Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1996
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die Verwandlung. Internationale SF- Erzählungen.». Краткое содержание книги:
Bildhauer war entsetzt. »Nicht hier. Nicht jetzt!«
471 seufzte. »Ich spüre, wie meine Gedanken schmelzen. Es ist gar nicht so schlimm, Bildhauer …«
Bildhauer sah sich verzweifelt um. Das Land war flach und hart. Nirgends eine Bodenwelle, kein Schatten. Und so, wie sein Vater dalag, auf der Seite und mit abgespreizten Gliedern, konnte er nicht anwachsen.
Hastig scharrte Bildhauer im Eis. Sein Fleisch bekam Risse, und supraflüssiges Blut zischte aus den Wunden und tünchte die Glieder; doch nicht lange, und er hatte einen flachen Graben ausgeworfen. Er legte die Glieder noch einmal um den regungslosen Rumpf. »Wenn ich dich bloß in den Graben bekomme, vielleicht ist da ein wenig Schatten. Los, Vater, komm!«
Doch 471 reagierte nicht. Während Bildhauer an ihm zerrte, zerbröckelte ein Glied. Die Bruchstücke waren hart.
Bildhauer warf sich über den höckrigen Leib seines Vaters. Erwartete ihn dasselbe Schicksal? Würde auch er zu Fall kommen, um auf diesem abweisenden Boden zu verenden? Betrogen um die Unsterblichkeit des Anwachsens?
Nach einer Weile kletterte er von seinem Vater herunter. Er drückte die Glieder durch und sah sich um. Sein Volk war nur noch ein dunkles Band am Horizont; hier und da im Kielwasser der Flucht waren die stillen dunklen Buckel Gefallener zu erkennen.
Entschlossen wandte er sich ab.
Mit Bewegungen, steif vor Wut und Haß, machte Bildhauer sich auf den Weg – zurück zu den Hügeln seiner Vorfahren.
Das GUT-Schiff stand im Kuiper-Gürtel, fünfzig Meilen vom Portal und hundert Meilen von Baked Alaska entfernt. Poole und Dzik hievten sich an Bord.
Poole schlug eine beklemmende Atmosphäre entgegen. Die Korridore waren überfüllt und stickig; er spürte die Blicke der Crew – die Stimmung war auf dem Nullpunkt. Dzik hangelte seine Leibesfülle mit der Anmut einer Robbe durchs Schiff. »Nehmen Sie’s nicht persönlich, Bill. Die Leute sind sauer, seit sie zurückgepfiffen wurden; sie hatten sich gerade an die Freiheit des neuen Brückenkopfs gewöhnt.«
»Und man gibt mir die Schuld?«
»Sie sind der große, böse Boss; ein Machtwort von Ihnen, und das Projekt ist gestorben. Vergessen Sie nicht, daß die ein ganzes Jahr damit zugebracht haben, das Portal in dieses Niemandsland zu holen.«
»Sie auch, Bill«, sagte Poole lächelnd. »Und Sie sind nicht sauer auf mich?«
»Nein.« Dzik sah ihn scharf an. »Aber ich beneide Sie auch nicht um ihre Entscheidung, Mike.«
Baked Alaska bestand aus einer Million Kubikmeilen geballten Wassers, das sich um die Lippe des solaren Gravitationstrichters wälzte. Pooles Konsortium hatte das erste Wurmloch-Portal in den Kuiper-Gürtel geschleppt und Alaska mit den fernen, behaglichen Welten des inneren Systems verbunden. Poole hatte die Vision, das eisige Baked Alaska zum Treibstoffdepot für künftige, interstellare Flüge zu machen. Ein Gibraltar, ein Brückenkopf des Sonnensystems, ein Hafen, angeschlossen an ein Netz aus Wurmloch-Adern.
Sie erreichten Dziks Kabine. Die Ausstattung war spartanisch: übergroßer Schlafkokon, Null-g-Dusche, Terminal. Poole atmete auf, als er die Tür hinter sich schließen konnte.
Dzik schnallte sich in den Sitz, die dicken Finger huschten erstaunlich flink über den Desktop-Manager. Als er Zugang zu den Datenbanken des Schiffes hatte, sprangen die Meldungen in der Reihenfolge ihrer Priorität ins Display.
Poole sah sich in der Kabine um, er hatte Lust auf einen Drink.
Eine Minute später lehnte Dzik sich zurück und stieß einen Pfiff aus. »Jetzt haben wir erst recht ein Problem.«
»Weshalb?«
Dzik verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Kurz vor dem Rückzug haben wir noch ein paar Bohrkernproben genommen. Sie sollten Aufschluß über das Ökosystem geben.« Sein Blick kehrte zum Display zurück. »Tja, hier sind die Ergebnisse.«
Das Bild zeigte den vergrößerten Querschnitt eines Bohrkerns von Baked Alaska. Ein Gespinst aus Linien und Flächen, Andeutungen von Strukturen, hervorgerufen durch Kristallisation. Ein unsäglich schönes Bild, das an eine abstrakte Collage aus blauen und weißen Glassplittern erinnerte.
Aber da war noch etwas. Kleine Objekte, dicht und kompakt, die nicht zur übrigen feingesponnenen Textur passen wollten. Poole zog sich näher an das Display heran und besah sich die Objekte genauer.
Da war ein länglicher Quader, offensichtlich aus Stein geschnitten, mit zwei parallelen Reihen unregelmäßig geformter Löcher. Und da etwas wie ein Bilderrahmen, achteckig, leer. Andere Objekte waren nicht so leicht zu beschreiben.
»Jesus, was für ein Schlag«, sagte Dzik. »Jetzt werden wir die Ökologen nie mehr los.«
Poole starrte hingerissen auf das Bild. Artefakte, die tief im Eis überdauert hatten. Da war Intelligenz am Werk gewesen.
Und wieder ging ein halber Tag vorüber. Zwei Drittel seines Lebens waren vorbei. Er spürte die Steife in den Gelenken und die Härte im Gesicht.
Groß, kräftig und ungestüm, wie er war, folgte Bildhauer der Spur aus aufgewühltem Eis und aus mißlungenen Anwachsversuchen zurück in die angestammten Gefilde seiner Väter.
In der bedrückenden Enge des GUT-Schiffes konnte Poole keinen klaren Gedanken fassen. Er hatte Bill Dzik veranlaßt, ihm ein Einmann-Landeboot auszurüsten; er legte ab und steuerte den eisigen Kadaver von Alaska an.
Das schmucklose Camp der Menschen – das Saatkorn für Port Sol – bestand aus einer Reihe von Metallkästen, die man einfach aufs Eis gesetzt hatte; das Areal war nurmehr eine riesige, schmutzige Matschpfütze. Poole setzte zehn Meilen vom Camp entfernt zur Landung an; unter Alaskas Mikrogravitation legte sich das Boot wie eine Schneeflocke an die Oberfläche.
Eine Bewegung am Horizont, rechterhand.
Er lehnte sich vor. Vielleicht ein Stern, den die träge Rotation von Alaska verschluckt hatte.
Poole saß in der Stille, die Mikrogravitation federleicht in den Gliedern. Das Eis von Baked Alaska lag knochenfahl unter den Sternen, die Spuren der Kohlenwasserstoffe webten ein feines Netz aus satten Purpur- und Blautönen. Die kleine Kabine war still bis auf sein Atmen und das gelegentliche Knarren der Kältekontraktion.
In Wahrheit war die Entscheidung über das Schicksal von Baked Alaska längst gefallen. Pooles Konsortium hatte vorgehabt, eine Wurmloch-Kopfstation in die Sonne zu schicken, um Port Sol mit Fusionswärme und Licht zu tränken. Doch nun würden die Archäologen und Exobiologen kommen und anfangen, diese kleine Welt zu schälen – wie eine Zwiebel.
Poole wußte, daß das richtig war. Aber noch begriff er nicht, was man hier entdeckt hatte, und wie diese kleine Welt funktionierte. Und solange er das nicht begriff, hatte er Hemmungen, seinen Schatz preiszugeben. Einesteils entsprach das durchaus der moralischen Verantwortung, die er für sich reklamierte; doch er mußte auch an das Konsortium denken, an die Zukunft der anderen Projekte, an die Cauchy … und an die schwarzen Zahlen.
Am allerwichtigsten war die Cauchy. Sie sollte eine Wurmloch-Schleife mit einem Durchmesser von mehreren Lichtjahren auslegen und damit eine Brücke schlagen – nicht über den abgrundtiefen Raum – sondern über fünfzehn Jahrhunderte, eine Brücke in die Zukunft. Poole wollte nicht zulassen, daß das Port-Sol-Projekt – und damit das Cauchy-Projekt – durch die Ereignisse vor Ort kompromittiert wurden.