Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
Und das war er auch, dieser Roger Edwards. Er war anders, in vielerlei Hinsicht. Nur nicht da, wo es zählte.
Was eine Frau und einen Mann zueinander trieb, war nie einfach. Oberflächlich betrachtet, sah es einfach aus - Schwanz und Möse -, aber so war es nie. Man konnte es nicht erklären: ihre Geschichte und die Rogers, ihre Ängste und seine ungeheure Hoffnungslosigkeit, ihre beiderseitige Bedürftigkeit und die unausgesprochenen Erwartungen des einen an den anderen. Sichtbar war nur das Ergebnis: Ständige Beschuldigungen, die seiner Sucht entsprangen, und ewige Zurückweisungen dieser Beschuldigungen, die niemals ausreichten, zu denen stets Beweise verlangt wurden, die wiederum zu neuen Anschuldigungen Anlass gaben. Sie wurden mit einer sich steigernden Paranoia hervorgebracht, die wiederum von Drogen und Alkohol gespeist wurde, bis sie ihn schließlich nur noch los sein, nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte, auch wenn ihr Sohn wie so viele Kinder ihres Viertels ohne Vater aufwachsen würde; auch wenn sie damit gegen ihren festen Vorsatz verstieß, Daniel auf keinen Fall von lauter Frauen umgeben aufwachsen zu lassen.
Doch Roger weigerte sich zu gehen. Er wehrte sich. Er wehrte sich ernstlich. So wie ein Mann sich gegen einen Mann wehrt - stumm, mit Fäusten und Gewalt. Aber sie hatte die Waffe gehabt, und sie hatte sie benützt.
Fünf Jahre hatte sie dafür im Gefängnis gesessen. Sie war festgenommen und unter Anklage gestellt worden. Mit einer Körpergröße von einem Meter achtzig überragte sie ihren Mann um Haupteslänge. »Wieso also, meine Damen und Herren Geschworenen, glaubte diese Frau, sie müsse sich mit einem Messer zur Wehr setzen, als er angeblich aggressiv wurde?« Er hatte, wie es so schön hieß, unter dem Einfluss einer »körperfremden Substanz« gestanden, und die meisten seiner Schläge hatten sie verfehlt oder waren zu kurz gewesen oder hatten sie lediglich gestreift, anstatt sie dort zu treffen, wo sie ihr Schmerz bereitet oder, noch besser, etwas gebrochen hätten. Dennoch hatte sie gemeint, sich mit einem Messer gegen ihn wehren zu müssen, und hatte ihm nicht weniger als achtzehn Stiche beigebracht.
Mehr Blut wäre von Nutzen gewesen bei den nachfolgenden Untersuchungen durch die Polizei. Mehr Blut von ihr als von Roger. So hatte sie nicht mehr vorzuweisen als die Geschichte von dem attraktiven blonden Typen, der, gerade von seiner Freundin sitzen gelassen, den Blick eines jungen Mädchens auf sich zieht, das sich vor der Welt versteckt. Er lockt sie aus ihrem Schneckenhaus heraus; sie verspricht ihm einen erfrischenden Schluck Vergessen. Und was war schon groß dabei, wenn er ein wenig kokste und viel trank? Diese Verhaltensweisen waren ihr vertraut. Aber zwei Dinge hatte sie nicht akzeptieren können: Den Abstieg in Armut und Verwahrlosung und die Forderungen, dass sie nachts, in Türnischen, in geparkten Autos oder an den Baum einer Grünanlage gelehnt, das Geld verdienen sollte, um seine Sucht zu finanzieren.
»Raus! Mach sofort, dass du verschwindest!«, schrie sie ihn an. Und an diese schreiende Stimme und diese Worte erinnerten sich später die Nachbarn.
»Erzählen Sie uns einfach die Geschichte, Mrs. Edwards«, hatten die Bullen gesagt, zu Füßen den blutverschmierten Leichnam ihres Mannes. »Sie brauchen uns nur zu erzählen, was passiert ist, dann regeln wir das alles auf dem schnellsten Weg.«
Sie hatte mit Gefängnis dafür bezahlt, dass sie der Polizei ihre Geschichte erzählt hatte. Das war deren Art gewesen, die Dinge auf dem schnellsten Weg zu regeln. Fünf Jahre gemeinsamen Lebens mit ihrem Sohn hatte es sie gekostet, und als sie herausgekommen war, hatte sie nichts gehabt, und die folgenden fünf Jahre hatte sie geschuftet, gebettelt und geborgt, um die verlorene Zeit wieder einzuholen. Katja hatte Recht, und Yasmin wusste es. Man musste schon komplett verrückt sein, um dem Wort eines Bullen zu trauen.
Aber die Behauptungen des Bullen über Katjas Abwesenheiten - von ihrem Arbeitsplatz, von der Wohnung, von weiß Gott wo - waren nicht das Einzige, womit sich Yasmin konfrontiert sah. Es ging auch noch um das Auto. Und ob man dem schwarzen Kerl trauen konnte oder nicht - der Wagen war beschädigt.
Yasmin sagte: »Der eine Scheinwerfer am Auto ist kaputt, Katja. Er hat sich das gestern Abend angesehen, der Bulle, meine ich. Er wollte wissen, wie das passiert ist.«
»Und fragst du mich das jetzt?«
»Ja, schon.« Energisch verrieb Yasmin die Scheuermilch in der alten Wanne, als könnte sie so die Stellen entfernen, wo das Metall durch das Email schimmerte. »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich irgendwo dagegengefahren bin. Du?«
»Warum will er das überhaupt wissen? Was geht es ihn an, wie der Scheinwerfer zerbrochen ist?«
Katja war fertig mit dem Zähneputzen und beugte sich über das Waschbecken, um im Spiegel ihr Gesicht zu mustern, wie sie es immer tat, wie auch Yasmin es nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis monatelang getan hatte, um sich immer von neuem zu vergewissern, dass sie wirklich hier war, in diesem besonderen Raum, ohne Aufseher, ohne Gitter, ohne Schloss und Riegel, vor sich ihr Leben - das, was von ihm übrig war -, und verzweifelt bemüht, sich von dieser unstrukturierten Spanne leerer Jahre keine Angst machen zu lassen.
Katja wusch sich das Gesicht und trocknete es. Sie wandte sich um und lehnte sich mit dem Rücken an das Waschbecken, während Yasmin fortfuhr, die Wanne zu reinigen. Als sie die Hähne zudrehte, sagte Katja: »Was will er von uns, Yas?«
»Von dir«, verbesserte Yasmin. »Von mir will er gar nichts. Es geht um dich. Wie ist der Scheinwerfer zu Bruch gegangen?«
»Ich wusste nicht mal, dass er kaputt ist«, antwortete Katja.
»Ich habe ihn nie beachtet… Yas, stellst du dich regelmäßig vor dein Auto und inspizierst es? Hast du gewusst, dass der Scheinwerfer kaputt ist, bevor er dich darauf aufmerksam gemacht hat? Nein? Er kann schon seit Wochen kaputt sein. Ist es denn so schlimm? Das Licht funktioniert doch noch? Wahrscheinlich ist uns auf dem Parkplatz jemand dagegengefahren. Oder auf der Straße.«
Das war gut möglich. Aber kamen Katjas Erklärungen nicht irgendwie zu hastig, waren sie nicht zu bemüht? Und warum fragte sie nicht danach, welcher Scheinwerfer zerbrochen war? Wäre es nicht normal, wissen zu wollen, um welchen Scheinwerfer es sich handelte?
Katja fügte hinzu: »Es kann genauso gut passiert sein, als du den Wagen gefahren hast. Wir wissen ja nicht, wann es passiert ist.«
»Stimmt«, sagte Yasmin gedehnt.
»Was soll dann -«
»Er wollte wissen, wo du warst. Er war bei deiner Arbeitsstelle und hat sich nach dir erkundigt.«
»Sagt er. Aber wenn er wirklich mit ihnen gesprochen hat und sie ihm erzählt haben, dass ich vier Tage nicht da war, warum hat er das dann nur dir gesagt und nicht mir? Ich war doch hier, ich stand mit euch beiden im Zimmer. Warum hat er mich nicht nach einer Erklärung gefragt? Überleg dir das mal.«
Yasmin musste einräumen, dass Katjas Entgegnung logisch und der Überlegung wert war. Der Constable hatte Katja tatsächlich nicht nach einer Erklärung ihrer Abwesenheit von ihrer Arbeitsstelle gefragt, als sie alle drei gemeinsam im Wohnzimmer gewesen waren. Er hatte nur mit Yasmin darüber gesprochen, beinahe vertraulich, als wären sie alte Freunde, die sich nach langer Zeit wieder getroffen hatten.
»Du weißt doch, was das bedeutet«, fuhr Katja fort. »Er will einen Keil zwischen uns treiben, weil ihm das nützlich wäre. Und wenn er es schafft, wird er sich hinterher bestimmt nicht bemühen, uns wieder zusammenzubringen. Auch dann nicht, wenn er erreicht hat, was er will - was immer das auch ist.«