Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Wie bei Cadoudal wurden zuerst die Belastungszeugen vernommen. Unter diesen erkannte jedoch kein einziger Moreau wieder. Und mit einem verächtlichen Lächeln sagte dieser: »Meine Herren, mich hat nicht nur keiner der Belastungszeugen erkannt, es hat mich auch keiner der anderen Angeklagten gesehen, bevor ich im Temple-Gefängnis eingekerkert wurde.«
Man verlas die Aussage eines gewissen Roland, eines Dieners Pichegrus, der in seinem Verhör ausgesagt hatte, es habe ihn geschmerzt, von Pichegru mit dem Auftrag zu Moreau geschickt zu werden, den er erfüllt habe, und noch mehr geschmerzt, als er ihn erfüllt hatte.
Moreau erhob sich und wandte sich an den Vorsitzenden. »Entweder«, sagte er, »gehört dieser Roland zur Polizei, oder er hat seine Aussage gemacht, weil er Angst hatte. Ich werde Ihnen sagen, wie die Dinge zwischen dem Untersuchungsrichter und diesem Mann vor sich gegangen sind.
Man hat ihn nicht verhört. O nein, denn das hätte nichts erbracht. Als er verhört wurde, hat man zu ihm gesagt: ›Sie befinden sich in einer aussichtslosen Lage, Sie werden als Mittäter oder Mitwisser einer Verschwörung angeklagt werden; wenn Sie keine Aussage machen, wird man Sie als Verschwörer behandeln, wenn Sie gestehen, retten Sie Ihren Hals.‹ Und um seinen Hals zu retten, hat dieser Mann das Lügenmärchen zusammengestrickt, das er Ihnen erzählt hat. Ich frage jeden Mann von ehrlicher Gesinnung und zuverlässigem Verstand: Zu welchem Zweck hätte ich konspirieren sollen?«
»Nun«, sagte Hémard, »weil Sie Diktator werden wollten.«
»Diktator, ich?«, rief Moreau. »Dann möchte ich meine Parteigänger sehen! Meine Parteigänger sind alle französischen Soldaten, da ich neun Zehntel von ihnen befehligt und mehr als fünfzigtausend von ihnen gerettet habe. Das sind meine Parteigänger. Alle meine Adjutanten, alle Offiziere, mit denen ich zu tun hatte, wurden verhaftet, und dennoch ließ sich gegen keinen von ihnen der Schatten eines Verdachts erhärten. Es war die Rede von meinem Vermögen: Ich habe zu Anfang nichts besessen und besitze heute nur ein Haus in Paris und meine Ländereien von Grosbois; meine Bezüge als kommandierender General betragen vierzigtausend Francs, aber ich hoffe, dass man diesen Betrag nicht mit meinen Verdiensten gleichsetzen wird.«
In diesem Augenblick ereignete sich ein seltsamer Zwischenfall, fast wie von dem General und seinem Adjutanten Lecourbe ausgeheckt, um die Macht des Siegers von Hohenlinden besonders eindrucksvoll in Szene zu setzen: Lecourbe betrat den Gerichtssaal mit einem Kind in den Armen. Es war Moreaus Sohn, den er ihm brachte, damit der Vater ihn in die Arme schließen konnte, doch die Soldaten, die den Gerichtssaal bewachten und nicht wussten, wessen Kind da gebracht wurde, verweigerten Lecourbe den Zutritt. Da hob dieser das Kind hoch und rief: »Soldaten, lasst den Sohn eures Generals passieren!«
Kaum waren diese Worte erklungen, präsentierten alle Militärs im Saal ihre Waffen und alle Zuschauer applaudierten. Hochrufe ertönten: »Es lebe Moreau!«
Die allgemeine Begeisterung war so groß, dass Moreau nur ein Wort hätte sagen müssen, und das Gericht wäre gestürzt und die Angeklagten wären im Triumph entführt worden.
Moreau aber schwieg und rührte sich nicht.
Cadoudal beugte sich zu ihm und flüsterte ihm ins Ohr: »General, noch so eine Gerichtsverhandlung, und es liegt nur an Ihnen, ob Sie noch am selben Abend im Tuilerienpalast schlafen werden.«
46
Das Urteil
Bei der Verhandlung am 2. Juni erregte ein unerwarteter Zeuge besonders lebhaftes Interesse: Kapitän Wright, der Kommandant der kleinen Brigg, der die Angeklagten am Fuß der Klippe von Biville abgesetzt hatte.
Vor Saint-Malo hatte er sich, von einer Windstille überrascht, dem Angriff durch fünf oder sechs französische Schaluppen ausgesetzt gefunden, und nach einem Gefecht, in dessen Verlauf eine Kugel seinen Arm verletzt hatte, war er gefangen genommen worden. Als er erschien, ging ein Raunen durch den Saal.
Die Zuschauer standen auf, stellten sich auf die Zehenspitzen und erblickten einen kleinen, schmächtigen Mann von schwächlichem Körperbau in der Uniform der englischen Königlichen Marine, den Arm in einer Schlinge. Er gab an, Korvettenkapitän zu sein, fünfunddreißig Jahre alt, und in London bei seinem Freund Kommodore Sidney Smith zu logieren. Da der Zeuge sich nur mit Mühe auf den Beinen hielt, ließ man ihm einen Stuhl bringen. Der Kapitän dankte und setzte sich; er war so bleich, als wäre er einer Ohnmacht nahe.
Coster Saint-Victor reichte ihm ein Riechfläschchen mit Eau de Cologne. Der Kapitän erhob sich, salutierte beherrscht und mit vollendeter Höflichkeit und wendete sich wieder den Richtern zu. Der Vorsitzende wollte mit dem Verhör fortfahren.
Der Kapitän aber schüttelte den Kopf. »Ich wurde im Verlauf eines Gefechts gefangen genommen«, sagte er, »und bin Kriegsgefangener; ich bestehe auf den Rechten, die mir daraus erwachsen.«
Daraufhin verlas man ihm das Protokoll seines Verhörs vom 21. Mai.
Der Zeuge hörte aufmerksam zu und sagte: »Verzeihen Sie, Herr Vorsitzender, aber ich kann darin nichts von der Drohung finden, die mir gemacht wurde, dass ich vor ein Militärtribunal gestellt und füsiliert werden würde, wenn ich keine Geheimnisse meines Landes verriete.«
»Georges, kennen Sie den Zeugen?«, fragte der Vorsitzende.
Georges sah ihn an, zuckte die Schultern und sagte: »Ich habe ihn nie zuvor gesehen.«
»Und Sie, Wright, wollen Sie endlich auf meine Fragen antworten?«
»Nein«, erwiderte der Kapitän, »ich bin Kriegsgefangener, und ich verlange, dass ich den Regeln und Usancen entsprechend behandelt werde.«
»Verlangen Sie, was Sie wollen«, erwiderte der Vorsitzende. »Die Verhandlung wird morgen fortgesetzt.«
Es war kaum Mittag. Alle verließen den Saal und schimpften auf die Unbeherrschtheit des Vorsitzenden Hémard.
Am nächsten Tag drängten sich die Massen schon um sieben Uhr morgens um das Gerichtsgebäude, denn es ging das Gerücht, Moreau wolle zu Beginn der Verhandlung sprechen.
Diese Erwartung wurde enttäuscht, doch stattdessen bot sich dem Publikum ein überaus rührendes Schauspiel.
Die Brüder Armand und Jules de Polignac saßen nebeneinander, ohne Gendarmen, der sie trennte; sie drückten einander immer wieder die Hand, als wollten sie dem Gerichtshof trotzen und danach dem Tod und sich nicht trennen lassen.
An diesem Tag wurden Jules verschiedene Fragen gestellt, und da diese Fragen ihn in Verlegenheit zu setzen schienen, erhob sich Armand und sagte: »Meine Herren, ich bitte Sie, dieses Kind anzusehen: Es ist kaum neunzehn Jahre alt; retten Sie sein Leben. Als es mit mir nach Frankreich kam, folgte es mir, mehr tat es nicht. Ich allein bin schuldig, denn ich allein wusste, was ich tat. Ich weiß, dass Sie Köpfe fallen lassen müssen: Nehmen Sie meinen, ich biete ihn an; aber verschonen Sie diesen jungen Mann, geben Sie ihm die Zeit zu erfahren, was er verliert, bevor Sie ihn des Lebens berauben.«
Da sprang Jules auf und umschlang den Hals seines Bruders: »Oh, meine Herren!«, rief er. »Hören Sie nicht auf ihn! Eben weil ich erst neunzehn Jahre alt bin, weil ich allein auf der Welt bin, weil ich weder Frau noch Kinder habe, müssen Sie mich verurteilen. Armand hingegen ist Familienvater. In jungen Jahren und noch bevor ich mein Vaterland kannte, aß ich das Brot des Exils; mein Leben außerhalb Frankreichs ist für Frankreich unnütz und mir selbst eine Last. Nehmen Sie meinen Kopf, ich schenke ihn Ihnen, aber verschonen Sie meinen Bruder.«
Von diesem Augenblick an richtete sich das Interesse, das bis dahin nur Georges und Moreau gegolten hatte, auf all die schönen jungen Männer auf der Anklagebank, die letzten Vertreter der Treue, der Hingabe gegenüber einem gestürzten Thron.
In der Tat sammelte sich in ihnen alles, was nicht nur die royalistische Partei, sondern ganz Paris an Aristokratie, an Jugend, an Eleganz aufbieten konnte. Mit unmissverständlichem Beifall bedachte das Publikum alles, was sie sagten, und ein Zwischenfall rührte alle Anwesenden zu Tränen; der Vorsitzende Hémard zeigte Monsieur Rivière als Beweisstück ein Porträt des Grafen von Artois und fragte ihn: »Angeklagter Rivière, erkennen Sie diese Miniatur?«