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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Sie wob sorgfältig Geist, ein Strom aus über hundert Strängen, von denen jeder genau den ihm zustehenden Platz erhielt, und hüllte die auf dem Boden sitzende Aviendha mit dem fertigen Gewebe ein, dann wiederholte sie es bei der auf der Tischkante sitzenden Min. In gewisser Weise handelte es sich gar nicht um zwei verschiedene Gewebe. Sie leuchteten mit einer präzisen Gleichförmigkeit, und wenn sie das eine betrachtete, kam es ihr so vor, als würde sie gleichzeitig das andere sehen. Es handelte sich nicht um die Gewebe der Adoptionszeremonie, aber sie unterlagen denselben Prinzipien. Sie verbanden miteinander; was eine mit diesem Gewebe verwobene Person erlebte, erlebten alle damit verwobenen. Sobald die Gewebe an Ort und Stelle waren, übergab sie die Führung des aus zwei Frauen bestehenden Zirkels an Aviendha. Die bereits erschaffenen Gewebe blieben bestehen und Aviendha wob sofort identische Gewebe um Elayne und auch um Min. Das zweite vermengte sie mit dem ersten, bis es von Elaynes nicht mehr zu unterscheiden war, dann reichte sie die Kontrolle zurück. Nach viel Übung gelang ihnen dies nun beinahe mühelos. Vier Gewebe, das heißt, nun waren es drei, aber sie schienen alle dieselben zu sein.

Alles war bereit. Aviendha war wie ein Fels in der Brandung, das personifizierte Selbstbewusstsein, so stark wie alles, was Elayne je von Birgitte wahrgenommen hatte. Min hielt die Knöchel übereinander geschlagen und den Tischrand umklammert; sie konnte die Ströme nicht wahrnehmen, zeigte aber ein selbstsicheres Lächeln, das lediglich etwas dadurch verdorben wurde, dass sie sich mit der Zunge über die Lippen fuhr. Elayne holte tief Luft. Ihren Augen bot sich das Bild eines Netzes aus Geist, das die feinste Spitzenstickerei grob erscheinen ließ. Wenn es jetzt nur so funktionierte, wie sie angenommen hatte.

Sie griff gleichzeitig nach allen Geweben und zog sie in schmalen Bahnen bis zu Rand, wobei sie die drei Stränge zu einem verwob und daraus den Behüterbund erschuf. Sie hüllte Rand so sanft damit ein, als würde sie ein Baby mit seiner Decke zudecken. Der an den Faden eines Spinnennetzes erinnernde Strang aus Geist umhüllte Rand, drang in ihn ein. Er blinzelte nicht einmal, aber es war vollbracht. Sie ließ Saidar los. Das war es.

Er starrte sie ausdruckslos an und führte langsam die Finger an die Schläfen.

»Oh, Licht, Rand, die Schmerzen«, murmelte Min mit gequälter Stimme. »Ich habe es nicht gewusst, ich hatte ja keine Ahnung. Wie kannst du das ertragen? Da sind Schmerzen, von denen du nicht einmal zu wissen scheinst, als hättest du so lange mit ihnen gelebt, dass sie ein Teil von dir geworden sind. Diese Reiher auf deinen Händen; du spürst noch immer, wie sie sich dir eingebrannt haben. Diese Dinger auf deinen Armen schmerzen! Und deine Seite! Warum weinst du nicht, Rand? Warum weinst du nicht?«

»Er ist der Car'a'carn«, sagte Aviendha lachend. »So stark wie das Dreifache Land!« Der Stolz stand ihr ins Gesicht geschrieben — oh, sie war so stolz —, aber noch während sie lachte, rannen ihr Tränen über die von der Sonne verbrannten Wangen. »Die Adern aus Gold. Oh, die Adern aus Gold. Du liebst mich, Rand.«

Elayne starrte ihn einfach nur an, fühlte ihn in ihrem Kopf. Die Schmerzen der Wunden und Verletzungen, die er tatsächlich vergessen hatte. Die Anspannung und der Unglaube; das Staunen. Aber seine Gefühle waren zu unnachgiebig, wie ein erstarrender Bernsteintropfen, fast schon wie ein Stein. Doch sie wurden von goldenen Adern durchzogen, die pulsierten und aufglühten, wenn er Min ansah. Oder Aviendha. Oder sie. Er liebte sie tatsächlich. Er liebte sie alle drei. Und darüber hätte Elayne am liebsten vor Freude gelacht. Andere Frauen würden ihre Zweifel haben, aber sie würde immer wissen, dass seine Liebe wahrhaftig war.

»Möge das Licht geben, dass ihr wisst, was ihr getan habt«, sagte er leise. »Möge das Licht geben, dass ihr nicht...« Der Bernstein wurde noch etwas härter. Er war davon überzeugt, dass sie verletzt werden würden, und er stählte sich bereits dagegen. »Ich... ich muss jetzt gehen. Wenigstens weiß ich nun, dass es euch allen gut geht; ich muss mir wegen euch keine Sorgen machen.« Plötzlich grinste er; beinahe hätte er jungenhaft ausgesehen, wenn das Grinsen seine Augen erreicht hätte. »Nynaeve wird schon glauben, ich hätte mich verdrückt, ohne noch einmal bei ihr vorbeizuschauen. Nicht, dass sie ein bisschen Aufregung nicht verdient hätte.«

»Rand, da ist noch etwas«, sagte Elayne und hielt inne, um zu schlucken. Licht, und sie hatte gedacht, dass das der leichte Teil werden würde.

»Ich schätze, Aviendha und ich sollten uns miteinander unterhalten, solange wir Gelegenheit haben«, sagte Min hastig und sprang vom Tisch. »An irgendeinem Ort, wo wir ungestört sind. Wenn ihr uns entschuldigt?«

Aviendha erhob sich anmutig vom Teppich und glättete die Röcke. »Ja. Min Farshaw und ich müssen mehr über einander erfahren.« Sie warf Min einen zweifelnden Blick zu und richtete das Schultertuch, aber sie gingen mit untergehakten Armen.

Rand sah ihnen misstrauisch nach, als wüsste er, dass ihr Gehen Teil eines Plans war. Ein in die Ecke getriebener Wolf. Aber diese goldenen Adern leuchteten in ihrem Verstand.

»Da gibt es etwas, das sie von dir bekommen haben und ich noch nicht«, begann Elayne und verschluckte sich, während das aufsteigende Blut ihre Wangen beinahe verbrannte. Blut und Asche! Wie machten andere Frauen das bloß? Sorgfältig musterte sie das Bündel aus Gefühlen in ihrem Inneren, das ihn darstellte, und das Bündel, das Birgitte war. Noch immer keine Veränderung bei dem zweiten. Sie stellte sich vor, es in ein Taschentuch einzuwickeln, welches sie fest zusammenknotete, und Birgitte war verschwunden. Nur noch Rand war da. Und die leuchtenden goldenen Adern. In ihrem Bauch schlugen Schmetterlinge mit der Größe von Wolfshunden heftig mit den Flügeln. Sie schluckte schwer und holte tief Luft. »Du wirst mir bei den Knöpfen helfen müssen«, sagte sie unsicher. »Ich kann dieses Gewand nicht allein ausziehen.«

Als Min mit der Aielfrau in den Korridor hinaustrat, nahmen die beiden Gardistinnen Haltung an, aber nachdem Min die Tür wieder geschlossen hatte und ihnen klar wurde, dass sonst niemand mehr den Raum verließ, kam Bewegung in sie.

»Sie kann doch unmöglich so einen schlechten Geschmack haben«, murmelte die Stämmige mit dem müden Blick kaum verständlich; ihre Fäuste schlössen sich fester um die lange Keule. Min glaubte nicht, dass das jemand hatte hören sollen.

»Zu viel Mut und viel zu viel Naivität«, knurrte die Schlanke, die etwas von einem Mann an sich hatte. »Davor hat uns der Generalhauptmann gewarnt.« Sie legte die Hand in dem schweren Panzerhandschuh auf den Löwenkopfknauf.

»Wenn Ihr jetzt da hinein geht, wird sie Euch vermutlich die Haut abziehen«, sagte Min vergnügt. »Habt Ihr sie je wütend erlebt? Sie könnte einen Bären zum Weinen bringen!«

Aviendha löste sich von Min und trat einen Schritt zur Seite. Allerdings war ihr finsterer Blick auf die Gardistin gerichtet. »Bezweifelt ihr, dass meine Schwester mit einem einzigen Mann fertig werden kann? Sie ist Aes Sedai und hat das Herz einer Löwin. Und ihr habt einen Eid geschworen, ihr zu folgen! Dir folgt ihr, wohin sie euch führt, und steckt nicht eure Nasen in ihren Ärmel.«

Die Gardistinnen tauschten einen langen Blick aus. Die massigere Frau zuckte mit den Schultern. Die Drahtige schnitt eine Grimasse, aber sie nahm die Hand von dem Türknauf. »Ich habe den Eid geschworen, dieses Mädchen zu beschützen«, sagte sie mit harter Stimme, »und das werde ich auch tun. Und jetzt geht ihr Mädchen mit euren Puppen spielen und lasst mich meine Arbeit hin.«

Min überlegte, ein Messer zu ziehen und es auf diese angeberische Art über die Finger rollen zu lassen, die ihr Thom Merrilin beigebracht hatte. Nur um ihr zu zeigen, wer hier das Kind war. Die schlanke Frau war nicht jung, aber in ihrem Haar war keine graue Strähne zu entdecken, und sie sah ziemlich kräftig aus. Und schnell. Min hätte gern geglaubt, dass einiges von der Masse der anderen Frau Fett war, aber sie wusste es besser. Sie konnte bei keiner von ihnen Bilder oder Auren sehen, aber die beiden sahen nicht im Mindesten so aus, als fürchteten sie sich davor, das zu tun, was sie für nötig hielten. Nun, wenigstens ließen sie Elayne und Rand allein. Vielleicht war das Messer doch unnötig.

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