Die Dämonen
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Die Dämonen». Краткое содержание книги:
Er stand vom Sofa auf und begann im Zimmer von einer Ecke nach der andern auf und ab zu gehen, um sich Bewegung zu machen, was er jeden Tag nach dem Frühstück tat.
»Werden Sie die Stadt bald wieder verlassen?« fragte Peter Stepanowitsch von seinem Lehnsessel aus, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte.
»Ich bin eigentlich hergekommen, um ein Gut zu verkaufen, und hänge jetzt von meinem Verwalter ab.«
»Sie sind ja doch, wie es scheint, hergekommen, weil man dort im Auslande nach dem Kriege eine Epidemie befürchtete?«
»N-nein, doch nicht ganz deswegen,« fuhr Herr Karmasinow fort, indem er in vornehmer Weise die Silben voneinander trennte und bei jeder Umdrehung von einer Ecke nach der andern forsch mit dem rechten Beine schlenkerte, übrigens nur ein ganz klein wenig. »Ich beabsichtige tatsächlich,« sagte er mit einem Lächeln, das nicht frei von Bosheit war, »möglichst lange zu leben. Die russischen Adligen nutzen sich außerordentlich schnell ab, in jeder Beziehung. Aber ich möchte mich möglichst spät abnutzen und werde daher jetzt ganz und gar ins Ausland übersiedeln; dort ist das Klima besser, und die Häuser und Staaten sind aus Stein gebaut und fester als bei uns. Solange ich lebe, wird Westeuropa wohl vorhalten, meine ich. Wie denken Sie darüber?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Hm ... Wenn es da wirklich dazu kommt, daß Babel zusammenbricht und sein Fall ein großer wird (worin ich mit Ihnen vollständig einer Meinung bin, wiewohl ich glaube, daß es noch so lange, wie ich lebe, vorhalten wird), so ist bei uns in Rußland überhaupt nichts vorhanden, was zusammenstürzen könnte, relativ gesprochen. Bei uns werden nicht Steine zusammenstürzen, sondern alles wird in Schmutz zerfließen. Weniger als irgendein anderes Land auf der Welt ist das heilige Rußland in der Lage, einem Stoße Widerstand zu leisten. Das einfache Volk hält sich noch so zur Not durch den russischen Gott aufrecht; aber der russische Gott ist nach den letzten Erfahrungen sehr unzuverlässig und hat sogar der bäuerlichen Reform gegenüber kaum standgehalten; wenigstens hat er stark gewackelt. Und dazu kommen noch die Eisenbahnen und Ihre Tätigkeit ... an den russischen Gott glaube ich überhaupt nicht mehr.«
»Aber an den westeuropäischen?«
»Ich glaube an keinen. Man hat mich bei der russischen Jugend verleumdet. Ich habe immer mit allen Bestrebungen derselben sympathisiert. Man hat mir die hiesigen Proklamationen gezeigt. Man sieht sie mit verständnislosem Staunen an, weil alle Leute ihre Form erschreckt; aber doch sind alle Leute von der Macht derselben überzeugt, wenn sie es auch nicht eingestehen. Alle Leute sind hier schon längst dem Fallen nahe, und alle wissen längst, daß sie sich an nichts halten können. Ich bin schon deswegen von dem Erfolge dieser geheimen Propaganda überzeugt, weil gerade Rußland jetzt auf der ganzen Welt dasjenige Land ist, wo man alles Beliebige tun kann, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Ich verstehe sehr wohl, warum die vermögenden Russen alle nach dem Auslande geströmt sind und dies von Jahr zu Jahr in größerem Umfange tun. Das ist ganz einfach Instinkt. Wenn ein Schiff untergeht, so sind die Ratten die ersten, die aus ihm auswandern. Das heilige Rußland ist sozusagen ein hölzernes Land, ein armes Land und ... ein gefährliches Land, ein Land eitler Bettler in seinen höchsten Schichten; aber die überwältigende Mehrzahl hockt abwartend in elenden Hütten. Das russische Volk freut sich über jede Möglichkeit, aus dieser Lage herauszukommen; man braucht sie ihm nur klarzumachen. Nur die Regierung will noch Widerstand leisten; aber sie schlägt im Dunkeln mit dem Knittel um sich und trifft ihre eigenen Leute. Hier ist alles verurteilt und dem Tode geweiht. Rußland, wie es ist, hat keine Zukunft. Ich bin ein Deutscher geworden und rechne mir dies zur Ehre an.«
»Sie fingen da vorhin von den Proklamationen an zu reden; sprechen Sie sich doch ganz aus: wie denken Sie darüber?«
»Diese Proklamationen werden allgemein gefürchtet; folglich sind sie mächtig. Sie decken den Betrug offen auf und zeigen, daß man sich bei uns an nichts halten und auf nichts stützen kann. Sie reden laut da, wo alle andern schweigen. Was ihnen (trotz ihrer Form) am meisten zum Siege verhilft, das ist die bisher unerhörte Kühnheit, mit der sie der Wahrheit gerade ins Gesicht sehen. Diese Fähigkeit, der Wahrheit gerade ins Gesicht zu sehen, ist der russischen Rasse ausschließlich eigen. Nein, in Westeuropa ist man noch nicht so kühn; dort ist das Königtum von Stein; dort ist noch etwas, worauf man sich stützen kann. Soweit ich sehe, und soweit ich es beurteilen kann, besteht der eigentliche Kern des russischen revolutionären Gedankens in der Verneinung der Ehre. Es gefällt mir, daß dies so kühn und furchtlos ausgesprochen wird. Nein, in Westeuropa hat man dafür noch kein Verständnis; aber bei uns legt man gerade darauf den Nachdruck. Dem Russen erscheint die Ehre nur als eine überflüssige Last. Und sie ist ihm auch immer eine Last gewesen, in seiner ganzen Geschichte. Mit dem offen verkündeten ›Recht auf Ehrlosigkeit‹ kann man ihn am leichtesten anlocken und mit sich ziehen. Ich gehöre zur alten Generation und bin noch, wie ich gestehe, ein Verteidiger der Ehre, aber nur aus Gewohnheit, nur weil mir die alten Formen gefallen, allerdings infolge einer Schwäche; man muß doch seinem Leben irgendwie einen Abschluß geben.«
Er blieb auf einmal stehen.
»Aber«, dachte er, »ich rede und rede, und er schweigt immer dabei und sieht mich an. Er ist hergekommen, damit ich ihm eine offene Frage vorlege. Nun, das werde ich tun.«
»Julija Michailowna hat mich gebeten,« sagte plötzlich Peter Stepanowitsch, »irgendwie durch List von Ihnen herauszubekommen, was das für eine Überraschung ist, die Sie für den übermorgen stattfindenden Ball vorbereiten.«
»Ja, es wird wirklich eine Überraschung sein, und ich werde wirklich die Gesellschaft in Erstaunen versetzen,« erwiderte Karmasinow wichtig und würdevoll; »aber ich werde Ihnen nicht verraten, worin sie besteht.«
Peter Stepanowitsch drang nicht weiter in ihn.
»Hier lebt ein gewisser Schatow,« erkundigte sich der große Schriftsteller; »und denken Sie sich: ich habe ihn noch nicht zu sehen bekommen.«
»Ein Mensch von sehr gutem Charakter. Wieso?«
»Ich frage nur so; er sucht hier gewisse Ideen zu verbreiten. Er ist es doch gewesen, der Stawrogin auf die Backe geschlagen hat?«
»Ja.«
»Und wie denken Sie über Stawrogin?«
»Ich weiß nicht; er ist ein Weiberfreund.«
Karmasinow hatte einen Haß auf Stawrogin, weil dieser die Gewohnheit hatte, ihn gar nicht zu bemerken.
»Wenn bei Ihnen«, sagte er kichernd, »einmal das, was die Proklamationen predigen, verwirklicht wird, dann wird dieser Weiberfreund wahrscheinlich der erste sein, den man an einem Aste aufhängt.«
»Vielleicht auch schon früher,« erwiderte Peter Stepanowitsch.
»Und das wäre nur in der Ordnung,« stimmte ihm Karmasinow, nicht mehr lachend, sondern sehr ernst, bei.
»Sie haben das schon früher einmal ausgesprochen, und wissen Sie, ich habe es ihm wiedergesagt.«
»Wie? Haben Sie es ihm wirklich wiedergesagt?« fragte Karmasinow, jetzt wieder lachend.
»Er erwiderte, wenn er an einem Ast aufgehängt würde, dann würde es für Sie genügen, wenn man Sie durchpeitschte, aber nicht, um Ihnen eine Unehre anzutun, sondern schmerzhaft, wie man einen Bauer durchpeitscht.«
Peter Stepanowitsch nahm seinen Hut und stand auf. Karmasinow streckte ihm zum Abschied beide Hände hin.