Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Nein. Entschieden schüttelte sie den Kopf, und nasse Haarsträhnen strichen ihr wie liebkosende Finger über die Stirn. Da musste sie erneut an ihre Mutter denken, aber diesmal an die beruhigende Geste, mit der sie ihr so oft über den Kopf gestrichen hatte. »Ich habe dafür gesorgt, dass die zotteligen Dorfköter eine alte Spur von dir aufgenommen haben«, hätte Lea dabei vielleicht gesagt und leise gelacht.
Und Arri hätte nicht gewusst, ob ihre Mutter das ernst meinte, oder ob es nur einer ihrer unmöglichen Scherze war, mit denen sie sie so oft zur Weißglut gereizt hatte. Damals hatte sie diese Art einfach nur gehasst, mittlerweile vermisste sie sie aber.
»Mutter«, flüsterte sie fast anklagend und starrte nun nach oben, zu der dichten Wolkendecke empor, dem Schutzwall der Regengöttin vor dem fordernden Sonnengott, wie die Raker glaubten. Sie hielt das für Unsinn. Dort, weit über den Wolken, waren die Sterne, die denjenigen zu leiten verstanden, der ihre Geheimnisse kannte. Und irgendwo dort oben gab es auch Lea, die über sie wachte, da war sie sich ganz sicher.
Der Gedanke hätte ihr eigentlich Trost spenden sollen. Aber das Gegenteil war der Fall. Plötzlich begriff sie nämlich, wie allein sie war.
Lea war tot. Dragosz war tot. Und ihren Sohn würde sie nie wieder in die Arme schließen dürfen, wenn es nach Kaarg und den anderen ging.
»Verdammt!«, schrie sie nach oben hinauf. »Ich lasse das aber nicht zu! Ich werde mein Schwert holen, und ich werde meinen Sohn befreien! Und ich werde auf niemanden Rücksicht nehmen, der mich daran hindern will!«
Jäh wandte sie sich ab und machte sich an den Abstieg. Ihr Herz schlug hart und heftig, und die Seite, die sie sich beim Aufprall aufs Ufer geprellt hatte, schmerzte bei jeder kleinsten Anstrengung. Ihre Entschlossenheit geriet dadurch aber nicht ins Wanken, ganz im Gegensatz zu ihrem Körper, der ihr nicht gehorchen wollte und somit die eigentlich nicht besonders schwierige Kletterpartie zu einem unkalkulierbaren Risiko werden ließ. Obwohl sie sich auf eine lächerliche Weise dafür schämte, konnte sie doch nicht verhindern, dass ihr eine Träne aus dem Augenwinkel lief.
Dragosz hatte ihr Stärke gegeben - ohne ihn war alles so viel schwerer. Der ersten folgte eine zweite Träne, dann musste sie blinzeln und stehenbleiben, um sich die vielen Tränen aus den Augenwinkeln zu wischen.
Es würde nie wieder jemand da sein, der ihr Schutz gab: Jetzt aber musste sie selbst für Kyrill da sein und ihm Schutz bieten. Sie wusste nicht, ob sie das schaffen würde. Sie fühlte sich so schwach und erbärmlich, kaum in der Lage, sich auch nur auf den nächsten Schritt zu konzentrieren. Sie versuchte, alles wegzudrängen, was an Zweifeln und Ängsten in ihr hochstieg. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen. Gegen ihren Willen musste sie an die verhangene Vollmondnacht denken, in der sie zum ersten Mal allein aus dem Dorf und zum Steinkreis hatte schleichen wollen, und in der ihre Knie mindestens genauso wacklig gewesen waren wie jetzt. Plötzlich hatte sie Schritte hinter sich gehört, und ihr Herzschlag hatte fast ausgesetzt, als ein Schatten auf sie zugekommen war ...
Es war Lea gewesen, natürlich. Ihre Mutter hatte sie mit scharfen Worten zurückgerufen, und das nicht nur dieses eine Mal, sondern immer wieder, wenn es Arri in den Nächten zum Steinkreis gezogen hatte, zu diesem Ort purer Magie, der sie von Kindesbeinen an gefesselt hatte.
Jedes Mal war es niederschmetternd gewesen. Aber nicht nur das. Trotz all ihrer Empörung, trotz ihres Wunsches, den Steinkreis allein zu untersuchen, um ihm seine Geheimnisse zu entreißen, hatte sie sich dort auch ein Stück ... behütet gefühlt. Lea war immer da gewesen, sie hatte stets ein wachsames Auge auf sie gehabt, gleichgültig was passiert war.
Sie hätte gern geglaubt, dass dies auch heute noch so war. Aber sie war ja kein kleines dummes Kind mehr, sie war eine Heilerin, die für gewöhnlich sehr gut zwischen Wunschdenken und harter Wirklichkeit unterscheiden konnte.
Und das, was sie jetzt erlebte, war nichts als die Wirklichkeit. Grausame, niederschmetternde Wirklichkeit.
Der Wind wisperte, die Stimme in ihrem Kopf, die wie die ihrer Mutter klang, nahm das unruhige Auf- und Abschwellen auf und verwandelte es in Worte. »Du bist vor ein paar Tagen dort oben gewesen«, glaubte Arri zu hören. »Du hast Kräuter gesammelt. Dunkle Kräuter, die Kraft spenden. Helle Kräuter, die die Heilung anregen. Und du hast nach dem Runzelkraut gesucht, das ich dir in einer Vollmondnacht gezeigt habe. Jenes, das man nur selten findet, und dann auch nur dort, wo sich ein reicher Nährboden für Schlingpflanzen befindet ...«
Das Runzelkraut. Arri nickte. Noch wenige Tage vor seinem Tod hatte Dragosz von ihr verlangt, dass sie dieses ungewöhnliche Kraut suchen sollte. Er war dabei ungewohnt ernst und eindringlich gewesen, und als sie seine Bitte mit dem Hinweis auf das bevorstehende Fest mit einer fröhlichen Bemerkung hatte ablehnen wollen, hatte er sie am Arm gepackt und ihr tief in die Augen gesehen:
»Dieses Kraut ist wichtig, Arri. Sehr wichtig sogar!«
»Sogar so wichtig, dass wir deswegen unser kleines Fest verschieben müssen«, hatte sie lächelnd geantwortet.
Dragosz hatte nicht gelächelt. Er hatte darauf bestanden, dass sie sofort in die Hügel ging, um Runzelkraut zu suchen. Und sie hatte ihm gehorcht.
Ein gutes Stück weiter gab es einen berüchtigten Schlingpflanzenwald, in den man zwar hineinkam, wie es hieß, aber niemals mehr wieder heraus. Mitten in dem Wald sollte es auch jede Menge Runzelkraut geben. Es von dort zu holen war wegen der aggressiven Schlingpflanzen aber lebensgefährlich. Also hatte sie es in den Hügeln versucht, wo es einige wenige Mulden gab, aus denen Schlingpflanzen über den feuchten Boden wucherten.
»Ich habe die Hunde jetzt auf deine alte Spur gehetzt ...« Leas Stimme wurde immer leiser, bis sie fast unhörbar war.
Doch es war Unsinn. Ihre Entkräftung gaukelte ihr vor, die Stimme ihrer Mutter zu hören, und sie log, die Hunde würden eine alte Spur von ihr verfolgen. Das aber war vollkommen ausgeschlossen. Sie kannte die Dorfhunde, oft genug hatte sie gemeinsam mit ihnen herumgetollt oder ihnen heimlich etwas zu fressen gegeben, Aas oder Fischabfälle. Es war völlig unmöglich, dass diese hellwachen Mischlinge nicht eine frische Fährte von einer, die ein paar Tage alt war, unterscheiden konnten.
»Du hast die Hunde nicht auf meine alte Spur gehetzt, Mutter«, sagte sie leise. »Irgendetwas muss sie aufgeschreckt haben. Sie verfolgen jemanden. Vielleicht diese Keulen schwingenden Barbaren, von denen die Jäger berichtet haben. Vielleicht aber auch Krieger aus Goseg. Vielleicht steht ja ein Angriff bevor.« Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach: »Und vielleicht kann ich mir das sogar zunutze machen.«
Das leise Raunen des Windes antwortete ihr, ein klagender, anhaltender Laut, in den sich alles und nichts hineindeuten ließ. Auch die Stimme ihrer Mutter raunte: »Wen willst du töten? Deine Verfolger - oder dich selbst?«
»Ich will niemanden töten«, antwortete Arri finster. »Ich will nur mein Kind wieder haben. Das ist alles.«
»Indem du dich mit Barbaren verbündest? Nein, mein Kind. Es muss einen anderen Weg geben.«
Arri schüttelte erneut den Kopf. »Nein, Mutter«, sagte sie mit fester Stimme. »Diesmal helfen keine klugen Sprüche. Diesmal muss ich mir selbst helfen.«
Kapitel 20
»Isch glaub es nischt«, murmelte Granartara. »Schau dir diese beiden alten Wischtigtuer an! Da hocken sie, als könnte sie kein Heilkräuterschen trüben!«
Auch wenn Granartara recht hatte, ging Lexz ihr dümmliches Gequatsche doch zunehmend auf die Nerven. Er fragte sich, was seinen Vater dazu gebracht haben mochte, dem Schamanen ausgerechnet dieses hässliche alte Weib mitzugeben, das wohl erst dann Ruhe gab, wenn man ihm den Schädel einschlug.