Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
Nun, da der Herzog von Enghien füsiliert und Pichegru erdrosselt war, wünschte Bonaparte vor allem eines: dass Moreau schuldig erklärt und verurteilt wurde, damit er, Bonaparte, ihn begnadigen konnte; er nahm deshalb sogar Verbindung zu einzelnen Richtern auf, denen er mitteilen ließ, er wünsche Moreaus Aburteilung nur, um ihn begnadigen zu können, doch mit diesen Einflüsterungsversuchen hatte es ein Ende, als der Richter Clavier auf die Beteuerungen der Begnadigung Moreaus nach einer Verurteilung erwiderte: »Und wer wird uns begnadigen?«
Man kann sich keine Vorstellung von den Menschenmassen machen, die am ersten Verhandlungstag zum Justizpalast strömten; die vornehmste Gesellschaft von Paris wollte dem Gerichtsverfahren beiwohnen; der Verzicht auf Geschworene in diesem Verfahren bewies, welche Bedeutung das Regierungsoberhaupt dem Urteil beimaß. Um zehn Uhr vormittags machte die Menge Platz, damit die zwölf Richter des Tribunals in ihren roten Talaren das Gericht betreten konnten. Der große Saal war für das Verfahren vorgesehen, und die Richter nahmen schweigend Platz.
Diese Richter waren Hémard, der Vorsitzende Richter, Martineau, zweiter Vorsitzender, Thuriot, von den Royalisten »Tueroi« genannt, Lecourbe, Bruder des Generals gleichen Namens, Clavier, der Urheber der mutigen Antwort, die wir weiter oben berichteten, Bourguignon, Dameu, Laguillaumie, Rigault, Selves und Grangeret-Desmaisons.
Der Staatsanwalt hieß Gérard, der Gerichtsschreiber Frémyn.
Acht Gerichtsdiener zählten zum Gerichtshof, und der Arzt des Temple-Gefängnisses, Souppé, sowie der Arzt der Conciergerie durften den Verhandlungen nicht fernbleiben.
Der Vorsitzende ordnete an, die Gefangenen vorzuführen. Einer nach dem anderen traten sie zwischen zwei Gendarmen ein: Bouvet de Lozier kam gesenkten Hauptes herein, denn er wagte den Blick nicht zu jenen zu heben, die sein fehlgeschlagener Selbstmord verraten hatte. Alle anderen waren ernst und selbstbeherrscht.
Moreau, der neben den anderen auf der Anklagebank saß, wirkte ruhig oder eher geistesabwesend; er trug einen langen dunkelblauen Gehrock von militärischem Zuschnitt, doch kein Abzeichen seines Rangs. Neben ihm saßen, durch Gendarmen voneinander getrennt, Lajolais, sein früherer Adjutant, und der junge und schöne Charles d’Hozier, der so erlesen gewandet war, dass man hätte meinen können, er hätte sich für einen Hofball angekleidet. Georges wiederum, den die Zuschauer einander als die interessanteste Persönlichkeit unter den Angeklagten zeigten, war leicht erkennbar an seinem riesigen Kopf, seinen mächtigen Schultern, seinem starren und hochmütigen Blick, der von einem Richter zum anderen wanderte, als wolle er sie herausfordern; neben ihm saßen Burban, der sich auf seinen kriegerischen Unternehmungen abwechselnd Malabry und Barco nannte, und Pierre Cadoudal, der ein Rind mit einem Faustschlag niederstrecken konnte und im ganzen Morbihan nur unter dem Namen Bras-de-Fer bekannt war. Die Brüder Polignac und der Marquis de Rivière saßen in der zweiten Reihe und zogen durch ihre Jugend und Eleganz die Blicke des Publikums auf sich. Doch sie schwanden zur Bedeutungslosigkeit neben dem schönen Coster Saint-Victor, obwohl neben diesem Roger, genannt Loiseau, saß, der so wenig auf seinen Antinoos-Hals gab.
Über Coster Saint-Victor wurde etwas gemunkelt, was ihn in den Augen der weiblichen Zuschauer besonders interessant machte: Es hieß, Bonaparte verfolge ihn auch aus Eifersucht, nicht militärischer Art wie bei Moreau, sondern in Liebesdingen; es hieß, Bonaparte und er seien sich im Schlafzimmer einer der schönsten und berühmtesten Schauspielerinnen jener Zeit in die Quere gekommen und Coster Saint-Victor habe so getan, als erkenne er den Ersten Konsul nicht, und sei Sieger geblieben, nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Feld der Liebe.
Er hätte den Ersten Konsul damals ohne Weiteres töten können, doch er hatte Georges Cadoudal sein Wort gegeben, nur mit gleichen Waffen zu kämpfen, und hatte es gehalten.
In der dritten Reihe schließlich saßen die wackeren Chouans, die aus Hingabe mitgemacht hatten, die ihr Leben aufs Spiel setzten, wenn sie scheiterten, und die, wenn sie Erfolg hatten, nichts anderes blieben als einfache Bauern.
Unter den sechsundvierzig Angeklagten – so viele waren von den ursprünglich siebenundfünfzig übrig geblieben – befanden sich fünf Frauen: die Ehefrauen Denaud, Dubuisson, Gallois und Monier und das Freudenmädchen Izaï, dem Cadoudal die sechzigtausend Francs anvertraut hatte, die Fouché als Pension und Belohnung an die Witwe Buffet und die Ehefrau Caniolle verteilen wollte.
Das Verhör begann mit den Fragen des Gerichtsvorsitzenden an die fünf Zeugen, Polizisten und Privatpersonen, die geholfen hatten, Georges festzunehmen. Jeder von ihnen machte seine Aussage. Nach der Befragung wandte sich der Vorsitzende an Georges.
»Georges«, sagte er zu ihm, »haben Sie etwas zu sagen?«
»Nein«, erwiderte Georges, ohne den Blick von seiner Lektüre zu heben.
»Geben Sie zu, was Ihnen zur Last gelegt wird?«
»Ich gebe es zu«, erwiderte Georges so kaltblütig wie zuvor.
»Der Angeklagte Georges wird aufgefordert, nicht zu lesen, wenn das Wort an ihn gerichtet ist«, sagte Untersuchungsrichter Thuriot.
»Was ich lese, ist aber überaus interessant«, erwiderte Georges, »es ist der Bericht von der Sitzung am 17. Januar 1793, in der Sie über den Tod des Königs abgestimmt haben.«
Thuriot biss sich auf die Lippen. Gemurmel drang aus dem Publikum. Der Vorsitzende beeilte sich, das Raunen zu unterbinden, indem er mit dem Verhör fortfuhr.
»Sie geben zu«, sagte er zu Georges, »dass Sie sich an dem Ort befanden, den die Zeugen angegeben haben?«
»Ich weiß nicht, wie der Ort heißt.«
»Haben Sie zwei Pistolenschüsse abgegeben?«
»Das weiß ich nicht mehr.«
»Haben Sie einen Mann erschossen?«
»Ich muß sagen, dass ich es nicht weiß.«
»Sie hatten einen Dolch bei sich.«
»Das kann sein.«
»Und zwei Pistolen?«
»Das ist möglich.«
»Mit wem befanden Sie sich in dem Kabriolett?«
»Das habe ich vergessen.«
»Wo haben Sie in Paris gewohnt?«
»Bei niemandem.«
»Als Sie festgenommen wurden, wohnten Sie da nicht in der Rue de la Montagne Sainte-Geneviève bei einer Obsthändlerin?«
»Als ich festgenommen wurde, wohnte ich in meinem Kabriolett.«
»Wo haben Sie in der Nacht vor Ihrer Festnahme übernachtet?«
»In der Nacht vor meiner Festnahme war ich nicht zu Bett.«
»Was haben Sie in Paris getan?«
»Ich bin spazieren gegangen.«
»Wen haben Sie in Paris gesehen?«
»Eine Menge Spitzel, die mir folgten.«
»Sie sehen, dass der Angeklagte nicht antworten will«, sagte der Untersuchungsrichter, »befragen wir einen anderen.«
»Danke, Monsieur Thuriot... Gendarmen, geben Sie mir ein Glas Wasser; wenn ich diesen Namen in den Mund genommen habe, spüle ich ihn gerne aus.«
Man wird sich vorstellen können, welche gehässige Heiterkeit solche Wortwechsel im Publikum weckten; jeder der Anwesenden spürte, dass Georges sein Leben geopfert hatte, und man brachte ihm schon im Voraus die Hochachtung entgegen, die man den zum Tode Verurteilten zollt.
Voller Ungeduld wurde Moreaus Verhör erwartet; doch erst am vierten Tag, dem 31. Mai, einem Donnerstag, vernahm ihn Richter Thuriot.