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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Geht es dir gut, Rand?«, fragte sie. »Ich meine, bist du krank?« Bei dem Gedanken daran, welche Krankheit ihm möglicherweise zusetzte, verkrampfte sich ihr Magen. »Nynaeve kann...«

»Mir geht es so gut, wie es geht«, erwiderte er tonlos. Noch immer mit dem Rücken zu ihnen. Er leerte den Becher und füllte ihn nach. »Also, was wollt ihr mir sagen, das Nynaeve nicht mitbekommen soll?«

Elayne wechselte einen überraschten Blick mit Min und Aviendha. Wenn er ihre Ausrede durchschaut hatte, dann hatte es Nynaeve erst recht. Warum hatte sie sie gehen lassen? Aviendha schüttelte überrascht den Kopf. Min schüttelte ihn ebenfalls, aber mit einem Grinsen, das besagte, dass man gelegentlich mit so etwas rechnen musste. Elayne verspürte einen kleinen Stich der... nein, es war keine Eifersucht, für sie drei kam Eifersucht nicht in Frage. Es war vielmehr Wut darüber, dass Min so viel Zeit mit ihm verbracht hatte und sie nicht. Nun, wenn er Überraschungen haben wollte...

»Wir wollen den Behüterbund mit dir eingehen«, erklärte sie und strich die Röcke glatt, während sie Platz nahm. Min setzte sich auf die Tischkante und ließ die Beine baumeln, und Aviendha setzte sich mit überkreuzten Beinen auf den Teppich, wobei sie vorher sorgfältig ihre schweren wollenen Röcke ausbreitete. »Wir drei. Natürlich fragen wir dich vorher, so wie es sich gehört.«

Er fuhr herum. Wein spritzte aus dem Becher und noch mehr aus dem Krug, bevor er ihn wieder in die aufrechte Stellung brachte. Mit einem gemurmelten Fluch trat er hastig aus dem sich auf dem Teppich ausbreitenden feuchten Fleck und stellte den Krug zurück auf das Tablett. Die Vorderseite seines groben Mantels wurde ebenfalls von einem großen feuchten Fleck und Tropfen dunklen Weins geschmückt, die er mit der freien Hand wegzuwischen versuchte. Sehr gut!

»Du bist wirklich nicht bei Verstand«, knurrte er. »Du weißt genau, was mir bevorsteht. Du weißt, was das für jeden bedeutet, mit dem ich durch den Bund verknüpft wäre. Selbst wenn ich nicht wahnsinnig werden sollte, wird sie meinen Tod miterleben müssen! Und was soll das heißen, ihr drei? Min kann die Macht nicht lenken. Und davon abgesehen ist euch Alanna Mosvani zuvorgekommen und sie hat sich nicht die Mühe gemacht und vorher gefragt. Sie und Verin haben ein paar Mädchen von den Zwei Flüssen in die Weiße Burg geholt. Ich bin schon seit Monaten mit ihr verbunden.«

»Und das hast du mir vorenthalten, du wollköpfiger Schafhirte?«, rief Min. »Hätte ich das gewusst...!« Sie zog ein schlankes Messer aus dem Ärmel, starrte es wütend an und steckte es mürrisch zurück. Diese Heilmethode wäre genauso verheerend für Rand wie für Alanna gewesen.

»Das war ein Verstoß gegen die Sitten«, sagte Aviendha nachdenklich. Sie veränderte die Stellung auf dem Teppich und fummelte an ihrem Gürtelmesser herum.

»Und ob«, erwiderte Elayne grimmig. Dass eine Schwester überhaupt so etwas einem Mann antun konnte, war widerwärtig. Dass Alanna es Rand angetan hatte...! Sie erinnerte sich an die dunkle, wilde Grüne mit dem unberechenbaren Humor und dem gleichermaßen unberechenbaren Temperament. »Alanna schuldet ihm mehr Toh, als sie in ihrem ganzen Leben zurückzahlen könnte! Und uns ebenfalls. Und selbst wenn ich sie in die Finger bekomme, wird sie sich wünschen, ich hätte sie auf der Stelle umgebracht!«

»Nachdem wir sie in die Finger bekommen haben«, sagte Aviendha und nickte, um es zu unterstreichen.

»Also.« Rand blickte in seinen Wein. »Du siehst, dass es sinnlos ist. Ich... ich finde, ich sollte jetzt lieber zu Nynaeve zurückgehen. Kommst du, Min?« All dem zum Trotz, was sie ihm gesagt hatten, klang er, als würde er es nicht so richtig glauben, als könnte Min ihn jetzt verlassen. Es hörte sich nicht so an, als hätte er Angst davor; es klang einfach nur resigniert.

»Es ist nicht sinnlos«, sagte Elayne beschwörend. Sie beugte sich vor und versuchte ihn mit der Kraft ihrer Persönlichkeit dazu zu bringen, dass er ihre Worte akzeptierte. »Ein Bund schließt einen anderen nicht aus. Schwestern verbinden sich nicht mit demselben Mann, weil es so Brauch ist, Rand, weil sie ihn nicht teilen wollen, und nicht, weil das nicht möglich wäre. Es verstößt nicht einmal gegen das Burggesetz.« Natürlich waren manche Bräuche so mächtig wie ein Gesetz, zumindest in den Augen der Schwestern. Nynaeve schien jeden neuen Tag mehr daran interessiert zu sein, die Bräuche und Erhabenheit der Aes Sedai aufrechtzuerhalten. Wenn sie hiervon erfuhr, würde sie vermutlich an die Decke gehen. »Nun, wir wollen dich teilen! Wir werden dich teilen, wenn du einverstanden bist.«

Wie leicht es ihr doch fiel, das zu sagen! Einst war sie der festen Überzeugung gewesen, so etwas unmöglich über die Lippen bringen zu können. Bis sie begriffen hatte, dass sie Aviendha genauso sehr liebte wie ihn, nur eben auf eine andere Weise. Das Gleiche galt für Min; eine weitere Schwester, selbst wenn sie einander nicht adoptiert hatten. Sollte sich ihr die Gelegenheit bieten, würde sie Alanna dafür auspeitschen, dass sie ihn berührt hatte, aber bei Aviendha und Min war das etwas anderes. Sie waren ein Teil von ihr. In gewisser Weise waren die anderen Frauen sie und umgekehrt.

Sie senkte die Stimme. »Ich bitte dich, Rand. Wir bitten dich. Bitte lass uns den Bund eingehen.«

»Min«, murmelte er beinahe anklagend. Sein auf Mins Gesicht gerichteter Blick war voller Verzweiflung. »Du hast das gewusst, nicht wahr? Du wusstest, wenn ich sie sehen sollte...« Er schüttelte den Kopf, unfähig oder unwillig weiterzusprechen.

»Von dem Bund wusste ich nichts, bis sie es mir vor einer Stunde sagten«, erklärte sie und erwiderte seinen Blick mit dem zärtlichsten Ausdruck in den Augen, den Elayne je gesehen hatte. »Aber ich wusste, ich hoffte, was passieren würde, solltest du sie wiedersehen. Manche Dinge müssen einfach sein, Rand. Sie müssen es einfach.«

Rand starrte in den Weinbecher. Momente schienen sich zu Stunden auszudehnen. Schließlich stellte er den Becher zurück. »Also gut«, sagte er leise. »Ich kann nicht sagen, dass ich das nicht will, weil ich es tue. Soll das Licht mich dafür zu Asche verbrennen! Aber denkt an den Preis. Denkt an den Preis, den ihr zahlen müsst.«

Elayne musste nicht über den Preis nachdenken. Der war ihr von Anfang an klar gewesen, sie hatte ihn mit Aviendha besprochen, um sicherzugehen, dass auch sie ihn verstand. Sie hatte ihn Min erklärt. Nimm dir, was du willst, und bezahle dafür, lautete ein altes Sprichwort. Keine von ihnen musste über den Preis nachdenken; sie kannten ihn und waren bereit, ihn zu zahlen. Aber es galt keine Zeit zu verschwenden. Selbst jetzt hielt sie ihn durchaus dazu fähig, dass ihm der Preis plötzlich zu hoch war und er sich dagegen entschied. Als wäre das seine Entscheidung!

Sie öffnete sich Saidar, ging mit Aviendha eine Verknüpfung ein und teilte mit ihr ein Lächeln. Wie immer war es eine Freude, mit ihrer Schwester Gefühle und physische Wahrnehmungen zu teilen; das war nun wesentlich intimer geworden, so wie die Fähigkeit, einander bewusst zu sein, viel stärker geworden war. Es ähnelte dem, was sie bald mit Rand teilen würden. Elayne hatte das sehr sorgfältig geplant, es aus jeder Richtung genau studiert. Dabei war ihr das, was sie von den Adoptions-Geweben der Aiel gelernt hatte, von großem Nutzen gewesen. Diese Zeremonie hatte sie überhaupt erst auf die Idee gebracht.

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