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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Ich kann mir nicht vorstellen, wer«, sagte sie, obwohl sie selbst hörte, wie falsch ihr Ton klang. Sie wusste — und fürchtete — , dass er ihr nicht einen Moment glaubte.»Wie Sie sagten, wer könnte was gegen Enten haben.«

«Jemand, der was gegen Paul hatte? Oder gegen die Beziehung, die den Jungen mit Ihrem Bruder verband?«

«Sie denken an Adrian.«

«Wäre Eifersucht von ihm zu erwarten gewesen?«

Von Adrian, dachte Ruth, war alles zu erwarten. Aber sie hatte nicht die Absicht, mit diesem Mann oder sonst jemandem über ihren Neffen zu sprechen. Darum sagte sie:»Es ist feucht hier. Ich werde Sie Ihren Betrachtungen überlassen, Mr. St. James. Ich gehe ins Haus.«

Er begleitete sie, obwohl sie ihn nicht dazu aufgefordert hatte. Hinkend ging er an ihrer Seite, ohne etwas zu sagen, und ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm zu gestatten, mit ihr zum Wintergarten zu gehen, dessen Tür — wie immer — unverschlossen war.

St. James fiel das auf. Ob die Tür immer offen sei, wollte er wissen.

Ja. Guernsey sei nicht London. Hier fühlten sich die Menschen sicher. Schlösser seien überflüssig.

Sie spürte den Blick der graublauen Augen auf sich, während sie sprach; spürte ihn durchbohrend auf ihrem Hinterkopf, als sie vor dem Mann in der schwülen Luft unter dem Glas den Terrakottaweg entlangging. Sie wusste, dass er über eine unverschlossene Tür nachdachte, eine Möglichkeit für jeden, der ihrem Bruder Böses wollte, zu kommen und zu gehen, wie es ihm beliebte.

Nun, besser er dachte darüber nach, als über den Tod der unschuldigen Enten. Sie glaubte nicht einen Augenblick, dass ein unbekannter Eindringling für den Tod ihres Bruders verantwortlich war, aber sollte der Mann sich ruhig seine Gedanken machen, wenn ihn das davon abhielt, sich mit Adrian zu beschäftigen.

Er sagte:»Ich habe vorhin mit Mrs. Duffy gesprochen. Sie waren in der Stadt?«

«Beim Anwalt meines Bruders«, antwortete Ruth.»Und bei seinem Anlageberater und seiner Bank.«

Sie führte ihn ins Damenzimmer. Valerie war, wie sie sah, schon hier gewesen. Die Vorhänge waren zurückgezogen, so dass das milchige Dezemberlicht ins Zimmer hereinfiel, und das Gasfeuer brannte, um die Kühle zu vertreiben. Auf dem Beistelltisch neben dem Sofa stand eine Karaffe mit Kaffee und eine Tasse mit Untertasse daneben. Ihr Stickkasten war offen, zur Weiterarbeit am neuen Bild bereit, und die Post lag in einem Stapel auf ihrem Sekretär.

Alles im Zimmer schien so, als wäre es ein ganz normaler Tag. Aber so war es nicht. Einen ganz normalen Tag würde es nie wieder geben.

Der Gedanke bewog Ruth zu sprechen. Sie berichtete St. James, was sie in St. Peter Port erfahren hatte. Sie ließ sich aufs Sofa sinken, während sie sprach, und wies ihn zu einem der Sessel. Er hörte ihr schweigend zu, und als sie fertig war, war er mit einem Arsenal von Erklärungen zur Hand. Die meisten hatte sie sich auf der Heimfahrt selbst schon überlegt. Wie auch nicht, da doch am Ende der Spur, die Guy mit seinem Verhalten gelegt zu haben schien, der Tod gewartet hatte?

«Das lässt natürlich an Erpressung denken«, sagte St. James.»Ein solcher Verlust von Geld bei einer stetigen Steigerung der Beträge.«

«Es gab in seinem Leben nichts, womit man ihn hätte erpressen können.«

«Das mag auf den ersten Blick so scheinen. Aber er hatte Geheimnisse, Miss Brouard. Das wissen wir durch die Reise nach Amerika, von der Sie keine Ahnung hatten, nicht wahr?«

«Aber er hatte kein Geheimnis, das diese Geldgeschichte notwendig gemacht hätte. Es gibt eine einfach Erklärung für das, was er mit dem Geld getan hat, eine, die völlig einwandfrei ist. Wir kennen sie nur noch nicht. «Sie glaubte sich selbst nicht, und an St. James' skeptischer Miene sah sie, dass auch er ihr nicht glaubte.

Er sagte — und sie merkte, dass er sich bemühte, taktvoll zu sein:»Ich denke, Sie wissen, dass diese finanziellen Transaktionen wahrscheinlich nicht legal waren.«

«Nein, das weiß ich nicht — «

«Und wenn Sie seinen Mörder finden wollen — und ich glaube, das wollen Sie — , müssen alle Möglichkeiten bedacht werden, das wissen Sie auch.«

Sie sagte nichts. Aber ihre innere Qual wurde durch das Mitleid in seinem Gesicht noch verschlimmert. Sie hasste das Mitleid anderer. Sie hatte es immer gehasst. Arme kleine Seele, hat ihre ganze Familie unter den Nazis verloren. Wir müssen nachsichtig sein. Wir müssen ihr ihre kleinen Anfälle von Angst und Kummer lassen.

«Wir haben seine Mörderin«, erklärte Ruth mit steinerner Miene.»Ich habe sie an dem Morgen gesehen. Wir wissen, wer sie ist.«

St. James verfolgte seinen eigenen Gedankengang, als hätte sie nichts gesagt.»Vielleicht hat er eine Art Lösegeld bezahlt. Oder einen riesigen Kauf getätigt. Vielleicht sogar einen illegalen Kauf. Waffen? Drogen? Sprengstoff?«

«Absurd«, sagte sie.»Wenn er eine Sache unterstützte — «

«Die Araber? Die Algerier? Die Palästinenser? Die Iren?«, zählte sie verächtlich auf.»Mein Bruder war politisch so interessiert wie ein Gartenzwerg, Mr. St. James.«

«Dann bleibt nur der Schluss, dass er das Geld im Lauf der Zeit jemandem geschenkt hat. In dem Fall müssen wir uns die möglichen Empfänger eines solchen Batzen Geldes ansehen. «Er blickte zur Tür, als überlegte er, was sich dahinter befand.»Wo ist Ihr Neffe heute Morgen, Miss Brouard?«

«Das hat mit Adrian nichts zu tun.«

«Trotzdem.«

«Ich nehme an, er fährt seine Mutter herum. Sie kennt die Insel nicht. Die Straßen sind schlecht gekennzeichnet, da braucht sie seine Hilfe.«

«Er war also häufig zu Besuch bei seinem Vater? Im Verlauf der Jahre. Er kennt sich — «

«Es geht hier nicht um Adrian!«Ihre Stimme klang schrill, sie hörte es selbst. Ihre Knochen schmerzten wie von hundert Dornen durchbohrt. Sie musste diesen Mann loswerden, ganz gleich, was seine

Absichten ihr und ihrer Familie gegenüber waren. Sie musste ihre Tabletten nehmen, eine ausreichende Dosis, um ihren Körper unempfindlich zu machen, wenn das überhaupt möglich war. Sie sagte:»Mr. St. James, Sie sind doch aus einem bestimmten Grund hier. Ich weiß, das ist kein Anstandsbesuch.«

«Ich war bei Henry Moullin«, sagte er.

Sie wurde sofort vorsichtig.»Ja?«

«Ich wusste nicht, dass Mrs. Duffy seine Schwester ist.«

«Es gab keinen Grund, Ihnen das zu erzählen.«

Er lächelte flüchtig in Anerkennung ihres Arguments und berichtete ihr weiter, dass er Henry Moullins Zeichnungen der Museumsfenster gesehen hatte. Dabei seien ihm, sagte er, die Baupläne im Besitz ihres Bruders eingefallen. Ob er sie sich einmal ansehen könne.

Ruth war so erleichtert über dieses einfache Anliegen, dass sie sofort darauf einging, ohne sich zu überlegen, wohin das möglicherweise führen konnte. Die Pläne seien oben in Guys Arbeitszimmer, antwortete sie. Sie würde sie ihm sofort holen.

St. James sagte, er würde sie gern begleiten, wenn sie nichts dagegen habe. Er wollte sich auch das Modell noch einmal ansehen, das Bertrand Debiere für Mr. Brouard hergestellt hatte. Es würde nicht lange dauern, versicherte er.

Wieder blieb ihr nichts anderes übrig als zuzustimmen. Erst auf der Treppe sprach St. James wieder.

«Henry Moullin scheint seine Tochter im Haus eingesperrt zu haben«, sagte er.»Haben Sie eine Ahnung, wie lange das schon so geht, Miss Brouard?«

Ruth ging weiter die Treppe hinauf und tat so, als hätte sie die Frage nicht gehört.

Doch St. James ließ nicht locker.»Miss Brouard.?«, sagte er.

Sie antwortete rasch, auf dem Weg durch den Korridor zum Arbeitszimmer ihres Bruders. Sie war froh um den trüben Tag und die schlechte Beleuchtung des Flurs, denn da würde ihr Gesichtsausdruck nicht so leicht zu erkennen sein.»Ich habe keine Ahnung«, erklärte sie.»Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute zu stecken, Mr. St. Ja- mes.«

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