Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Zwei uniformierte Polizeibeamte standen vor ihm. Der eine schaute sich so nervös um, als prüfte er die Möglichkeiten eines Hinterhalts, der andere hielt einen Schlagstock, mit dem er leicht auf seine Hand schlug.
«Mr. Cherokee River?«, sagte der mit dem Schlagstock. Er schien genau zu wissen, wen er vor sich hatte, denn er wartete nicht auf eine Antwort.»Wir müssen Sie bitten, mitzukommen, Sir.«
«Was?«, fragte Cherokee.»Wohin denn?«
China sprang auf.»Cherokee? Was.?«Aber sie sprach die Frage nicht aus.
Deborah ging zu ihr und legte ihr den Arm um die Taille.
«Bitte«, sagte sie.»Was hat das zu bedeuten?«
Woraufhin Cherokee River von den Beamten der Polizei von Guernsey in aller Form auf seine Rechte hingewiesen wurde.
Sie hatten Handschellen mitgebracht, aber sie benutzten sie nicht. Einer von ihnen sagte:»Wenn Sie bitte mitkommen würden, Sir.«
Der andere nahm Cherokee beim Arm und führte ihn ab.
20
In den Lagerhäusern bei der Wassermühle hatte Frank auf gute Beleuchtung keinen Wert gelegt, weil er dort selten am Spätnachmittag oder abends arbeitete. Aber er brauchte nicht viel Licht, um zu finden, was er unter den Papieren im Aktenschrank suchte. Er wusste, wo das Schriftstück lag, und das Entsetzliche war, dass er auch wusste, was es bedeutete.
Er zog es heraus. Ein steifer brauner Hefter umschloss es wie eine glatte Haut. Der Umschlag darin jedoch war zerknittert, mit abgeknickten Ecken, und hatte längst seine kleine Metallklammer verloren.
In den letzten Kriegstagen hatten die Besatzer auf der Insel eine Überheblichkeit an den Tag gelegt, die angesichts der Niederlagen, die das deutsche Militär an allen Fronten hinnehmen musste, höchst erstaunlich war. Sie hatten anfangs sogar die Kapitulation abgelehnt, weil sie nicht glauben wollten, dass ihre Pläne zur Unterwerfung Europas gescheitert waren. Erst einen Tag nachdem im übrigen Europa der Sieg ausgerufen worden war, begab sich Generalmajor Heine endlich an Bord der HMS Bulldog, um die Bedingungen zur Übergabe der Insel auszuhandeln.
Die Deutschen, die zu erhalten versuchten, was sie noch hatten, und vielleicht, wie alle, die seit Urzeiten auf der Insel gelandet waren, eine Spur hinterlassen wollten, hatten nicht alles zerstört, was sie geschaffen hatten. Einiges aus ihrer Hinterlassenschaft — wie Geschützstellungen — widersetzte sich dem Abbruch, anderes — wie das Schriftstück, das Frank in den Händen hielt — diente als stumme Botschaft, dass es Inselbewohner gegeben hatte, deren Eigennützigkeit stärker gewesen war als ihr Gemeinschaftsgefühl und deren Verhalten infolgedessen suggerierte, sie hätten sich der Sache der Deutschen aus Überzeugung verschrieben. Dass das nicht zutraf, hatte die Besatzer vermutlich wenig gekümmert. Was zählte, war die Wirkung, ein solches eklatantes Zeugnis des Verrats vorweisen zu können: Schwarz auf Weiß in krakeliger Handschrift.
Franks Fluch war sein Respekt vor der Geschichte, der ihn dazu getrieben hatte, dieses Fach zu studieren, um sich danach beinahe dreißig Jahre lang als Lehrer zu bemühen, es vor allem uninteressierten Halbwüchsigen nahe zu bringen. Sein Vater hatte ihn diesen Respekt gelehrt. Und dieser Respekt hatte ihn bewogen, eine Sammlung anzuhäufen, von der er gehofft hatte, sie würde auch dann noch, wenn er längst nicht mehr da war, die Erinnerung wach halten.
Er hatte stets an die Wahrheit des Wortes geglaubt, dass man sich der Vergangenheit erinnern muss, wenn man nicht dazu verdammt werden will, sie zu wiederholen. In den bewaffneten Auseinandersetzungen überall auf der Welt sah er seit langem die Unfähigkeit des Menschen, die Sinnlosigkeit aggressiven Handelns anzuerkennen. Invasion und Unterwerfung zogen Unterdrückung und Hass nach sich. Und daraus wiederum entsprang Gewalt in allen ihren Ausformungen. Das Gute aber erwuchs nicht daraus. Frank wusste das und glaubte fest daran. Er war ein Missionar, der versuchte, seine kleine Welt zu dem Wissen zu bekehren, das hochzuhalten man ihn gelehrt hatte, und die Sammlung von Relikten aus der Besatzungszeit, die er im Lauf der Jahre zusammengetragen hatte, sollte dazu dienen, diese Erkenntnis zu verbreiten. Die Objekte sollten für sich selbst sprechen. Die Menschen sollten sie sehen. Und niemals vergessen.
Er hatte daher, wie vor ihm die Deutschen, nichts vernichtet und einen so riesigen Bestand an Objekten angesammelt, dass er schon lange den Überblick verloren hatte. Alles, was im Entferntesten mit dem Krieg oder der Besatzung zu tun hatte, hatte er haben müssen.
Er wusste nicht, was seine Sammlung im Einzelnen umfasste. Lange hatte er von den Dingen immer nur in allgemeinen Begriffen gedacht: Feuerwaffen, Uniformen, Dolche, Schriftstücke, Patronen, Werkzeuge. Kopfbedeckungen. Erst Guy Brouard hatte ihn veranlasst, anders zu denken.
Es könnte eine Art Denkmal werden, Frank. Eine Auszeichnung der Insel und der Menschen, die gelitten haben. Ganz zu schweigen von denen, die umgekommen sind.
Das war die Ironie. Das war der Sinn.
Frank trug den abgegriffenen alten Umschlag zu dem Stuhl mit dem geflochtenen Sitz, neben dem eine Stehlampe mit verfärbtem Schirm und abgerissenen Troddeln stand. Er knipste die Lampe an und setzte sich. Gelbes Licht fiel auf den Umschlag auf seinem Schoß, und er betrachtete ihn eine Minute lang, bevor er ihn öffnete und ihm ein dünnes Bündel entnahm, das aus vierzehn Blättern brüchigen Papiers bestand.
Er zog ein Blatt Papier aus der Mitte des Bündels heraus und glättete es auf seinem Schenkel. Die anderen Blätter legte er zu Boden. Er studierte das eine Blatt mit so viel intensiver Aufmerksamkeit, dass jeder uneingeweihte Beobachter hätte glauben müssen, er habe sich noch nie damit befasst. Und warum hätte er das auch tun sollen? Es war ja nur ein harmloses Stück Papier.
6 Würstchen, las er. 1 Dutzend Eier, 2 kg Mehl, 6 kg Kartoffeln, 1 kg Bohnen, 200 g Tabak.
Es war eine simple kleine Liste über Käufe von Waren, die vom Benzin bis zur Malerfarbe reichten. Es war insgesamt gesehen ein unwichtiges Schriftstück, ein nichts sagender kleiner Zettel, der leicht verloren gehen konnte, ohne dass es jemandem auffiel. Frank jedoch sagte er vieles, vor allem auch über die Arroganz der Besatzer, die alles, was sie taten, schriftlich festgehalten und diese Unterlagen aufbewahrt hatten, um am Tag ihres Sieges ihre Helfer identifizieren zu können.
Wäre Frank nicht von Kindesbeinen an beigebracht worden, dass jedes Stück, das irgendwie mit Guernseys schweren Zeiten der Prüfung zu tun hatte, unschätzbaren Wert besaß, so hätte er diesen Zettel vielleicht absichtlich verloren, und kein Mensch hätte etwas davon gewusst. Aber er hätte gewusst, dass er einmal existiert hatte, und nichts hätte dieses Wissen löschen können.
Hätten die Ouseleys sich nicht auf die Pläne zum Bau eines Museums eingelassen, so wäre dieses Schriftstück wahrscheinlich unent- deckt geblieben, auch von Frank. Aber nachdem er und sein Vater Guy Brouards Angebot angenommen hatten, das Graham-Ouseley- Kriegsmuseum zur Mahnung und Aufklärung der heutigen und zukünftigen Bürger von Guernsey zu errichten, hatte das für ein solches Unternehmen unerlässliche Sichten, Sortieren und Ordnen des Materials begonnen. Dabei war diese kleine Liste zum Vorschein gekommen. 6 Würstchen — im Jahr 1943 — , 1 Dutzend Eier, 2 kg Mehl, 6 kg Kartoffeln, 1 kg Bohnen, 200 g Tabak.
Guy hatte sie entdeckt und, da er kein Deutsch sprach, gefragt:»Frank, was ist das?«
Frank hatte die Übersetzung geliefert, automatisch und gedankenlos, ohne sich die Zeit zu nehmen, jede einzelne Zeile zu lesen oder über die Bedeutung der kleinen Liste nachzudenken. Die wurde ihm erst klar, als das letzte Wort — Tabak — über seine Lippen kam. Als ihm aufging, was das bedeutete, hatte er zum oberen Teil des Blatts hinaufgeschaut und es Guy hingehalten, der es schon gelesen hatte. Guy, der beide Eltern durch die Deutschen verloren hatte, seine ganze Familie und sein Erbe.