Wer die Wahrheit sucht
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #12
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet
- ISBN: 3-7645-0099-9
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
«Körperliche Veränderungen? Jungsprobleme?«
«Keine Ahnung. Ich steck meine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten. Ich bin nur froh und dankbar, dass Cyn eine Frau hat, mit der sie reden kann, und dass diese Frau meine Schwester ist.«
«Die Ihnen Bescheid gegeben hätte, wenn etwas nicht in Ordnung gewesen wäre.«
«Es war alles in Ordnung.«
«Aber er hatte doch seine Launen.«
«Was?«
«Brouard. Sie sagten, er hätte seine Launen gehabt. War Cynthia vielleicht eine seiner Launen?«
Moullins Gesicht lief rot an. Er trat einen Schritt auf St. James zu.»Verflucht! Ich sollte — «Er hielt inne. Es sah aus, als koste es ihn große Anstrengung.»Wir sprechen hier von einem Mädchen«, sagte er.»Nicht von einer erwachsenen Frau. Von einem Mädchen.«
«Es soll schon vorgekommen sein, dass alte Männer jungen Mädchen nachgestiegen sind.«
«Sie drehen mir das Wort im Mund um.«
«Dann klären Sie mich auf.«
Moullin trat von St. James weg und blickte durch den Raum zu seinen Glaskunstwerken.»Wie ich schon sagte, er hatte seine Launen. Plötzlich stach ihm irgendwas ins Auge, und er hat's mit Feenstaub übergossen, und gab demjenigen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Dann erregte was anderes sein Interesse, und er ist mit seinem Feenstaub weitergezogen. So war er.«
«Der Feenstaub war Geld, nehme ich an?«
Moullin schüttelte den Kopf.»Nicht immer.«
«Was dann?«
«Glaube.«
«Welcher Art?«
«Glaube an sich selbst. Darauf hat er sich verstanden. Das Problem war nur, dass man nach einer Weile dachte, dass sein Glaube einem was bringen würde, wenn man Glück hatte.«
«Wie Geld?«
«Ein Versprechen. Als würde jemand sagen: Pass auf, ich kann dir helfen, wenn du hart genug arbeitest, aber zuerst musst du die Arbeit tun — das harte Stück Arbeit — , dann sehen wir weiter. Das hat natürlich nie einer wirklich gesagt. Aber irgendwie hat sich der Gedanke in einem festgesetzt.«
«Auch in Ihnen?«
Seufzend sagte Moullin:»Auch in mir.«
St. James dachte darüber nach, was er über Guy Brouard erfahren hatte, über seine Geheimnisse und über seine Pläne für die Zukunft und darüber, was jeder Einzelne offenbar von dem Mann und von diesen Plänen geglaubt hatte. Vielleicht, sagte sich St. James, waren diese Aspekte des Toten — die lediglich Spiegelungen der Launen eines reichen Großunternehmers hätten sein können — in Wirklichkeit Symptome eines umfassenderen und verderblicheren Verhaltens: Eines bizarren Machtspiels, bei dem ein einflussreicher Mann, der die Leitung eines erfolgreichen Unternehmens aus der Hand gegeben hatte, sich eine Form von Macht über andere erhielt, wobei das Ziel des Spiels die Ausübung dieser Macht war. Die Menschen wurden zu Schachfiguren, die von Guy Brouard auf dem Schachbrett des Lebens herumgeschoben wurden.
Könnte das jemanden zum Mord treiben?
St. James vermutete, dass die Antwort in der Reaktion jedes Einzelnen auf diesen angeblichen Glauben Brouards an seine Person lag. Er sah sich noch einmal in der Scheune um und erkannte einen Teil der Antwort am unterschiedlichen Zustand der Glaskunstwerke einerseits und des Schmelzofens sowie der Glasbläserpfeifen andererseits — die einen liebevoll gepflegt, die anderen schnöde vernachlässigt.»Ich nehme an, er hat Sie darin bestärkt, an den Künstler in sich zu glauben«, sagte er.»War es so? Hat er sie dazu ermutigt, Ihren Traum zu verwirklichen?«
Unvermittelt ging Moullin zum Scheunentor und knipste das Licht aus. Das Tageslicht im Rücken, stand er da, eine massige Gestalt, nicht nur durch die voluminösen Kleider definiert, die er trug, sondern auch durch seine bullige Kraft. St. James konnte sich vorstellen, dass es ihm wenig Mühe bereitet hatte, die Werke seiner Töchter im Garten zu zerstören.
Er folgte ihm. Draußen drückte Moullin das Tor zu und sicherte es mit einem schweren Vorhängeschloss. Er sagte:»Er hat den Leuten eingeredet, sie wären was Größeres, als sie tatsächlich waren. Wenn sie dann Schritte gewagt haben, die sie ohne seinen Zuspruch nicht gewagt hätten. Na ja, das ist wahrscheinlich ihre Privatangelegenheit. Wen juckt es schon, wenn einer sich total verausgabt und alles auf eine Karte setzt.«
«Im Allgemeinen verausgabt sich niemand, ohne eine Vorstellung vom Erfolg des Unternehmens zu haben«, entgegnete St. James.
Henry Moullins Blick schweifte zum Garten, wo die zertrümmerten Muscheln wie Schnee auf dem Rasen lagen.»Genau das war seine Stärke: Ideen, die er anderen weitergibt. Und unsere Stärke. war der Glaube.«
«Kannten Sie den Inhalt von Brouards Testament?«, fragte St. James.»Kannte Ihre Tochter ihn?«
«Sie meinen, ob wir ihn umgebracht haben? Ihm schnell das Lebenslicht ausgeblasen, ehe er es sich anders überlegen konnte?«Moullin schob eine Hand in seine Hosentasche und zog einen schweren Schlüsselbund heraus. Er ging die Einfahrt entlang auf das Haus zu. Kies und Muscheln knirschten unter seinen Schritten. St. James blieb an seiner Seite, nicht weil er erwartete, dass Moullin sich noch weiter zu dem Thema äußern würde, das er selbst zur Sprache gebracht hatte, sondern weil ihm an dem Schlüsselbund des Mannes etwas aufgefallen war, und er sich vergewissern wollte, dass er richtig gesehen hatte.
«Wie war das nun mit dem Testament?«, sagte er.»Kannten Sie seinen Inhalt?«
Moullin antwortete erst, als er die Tür unter dem Vordach erreicht und den Schlüssel ins Schloss geschoben hatte. Er drehte sich um.»Wir hatten keine Ahnung von irgendeinem Testament«, sagte er.»Schönen Tag noch.«
Er wandte sich wieder der Tür zu und sperrte sie auf. Sie fiel mit einem Knall hinter ihm zu, als er ins Haus getreten war. Aber St. James hatte gesehen, was er hatte sehen wollen. An dem Ring mit Henry Moullins Schlüsseln hing ein kleiner runder Stein mit einem Loch in der Mitte.
St. James trat vom Haus weg. Er war nicht so naiv, zu glauben, er hätte von Henry Moullin alles erfahren, was es zu erfahren gab, aber ihm war klar, dass er im Moment nicht weiterkommen würde. Trotzdem blieb er auf dem Weg die Einfahrt hinunter noch einmal kurz stehen und betrachtete das Muschelhaus: zugezogene Vorhänge am helllichten Tag, eine verschlossene Tür, ein zerstörter Garten. Er überlegte, was es hieß, Launen zu haben. Er dachte darüber nach, welche Macht es einem Menschen verlieh, die geheimen Träume eines anderen zu kennen.
Während er dort stand, ohne auf irgendetwas im Besonderen zu achten, hatte er den Eindruck leichter Bewegungen am Haus. Er suchte sie und fand sie an einem kleinen Fenster.
Eine Gestalt hinter dem Glas ließ den Zipfel eines Vorhangs herabfallen. Aber nicht, bevor St. James helles Haar wahrnahm und eine schattenhafte Gestalt, die sich in Luft aufzulösen schien. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht geglaubt, ein Gespenst gesehen zu haben. Aber ein Licht im Zimmer erhellte flüchtig die Silhouette einer Frau.
18
Paul Fielder war ungeheuer erleichtert, als er Valerie Duffy über den Rasen kommen sah. Ihr schwarzer Mantel flog bei ihrem raschen Lauf auseinander, und die Tatsache, dass sie ihn nicht zugeknöpft hatte, sagte ihm, dass sie auf seiner Seite war.
«Augenblick mal«, rief sie laut, als der Polizeibeamte Paul bei der Schulter packte und Taboo den Beamten beim Hosenbein.»Was tun Sie da? Das ist unser Paul. Er gehört hierher.«
«Warum sagt er dann nicht, wer er ist?«Der Walrossschnurrbart des Constable, in dem noch eine Frühstücksflocke hing, zuckte mit jeder Mundbewegung. Paul beobachtete fasziniert das Flöckchen, das hin und her schwang wie ein Bergsteiger in einer gefährlichen Felswand.