Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
»Ach ja. Aber wie Ihr wißt, braucht so etwa manchmal seine Zeit. Sie ist eine so bezaubernde Frau. Wollt Ihr sie bitte von mir grüßen?« sagte er, und Jona nickte und trank seinen Wein aus.
Jona konnte nicht abschätzen, ob Adriana unfruchtbar war oder ob der Fehler bei ihm lag, denn seines Wissens hatte er noch nie eine Frau geschwängert. Ihre Kinderlosigkeit war das einzige Unglück in ihrer Ehe. Jona wußte, wie sehr seine Frau sich eine Familie wünschte, und es tat ihm weh, die Traurigkeit in ihrem Blick zu sehen, wenn sie die Kinder anderer Frauen betrachtete.
Er hatte Montenegro um Rat gefragt, und nach dem gemeinsamen Studium der verfügbaren medizinischen Literatur hatten sie beschlossen, ihr einen Aufguß aus Hülsenfrüchten, Kampfer, Zucker, Gerstenessenz und mit Wein vermischter gemahlener Alraunwurzel zu geben, ein Rezept, das angeblich von dem islamischen Arzt Ali ibn Ridwan stammte. Drei Jahre lang nahm Adriana diesen Trank nun schon regelmäßig, zusammen mit anderen Arzneien, doch bislang ohne Ergebnis.
Sie führten ein stilles und geordnetes Leben. Um den Schein zu wahren, begleitete Adriana ihn an mehreren Sonntagen pro Monat in die Kirche, doch ansonsten ging sie nur selten in die Stadt, wo sie als Frau des Medicus mit Hochachtung behandelt wurde. Sie bebaute einen vergrößerten Küchengarten, und zusammen mit Jona hatte sie langsam, aber stetig immer mehr der Obst- und Olivenbäume zum Fruchttragen gebracht. Es machte ihr großen Spaß, das eigene Land zu bearbeiten wie ein peon.
Es war für Jona eine sehr befriedigende Zeit. Zusätzlich zu der Frau, die er liebte, hatte er eine Arbeit, die ihm teuer war, und sogar noch die Freuden der Gelehrsamkeit. Nur wenige Monate nach ihrer Ankunft aus Pradogrande war er auf der letzten Seite des Kanon der Medizin angelangt. Fast widerstrebend hatte er das letzte Blatt mit hebräischen Schriftzeichen übersetzt - eine Warnung an die Ärzte, daß Patienten in einem geschwächten Zustand oder solche, die an Durchfall oder Übelkeit litten, nicht zur Ader gelassen werden sollten.
Und dann war er soweit, daß er auf einem eigenen Blatt die letzten Worte niederschreiben konnte.
Der Beschluß der Arbeit und eine Danksagung
Möge diese unsere kurze Abhandlung über die allgemeinen
Prinzipien der Wissenschaft der Medizin für tauglich befunden werden. Unsere nächste Aufgabe wird ein Buch der Heilkräuter sein, mit Allahs Erlaubnis.
Möge Er unser Beistand sein, und Ihm danken wir für
seine unermüdliche Gnade.
DAS ENDE DES ERSTEN BUCHS DES KANONS DER MEDIZIN VON
AVICENNA DEM ERSTEN DER ÄRZTE.
Jona nahm feinen Sand, um die Tinte zu löschen, und schüttelte ihn vorsichtig wieder ab, bevor er das Blatt oben auf den beträchtlich angewachsenen Manuskriptstapel auf seinem Schreibtisch legte. Er war erfüllt von einer ganz eigenen Freude, die, wie er glaubte, nur Schriftsteller und Gelehrte empfinden können, die sich über lange Zeit hinweg und in völliger Einsamkeit abgemüht haben, um ihr Werk zu vollenden, und er bedauerte, daß Nuno Fierro das Ergebnis des Auftrags nicht mehr sehen konnte, den er seinem Lehrling erteilt hatte.
Jona stellte den spanischen Avicenna in ein Regal und den hebräischen Avicenna wieder in sein Nischenversteck in der Wand, aus dem er nun den zweiten Teil von Nunos Auftrag nahm, die medizinischen Aphorismen des Maimonides. Und da noch Zeit war, bis Adriana ihn zum Abendessen rief, setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch und fing an, die erste Seite zu übersetzen.
Die beiden pflegten nur wenig gesellschaftlichen Umgang. Kurz nach Adrianas Ankunft in Saragossa hatten sie Montenegro zum Abendessen eingeladen. Der kleine, lebhafte Mann war Witwer und hatte ihnen ihre Freundlichkeit vergolten, indem er sie in ein Gasthaus in der Stadt einlud. Aus diesen gegenseitigen Bewirtungen war eine liebgewonnene Gewohnheit geworden.
Adriana war bezaubert von der Geschichte ihres Hauses. »Erzähl mir von den Menschen, die hier gewohnt haben, Ramon«, sagte sie. Es erstaunte sie, daß Reyna Fadique Haushälterin aller drei Ärzte gewesen war, die auf der hacienda gelebt hatten. »Was für eine ungewöhnliche Frau muß sie doch sein, daß sie drei verschiedene Herren ihres Hauses zufriedenstellen konnte«, sagte sie. »Ich würde sie sehr gerne kennenlernen.«
Jona hoffte, sie würde diesen Wunsch wieder vergessen, aber das tat sie nicht, und so ritt er schließlich in das Dorf, um Reyna einzuladen. Sie beglückwünschten sich gegenseitig, denn beide hatten seit ihrer letzten Begegnung geheiratet. Die Arbeit an dem Haus, das ein Rasthaus werden sollte, gedieh prächtig, und Reyna meinte, es freue sie sehr, daß Jonas Frau sie und Alvaro - der mit Familiennamen Saravia hieß - zum Essen in das Haus einlade, in dem sie so lange Dienerin gewesen war.
Als sie dann kamen - und als Geschenke eine Bienenwabe und Wein mitbrachten -, schienen die Frauen sich zu Anfang mit übertriebener Höflichkeit zu begegnen. Jona und der weißhaarige Alvaro brachen zu einem Spaziergang über das Grundstück auf und ließen die Frauen allein, damit sie sich besser kennenlernen konnten. Alvaro war auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, und er lobte Joans und Adrianas Bemühungen zur Rettung der Bäume. »Wenn Ihr noch mehr Bäume zum Fruchttragen bringt, dann wäre es vielleicht sinnvoll, oben am Hügel, in der Nähe des Obstgartens und des Olivenhains, einen kleinen Schuppen zu bauen, wo man Werkzeug und geerntete Früchte lagern könnte.«
Es schien ein guter Vorschlag, und auf dem Rückweg zum Haus besprachen sie die Kosten der Arbeit und die Menge der Steine, die für die Mauer nötig waren. Dort angekommen, sahen sie, daß die Frauen einander anstrahlten und eifrig miteinander plauderten. Das Essen verlief angenehm, und als die Gäste sich verabschiedeten, umarmten sich die beiden Frauen, die offensichtlich Freundinnen geworden waren.
Adriana sprach voller Zuneigung über Reyna, als sie danach den Tisch abräumte. »Sie ist dir wie eine Mutter, und ich glaube, sie wäre gern Großmutter. Sie hat mich gefragt, ob bei mir was unterwegs ist.«
Jona war entsetzt, wußte er doch, wie traurig das Thema Schwangerschaft seine Frau stimmte. »Was hast du gesagt?«
Adriana lächelte. »Noch nicht, habe ich ihr gesagt, weil wir bis jetzt nur geübt haben.«
Am letzten Tag des Dezember kam ein junger Mönch, den Kopf gegen den Wind eingezogen, auf die hacienda geritten und klopfte an die Tür. »Senor Callico, dieser Brief, der für Euch bestimmt ist, kam mit der Sendung aus Toledo.« Als Jona das Wachssiegel erbrach, sah er, daß der Brief von Padre Francisco Espina stammte.
An Senor Ramon Callico, Medicus von Saragossa, sende ich meine Grüße und die Hoffnung, daß Ihr bei guter Gesundheit seid.
Seit einigen Jahren bin ich nun schon Gehilfe des Hochwürdigen Enrique Sagasta, Weihbischof zu Toledo. Bischof Sagasta ist damit beschäftigt, ein Buch über das Leben der Heiligen zu verfassen, ein gesegnetes Vorhaben, welches die Unterstützung unseres Allerheiligsten Vaters in Rom erhält und zu selbigem beizutragen mir eine Ehre und ein Vergnügen ist. Er ist außerdem Vorsteher des Offiziums für Glaubensangelegenheiten im Toledaner Bistum, in welcher Eigenschaft er Kenntnis von einem Edelmann aus Tembleque erhielt, der von einer schlimmen Krankheit befallen ist.