Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend». Краткое содержание книги:
»Nicht fliegen, gnädige Frau«, sage ich. »Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen. Wenn einen die Einsamkeit an der Gurgel hat -«
»Ein junger Mann wie Sie kann doch andere kriegen!«
»Jung, aber arm«, erwidere ich. »Frauen wollen heutzutage in Bars geführt werden, und wenn wir schon davon reden, dann werden Sie mir doch zugeben, daß, wenn Sie schon mir, einem alleinstehenden Junggesellen im Sturm der Inflation, die Kassiererin nicht glauben, es doch völlig absurd wäre, so etwas von Karl Brill anzunehmen, der sich der Gunst der schönsten und interessantesten Frau von ganz Werdenbrück erfreut, unverdientermaßen, zugegeben -«
Das Letzte saß. »Er ist ein Lump!« sagt Frau Beckmann. »Und unverdient ist wahr.«
Karl regt sich. »Klara, du bist doch mein Leben!« heult er dumpf aus den blutigen Bettlaken.
»Ich bin dein Bankkonto, du kalter Stein!« Frau Beckmann wendet sich mir zu. »Und wie war es mit der halbtoten Ziege vom „Hohenzollern“?«
Ich winke ab. »Es ist zu nichts gekommen! Ich habe mich geekelt.«
»Das hätte ich Ihnen im voraus sagen können!« erklärte sie tief befriedigt.
Der Kampf ist entschieden. Wir sind beim Rückzugsgeplänkel. Karl verspricht Klara einen seegrünen Kimono mit Lotosblumen und Bettschuhe mit Schwanenflaum. Dann geht er, kaltes Wasser in die Nase hochzuziehen, und Frau Beckmann erhebt sich. »Wie hoch ist die Wette?« fragt sie.
»Hoch«, erwidere ich. »Billionen.«
»Karl!« ruft sie. »Beteilige Herrn Bodmer mit 250 Milliarden.«
»Selbstverständlich, Klara!«
Wir schreiten die Treppe hinunter. Unten sitzt der Seehund, bewacht von den Freunden Karls. Wir erfahren, daß er versucht hat zu schwindeln, während wir fort waren, aber Karls Saufbrüder haben ihm den Hammer rechtzeitig entrissen. Frau Beckmann lächelt verächtlich, und dreißig Sekunden später liegt der Nagel auf dem Fußboden. Majestätisch entwandelt sie, von den Klängen des »Alpenglühens« geleitet.
»Ein Kamerad ist ein Kamerad«, sagt Karl Brill später gerührt zu mir.
»Ehrensache! Aber wie war das mit der Kassiererin?«
»Was soll man machen?« erwidert Karl. »Sie wissen, wie einem manchmal abends zumute ist! Aber daß das Luder auch reden muß! Ich werde den Leuten meine Kundschaft entziehen. Sie aber, lieber Freund – wählen Sie, was Sie wollen!« Er zeigt auf die Lederstücke. »Ein Paar Maßschuhe erster Qualität als Geschenk – was Sie wollen: Boxcalf schwarz, braun, gelb, Lack, Wildleder – ich werde sie selbst anfertigen -«
»Lack«, sage ich.
Ich komme nach Hause und sehe im Hof eine dunkle Gestalt. Es ist tatsächlich der alte Knopf, der gerade vor mir eingetroffen ist und sich, als wäre er nicht schon toterklärt, bereit macht, den Obelisken zu schänden. »Herr Feldwebel«, sage ich und nehme ihn am Arm. »Sie haben für Ihre kindischen Äußerungen jetzt Ihren eigenen Grabstein. Benützen Sie den!«
Ich führe ihn zu dem Hügelstein, den er gekauft hat, und warte vor der Haustür, damit er nicht noch den Obelisken benutzt.
Knopf starrt mich an. »Meinen eigenen Stein? Sind Sie verrückt. Was ist er jetzt wert?«
»Nach dem Dollarkurs von heute abend neun Milliarden?«
»Und daran soll ich pissen?«
Knopfs Augen irren ein paar Sekunden umher – dann wankt er knurrend ins Haus. Was niemand zuwege gebracht hat, hat der schlichte Begriff des Eigentums erreicht! Der Feldwebel benützt seine eigene Toilette. Da komme noch einer mit Kommunismus! Eigentum gibt Sinn für Ordnung!
Ich stehe noch eine Weile da und denke darüber nach, daß die Natur von der Amöbe her Millionen von Jahren gebraucht hat, um über Fisch, Frosch, Wirbeltier und Affen den alten Knopf hervorzubringen, ein Geschöpf, vollgestopft mit physikalischen und chemischen Wunderwerken, einem Blutkreislauf von höchster Genialität, einer Herzmaschine, die man nur anbeten kann, einer Leber und zwei Nieren, gegen die die IG Farbenfabriken lächerliche Pfuscherwerkstätten sind – und das alles, dieses über Millionen von Jahren sorgfältig vervollkommnete Wunderwerk, etatsmäßiger Feldwebel Knopf genannt, nur dazu, um für eine kurze Zeit auf Erden armselige Bauernjungens zu schinden und sich dann mit einer mäßigen Staatspension dem Trunke zu ergeben! Gott macht sich wirklich manchmal viel Mühe um nichts!
Kopfschüttelnd drehe ich das Licht in meinem Zimmer an und starre in den Spiegel. Da ist ein anderes Wunderwerk der Natur, das auch nicht viel mit sich anzufangen weiß. Ich drehe das Licht ab und ziehe mich im Dunkeln aus.
XXIII
In der Allee kommt mir eine junge Dame entgegen. Es ist Sonntag morgen, und ich habe sie bereits in der Kirche gesehen. Sie trägt ein hellgraues, gut sitzendes Jackenkleid, einen kleinen Filzhut, graue Wildlederschuhe, heißt Geneviève Terhoven und ist mir sonderbar fremd.
Sie war mit ihrer Mutter in der Kirche. Ich habe sie gesehen, und ich habe Bodendiek gesehen und auch Wernicke, dem der Erfolg nur so von den Mundwinkeln trieft. Ich habe den Garten umkreist und auf nichts mehr gehofft, und nun kommt Isabelle plötzlich allein durch die Allee, die schon fast kahl ist. Ich bleibe stehen. Sie kommt, schmal und leicht und elegant, und mit ihr kommt auf einmal alle Sehnsucht wieder, der Himmel und mein eigenes Blut. Ich kann nicht sprechen. Ich weiß von Wernicke, daß sie gesund ist, daß die Schatten verweht sind, und ich spüre es selbst; sie ist auf einmal da, anders als früher, aber ganz da, nichts von Krankheit steht mehr zwischen uns, voll springt die Liebe aus meinen Händen und Augen, und ein Schwindel steigt wie ein lautloser Wirbelsturm die Adern empor ins Gehirn. Sie sieht mich an.
»Isabelle«, sage ich.
Sie sieht mich wieder an, eine schmale Falte zwischen den Brauen. »Ja?« fragt sie.
Ich fasse es nicht sofort. Ich glaube, ich müsse sie erinnern.
»Isabelle«, wiederhole ich. »Erkennst du mich nicht? Ich bin doch Rudolf.
»Rudolf?« wiederholt sie. »Rudolf – wie, bitte?«
Ich starre sie an. »Wir haben oft miteinander gesprochen«, sage ich dann.
Sie nickt. »Ja, ich war lange hier. Ich habe vieles davon vergessen, entschuldigen Sie. Sind Sie auch schon lange hier?«
»Ich? Ich war doch nie hier oben! Ich habe hier doch nur Orgel gespielt. Und dann -«
»Orgel, ja, so«, erwidert Geneviève Terhoven höflich. »In der Kapelle. Ja, ich erinnere mich. Entschuldigen Sie, daß es mir im Augenblick entfallen war. Sie haben sehr schön gespielt. Vielen Dank.«
Ich stehe da wie ein Idiot. Ich verstehe nicht, warum ich nicht gehe. Geneviève versteht es offenbar auch nicht.
»Verzeihen Sie«, sagt sie. »Ich habe noch viel zu tun; ich reise bald.«
»Sie reisen bald?«
»Ja«, erwidert sie erstaunt.
»Und Sie erinnern sich an nichts? Nicht an die Namen, die in der Nacht abfallen und an die Blumen, die Stimmen haben?«
Isabelle hebt verständnislos die Schultern. »Gedichte«, erklärt sie dann lächelnd. »Ich habe sie immer geliebt. Aber es gibt so viele! Man kann sich nicht an alle erinnern.«
Ich gebe auf. Es ist so, wie ich es geahnt habe! Sie ist gesund geworden, und ich bin aus ihren Händen geglitten wie aus den Händen einer schlafenden Bäuerin eine Zeitung. Sie erinnert sich an nichts mehr. Es ist, als wäre sie aus einer Narkose erwacht. Die Zeit hier oben ist aus ihrem Gedächtnis entschwunden. Sie hat alles vergessen. Sie ist Geneviève Terhoven und weiß nicht mehr, wer Isabelle war. Sie lügt nicht, das sehe ich. Ich habe sie verloren, nicht so, wie ich fürchtete, weil sie einem anderen Kreise als ich entstammt und in ihn zurückgeht, sondern schlimmer, gründlicher und unabänderlicher. Sie ist gestorben. Sie lebt und atmet noch und ist schön, aber in dem Augenblick, wo die Fremde der Krankheit weggenommen wurde, ist sie gestorben, ertrunken für immer. Isabelle, deren Herz flog und blühte, ist ertrunken in Geneviève Terhoven, einem wohlerzogenen Mädchen besserer Kreise, das sicher einmal wohlhabend heiraten und sogar eine gute Mutter sein wird.