Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
Meno querte die Turmstraße auf Höhe des Lindwurmrings, der zur Bautzner Straße parallel die ihr zugewandte Seite des Viertels umgriff und den Wald auf dem Abhang zur Mordgrundbrücke begrenzte, an der die Straßenbahn Anlauf nahm für die Steigung zum Viertel. Rechts, in einem baufälligen Eckhaus, befand sich die Pension Steiner, wie bei den meisten Häusern war der Putz schrundig und in großen Placken abgebröckelt; das Rot der freiliegenden Ziegel wirkte entzündet, der Mörtel zwischen den Steinen war auf einzelne Kerne reduziert. Unter den Ecken der Ziegel konnte man ihn körnchenweise herauspolken. Die Ziegel selbst schienen wie von Fraßgängen winziger Insekten durchsiebt, porös wie Zwieback, manche trieben Gas aus, das aus den undichten Leitungen abwich, wölbten den Putz, wenn er noch vorhanden war, zu Buckeln und Blasen, und wo sie Feuchtigkeit schwitzten, kroch wie Aussatz der Schwamm. Ein Gerüst stand auf der Turmstraßenseite des Hauses, es stand da schon seit Monaten, Arbeiter hatte man darauf noch nicht gesehen. Solche Gerüste gab es in der Stadt viele, man munkelte, daß dies eine neue Methode sei, ein Haus kostengünstig abzustützen. Sommers standen die Fenster der Pension Steiner offen, man hörte das Klappern der Schreibmaschinen aus dem 1. Stock, wo sich ein Handelskorrespondenzbüro, eine Außenstelle des» Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe«, befand. Im 4. Stock, über den Räumen der Pension, bewohnte Frau Zwirnevaden zwei Stuben, in einer davon betrieb sie ein Scherenschnittatelier, in dem sie Figurinen für das Trickfilmstudio Dresden herstellte. Über die alte Frau liefen im Viertel manche Gerüchte um, die Kinder fürchteten sich vor ihr, auch sah man sie selten. Sie trug schwarze Kleider und pantoffelartige Schuhe, die an den Spitzen aufgebogen waren, ließ ein Buchsbaumstöckchen mit Löwenköpfchen auf die Straße tacken, blieb vor den Schaufenstern der Geschäfte stehen und lockte hin und wieder mit welkem Zeigefinger. Eines der Gerüchte, von den beiden Uhrenhändlern des Viertels in Umlauf gebracht, besagte, daß alle Uhren zu schlagen begannen, wenn Frau Zwirnevaden vorüberging, und es mußte wohl, war sich die Mehrheit der Beobachter einig, etwas daran sein, denn die Uhrmacher Pieper und Simmchen, wegen seiner feinen Konstitution allgemein» Ticketack-Simmchen «genannt, waren spinnefeind und gönnten einander nichts. Aber Simmchen, dessen gleichnamiger Cousin ein Juweliergeschäft am Schillerplatz leitete, hatte flammend die Hände gehoben und zu Barbara gesagt:»Ich schwör’s Ihnen, Frau Rohde! Alle Uhren auf einmal, und es war doch erst fünf vor zwölf!«Barbara hatte beim Weitererzählen in der Pelzschneiderei» Harmonie «zwar darauf hingewiesen, daß Simmchens Nase rot wie eine Feuerbohne gewesen sei, doch habe sich Simmchen während ihrer Unterhaltung mehrfach und ausgiebig schneuzen müssen. Ein anderes Gerücht stammte von Frau Zschunke, Betreiberin des» Obst-/ Gemüse-/Speisekartoffeln«-Geschäfts, des sogenannten» Saftladens«, Ecke Rißleite/Bautzner Straße, eine etwa vierzigjährige, rosig beleibte, alleinstehende und den Außerirdischen-Th eorien Erich von Dänikens restlos ergebene Frau, die alle Augenblicke etwas fallenließ, weil sie unter» Huch!«und» Hach!«fürchterlich über etwas erschrocken war und sich atemringend an den imposanten Busen griff. Frau Zschunkes Schreckhaftigkeit nutzte die Jugend des Viertels unter Zuhilfenahme von Plastspringspinnen, die es in der Spielwarenhandlung König in der Lübecker Straße zum Preis von zehn Pfennig pro Stück zu kaufen gab, weidlich aus; mit Vorliebe dann, wenn Frau Zschunke in den Korb griff, um die Früchte in einen Blechscheffel zu sammeln und gegen Gewichtstücke, die in Reihen in einem Holzkasten aufb ewahrt wurden, abzuwiegen. Eines Tages war Frau Zschunke in die gegenüberliegende Konditorei Binneberg gerannt und hatte der um Törtchen und Mokka anstehenden Kundschaft eine verzweifelte Szene gemacht,»diese Frau«,»diese Zwirnevaden «habe ihr alle Kohlköpfe mit ihren Spinnenfingern» angetatscht «und sich murmelnd über die schlechte Qualität erregt (worauf einige der vor Binnebergs Eierschecke-Assemblée Wartenden kaltherzig nickten), ihr dann zwei der Kohlköpfe, einen weißen und einen roten, gereicht, worauf sie, Frau Zschunke, erst zur Weißkohl-, dann zur Rotkohl-Kasse gegangen sei — plötzlich aber Gesichter in den Kohlköpfen entdeckt habe! Eines davon habe dem Jungen vom Toxikologen Hoff mann aus der Wolfsleite ähnlich gesehen! — Doktor Fernau empfahl, die Diäten nicht nur auf Gelbe Köstliche zu beschränken, da in dieser Apfelsorte nur bestimmte Vitamine enthalten seien.
Winters waren die Rolläden vor den Fenstern der Pension Steiner herabgelassen. Kam man von der Straßenbahnhaltestelle, schimmerten die Lampen wie grüne und gelbe Augen durch die Jalousien, die schiefhingen und im Wind klirrten, dahinter wanderten Schatten auf und ab. In der Pension lebte ein ehemaliger Generalstäbler des Deutschen Afrikakorps’ Tür an Tür mit einem untersetzten Mann mit mächtigem schwarzgefärbtem Schnurrbart und rasiertem Schädel, der sich Hermann Schreiber nannte und von dem die Fama ging, er trage in Wahrheit einen russischen Namen und sei in seiner Jugend Spion im Dienst der zaristischen Geheimpolizei Ochrana und gleichzeitig der noch illegal arbeitenden Roten Truppen gewesen. Rumänen, Polen und Russen stiegen auf dem Weg zur Leipziger Messe gern in der Pension ab und feierten mit den Fremdsprachenkorrespondentinnen des Handelsbüros, die Russen manchmal auch mit Offizieren aus dem Lazarett der sowjetischen Streitkräfte, das früher ein Sanatorium gewesen war, berüchtigte Feste. Gegenüber der Pension, auf der anderen Seite der Turmstraße, gab es die» Autoersatzteil-Zentrale«. An Tagen, wo der Sage nach Lieferung gekommen sein sollte, bildeten sich lange Schlangen davor. Aus lauter Panik, etwas zu verpassen, stellte man sich ebenfalls an. Von Autos verstand Meno nicht das geringste, aber auch er hatte sich, in einer Art von heroischer Anwandlung, einmal in diese Schlange gereiht, weil ihn das Besitzfieber gepackt hatte; in einem der Ausharrenden hatte er nämlich den Bildhauer Dietzsch erkannt, der ihn fragte, ob er nicht eine Autoanmeldung besitze: was der Fall war;»Aber Herr Rohde, Sie würden doch eh nie fahren, hab ich recht? Verkaufen Sie mir Ihre Anmeldung — ich zahle Ihnen fünftausend Mark!«Denn das war das erste Geschenk vieler DDR-Bürger an ihre Kinder, wenn sie Jugendweihe oder Konfirmation hatten: sie für ein Auto anzumelden, das nach fünfzehn Jahren Wartezeit, wenn sie Schule, Lehre oder Studium längst abgeschlossen haben und das Geld dafür verdienen würden, gekauft werden konnte … Eine Anmeldung wie Menos, die aus den frühen Siebzigern stammte, war Gold wert. Aber Meno hatte Verdacht geschöpft (außerdem war seine Anmeldung für Christian bestimmt), Erwerbstrieb entwickelt, sich angestellt und zwei Auspuffkrümmer für einen» Polski Fiat«, einen» Wartburg«-Stoßdämpfer und drei komplette Sätze Scheibenwischer für einen» Saporoshez «käuflich erworben. Danach war» alles alle«, Herr Priebsch, der Verkäufer, hob bedauernd die Arme. Nicht einmal die aus einem Stück Draht gebogenen Röhrchen mit Haft-Saugnapf gab es mehr, in denen am» Trabant«- und» Wartburg«-Armaturenbrett eine Kunstblume aus Sebnitz in der Sächsischen Schweiz angebracht werden konnte, und die an diesem Tag eigentlich geliefert worden waren. Herr Klothe, der über den Rohdes im Italienischen Haus wohnte, Leiter der Abteilung Planung/Rationalisierung im VEB» Robotron «und nach Meno an der Reihe, nahm es mit der Gelassenheit, die man für diese Fälle entwickelt hatte:»Sagen Sie, Betten haben Sie wohl nicht mehr?«—»Nee«, antwortete der in einen blaugrauen Kittel gekleidete Herr Priebsch,»hier gibt’s nur keine Winterreifen. Keine Betten gibt’s im Möbelladen. Und auch dort werden Sie kein Glück haben, denn Betten werden ja hierzulande nicht mehr hergestellt.«—»Sachense bloß. Und wieso?«—»Ganz einfach, nicht nötig! Die Volksarmee steht auf Friedenswacht, der Intellekt ist auf Rosen gebettet, die Politiker schlafen im Ausland, die Rentner im Westen, die Künstler ruhen sich auf ihren Lorbeeren aus, die Partei schläft nie — und der Rest sitzt!«