogen kamen.

»Wo ist der Kaiser? Wo ist Kutusow?« fragte Rostow alle, deren er habhaft werden konnte; aber er erhielt von niemand Antwort.

Endlich hielt er einen Soldaten am Rockkragen fest und zwang ihn, ihm zu antworten.

»Ach, Bruder! Die sind alle schon lange nach da zu; die sind zuerst ausgerissen!« antwortete ihm der Soldat lachend und riß sich los.

Rostow ließ von diesem offenbar betrunkenen Soldaten ab, hielt das Pferd eines Offiziersburschen (es mochte auch der Reitknecht irgendeiner hohen Persönlichkeit sein) an und fragte diesen aus. Der Bursche erzählte ihm, der Kaiser sei vor einer Stunde in einem Wagen, was die Pferde nur laufen konnten, auf dieser selben Landstraße davongefahren; er sei gefährlich verwundet.

»Das ist unmöglich«, sagte Rostow. »Es ist gewiß irgendein anderer gewesen.«

»Ich habe ihn selbst gesehen«, erwiderte der Bursche mit einem selbstbewußten Lächeln. »Ich werde doch den Kaiser kennen; wie oft habe ich ihn nicht in Petersburg aus nächster Nähe gesehen. Ganz blaß, ganz blaß saß er in seiner Kutsche. Er jagte nur so an uns vorbei; Donnerwetter, was griffen die vier Rappen aus! Ich werde doch die Pferde des Zaren und Ilja Iwanowitsch kennen; mit einem andern als mit dem Zaren fährt der Kutscher Ilja überhaupt nicht.«

Rostow ließ das Pferd des Burschen, das er bis dahin festgehalten hatte, los und wollte weiterreiten. Ein vorbeigehender verwundeter Offizier redete ihn an.

»Zu wem wollen Sie?« fragte der Offizier. »Zu dem Oberkommandierenden? Der ist von einer Kanonenkugel getötet worden; in die Brust hat sie ihn getroffen, in der Nähe unseres Regiments.«

»Er ist nicht getötet, sondern nur verwundet«, verbesserte ihn ein andrer Offizier.

»Wer denn? Kutusow?« fragte Rostow.

»Nein, Kutusow nicht, sondern … wie heißt er doch gleich? Na, es ist ja ganz gleich; am Leben sind überhaupt nicht viele geblieben. Reiten Sie nur dorthin, sehen Sie, dort nach dem Dorf; da haben sich alle Kommandeure zusammengefunden«, sagte dieser zweite Offizier, auf das Dorf Hostieradek weisend, und ging vorbei.

Rostow ritt jetzt im Schritt; er wußte nicht, zu wem er jetzt reiten sollte, und was es noch für Zweck habe. Der Kaiser war verwundet, die Schlacht verloren. Es schien unmöglich, daran noch zu zweifeln. Rostow ritt nach der Richtung, die ihm gezeigt worden war, und in der er schon in der Ferne eine Kirche mit Turm sah. Wozu sollte er sich jetzt noch beeilen? Was sollte er jetzt noch zum Kaiser oder zu Kutusow sagen, selbst wenn sie noch am Leben und unverwundet waren?

»Reiten Sie auf diesem Weg hier, Euer Wohlgeboren!« rief ihm ein Soldat zu. »Auf dem da geradeaus werden Sie totgeschossen. Jawohl, totgeschossen!«

»Ach, was redst du da!« sagte ein andrer. »Warum soll er denn hier reiten? Dort ist es näher.«

Rostow überlegte einen Augenblick lang und ritt dann absichtlich auf dem Weg, von dem ihm gesagt war, daß er dort totgeschossen werden würde.

»Jetzt ist schon alles gleich«, dachte er. »Wenn der Kaiser verwundet ist, wozu soll ich mich dann noch in acht nehmen?« Er gelangte jetzt an einen freien Platz, auf welchem eine ganz besonders große Anzahl derjenigen, die sich auf der Flucht aus Pratzen befunden hatten, vom Verderben ereilt worden war. Die Franzosen hatten diesen Platz noch nicht besetzt, und diejenigen Russen, die am Leben geblieben oder nur leicht verwundet waren, hatten ihn schon längst verlassen. Auf dem Feld lagen, wie Getreidemandel auf einem guten Acker, zehn, fünfzehn Tote oder Verwundete auf jedem Hektar Landes. Die Verwundeten krochen zu Gruppen von zweien oder dreien zusammen, und man hörte ihr schreckliches, mitunter, wie es Rostow schien, übertriebenes Schreien und Stöhnen. Rostow setzte sein Pferd in Trab, damit er nicht alle diese leidenden Menschen länger zu sehen brauche, und es wurde ihm beklommen zumute. Er fürchtete nicht für sein Leben, sondern für seine Mannhaftigkeit, deren er jetzt so dringend bedurfte, und die (das fühlte er) bei dem Anblick aller dieser Unglücklichen ihm untreu zu werden drohte.

Die Franzosen hatten aufgehört gehabt, dieses mit Toten und Verwundeten übersäte Feld zu beschießen, weil kein unverletzter Gegner auf ihm mehr vorhanden war; aber als sie den darüber hinreitenden Adjutanten erblickten, richteten sie die Geschütze auf ihn und schossen ein paar Kugeln herüber. Diese furchtbaren, pfeifenden Töne und der Anblick der ihn umgebenden Leichen wirkten zusammen, um in Rostows Seele ein Gefühl des Schreckens und des Mitleides mit sich selbst wachzurufen. Es fiel ihm der letzte Brief seiner Mutter ein. »Wie würde ihr zumute sein«, dachte er, »wenn sie mich jetzt hier auf diesem Feld sähe, wie die Geschütze auf mich gerichtet sind?«

In dem Dorf Hostieradek befanden sich die russischen Truppen, die vom Kampfplatz abgezogen waren, zwar gleichfalls in Verwirrung, aber doch in etwas besserer Ordnung. Die französischen Geschütze reichten noch nicht bis hierher, und der Schall des Schießens klang nur von fern herüber. Hier waren sich alle bereits darüber klar und sprachen es auch aus, daß die Schlacht verloren war. Aber Rostow mochte sich wenden, an wen er wollte, niemand konnte ihm sagen, wo der Kaiser oder wo Kutusow wäre. Die einen behaupteten, das Gerücht von einer Verwundung des Kaisers sei zutreffend; andere dagegen bestritten es und suchten die Entstehung des unwahren Gerüchtes, das sich verbreitet habe, so zu erklären: der Oberhofmarschall Graf Tolstoi, der mit den anderen Herren der kaiserlichen Suite auf das Schlachtfeld hinausgeritten sei, sei tatsächlich in dem Wagen des Kaisers mit blassem, verstörtem Gesicht von dort in größter Eile wieder zurückgefahren. Von einem Offizier hörte Rostow, er habe hinter dem Dorf links einen der höheren Kommandeure gesehen, und Rostow ritt dorthin, nicht weil er noch gehofft hätte, jemand zu finden, sondern nur zur Beruhigung seines eigenen Gewissens. Nachdem er drei Werst geritten war und die letzten russischen Truppen hinter sich gelassen hatte, erblickte er in der Nähe eines Obstgartens, der mit einem Graben umgeben war, zwei Reiter, die nicht weit von dem Graben, diesem zugewendet, hielten. Der eine, mit einem weißen Federbusch auf dem Hut, kam Rostow bekannt vor, ohne daß er eigentlich wußte warum; der andere ihm unbekannte Reiter, der auf einem schönen Fuchs saß (hier glaubte Rostow nun wieder das Pferd zu kennen), ritt an den Graben heran, gab dem Pferd die Sporen, ließ ihm die Zügel und setzte leicht und behend über den Graben. Nur etwas Erde stießen die Hinterhufe des Pferdes von der Böschung hinunter. Dann warf er sein Pferd kurz herum, sprang wieder über den Graben zurück und wandte sich respektvoll an den Reiter mit dem weißen Federbusch; offenbar forderte er ihn auf, dasselbe zu tun. Der erste Reiter, dessen Gestalt Rostow bekannt vorgekommen war und unwillkürlich seine Aufmerksamkeit fesselte, machte mit dem Kopf und der Hand eine verneinende Gebärde, und an dieser Gebärde erkannte Rostow augenblicklich seinen beweinten, angebeteten Kaiser.

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