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Shades of Grey - Geheimes Verlangen

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Shades of Grey - Geheimes Verlangen
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FÜNFUNDZWANZIG

Meine Mutter drückt mich fest an sich.

»Hör auf dein Herz, Schatz, und bitte, bitte versuch, nicht alles zu Tode zu analysieren. Sei locker und hab Spaß. Du bist noch so jung, meine Süße. Dein ganzes Leben liegt noch vor dir. Wehr dich nicht dagegen, sondern lebe einfach. Du verdienst nur das Beste«, flüstert sie mir ins Ohr. Ihre aufrichtig empfundenen Worte trösten mich ein wenig. Sie küsst mich.

»Oh, Mom.« Ich klammere mich an sie, und meine Augen füllen sich mit heißen Tränen.

»Du kennst doch das alte Sprichwort, Schatz. Man muss viele Frösche küssen, bevor man einen Prinzen findet.«

Ich verziehe das Gesicht zu einem bittersüßen Grinsen. »Ich glaube, einen Prinzen habe ich schon geküsst, Mom. Ich hoffe nur, er verwandelt sich nicht in einen Frosch.«

Sie schenkt mir ein wunderbares mütterliches Lächeln voll bedingungsloser Liebe, und wieder einmal kann ich nur über die Tiefe meiner Gefühle für sie staunen.

»Ana, dein Flug wird aufgerufen«, sagt Bob besorgt.

»Kommst du mich bald besuchen, Mom?«

»Aber natürlich, Schatz. Ganz bald. Ich hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Ungeweinte Tränen brennen in meinen Augen, als sie sich von mir löst. Ich hasse Abschiede. Ich umarme Bob, dann wende ich mich ab und gehe zum Gate – heute bleibt mir keine Zeit für die Firstclass-Lounge. Ich zwinge mich, einfach weiterzugehen und mich nicht umzudrehen, aber dann tue ich es doch. Bob hat den Arm um meine Mutter gelegt, die bitterlich weint. Jetzt kann auch ich meine Tränen nicht länger zurückhalten. Mit gesenktem Kopf gehe ich zum Gate, den Blick eisern auf den glänzenden, weiß gefliesten Boden geheftet, der vor meinen tränenblinden Augen verschwimmt.

An Bord gehe ich zu meinem Platz in der ersten Klasse, rolle mich auf dem weichen Sitz zusammen und versuche, mich ein wenig zu beruhigen. Die Abschiede von meiner Mutter sind jedes Mal fürchterlich schmerzhaft. Mom mag zerstreut und chaotisch sein, aber diesmal habe ich sie einfühlsamer erlebt als je zuvor. Und ihre Liebe für mich ist bedingungslos – genau das, was jedes Kind von seinen Eltern verdient. Entschlossen verdränge ich meine tiefsinnigen Gedanken, ziehe meinen BlackBerry heraus und blicke bedrückt auf das Display.

Was versteht Christian von der Liebe? Nach allem, was ich weiß, hat er in den frühen Jahren seiner Kindheit keineswegs die bedingungslose Liebe bekommen, die er verdient hat. Mir blutet das Herz, als ich daran denke, und die Worte meiner Mutter kommen mir wieder in den Sinn: Lieber Himmel, Ana, was brauchst du denn noch? Ein Leuchtschild auf seiner Stirn? Sie ist fest davon überzeugt, dass Christian mich liebt. Andererseits muss sie das auch. Schließlich ist sie meine Mutter. Sie findet, ich verdiene nur das Beste. Ich runzle die Stirn. Sie hat Recht. In einem kurzen Moment absoluter Klarheit wird mir klar, was hier passiert. Im Grunde ist es ganz einfach: Ich will seine Liebe. Ich brauche sie. Christian Grey muss mich lieben. Das ist der Grund, weshalb ich im Hinblick auf unsere Beziehung so zurückhaltend bin – weil mir bewusst ist, dass tief in mir das unbezwingbare Bedürfnis schlummert, geliebt und gemocht zu werden.

Und da ich weiß, dass ich es mit einem Menschen mit mindestens fünfzig unterschiedlichen Facetten zu tun habe, bin ich nicht bereit, mich ihm mit ganzem Herzen und in allerletzter Konsequenz hinzugeben. Diese BDSM-Sache ist nur eine Ablenkung vom eigentlichen Problem. Der Sex mit Christian ist Wahnsinn, er ist steinreich und sieht gut aus, aber all das ist völlig wertlos ohne seine Liebe, und das Schmerzhafte daran ist, dass ich nicht sicher bin, ob er wirklich zu wahrer Liebe fähig ist. Er schafft es ja noch nicht einmal, sich selbst zu lieben. Ich muss wieder daran denken, mit welchem Selbsthass er über sich gesprochen hat; darüber, dass Mrs. Robinsons Liebe die einzig annehmbare Form für ihn gewesen sei. Eine Liebe, die daraus bestand, bestraft, ausgepeitscht, geschlagen und Gott weiß was noch alles zu werden. Er scheint zu glauben, er verdiene es nicht, geliebt zu werden. Aber warum? Wie kommt er nur darauf? Seine Worte kommen mir wieder in den Sinn. Es ist sehr schwer, in einer perfekten Familie aufzuwachsen, wenn man selbst nicht perfekt ist.

Ich schließe die Augen und versuche mir vorzustellen, wie schmerzhaft all das für ihn sein muss, doch es gelingt mir nicht einmal annähernd. Erschaudernd denke ich daran, was ich im Schlaf preisgegeben haben könnte. Was habe ich gesagt? Welche Geheimnisse habe ich enthüllt?

Ich halte den BlackBerry in der Hand und starre auf das Display, in der vagen Hoffnung, dass es mir vielleicht Antworten auf meine Fragen gibt. Aber wie nicht anders zu erwarten, entpuppt er sich als wenig hilfreich. Da wir noch am Boden sind, beschließe ich, Christian eine Mail zu schicken.

Von: Anastasia Steele

Betreff: Auf dem Heimweg

Datum: 3. Juni 2011, 12:53 Uhr EST

An: Christian Grey

Sehr geehrter Mr. Grey,

wieder einmal sitze ich in der ersten Klasse, wofür ich mich bei Ihnen bedanken muss. Ich zähle bereits die Minuten, bis ich Sie heute Abend wiedersehen und Ihnen möglicherweise unter

Gewaltanwendung die Wahrheit über meine nächtlichen Geständnisse entlocken kann.

Ana X

Von: Christian Grey

Betreff: Auf dem Heimweg

Datum: 3. Juni 2011, 09:58 Uhr

An: Anastasia Steele

Anastasia, ich freue mich schon, dich bald wiederzusehen.

CHRISTIAN GREY

CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.

Stirnrunzelnd lese ich seine Antwort – so knapp und förmlich; keine Spur von seinem gewohnt witzig-spritzigen Stil.

Von: Anastasia Steele

Betreff: Auf dem Heimweg

Datum: 3. Juni 2011, 13:01 Uhr EST

An: Christian Grey

Liebster Mr. Grey,

ich hoffe, mit der »Situation« ist alles in Ordnung. Der Tonfall Ihrer Mail macht mir etwas Sorgen.

Ana

Von: Christian Grey

Betreff: Auf dem Heimweg

Datum: 3. Juni 2011, 10:04 Uhr

An: Anastasia Steele

Anastasia,

es könnte besser laufen. Ist die Maschine schon abgeflogen? Wenn ja, solltest du keine Mails mehr schreiben. Du bringst dich selbst in Gefahr, was einen klaren Verstoß gegen die Regeln zu deiner persönlichen Sicherheit darstellt. Was ich über die Strafe gesagt habe, war ernst gemeint.

CHRISTIAN GREY

CEO, Grey Enterprises Holdings, Inc.

Mist. Okay. Was hat ihn jetzt schon wieder verärgert? Vielleicht ist ja »die Situation« schuld. Vielleicht hat Taylor ihn hängen lassen, oder aber er hat eine Million Dollar auf dem Aktienmarkt verloren, keine Ahnung.

Von: Anastasia Steele

Betreff: Überreagiert

Datum: 3. Juni 2011, 13:06 Uhr EST

An: Christian Grey

Sehr geehrter Mr. Miesepeter,

die Türen sind noch geöffnet. Wir haben Verspätung, aber nur zehn Minuten. Mein Wohlergehen – und das meiner Mitpassagiere  – ist also gewährleistet. Sie können Ihre juckende Hand also vorläufig noch in der Hosentasche lassen.

Miss Steele

Von: Christian Grey

Betreff: Entschuldigung – Juckende Hand verstaut

Datum: 3. Juni 2011, 10:08 Uhr

An: Anastasia Steele

Sie und Ihr vorlautes Mundwerk fehlen mir, Miss Steele. Kommen Sie sicher nach Hause zurück.

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