Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
An der Schneiderei Lukas vorbei, an der Tanzschule Roeckler, aus der das Tremolo eines bis zur Dünnhäutigkeit abgenutzten Flügels nieselte.
— Er hatte Zahnschmerzen, schrieb Meno, dieser Flügel im Tanzsaal in der ersten Etage, so verstimmt und empfindlich klang er, und daneben rankten sich die Nosferatu-Finger eines von den Füßen bis zu den Ellbogen in Stuck gehauenen Cellisten um das Griffbrett seines verschnupften Cellos, die Glatze des Pianisten blinkte in rhythmischer Eintracht mit dem salonweichen Bogen-Aufundab des Geigers, der im Schniepel, abseits vom Cello und dem Flügel, in metallisch schimmernder Korrektheit neben einer Monstera mit senfblassen Blättern stand, Tangos über den Schachbrettboden der Tanzfläche schleichen ließ, zu den schmirgelnden Schritten der Anfängerkurse, wobei seine linke Hand Vibratos leierte, die dem Pianisten, mit einer Papierblume auf der Frackbrust, leere Blicke an die Saaldecke entlockten, wo sich Amoretten und geflügelte Nilpferdchen, die erst dem zweiten Blick gestanden, Engel zu sein, in Rosenwolken neckten; die Tannhäuser-Musik sprießt über die Szenerie, und ich könnte Niklas jetzt berühren, nur sein Körper ist anwesend, ist erstarrt und würde vielleicht nichts spüren, das Wort ist über ihn gesprochen, und der zweite Niklas: den nur er kennt, der seinen Körper bewohnt, ist fort —
Dies Tremolo auf dem Gipfel stumpf gewordener Melodien weckte in Meno Erinnerungen an seine Schulzeit und manche vergeblich absolvierte Tanzstunde. Am Haus Zu den Meerkatzen vorbei und jetzt die Mondleite in Richtung zur Bautzner Straße hinunter kroch der Nebel aus der Grünleite, die als Sackgasse hinter der Kreuzung vom Lindwurmring abzweigte und wo sich Arbogasts Chemisches Laboratorium befand.
«Wollen wir weitergehen?«Meno wies auf den Nebel.
«Warum soll man nicht mal nach faulen Eiern riechen, wenn man nach Hause kommt«, entgegnete Schevola.»Was wird da eigentlich produziert?«
«Das weiß keiner außer dem Baron und seinen Mitarbeitern. Es unterliegt der Geheimhaltung, soviel ich weiß. Man munkelt allerlei.«
«Also gehen wir. — Erzählen Sie mir von sich.«
«Da gibt es nicht viel zu erzählen.«
«Sie sind ein verschlossener Mensch. Sie reden wenig und beobachten viel. Solche Menschen haben oft viel zu sagen.«
«Meinen Sie.«
«Ein Abenteurer scheinen Sie nicht zu sein«, kommentierte sie, als sie sich der Grünleite näherten und er stehenblieb. Es stank jetzt wie auf einer Müllkippe.
«Kommt drauf an, wo Sie das Abenteuer suchen würden.«
«Hier und jetzt gehen Sie keins ein, darauf wette ich.«
«Wetten Sie nicht zu hoch.«
«Wie wär’s?«Sie wies in die Grünleite, auf die dampfenden Gebäude des Chemischen Laboratoriums.
«Und wenn es Wachen gibt?«
«Ich hätte also doch ziemlich hoch wetten können.«
«Wir müssen vorsichtig sein, ich weiß nicht, was passiert, wenn wir erwischt werden. «Er warf einen Blick auf ihre Kleidung.»Sie sind zu gut angezogen für das, was wir vorhaben. Und Ihr Mantel ist zu hell, man wird Sie sehen können.«
«Wird man nicht. Das ist ein Wendemantel. Moment. «Sie zog ihn aus, schlug das dunkle Futter nach außen.»Kennen Sie sich hier eigentlich aus?«Sie setzte ein herausforderndes Lächeln auf.
«Wir werden sehen.«
Die Grünleite war vom schwachen Lichtschein einiger Häuser beleuchtet, die zum Lazarett gehörten, sowjetische Offiziere und Ärzte wohnten darin. Eins der Fenster stand offen, Radiomusik schwappte heraus. Schevola wechselte auf die gegenüberliegende Straßenseite, die im Schatten einer hohen Mauer lag. Das Mauerwerk war stark angegriffen. Meno zog sein Taschenmesser hervor und stieß es probeweise in den Mörtel. Die Klinge versank bis zum Heft, ohne daß er den Stoß mit großer Kraft geführt hatte. Auf der Mauerkrone war Stacheldraht gespannt, aber an einigen Stellen ragten Baumkronen herüber. Es mußte sich um den Wald handeln, durch den weiter vorn der Kuckuckssteig von Arbogasts Chemischem Laboratorium hinab zur Bautzner Straße und zum Mordgrund lief. Fabian Hoffmann, der Sohn des Toxikologen aus der Wolfsleite, hatte ihn mit seiner Bande, zu der auch Ina Rohde und Fabians Schwester Muriel gehörten, ausgekundschaftet, er hatte Meno von verwitterten Statuen erzählt und von einer Mauer aus undurchdringlichem Gestrüpp, verwilderten Heckenrosen, die den Kuckuckssteig vom Wald des Chemischen Instituts abgrenzten. Schevola drehte sich gegen die Mauer und hustete unterdrückt. Der Nebel quoll wie feuchte Watte aus dem Eingangstor des Laboratoriums, das wie am Haus Arbogast aus einem kunstvoll gearbeiteten schmiedeeisernen Greif bestand, hier überwölbt von einem gelbschwarz gebänderten Stahlbogen. Meno wunderte sich, wie die Anwohner bei diesem Gestank das Fenster offenlassen konnten, sie mußten unempfindliche Nasen haben oder waren Schlimmeres gewöhnt. Schevola spähte durch das Tor.»Niemand zu sehen. Am besten da«, sie wies auf das Ende der Sackgasse, wo neben einigen Garagen Müllcontainer standen,»wenn wir die an die Mauer rollen, müßten wir’s schaffen. «Sie stand bis zu den Knien in dem gelblichen, jetzt nach Fischsuppe stinkenden Nebel, auf ihrem Gesicht lag ein zugleich gieriger und wacher Ausdruck, den sie in Menos Blick gespiegelt wiederzuerkennen schien: der Ausdruck verschwand sofort, es war, als ob sie ihn fallengelassen und einem feinen, raschen Radierstift überlassen hätte.»Sehen Sie mal. «Sie hielt den Zeigefinger hoch und präsentierte Meno einen schwarzen Klecks auf der Kuppe.»Wofür halten Sie das? Teer?«
Er prüfte den Klecks, dessen Schwärze glänzend war, zwischen Daumen und Zeigefinger, die Substanz war nachgiebig wie die Knete, mit der er in der Schule Kosmonauten und Jungpioniere geformt hatte, die Hündin Laika in der Raumkapsel, den Panzerkreuzer» Aurora «nach einer Vorlage aus der» Komsomolskaja Prawda«. Als Meno den Klecks an der Mauer abwischte, hinterließ er einen schwarzen Striemen.»Pech«, sagte er und versuchte den Striemen mit dem Schuh zu verwischen.»Und Vorsicht, davon scheint’s noch mehr zu geben. «Er zog Schevola vom Stahlbogen weg. Über die züngelnd geschmiedeten Greifenfedern tropfte das Pech, zog Fäden, wenn es niedersank vom Schnabel, der wie eine triefende, kieloben liegende Gondel wirkte, zum Hals und zu den Löwenklauen, füllte die Lücken im Geflecht der Schwingen, bildete Zöpfe, die auf dem Boden im schwindenden Nebel zu Pechpfützen zerliefen, die Kontakt gewannen, kurz verharrten, als müßten sie sich verständigen, dann ineinanderglitten und in ständiger unruhiger, wie suchender Bewegung schienen, gespeist von der Torwölbung, aus der die schwarze Masse jetzt in großen, lange sich dehnenden, weich abreißenden Placken schlackte. Schevola blickte auf ihre Schuhe, runzelte die Stirn, sah Meno mißmutig an.
«Nun?«sagte er,»wir sollten uns beeilen.«
«Hm«, erwiderte sie.
«Sie haben wohl plötzlich keine Lust mehr?«
«Meine schönen Schuhe … echte Salamander, die waren teuer! Judith, du bist …«Sie gab sich eine leichte Ohrfeige.»Soviel dazu. Die sind nun einmal versaut, weiter geht’s.«
«Sie schaffen das?«
«Jetzt klingen Sie wie Ihr Chef. Fehlt nur noch der Spiegel und der Kamm. «Sie blies amüsiert Luft durch die Nase aus. Mit der schmiegsamen Behendigkeit einer Katze war sie auf dem Garagendach. Meno las einige Kiesel auf und kam nach, auch bei ihm war nichts zu hören, was sie mit einem leisen Pfiff durch die Zähne quittierte:»Ehrlich gesagt wollte ich Sie das fragen; ich scheine Sie unterschätzt zu haben. «Sie preßte sich flach auf das Dach und starrte in die Dunkelheit vor ihnen.
«Achtung«, warnte Meno, sie schoben sich in Deckung hinter einen Baum, der den Rand des Daches erreichte. Ein Scheinwerfer flammte auf, suchte das Gelände ab, sie drückten sich in den Stammschatten, als das Licht an ihnen vorüberstrich.