Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
«Wie wollen Sie das angehen?«, fragte Guy.
Frank antwortete nicht.
«Aber Sie müssen etwas tun«, sagte Guy.»Sie können es nicht unter den Tisch fallen lassen. Lieber Gott, Frank! Sie haben doch nicht vor, das einfach durchgehen zu lassen?«
Das war zum Leitmotiv ihrer Tage geworden. Haben Sie schon etwas unternommen, Frank? Haben Sie ihn darauf angesprochen?
Frank hatte geglaubt, jetzt würde er es nicht mehr tun müssen; jetzt, wo Guy tot und begraben war und er der Einzige, der es wusste. Er hatte geglaubt, er würde es nun niemals tun müssen. Aber der vergangene Tag hatte ihn eines Besseren belehrt.
Wer die Vergangenheit vergisst, wiederholt sie.
Er stand auf, schob die anderen Unterlagen wieder in den Umschlag und legte den Umschlag in den Hefter zurück. Er stieß die Schublade des Aktenschranks zu und machte das Licht aus. Dann schloss er die Haustür hinter sich ab.
Sein Vater saß in seinem Sessel und schlief, als er zurückkam. Im Fernsehen lief ein amerikanischer Krimi. Zwei Polizisten mit den Buchstaben NYPD auf den Rücken ihrer Windjacken lauerten mit gezückten Pistolen zum Angriff bereit vor einer geschlossenen Tür. Zu einer anderen Zeit hätte Frank seinen Vater geweckt und nach oben gebracht. Aber jetzt ging er an ihm vorüber und stieg die Treppe hinauf zu seinem Zimmer. Er wollte allein sein.
Auf seiner Kommode standen zwei gerahmte Fotografien. Die eine zeigte seine Eltern am Tag ihrer Hochzeit nach dem Krieg. Auf der anderen waren er und sein Vater zu sehen. Stolz standen sie am Fuß des deutschen Beobachtungsturms unweit dem Ende der Rue de la Prevote. Frank konnte sich nicht mehr erinnern, wer die Aufnahme gemacht hatte, aber den Tag selbst hatte er noch genau im Gedächtnis. Es hatte in Strömen geregnet, trotzdem waren sie den Klippenweg entlangmarschiert, und als sie ihr Ziel erreichten, war die Sonne hervorgebrochen. Gottes Wohlgefallen an ihrer kleinen Wallfahrt, hatte Graham gesagt.
Frank lehnte die Liste aus dem Aktenschrank an das zweite Foto. Er trat einige Schritte zurück wie ein Priester, der den Altar nicht aus den Augen lassen will, tastete hinter sich, und als er das Fußende seines Betts spürte, ließ er sich darauf nieder. Er hielt den Blick auf das nichts sagend aussehende, kleine Schriftstück gerichtet und versuchte, die fordernde Stimme zu ignorieren.
Sie können das nicht unter den Tisch fallen lassen.
Er wusste, dass er das nicht konnte. Denn: Das ist doch der Sinn der Sache.
Frank war zwar kein welterfahrener Mann, aber er war auch nicht dumm. Er wusste, dass der menschliche Geist ein seltsames Gespinst ist, das wie ein Zerrspiegel wirken kann, wenn ihm Dinge zugemutet werden, die zu erinnern zu schmerzlich sind. Der Geist kann verleugnen, umgestalten oder vergessen. Er kann, wenn nötig, eine Parallelwelt erschaffen. Er kann für jede Situation, die ihm unerträglich ist, eine gesonderte Wirklichkeit erdenken. Er log nicht, wenn er das tat, das wusste Frank. Er bediente sich nur einer Strategie, um mit der jeweiligen Situation umgehen zu können.
Schlimm wurde es, wenn die Strategie die Wahrheit auslöschte, anstatt nur vorübergehend vor ihr zu schützen. Wenn das geschah, entstand Ausweglosigkeit. Verwirrung fasste Fuß. Chaos folgte.
Frank wusste, dass sie am Rand des Chaos standen. Es war Zeit, zu handeln, aber er fühlte sich wie gelähmt. Er hatte sein Leben für den Dienst an einer Chimäre geopfert, und obwohl er das seit zwei Monaten wusste, taumelte er immer noch unter der Gewalt des Schlags.
Die Enthüllung der Wahrheit würde mehr als ein halbes Jahrhundert der Verehrung, der Bewunderung und des Glaubens sinnlos machen. Sie würde ein Menschenleben in öffentlicher Schande enden lassen.
Frank wusste, dass er es verhindern konnte. Es stand ja nur ein kleines Stück Papier zwischen der Einbildung eines alten Mannes und der Wahrheit.
In der Fort Road öffnete eine attraktive, unverkennbar hochschwangere Frau St. James die Tür zum Haus der Familie Debiere. Sie stellte sich als Caroline, Ehefrau des Architekten, vor. Ihr Mann Bertrand sei mit den Kindern hinten im Garten. Er habe sie ihr ein paar Stunden abgenommen, damit sie eine Weile ungestört schreiben könne. In dieser Hinsicht sei er wunderbar, überhaupt ein vorbildlicher Ehemann. Sie wisse gar nicht, womit sie das Glück verdient habe, ihn zum Mann zu bekommen.
Caroline Debieres Blick fiel auf die Rolle großformatiger Papiere, die St. James unter dem Arm trug. Ob es etwas Geschäftliches sei? erkundigte sie sich, und ihr Ton verriet recht deutlich, wie sehr sie hoffte, das möge der Fall sein. Ihr Mann sei ein hervorragender Architekt, erklärte sie St. James. Wer ein Haus bauen wolle, eine Renovierung oder Erweiterung eines bestehenden Gebäudes wünsche, sei gut beraten, Bertrand Debiere mit der Planung zu beauftragen.
St. James sagte, er wolle Mr. Debiere gern einige bereits existierende Pläne zur Begutachtung vorlegen. Er habe in seinem Büro vorgesprochen, aber eine Sekretärin dort habe ihm gesagt, dass Mr. Debiere bereits nach Hause gegangen sei. Daraufhin habe er sich erlaubt, im Telefonbuch nachzuschlagen, um die Privatadresse Mr. Debieres ausfindig zu machen. Er hoffe, er komme nicht ungelegen.
Gar nicht. Caroline würde ihren Mann sofort holen, wenn Mr. St. James nichts dagegen habe, sich einen Moment ins Wohnzimmer zu setzen.
Aus dem Garten hinter dem Haus erschallte fröhliches Geschrei. Das Geräusch eines Hammers folgte, das klang, als würde ein Nagel in Holz geschlagen. Darauf sagte St. James, er wolle Mr. Debiere nicht von seiner Tätigkeit wegholen, er würde, wenn Mrs. Debiere nichts dagegen habe, einfach zu ihm und den Kindern in den Garten hinausgehen.
Caroline Debiere wirkte erleichtert, und vermutlich froh darüber, noch eine Weile ungestört in ihrer Arbeit fortfahren zu können. Sie führte St. James zur Hintertür, die in den Garten hinausführte.
Bertrand Debiere war, wie St. James sofort sah, einer der beiden Männer, die sich am Vortag aus dem Zug zu Guy Brouards Grabstätte in Le Reposoir entfernt und abseits ein intensives Gespräch geführt hatten. Er war ein hoch aufgeschossener, tollpatschig wirkender Mann, der an gewisse Figuren in Dickens' Romanen erinnerte, und hockte im Moment in den untersten Ästen einer Platane, wo er gerade etwas zusammenzimmerte, was vermutlich der Boden eines Baumhauses für seine Söhne werden sollte. Die beiden Jungen bemühten sich nach Kinderart zu helfen: Der Ältere reichte seinem Vater aus einem Lederbeutel, den er um den Hals hängen hatte, Nägel hinauf, der Jüngere kauerte unter dem Baum und schlug mit einem Plastikhammer auf ein Stück Holz ein, wobei er unaufhörlich sang:»Sie hämmern, sie hämmern, sie hämmern den ganzen Tag.«
Debiere sah St. James über den Rasen kommen, aber er schlug noch den Nagel ein, den er gerade in der Hand hatte, ehe er ihn begrüßte. Der Blick des Mannes, der St. James' Hinken wahrgenommen hatte, suchte die Ursache dafür — die Beinschiene, deren Querstück sich unter den Schuhabsatz schob — , wanderte dann aber aufwärts und blieb, wie zuvor der seiner Frau, auf der Papierrolle unter St. James' Arm liegen.
Debiere sprang vom Baum herab und sagte zu dem älteren Jungen:»Bert, geh jetzt mit deinem Bruder rein. Mama hat die Plätzchen fertig. Aber jeder nur eines, verstanden? Sonst verderbt ihr euch den Appetit fürs Abendbrot.«
«Die Zitronenplätzchen?«, fragte der Junge.»Hat sie Zitronenplätzchen gebacken, Papa?«
«Ich nehme es an. Die wolltet ihr doch haben, nicht?«
«Die Zitronenplätzchen!«, flüsterte Bert seinem kleinen Bruder zu.
Diese Verheißung veranlasste beide Jungen, alles stehen und liegen zu lassen und mit lautem» Mami, Mami, wir wollen unsere Plätzchen haben «ins Haus zu laufen, wo die Ungestörtheit ihrer Mutter ein Ende hatte. Debiere sah ihnen mit liebevollem Blick nach, ehe er sich bückte, um den Lederbeutel aufzuheben, den Bert abgeworfen hatte, ohne sich darum zu kümmern, dass dabei die Hälfte des Inhalts im Gras gelandet war.