Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Noch immer bewegte ihn die Tatsache der drei verlorenen Jahre, und er konnte nicht mehr unterscheiden, ob dieses Interesse dienstlicher oder privater Natur war. Da er selbst als Informationsquelle unbrauchbar war, bestand vielleicht die Möglichkeit, dem Rätsel über andere Personen näher zu kommen. Er rief das Kontaktregister ab, aber, wie er erwartet hatte, war es wenig aufschlußreich: In der betreffenden Zeit tauchte keine einzige neue Person des persönlichen Bekanntenkreises auf. Er war aber schon lange genug in diesem Beruf, um stets auch über andere Wege informiert zu sein, wenn die naheliegenden nicht zum Ziel führten. Wenn Recherchen von seiner Seite aus unergiebig waren, so konnte sich vielleicht von der Gegenseite aus etwas feststellen lassen. Oder anders ausgedrückt: Gab es Kontaktpersonen, die man in seinem Register gelöscht hatte, so mußte er doch selbst in den Kontaktregistern der betreffenden Personen auftauchen. Das bedeutete freilich eine immense Rechenarbeit, doch wenn er ein time-sharing-Programm mit fingierten Zwischenfragen anwandte, konnte er unter der bewilligungsfreien Ablaufzeit bleiben.
Der Computer rechnete dreiundfünfzig Minuten, zwanzig Sekunden und sechsundneunzig Hundertstelsekunden; dann lagen die Namen vor:
Jonathan Vauman – 63-10796950-17 V,
Barbara Teman– 11-64911430-12 T,
Hardy Weman – 14-5566850-19 W.
So sinnlos es erschien, so bemühte sich Ben dennoch, mit Hilfe dieser Namen Assoziationen in seinem Gehirn auszulösen. Irgend etwas sprachen sie in ihm an, irgendwie kamen sie ihm bekannt, vertraut vor. Aber was davon war Wahrheit, was Einbildung? Namen wie tausend andere, Kennzahlen, die dem Eingeweihten Information über genetische Konditionierung, die Klon-Gruppe, den Wohndistrikt, die Qualifikationsordnung und die soziale Wertigkeit gaben, und die doch nichts darüber sagten, wer dahintersteckte – eine Person, die lebte, handelte, dachte, empfand, ein Mensch, der anderen Sympathien und Antipathien entgegenbringt, der sich Ziele setzt, sie verfolgt, sie erreicht oder verfehlt. Welche Intentionen verbanden ihn mit jenen, die sich hinter den Namen Jonathan, Barbara und Hardy verbargen? Sie steckten irgendwo in dieser Stadt, sie hatten Aufgaben und Pflichten wie er, aber sie hatten etwas, was er nicht mehr besaß: Erinnerungen an eine für ihn verlorene Zeit – so hoffte er wenigstens.
Erst allmählich wurde ihm klar, was diese drei Zeilen von Leuchtbuchstaben bedeuteten. Sie waren nicht mehr und nicht weniger als der Beweis dafür, daß er keinem Phantom nachjagte, daß es in seinem Leben tatsächlich etwas gab, das von irgendeiner Instanz ausgelöscht wurde. Die Vermutung lag nahe, daß die Prüfung, die nun seine Aufgabe war, mit diesen Ereignissen zusammenhing. Er hatte noch gar nicht so recht daran geglaubt, daß irgend etwas aus seiner Vergangenheit plötzlich Gestalt annehmen könnte, und nun war es geschehen. Für ihn bestand nicht der geringste Zweifel, daß er alles an Information herausholen mußte, das aus diesen Personen herauszuholen war. Es geschah zwar selten, aber es kam vor, daß für die Bearbeitung eines Falles Feldarbeit nötig war. Bei diesem Stand seiner Untersuchung gab es daran keinen Zweifel – Ben legte sich immer wieder die Frage vor, ob er ebenso handeln würde, wenn es um die Qualifikation eines Fremden ginge, und das traf hier zweifellos zu. Insgeheim war er längst dazu entschlossen, alle Mittel einzusetzen, die erlaubten und die unerlaubten, um sein Ziel zu erreichen, doch durfte er keinen Verdacht erregen, und so war es wichtig, sich genau so zu verhalten, wie das den Vorschriften und Richtlinien entsprach.
Selbstverständlich hatte sich Ben die Akten der Kontaktpersonen vorgenommen, sich alle Daten, Register, Testergebnisse und Untersuchungsprotokolle aufrufen lassen, und so wußte er alles, was über sie bekannt war – wahrscheinlich mehr, als sie selbst über sich wußten. In diesen Daten waren die gesamte Persönlichkeit und deren Lebenslauf protokolliert: der Meinung des Dozenten für Deskription und Dokumentation gemäß gab es darüber hinaus nichts, was des Festhaltens wert gewesen wäre. Die Einsicht in die Protokolle lieferte ein besseres Persönlichkeitsbild als eine Gegenüberstellung oder Untersuchung. Wie aber jeder Rechercheur wußte, gab es Ausnahmen von der Regel, und auch in diesem Fall fand Ben diese Erfahrung bestätigt. Denn so intensiv er sich auch mit den Daten beschäftigte – er fand nicht den geringsten Hinweis darauf, in welcher Beziehung er zu den verdächtigen Personen gestanden hatte. In den Listen waren lediglich die Daten der Zusammenkünfte vermerkt, aber alle weiteren Fragen blieben unbeantwortet. Vielleicht lag – wie es manche vermuteten – hier ein Fehler im System, vielleicht hätte man die Kontrolle auch auf den Inhalt von Gesprächen, das Verhalten während des Kontakts, die emotionalen Regungen und so fort erstrecken sollen und sich nicht nur auf die Statistik verlassen! Andererseits war einzusehen, daß diese immense Mehrarbeit nur wenig Gewinn bringen würde: eben nur in jenen Ausnahmefällen, in denen echte Abweichungen von der Norm auftraten. Aber waren nicht gerade das jene Fälle, denen ihre ganze Arbeit galt?
Richtlinien zur Persönlichkeitsveränderung
Das uns aus archaischen Zeiten überantwortete Menschenmaterial ist in vieler Hinsicht fehlerhaft und der Funktion des perfekten Staatswesens noch nicht völlig adaptiert. Relativ einfach ist die Anpassung des Nachwuchses; hier liegt die Schwierigkeit vor allem in genetischen Mängeln, die bei der Überprüfung übersehen wurden (die Methoden sind noch nicht perfektioniert) bzw. durch Mutationen (die man bisher noch nicht völlig ausschalten kann) entstanden sind. Abweichungen dieser Art werden aber im Laufe der verschiedenen Testreihen relativ frühzeitig entdeckt, so daß es möglich ist, Anpassungen durch eine gezielte medikamentöse Therapie oder durch chirurgische Eingriffe zu beheben. Nur in wenigen Fällen erweist sich eine völlige Löschung der Persönlichkeit als erforderlich.
Das größte Problem ergibt sich bei jenen Individuen, die schon vor der Stunde Null das Erwachsenenstadium erreicht hatten. Zwar gelingt es in den meisten Fällen, die irritierenden Erinnerungen an diese Zeit zu löschen, so daß eine völlige Konzentration auf unser Staatssystem möglich ist, doch ergeben sich immer wieder Rückfälle – plötzlich auftauchende Erinnerungen, die Wiederaufnahme archaischer Handlungsweisen, der Ausbruch unerwünschter und unpassender Gefühlsregungen.
Da Vorkommnisse dieser Art nicht nur das Staatsgefüge stören, sondern auch eine schwere nervliche Belastung der Betroffenen mit sich bringen, hat unser Staat Vorsorge getroffen, diesen Erscheinungen möglichst frühzeitig entgegenzutreten. Normalerweise kommt man mit einer allgemeinen Absenkung des Aktivitätspegels aus, wodurch auch meist der Anreiz zur Aktivierung vergrabener Gedächtnisinhalte wegfällt. Gelegentlich werden aber auch hartnäckige Fälle beobachtet – Menschen, in denen ohne erkennbaren Grund umfassende Erinnerungsbilder lebendig werden. Der Betroffene gerät in einen pathologischen Zustand, dessen Symptome gut bekannt sind: motorische Unruhe, Aggressionen. Unzufriedenheit bis zum Verfolgungswahn, Betätigung als Querulant und Saboteur, Wahnvorstellungen. Unter Umständen können Menschen, die von dieser Krankheit befallen sind, auch destruktiv in unser Sozialgefüge eingreifen; indem sie aktivierte Traumbilder und Halluzinationen mit der Realität von heute in Verbindung bringen und Vorstellungen dieser Art als Imperative nehmen, bringen sie Fehlinformationen in Umlauf und initiieren Mißtrauen und Zweifel in ihren Kontaktpersonen.
Kranke dieser Art sind als Sonderfälle zu behandeln; es geht zunächst darum, den Ursachen ihres Zustandes auf die Spur zu kommen. Die einschlägigen Nachforschungen erfolgen in Zusammenarbeit mit dem Institut für prähistorische Forschungen; auf diese Weise gelingt es, zwischen den Schreckensbildern der Vergangenheit und den im Patienten neu auftretenden Wahnbildern zu unterscheiden. Zur Therapie sind die bekannten psychologischen, medikamentösen und mikrogehirnchirurgischen Mittel anzuwenden. Meist ist eine Linderung nur durch eine Kombinationstherapie zu erreichen; es geht dabei nicht nur darum, den Patienten wieder in ruhigen Zustand zu versetzen und in die Gesellschaft einzugliedern, als vielmehr auch um eine Löschung der störenden Gedächtnisinhalte. Als Methode der Wahl hat sich dabei die Persönlichkeitsveränderung erwiesen. Die durch den Gedächtnisschock erzielten partiellen Erinnerungslücken werden durch synthetische Inhalte ersetzt. Es bedarf dabei einer Zusammenarbeit zwischen Individualpsychologen, Medizinern und Historikern, um plausible Verbindungen mit den geschichtlichen Abläufen sowie logische Anschlüsse an die Gegenwart zu erreichen. Am besten empfiehlt es sich, unauffällige Lebensläufe zusammenzustellen, die etwa dem repräsentativen Querschnitt eines Durchschnittsbürgers entsprechen. Obwohl auf diese Weise meist hundertprozentige Heilerfolge erzielt werden, sollten die betroffenen Patienten doch über Jahre hinweg unter Beobachtung gestellt bleiben.