Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Mühsam und unendlich langsam setzte sie sich also auf die Knie, dann wartete sie für die Dauer von zwei, drei gequälten Atemzügen, bevor sie vom Ufer wegkrauchte. Ihre Seite schmerzte, als wären ein oder zwei Rippen geprellt - wenn nicht noch etwas Schlimmeres - und vor ihren Augen flirrte nicht nur allerlei Unrat durch die Luft, sondern auch bunte Punkte, die davon kündeten, dass sie dem endgültigen Zusammenbruch näher war, als es ihr lieb sein konnte.
Jetzt rächte es sich, dass sie in den letzten Tagen nichts gegessen hatte. Sie brauchte all ihre Kraft, um sich endgültig hochzustemmen und loszulaufen. Obwohl es mehr ein Torkeln als ein Laufen war, begriff sie doch sofort, was hier nicht stimmte: Ihre Füße waren nicht mehr zusammengebunden. Irgendetwas musste das Seil zerfetzt haben, als sie herumgewirbelt worden war.
Sie war auf der Flucht.
Zakaan befand sich am Rande seiner Kraft. Er war so schnell gegangen, wie ihm das möglich gewesen war, und war jetzt am Fuß dreier halb verfallener Hütten angekommen, die wie Vogelnester in dem Felsen vor ihm klebten. Nun wusste er nicht, wie es weitergehen sollte. Er hatte geglaubt, seinem Bruder mit jedem Schritt näher zu kommen. Aber offensichtlich hatte er sich getäuscht. Weder von seinem Bruder noch von Lexz oder sonst jemanden war eine Spur zu sehen.
Schlimmer noch: Die Hütten sahen aus, als hätte hier schon seit Ewigkeiten niemand mehr seinen Fuß hineingesetzt. Der Lehm war an vielen Stellen von dem brüchig wirkenden Weidengeflecht abgeplatzt und gab den Blick auf die Dämmung aus dicht gepresstem Gras frei, das sich zwischen dem Geflecht befand. Zwei der drei Hütten hatten keine Tür mehr, und die noch verbliebene Tür in der am weitesten von ihm entfernten Hütte war derart mit Löchern übersät, als hätte sie jemand als Zielscheibe genutzt. In dem Reetdach der gleichen Hütte steckte offenbar ein abgebrochener Pfeil, wenn er das aus der Entfernung richtig erkannte.
Doch dies war nicht das einzige Problem, das er hatte. Das Wetter änderte sich mit einer erschreckenden Geschwindigkeit, und zwar auf eine Weise, die ihm geradezu widernatürlich schien.
Er lehnte sich mit einer erschöpften Bewegung an einen verkrüppelten Baum und starrte zu den Wolken empor. Sie waren dick und schwer, Nebelbänken gleich, die sich an Herbsttagen von Flüssen, Tümpeln und Mooren vorschoben, bis sie alles überlagerten und mit ihrem feuchten Mantel erstickten. Bei den Wolken sah es ganz ähnlich aus. Helle, fast weiße Bänke wuchsen der lichteren Wolkendecke von unten entgegen. Die Schicht über ihnen riss immer wieder auf, sodass für kurze Zeit an wenigen Stellen türkisblauer freier Himmel durchschimmerte. Alles war zwar in dräuender Bewegung, und doch schien es auch fest ineinandergefügt.
Zakaan stieß einen Seufzer aus. Manchmal war es gar nicht gut, wenn man zu viel wusste. Als junger Mann hatten er und sein älterer Bruder so manche kleinere Wanderung begleitet, und auf diesen Reisen war es ihnen vergönnt gewesen, einige der größten Schamanen und Medizinmänner versprengter Stämme und größerer Völker kennenzulernen. Sie hatten Dinge gesehen, die wahrscheinlich noch kein Raker vor ihnen zu Gesicht bekommen hatte, und hatten von Geheimnissen gehört, die mit Sicherheit nicht für ihre Ohren bestimmt gewesen waren. Mit einigen Menschen hatten sie sich kaum verständigen können, so fremd war ihre Sprache gewesen, während andere zwar eine in ihren Ohren merkwürdige Aussprache gehabt, sonst aber gut verständlich gesprochen hatten.
Und nun das. Die Wolken ... die mächtigsten von ihnen sahen aus wie feste Schneegebilde, weshalb man sie auch Schneewolken nannte, während die lichten Dunstwolken genannt wurden. Doch das, was sich aus ihrer Mitte heraus immer weiter vorschob, das hatten die weisen Männer Steinwolken genannt.
Die Steinwolken mochten ja harmlos aussehen. Aber das waren sie keineswegs. »Steinwolken stehen für das, was fest gefügt ist und doch auseinanderbricht«, murmelte er. »Steinwolken sind immer ...«
»Ein gefährliches Zeichen.«
Zakaan stieß einen spitzen Schrei aus und drückte sich so weit von dem Baum weg, dass er sich umdrehen konnte. Von dem Hang hinter ihm führte ein Pfad hinab, und auf diesem schritt ihm Abdurezak entgegen.
Er sah schlecht aus, erschöpft und noch dünner, als ihn Zakaan in Erinnerung hatte. Seine Schultern wirkten wie von einer schweren Last niedergedrückt. Aber seine Lippen umspielte ein feines Lächeln, und in seinen Augen blitzte eine unbändige Lebenslust und Freude auf.
»Bruder!«
Zakaan wollte schon losstürmen, aber seine Gedanken eilten den Füßen voraus, er geriet ins Stolpern und brauchte ein paar Schritte, bis er sich wieder einigermaßen gefangen hatte.
»Bruder!«, stieß er noch einmal hervor, »endlich!«
Arris geprellte Lungen brannten, als müsse sie Feuer einatmen, und ihre Waden waren so verkrampft, dass sie es kaum schaffte, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Das Schlimmste aber war das Zittern ihrer Hände, das besonders heftig wurde, wenn sie Halt suchend nach einem Felsvorsprung griff. Wie gefährlich das war, erfasste sie aber erst, als sie den schmalsten und gefährlichsten Teil der Kletterstrecke erreichte, den Übergang von einer Felsseite auf die andere, einen spitz zulaufenden Überhang, der wie eine Nase aus dem zerklüfteten Gipfel hervorstach.
Vorsichtig setzte sie ihren nackten Fuß auf einen schmalen Grat, dessen Spitze sich in ihre Sohle eingrub. Doch sie bemerkte es kaum. Ihre Fingerspitzen glitten auf der Suche nach einem Halt über vollgesogenes Moos, und ihre Handflächen schrappten über rissiges Gestein, bevor sie sich an einer Felsnase immerhin so weit festklammern konnte, dass sie nicht gleich weiterrutschte, über den Rand des bröckligen Pfads hinaus. Sie stieß einen zitternden Laut aus, der sich mit dem wütenden Gekläff der beiden Hunde, die sich auf ihre Fährte gesetzt hatten, zu etwas Ungutem vermischte. Tief in ihrem Inneren begriff sie, dass sie jetzt nahe daran war, in Panik zu geraten.
Was tat sie hier eigentlich - außer, sich in ihrem ohnehin schon angeschlagenen Zustand in Lebensgefahr zu bringen?
Das Hundegebell wurde lauter, aggressiver und vermischte sich mit dem unbeherrschten Geschrei ihrer Verfolger, die die Hunde unbarmherzig vorantrieben, damit sie die gefährliche Giftmischerin aufspürten, für die sie ihre ehemaligen Freunde jetzt hielten. Arri begriff, dass sie einen ganz und gar unnötigen Fehler gemacht hatte. Sie hatte es für eine besonders gute Idee gehalten, nicht den direkten Weg zum Steinbruch zu wählen, auf dem schmalen Pfad entlang, der vom Ufer her über eine Wiese bis zu einem Geröllfeld führte und in den Hügeln endete. Er war ihr als zu gefährlich erschienen, weil ihre Füße so deutliche Abdrücke im Schlamm und auch im Gras hinterlassen hätten, dass selbst ein zweijähriges Kind ihrer Spur hätte folgen können. Den Hügel hinauf, über Stock und Stein, dabei nicht auf vollgesogenes Moos treten, sondern immer auf der Suche nach festem, steinigem Untergrund bleiben, das war ihr wie ein guter Einfall vorgekommen.
Dabei hatte sie auf diese Weise nur kostbare Zeit verloren. Viel besser wäre es gewesen, sofort und ohne Rücksicht auf irgendwelche Spuren zur Höhle zu laufen und das Schwert ihrer Mutter zu holen, das sie dort versteckt hatte, um dann so schnell wie möglich in die Abenddämmerung hinauszulaufen und zu sehen, dass sie möglichst viel Strecke zwischen sich und die Männer und Frauen brachte, die sie für das Unglück verantwortlich machten, das über sie gekommen war.
Das konnte sie jetzt vergessen. Jede einzelne Bewegung kostete sie eine Kraft, die sie nicht mehr hatte, und brachte sie zudem noch kaum voran. Dies alles hatte sie sich viel leichter vorgestellt. Trotz der dichten, fast schwarzen Wolkendecke war es über ihr noch so hell, dass sie ihre Umgebung erkennen konnte, und trotzdem wusste sie nicht genau, wo sie war und wie sie von hier aus zur Höhle kommen sollte. Sie wusste nur, dass sich der Eingang irgendwo unter ihr in der Wand befand, verborgen hinter Gebüsch, ein tiefes finsteres Loch, das scheinbar endlos in den Berg hineinführte. Wie hatte sie sie damals nur finden können? War es nicht so gewesen, als hätte eine unbekannte Kraft sie gezogen und keine Ruhe gegeben, bis sie endlich hochgeklettert war und einen Busch beiseite gedrückt hatte ...