Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
Ein alter Mann machte ihnen auf. Ein sehr alter Mann. Die dicken
Gläser seiner Brille funkelten sie an. Eine Hand an die Wand neben der Tür gestützt, stand er da, offenbar nur von dieser Wand und einer Menge Willenskraft auf den Beinen gehalten. Er hätte eine Gehhilfe gebraucht oder mindestens einen Stock, aber er hatte weder das eine noch das andere.
«Na bitte, da sind Sie schon«, begrüßte er Deborah erfreut.»Einen Tag zu früh, aber das macht ja nichts. Im Gegenteil. Umso besser. Treten Sie ein, treten Sie ein.«
Er erwartete offensichtlich Besuch. Deborah selbst hatte einen weit jüngeren Mann erwartet. Aber Cherokees nächste Worte schufen Klarheit.»Wir wollten zu Frank, Mr. Ouseley. Ist er hier? Wir haben seinen Wagen draußen gesehen. «Der alte Mann war also Frank Ouseleys Vater.
«Nein, nein, bei Frank sind Sie falsch«, sagte der Alte.»Sie wollen zu mir — Graham. Frank ist auf den Petit-Hof gegangen und bringt die Pastetenform zurück. Wenn wir Glück haben, macht sie uns vor Ende der Woche noch mal eine Lauchpastete mit Hühnchen. Ich drück auf jeden Fall die Daumen.«
«Kommt Frank bald zurück?«, erkundigte sich Deborah.
«Oh, wir haben Zeit genug für unsere Geschäfte, bevor er zurückkommt«, versicherte Graham Ouseley.»Keine Sorge. Frank hat was gegen meinen Entschluss, wissen Sie. Aber ich hab mir geschworen, dass ich reinen Tisch mache, bevor ich sterbe. Und das werd ich auch tun, ob's dem Jungen passt oder nicht.«
Er schlurfte auf wackligen Beinen in ein überheiztes Wohnzimmer. Dort nahm er eine Fernbedienung von einem Sessel, richtete sie auf den Bildschirm, auf dem gerade ein Küchenchef routiniert eine Banane aufschnitt, und schaltete den Apparat aus.»Gehen wir in die Küche«, sagte er.»Da gibt's Kaffee.«
«Wir sind eigentlich hergekommen — «
«Macht überhaupt keine Mühe«, unterbrach der alte Mann den vermeintlichen Protest Deborahs.»Gastfreundschaft ist mir wichtig.«
Sie konnten ihm nur in die Küche folgen, einen kleinen Raum, in dem man sich kaum bewegen konnte, weil so viel herumlag: Stapel von Zeitungen, Briefen und anderen Papieren, Kochgeräte, Geschirr,
Besteck, ein paar Werkzeuge für Haus und Garten.
«Setzen Sie sich«, sagte Graham Ouseley und zwängte sich zu einer Glaskanne durch, in der noch etwa zwei Fingerbreit einer schmierig aussehenden Flüssigkeit standen. Er kippte sie ohne viel Federlesens mitsamt dem Satz in den Spül stein, nahm von einem abgerundeten Eckregal eine Dose herunter und löffelte mit zitternder Hand frischen gemahlenen Kaffee in die Kanne und auf den Boden. Er schlurfte zum Herd, ergriff den Kessel, füllte ihn mit Wasser und setzte ihn auf. Strahlend vor Stolz drehte er sich herum, nachdem er das alles geschafft hatte.»Das wär's«, verkündete er händereibend. Dann runzelte er die Stirn.»Wieso habt ihr zwei euch noch nicht gesetzt?«
Sie waren stehen geblieben, weil sie ganz offensichtlich nicht der Besuch waren, den der alte Mann erwartet hatte. Aber da sein Sohn nicht da war — wenn auch seine Rückkehr hoffentlich nicht lange auf sich warten lassen würde — , verständigten sich Cherokee und Deborah mit einem kurzen Blick, der sagte: Warum nicht? Sie würden einfach warten und inzwischen mit dem alten Mann eine Tasse Kaffee trinken.
Dennoch hielt Deborah es für fair zu sagen:»Frank ist doch bald wieder da, nicht wahr, Mr. Ouseley?«
Woraufhin Graham ziemlich verdrossen antwortete:»Jetzt hören Sie mal zu, machen Sie sich wegen Frank kein Kopfzerbrechen. Setzen Sie sich. Haben Sie Ihren Schreibblock dabei? Nein? Guter Gott! Ihr beide müsst ja Gedächtnisse haben wie die Elefanten.«
Er ließ sich auf einen Stuhl nieder und lockerte seinen Schlips. Zum ersten Mal fiel Deborah auf, dass er sehr adrett in einen Tweedanzug mit Weste gekleidet war, und seine Schuhe waren frisch geputzt.
«Frank«, teilte Graham Ouseley ihnen mit,»ist die geborene Unke. Er hat Angst, was bei dieser Geschichte zwischen mir und Ihnen rauskommt. Aber ich mach mir da keine Sorgen. Was könnten Sie mir denn noch tun, was Sie mir nicht schon zehnmal angetan haben? Ich bin es den Toten schuldig, die Lebenden zur Rechenschaft zu ziehen. Das ist die Pflicht von uns allen, und ich werde meine tun, bevor ich abtrete. Ich bin zweiundneunzig. Da staunen Sie, was? Ja, das ist eine Menge Holz.«
Deborah und Cherokee bestätigten murmelnd ihr Staunen. Auf dem Herd pfiff der Wasserkessel.
«Lassen Sie mich. «Cherokee sprang auf, ehe Graham Ouseley ein Wort des Protests sagen konnte.»Erzählen Sie Ihre Geschichte, Mr. Ouseley. Ich mach den Kaffee. «Er sah den alten Mann mit einem gewinnenden Lächeln an.
Das reichte, um ihn zu überreden. Er blieb sitzen, während Cherokee den Kaffee aufgoss und Becher, Löffel und Zucker zusammensuchte. Als er alles auf den Tisch stellte, lehnte Graham Ouseley sich zurück.»Tja, es ist eine tolle Geschichte, das kann ich Ihnen sagen. Lassen Sie mich erzählen«, sagte er und fing gleich an.
Er führte sie fünfzig Jahre zurück in die Zeit der deutschen Besatzung. Fünf Jahre brutaler Unterdrückung, wie er sagte, fünf Jahre ständiger Versuche, die verdammten Krauts auszutricksen und trotz aller Erniedrigung die eigene Würde zu bewahren. Beschlagnahmung aller Fahrzeuge bis hin zum Fahrrad, Verbot von Rundfunkgeräten, Deportation langjähriger Inselbewohner, Exekutionen angeblicher» Spione«. Arbeitslager, in denen russische und ukrainische Gefangene beim Bau von Befestigungsanlagen für die Deutschen schufteten. Tote in Arbeitslagern auf dem Kontinent, wohin diejenigen abtransportiert wurden, die sich gegen die deutsche Herrschaft auflehnten. Prüfung von Familienpapieren bis in die Zeit der Großeltern, um festzustellen, ob man jüdisches Blut in den Adern hatte, das ausgemerzt werden musste. Und Quislinge in Massen unter den ehrlichen Leuten von Guernsey: Kollaborateure, diese Teufel, die bereit waren, für die Versprechungen der Deutschen ihre Seelen zu verkaufen — und ihre Landsleute.
«Eifersucht und Gemeinheit«, erklärte Graham Ouseley.»Auch aus solchen Beweggründen haben sie uns verraten. Da wurde manche alte Rechnung beglichen, indem man den Nazis einen Namen zuraunte.«
Er war froh, ihnen sagen zu können, dass es sich bei den Verrätern meistens um Ausländer gehandelt hatte. Da war ein Holländer in St. Peter Port, der jemanden hinhängte, weil er ein Radio hatte; ein irischer Fischer aus St. Sampson, der die Landung eines britischen
Schiffs in der Nähe der Petit-Port-Bucht beobachtet hatte. So was konnte man natürlich nicht entschuldigen und noch weniger verzeihen, trotzdem waren ausländische Quislinge längst nicht so schlimm wie einheimische. Aber die gab es natürlich auch. O ja, es hatte den Verrat unter Landsleuten gegeben. Zum Beispiel bei Gift.
«Gift?«, fragte Deborah verwirrt.»Was für Gift?«
Nicht Gift, sondern G-I-F-T, erklärte Graham Ouseley, ein Akronym für Guernsey Independent From Terror. Das war die Untergrundzeitung der Insel gewesen und für die Inselbewohner damals die einzige Quelle für die Wahrheit über die Aktivitäten der Alliierten. Die Nachrichten wurden aus den Sendungen der BBC gewonnen, die man jede Nacht mit verbotenen Rundfunkempfängern abhörte. In den frühen Morgenstunden wurden hinter den verdunkelten Fenstern der Kirche St. Pierre du Bois bei Kerzenlicht die Fakten des Krieges auf lose Blätter getippt und von Hand an Getreue verteilt, die so sehr nach Nachricht von der Außenwelt lechzten, dass sie bereit waren, dafür Verhöre durch die Nazis zu riskieren und alles, was solche Verhöre nach sich zogen.
«Aber da waren Quislinge dabei«, erklärte Graham Ouseley.»Wir hätten's wissen müssen. Hätten vorsichtiger sein müssen und keinem vertrauen dürfen. Aber es waren welche von den unseren!«Er schlug sich mit der Faust auf die Brust.»Verstehen Sie? Es waren welche von den unseren!«