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Die Dämonen
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Andrei Antonowitsch blickte den eintretenden Blümer mit einem leidvollen Ausdruck an.

»Ich bitte dich, Blümer, mich in Ruhe zu lassen,« begann er hastig und in Erregung, mit dem offensichtlichen Wunsche, eine Erneuerung des Gespräches von vorhin, das durch Peter Stepanowitschs Ankunft unterbrochen war, zu vermeiden.

»Aber das läßt sich doch auf die taktvollste Weise, ganz im stillen machen; Sie besitzen ja alle erforderlichen Vollmachten,« sagte Blümer, der respektvoll, aber hartnäckig auf etwas bestand und den Rücken krümmend mit kleinen Schritten immer näher an Andrei Antonowitsch herankam.

»Blümer, du bist mir dermaßen ergeben und gehorsam, daß ich es jedesmal mit der Angst bekomme, sowie ich dich nur ansehe.«

»Sie machen immer witzige Bemerkungen und schlafen dann in der Freude über das, was Sie gesagt haben, ruhig ein; aber eben dadurch schaden Sie sich.«

»Blümer, ich bin soeben zu der Überzeugung gelangt, daß sich diese Sache ganz anders verhält, ganz anders.«

»Doch nicht etwa auf Grund der Reden dieses verlogenen, lasterhaften jungen Menschen, gegen den Sie selbst Verdacht hegen? Er hat Sie durch schmeichlerisches Lob Ihres schriftstellerischen Talentes eingewickelt.«

»Blümer, du verstehst nichts davon; dein Projekt ist eine Torheit, sage ich dir. Wir werden nichts finden; es wird sich ein gewaltiges Geschrei erheben, und dann ein Gelächter, und dann wird Julija Michailowna ...«

»Wir werden zweifellos alles finden, was wir suchen,« unterbrach ihn Blümer und trat, die rechte Hand auf das Herz legend, mit festem Schritte an ihn heran. »Wir werden plötzlich eine Haussuchung veranstalten, früh morgens, mit aller Rücksichtnahme auf die Person und unter genauer Beobachtung aller gesetzlich vorgeschriebenen Formen. Die jungen Leute, Ljamschin und Teljatnikow, versichern auf das bestimmteste, daß wir alles Gewünschte finden werden. Sie sind dort oft zu Besuch gewesen. Herrn Werchowenski ist hier niemand sonderlich zugetan. Die Generalin Stawrogina hat ihm ihre Wohltaten offenkundig entzogen, und jeder ehrenhafte Mensch, wenn es einen solchen in dieser argen Stadt gibt, ist überzeugt, daß sich dort von jeher die Quelle des Unglaubens und der sozialistischen Lehre versteckt hat. In seiner Wohnung sind alle möglichen verbotenen Bücher vorhanden, Rylejews1 ›Träumereien‹, alle Schriften von Herzen ... Ich habe für alle Fälle ein leidlich vollständiges Verzeichnis.«

»Ach Gott, diese Bücher besitzt jeder; wie einfältig du bist, mein armer Blümer!«

»Auch viele Proklamationen hat er,« fuhr Blümer fort, ohne auf die Zwischenbemerkung zu hören. »Es wird uns dabei sicher gelingen, auf die Spur der Proklamationen zu kommen, die hier jetzt verbreitet werden. Dieser junge Werchowenski ist mir im höchsten Grade verdächtig.«

»Aber du verwechselst den Vater mit dem Sohne. Sie leben nicht in Eintracht; der Sohn macht sich über den Vater unverhohlen lustig.«

»Das ist nur eine Maske.«

»Blümer, du hast dir vorgenommen, mich zu Tode zu quälen! Bedenke nur, er ist doch eine hier am Orte angesehene Persönlichkeit. Er ist Professor gewesen; er ist ein bekannter Mann; er wird ein großes Geschrei erheben, und es werden sogleich die Spottreden durch die Stadt schwirren; na, und wir haben uns dann gründlich blamiert ... und bedenke nur, in welche Stellung dann Julija Michailowna gerät ...«

Blümer drang weiter vor ohne zu hören.

»Er ist nur Privatdozent gewesen, nicht Professor, und dem Range nach war er bei seinem Ausscheiden nur Kollegienassessor,« sagte er, indem er sich mit der Hand gegen die Brust schlug. »Dekorationen besitzt er keine; entlassen wurde er aus der dienstlichen Tätigkeit wegen Verdachtes regierungsfeindlicher Gesinnung. Er hat unter geheimer Aufsicht gestanden und steht unzweifelhaft noch unter ihr. Und angesichts der jetzt hervortretenden Ordnungswidrigkeiten sind Sie ohne Zweifel zum Einschreiten verpflichtet. Sie aber lassen sich die Gelegenheit, sich auszuzeichnen, entgehen, wenn Sie gegen einen tatsächlich Schuldigen Nachsicht üben.«

»Julija Michailowna kommt! Mach, daß du hinauskommst, Blümer!« rief v. Lembke auf einmal, da er die Stimme seiner Gemahlin im anstoßenden Zimmer hörte.

Blümer fuhr zusammen, wollte sich aber noch nicht ergeben.

»Gestatten Sie, gestatten Sie,« sagte er, indem er noch näher herantrat und noch fester beide Hände gegen die Brust drückte.

»Mach, daß du hinauskommst!« rief Andrei Antonowitsch zähneknirschend. »Tu, was du willst ... ein andermal ... O mein Gott!«

Die Portiere wurde aufgehoben, und Julija Michailowna erschien. Bei Blümers Anblick blieb sie majestätisch stehen, musterte ihn mit einem hochmütigen, kränkenden Blicke, wie wenn schon allein die Anwesenheit dieses Menschen an diesem Orte für sie eine Beleidigung wäre. Blümer machte ihr schweigend und achtungsvoll eine tiefe Verbeugung und ging, sich vor Respekt zusammenkrümmend und die Arme ein wenig auseinanderbreitend, auf den Zehen zur Tür.

Ob er wirklich Andrei Antonowitschs letzten ungeduldigen Ausruf als eine direkte Erlaubnis auffaßte, so zu verfahren, wie er es vorgeschlagen hatte, oder ob er in diesem Falle, um seinem Wohltäter zu nützen, gegen sein Gewissen handelte, weil er gar zu fest davon überzeugt war, daß das Ende das Werk krönen werde, das muß dahingestellt bleiben; aber, wie wir weiter unten sehen werden, aus diesem Gespräche des Vorgesetzten mit seinem Untergebenen ging ein höchst unerwartetes Begebnis hervor, das eine große Publizität erlangte, viele Leute zum Lachen brachte, Julija Michailownas heftigen Zorn erregte und durch all dies Andrei Antonowitsch vollständig in Verwirrung setzte und ihn gerade zur kritischsten Zeit in bedauerlichster Weise ratlos machte.

Fußnoten

1 Dichter; im Jahre 1826 als Verschwörer hingerichtet.

Anmerkung des Übersetzers.

V.

Peter Stepanowitsch war an diesem Tage von Geschäften sehr stark in Anspruch genommen. Von Herrn v. Lembke wollte er so schnell wie möglich nach der Bogojawlenskaja-Straße eilen; aber als er die Bykowa-Straße passierte und an dem Hause vorbeikam, in welchem Karmasinow Wohnung genommen hatte, blieb er plötzlich stehen, lächelte und trat in das Haus hinein. Auf seine Frage nach Karmasinow wurde ihm geantwortet: »Sie werden erwartet,« was ihm sehr interessant war, da er sein Kommen in keiner Weise vorher angekündigt hatte.

Aber der große Schriftsteller erwartete ihn tatsächlich und sogar schon seit einem oder zwei Tagen. Vor drei Tagen hatte er ihm das Manuskript seines Schriftchens ... »Merci« eingehändigt, das er auf der literarischen Matinee bei dem von Julija Michailowna veranstalteten Feste vorlesen wollte, und zwar hatte er das aus Liebenswürdigkeit getan, weil er der festen Überzeugung war, er schmeichle in angenehmer Weise dem Selbstgefühl jemandes, wenn er ihm das großartige Werk vorher zum Lesen gebe. Peter Stepanowitsch hatte schon längst bemerkt, daß dieser eitle, verwöhnte, für Nichtauserwählte in beleidigender Weise unzugängliche Herr, dieser »überragende Verstand« ganz einfach um seine Gunst buhle, und noch dazu mit großer Beflissenheit. Ich glaube, der junge Mensch hatte es schließlich erraten, daß jener ihn wenn nicht für den Leiter der gesamten geheimen revolutionären Bewegung in ganz Rußland, so doch wenigstens für jemand halte, der in die Geheimnisse der russischen Revolution besonders tief eingeweiht sei und einen unbestreitbaren Einfluß auf die junge Generation ausübe. Die Anschauungen des »klügsten Mannes in Rußland« interessierten Peter Stepanowitsch; aber einer Aussprache war er bisher aus gewissen Gründen aus dem Wege gegangen.

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