Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Er öffnete sich den Elementen der Situation und ließ den Gedanken freien Lauf …
Er war genausowenig Biologe wie Bill Dzik. Aber Bill hatte sicher recht damit, daß die Ökologie von Alaska mehr umfaßte als nur diese ›Baumsrümpfe‹. Vielleicht, spekulierte er, waren die Stümpfe eine Art bevorzugte Nutzpflanze gewesen, kultiviert von den Werkzeugmachern. Und vermutlich hatten die Werkzeugmacher die übrige Flora und Fauna dieser winzigen Welt erstickt, genauso wie der Mensch die Mannigfaltigkeit der Erde erstickt hatte.
Aber was war mit den Werkzeugmachern passiert? Wo waren sie geblieben?
Poole sinnierte über die Evolution des Bewußtseins auf dieser öden und isolierten Welt. Das innere Sonnensystem war nurmehr eine trübe Lichtpfütze. Selbst wenn es ungezählte Alaskas gab, so verloren sie sich im Kuiper-Gürtel. Er fröstelte vor Einsamkeit und Kälte. Diese Eiswelt wartete nicht mit Rohstoffen auf … für eine intelligente Spezies wurde sie zur Falle.
Wieder eine Bewegung, draußen rechts. Unmöglich. Doch diesmal war er sicher.
Er drehte langsam den Kopf, die Augen ungläubig geweitet.
Es sah aus wie ein Baumstumpf, ein etwa sechs Fuß hoher Zylinder, der auf steilen Wurzelbeinen schwankte, acht an der Zahl, die Zahl der Spinne. Es kam über den Horizont. Es kam auf ihn zu.
Bildhauer 472 heulte. Das Fleisch schrumpfte von Rumpf und Gliedern; das Blut pulste durch seinen Leib, floh vor der Hitze. Und trotzdem schleppte er sich weiter, näherte sich Schritt um Schritt dem Sonnenwesen.
Das Sonnenwesen war eine kleine, plattgedrückte Dose aus unvorstellbarer Hitze, nicht größer als Bildhauers Rumpf … Eine plattgedrückte Dose. Etwas Gemachtes? Uralte, unvollständige Erinnerungen regten sich am Rande von Bildhauers brodelndem Bewußtsein.
Er hob zwei Glieder über den Kopf. »Macht, daß ihr fortkommt!« kreischte er. »Verlaßt unsere Welt; gebt uns unsere Hügel zurück!« Er dachte an den grausamen, tragischen Sturz seines Vaters, der keine Chance gehabt hatte, anzuwachsen; und der Zorn trieb ihn gegen die Hitze.
Es war ein Ungetüm aus Eis, funkelnd im Sternenlicht, schön trotz seiner bedrohlichen Größe. Poole fragte sich, woher es die Energie nahm, um sich fortzubewegen. Der Hauptkörper war eine aufrechte Walze, oben ringsherum kleine Fenster – nein: das waren Augen mit Eislinsen. Tief im Innern des Körpers schimmerte ein Skelett aus dichterem Eis.
Auf dem kleinen Kontrollfeld des Landebootes blinkte ein Sensor. Das Boot registrierte niederfrequente Strahlung.
Versuchte das Ding, mit ihm zu reden?
… Und dann, mit einem jähen, schrecklichen Verlust an Würde, brach es zusammen.
Nein. Meine Zeit ist noch nicht gekommen. Mir bleibt noch ein ganzer Tag. Und ich habe mich noch nicht gepaart, geschweige denn Knospen getrieben oder meinen Hügel gefunden …
Aber dazu sollte es nicht mehr kommen. Seine Glieder begannen zu schmelzen; sein Leib sank zu Boden. Wie eigenständige Kreaturen zappelten die Gliedspitzen auf dem Eis und suchten nach einem Angriffspunkt. Es lag nur an der Hitze; das Blut hatte seine Supraflüssigkeit eingebüßt, und der Leib den Zyklus vorschnell durchlaufen. Nun würde Bildhauer – wie sein Vater – auf diesem kalten, ebenen Boden sterben.
Er versuchte noch einmal, sich zu erheben; doch, wo er seine Glieder hätte spüren müssen, war nichts als Taubheit.
»Es ist ein Baumstumpf!« schrie Poole ins Mikro. »Kapieren Sie denn nicht? Die Werkzeugmacher, das sind die Baumstümpfe! Verdammt, Bill, sehen Sie sich doch die Bilder an! Das sind verschiedene Phasen ein und desselben Zyklus: erst eine agile, intelligente Phase, dann ein Verlust an Mobilität.«
»Schon möglich«, sagte Dzik. »Aber in dem sezierten Baumstumpf war nicht die Spur eines Nervensystems.«
»Also wird das Hirn, das Nervensystem, absorbiert – wenn es nicht mehr gebraucht wird.« Poole entsann sich. »Das Entwicklungsstadium der Seescheide. Ja, das ist es.«
»Der was?«
»Eine exakte Analogie. Die Seescheide sucht sich einen Stein, an dem sie sich für den Rest ihres Lebens festsetzt. Dann hat sie ihre Funktion erfüllt und ihr Hirn löst sich auf und verliert sich im Körper …«
Dzik klang nicht überzeugt. »Aber das waren Werkzeugmacher.«
»Hm.« Poole spähte in den gähnenden Himmel. »Aber wozu soll Intelligenz gut sein – auf so einer Welt? Keine Rohstoffe. Keine verlockenden Ziele. Ein trostlos öder Himmel, an dem sich nichts tut. Unerreichbar … Bill, die haben ihre Werkzeugphase schon vor einer Ewigkeit aufgegeben. Die Intelligenz benutzen die bloß noch, um sich den besten Platz an der Sonne zu ergattern. Hügel, Hanglage, das größte Temperaturgefälle. Vielleicht wetteifern sie. Dann löst sich ihr Bewußtsein auf …«
Doch der reglose Titan, angelockt durch das Landeboot, hatte sich auf einer Ebene niedergelassen. Kein Schatten; sinnlos. Er würde sterben, würde nie das Baumstumpf-Stadium erreichen.
»Mike.« Dziks Stimme knisterte. »Sie haben recht. Wir sind eben dabei, die Fotos noch mal durchzusehen. Es gibt da eine ganze Herde von den Dingern, auf der anderen Seite von Alaska.«
Poole legte die Hände auf die Steuerung. Jetzt kam es darauf an – er war sich nicht sicher, ob er soviel Fingerspitzengefühl hatte. Er entlockte dem Triebwerk einen einzelnen, kurzen Impuls. Das Boot segelte wie auf Engelsschwingen in den Himmel.
Dzik redete noch immer. »Das supraflüssige Helium muß äußerst wichtig sein für die animalische Phase. Suprafluidität hat – mechanisch gesehen – einen eminenten Vorteil; bei Mikrogravitation wären Helium-Pumpen unter Ausnutzung winziger Temperaturdifferenzen tatsächlich in der Lage, ganz schöne Eismassen zu bewegen.« Er lachte. »Tja, ich denke mal, finanziell haben wir ausgesorgt. Das ganze System wird uns die Türe einrennen, um sich das anzusehen – vorausgesetzt, wir können die Ökologie erhalten …«
»Sie sagen es.« Die Korrekturtriebwerke schoben das Boot in eine träge Kreisbahn um den gestürzten Werkzeugmacher; mit fein dosierten Stößen aus dem Haupttriebwerk modellierte Poole das Eis, schmolz Gräben und schob Wälle auf. »Und wenn nicht, lassen wir das verdammte Wurmloch implodieren. Dann denken wir uns eben was andres aus, um die Cauchy zu finanzieren.«
So ging die Debatte eine Zeitlang weiter.
Poole brauchte etwa sechs Durchläufe, bis er mit seiner Arbeit zufrieden war.
Dann, immer noch auf Engelsschwingen, hob er endgültig von Alaska ab.
Die Sonne sank, weil die Welt sich drehte. Ein Schatten fiel über Bildhauer. Das Blut pulste durch seinen Leib. Die Wurzeln kuschelten sich mit frischer Energie an den Boden.
Er wuchs an.
Bildhauer, der sich nicht mehr fortbewegen konnte, starrte auf die Stelle, wo das Sonnenwesen gestanden hatte. Dort war das Eis geschmolzen, aufgewühlt, zusammengeflossen, die Hügel dahinter waren eingeebnet.
Aber den Hügel, der ihm jetzt Schatten bot, den hatte das Sonnenwesen – gebaut. Irgendwie hatte es Bildhauers Not verstanden und ihm geholfen. Inzwischen war es fort, war dahin zurückgekehrt, wo es zu Hause war.
Bildhauers Gedanken wurden vage, träge. Sein Bewußtsein schien sich auszudehnen, als wolle es den langsamen, knirschenden Gang der Welt umfassen, den schwerfälligen Pflanzenpuls seines erstarrenden Körpers.
Sein Name schmolz dahin.
Das Antlitz seines Vaters zerbrach, die Bruchstücke stürzten ins Dunkel.