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Das Geheimnis der Schnallenschuhe

Электронная книга - «Das Geheimnis der Schnallenschuhe». Краткое содержание книги:

Auch ein Meisterdetektiv geht nicht gern zum Zahnarzt. Und die Rätsel in der Praxis von Hercule Poirots Zahnarzt häufen sich: Ein Patient stirbt, ein anderer verschwindet, auf einen dritten wird ein Attentat verübt. Wie gut nur, dass Poirot vor der Tür des Zahnarztes die Dame mit den merkwürdigen Schnallenschuhen aufgefallen ist. So bereitet ihm die Lösung des geheimnisvollen Geschehens schließlich doch keine Zahnschmerzen.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel
ONE, TWO BUCKLE MY SHOW
© 1940 Agatha Christie Limited, a Chorion Company.
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«Ja, aber da sprechen Sie von Fällen, in denen die Mittel in normaler Dosis angewendet worden sind. In solchen Fällen kann dem Arzt kein besonderer Vorwurf gemacht werden, denn der Tod wird dadurch herbeigeführt, dass der Patient die Mittel nicht verträgt. In unserm Fall handelt es sich aber eindeutig um eine zu große Dosis. Die genaue Menge steht noch nicht fest – diese Mengenanalysen dauern immer endlos –, aber jedenfalls ist die normale Dosis bei weitem überschritten worden. Das bedeutet, dass Morley einen folgenschweren Irrtum begangen haben muss.»

«Aber selbst dann», sagte Poirot, «war es nur ein Irrtum und kein Verbrechen.»

«Nein, das nicht, aber es hätte ihm beruflich sehr geschadet. Wahrscheinlich hätte es ihn sogar ruiniert. Niemand würde mehr zu einem Zahnarzt gehen, der fähig ist, einem Patienten eine tödliche Dosis Gift beizubringen, nur weil er zufällig gerade ein bisschen zerstreut ist.»

«Es ist schon merkwürdig, das gebe ich zu.»

«Solche Dinge kommen eben vor – sowohl bei Ärzten wie bei Apothekern. Jahrelang sind sie gewissenhaft und zuverlässig – dann auf einmal ein Augenblick der Unachtsamkeit, und das Unglück ist geschehen, und der arme Teufel hat die Folgen zu tragen. Morley war ein sensibler Mensch. Bei den Ärzten ist meistens ein Laborant oder ein Apotheker mitverantwortlich – oft sogar allein verantwortlich. In unserem Fall trug Morley die ganze Verantwortung.»

Poirot war noch nicht überzeugt.

«Hätte er dann nicht irgendeine Mitteilung hinterlassen, um zu erklären, was geschehen war? Und dass er die Folgen nicht auf sich nehmen könne? Nur ein paar Worte in diesem Sinne? Eine Nachricht an seine Schwester?»

«Nein – wie ich die Sache sehe, wurde ihm ganz plötzlich klar, was er angerichtet hatte, und da verlor er die Nerven und suchte den einfachsten Ausweg!»

Poirot antwortete nicht, und Japp sagte gütig: «Ich kenne Sie, alter Freund. Wo Sie einmal einen Mord ahnen, können Sie sich nicht damit abfinden, dass es keiner war. Diesmal bin ich daran schuld, dass Sie auf die falsche Spur geraten sind. Ich habe mich eben geirrt, das gebe ich offen zu.»

«Haben Sie irgendetwas über Amberiotis in Erfahrung gebracht?», fragte Poirot abwesend.

«Ja, ziemlich viel. Er war ein Spion und außerdem ein übler Erpresser. Es hätte einer schon Grund genug haben können, ihn zu ermorden. Aber Morley beabsichtigte dies bestimmt nicht. Er tötete ihn durch Zufall – und bezahlte dafür selber mit dem Leben. Morley beging Selbstmord – glauben Sie mir, Poirot!»

«Wir werden sehen!», murmelte der kleine Mann.

Hercule Poirot saß an seinem schönen, modernen Schreibtisch. Er liebte moderne Möbel. Ihre eckigen, soliden Formen sagten ihm mehr zu als die weichen Konturen älterer Stilrichtungen.

Vor ihm lag ein quadratisches Blatt Papier mit säuberlichen Überschriften und Bemerkungen. Manche davon waren mit Fragezeichen versehen. Zuoberst stand:

Amberiotis. Spionage. Zu diesem Zweck in England? War letztes Jahr in Indien. Während dieser Zeit Unruhen und Aufstände. Könnte kommunistischer Agent sein.

Es folgte ein leerer Zwischenraum. Dann kam die nächste Überschrift:

Frank Carter? Morley hielt nichts von ihm. Ist kürzlich von seiner Firma entlassen worden. Warum?

Dann kam ein Name, hinter dem nur ein Fragezeichen stand:

Howard Raikes?

Auf diesen folgte ein Satz in Anführungsstrichen:

«Aber das ist doch absurd!»???

Hercule Poirots Kopf war fragend zur Seite geneigt. Vor dem Fenster flog ein Vogel vorbei, einen Zweig im Schnabel, mit dem er ein Nest bauen wollte. Hercule Poirot sah ebenfalls wie ein Vogel aus, als er so dasaß und den eiförmigen Kopf zur Seite neigte.

Etwas weiter unten auf dem Blatt machte er eine weitere Eintragung:

Barnes?

Nach einer Pause schrieb er:

Morleys Büro? Spur auf dem Teppich. Möglichkeiten.

Die letzte Notiz betrachtete er längere Zeit. Dann stand er auf, ließ sich Hut und Stock geben und ging aus.

Dreiviertelstunden später verließ Hercule Poirot die Untergrundstation Ealing Broadway, und fünf Minuten später war er am Ziel. Castlegardens Road 88.

Es war ein kleines Zweifamilienhaus, dessen sorgfältig angelegter Vorgarten Poirot ein beifälliges Nicken abnötigte. «Wunderbar symmetrisch», murmelte er vor sich hin.

Mr Barnes war zu Hause. Poirot wurde in ein kleines, steif eingerichtetes Esszimmer geführt, in das ihm Mr Barnes alsbald folgte.

Er war ein kleiner Mann mit blinzelnden Augen und nahezu kahlem Kopf.

«M. Poirot? Nun, das ist wirklich eine große Ehre!», sagte er.

«Sie müssen verzeihen, dass ich Sie so unvorbereitet überfalle», sagte Poirot betont höflich.

«Das ist immer bei weitem das beste», antwortete Mr Barnes. Er machte eine einladende Handbewegung. «Setzen Sie sich, M. Poirot. Wir haben zweifellos über eine Menge Dinge zu reden. Ich vermute, es handelt sich um die Queen Charlotte Street 58?»

«Sie vermuten richtig – aber wie kommt es, dass Sie überhaupt so etwas vermuten?», fragte Poirot verblüfft.

«Mein lieber M. Poirot», sagte Mr Barnes, «ich bin zwar schon vor längerer Zeit aus dem Innenministerium ausgeschieden – aber ganz eingerostet bin ich deswegen doch noch nicht. In einer streng geheimen Angelegenheit ist es besser, sich nicht der Polizei zu bedienen. Erregt nur unnützes Aufsehen!»

«Lassen Sie mich noch eine weitere Frage stellen. Warum vermuten Sie, dass diese Angelegenheit streng geheim ist?»

«Ist sie das vielleicht nicht?», fragte der andere zurück.

«Nun, wenn sie es nicht ist, dann bin ich der Meinung, dass sie es sein sollte.» Er beugte sich vor und klopfte mit seinem Zwicker auf die Stuhllehne. «Beim Geheimdienst will man nie das kleine Gesindel fangen, sondern die großen Drahtzieher – aber um an sie heranzukommen, muss man sich davor hüten, das kleine Gesindel kopfscheu zu machen.»

«Mir scheint, Sie wissen mehr als ich, Mr Barnes», entgegnete Poirot immer erstaunter.

«Ich weiß überhaupt nichts», erwiderte Mr Barnes. «Ich versuche nur, zwei Tatbestände zu kombinieren.»

«Und welches ist der eine Tatbestand?», fragte Poirot.

«Amberiotis», sagte Barnes schnell. «Sie dürfen nicht vergessen, dass ich ihm ein paar Minuten lang im Wartezimmer gegenübergesessen habe. Mich hat er nicht erkannt. Ich bin immer ein unauffälliger Mensch gewesen. Das ist manchmal sehr nützlich. Aber ich habe ihn sehr wohl erkannt. Und ich konnte mir denken, was er hier bei uns in England vorhatte.»

«Und was war das?»

«Seine Politik richtet sich gegen die konservative Hochfinanz, wie Alistair Blunt sie verkörpert.»

Nach einer Pause fuhr Mr Barnes fort: «Blunt gehört zu den Leuten, die im Privatleben jede Rechnung bezahlen und nie mehr ausgeben, als sie einnehmen – gleichgültig, ob er jährlich zwei Pence oder einige Millionen Pfund verdient. Das ist so seine Art. Und er sieht einfach nicht ein, warum ein Staat das nicht ebenso machen soll. Keine kostspieligen Experimente. Keine wahnsinnigen Ausgaben für utopische Experimente. Aus diesem Grund» – er hielt einen Augenblick inne – «aus diesem Grund haben sich gewisse Leute entschlossen, Blunt aus dem Weg zu räumen.»

«Aha», murmelte Poirot.

Mr Barnes nickte. «Ja», bestätigte er. «Ich weiß, wovon ich rede. Es sind ganz reizende Leute darunter. Mit langen Haaren, ernsten Augen und voll von Idealen einer besseren Welt. Auch andere, nicht so reizende – sogar recht ekelhafte Leute. Und dann eine dritte Gruppe, die sich als die ‹starken Männer› aufspielt. Aber alle haben den gleichen Gedanken: Blunt muss weg!»

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