Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend
- Автор: Ремарк Эрих Мария
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Der schwarze Obelisk. Geschichte einer verspäteten Jugend». Краткое содержание книги:
»Er ist theoretisch auch gebraucht«, sage ich. »Gewissermaßen wirtschaftlich. Außerdem können Sie nicht verlangen, daß wir daran verlieren, nur weil Sie weiter am Leben geblieben sind.«
»Gaunerei! Nichts als Gaunerei!«
»Behalten Sie doch den Grabstein«, rät Georg. »Es ist ein schöner Sachwert. Irgendwann werden Sie ihn schon noch gebrauchen können. Keine Familie ist unsterblich.«
»Ich werde ihn an Ihre Konkurrenz verkaufen. An Hollmann und Klotz, wenn Sie nicht sofort zehn Milliarden dafür geben!«
Ich hebe das Telefon ab. »Kommen Sie, wir nehmen Ihnen die Arbeit ab. Hier, rufen Sie an. Nummer 624.«
Knopf wird unsicher und winkt ab. »Ebensolche Gauner wie Sie! Was ist der Stein morgen wert?«
»Vielleicht eine Milliarde mehr. Vielleicht zwei oder drei Milliarden.«
»Und in einer Woche?«
»Herr Knopf«, sagt Georg. »Wenn wir den Dollarkurs im voraus wüßten, säßen wir nicht hier und schacherten um Grabsteine mit Ihnen.«
»Es ist leicht möglich, daß Sie in einem Monat Billionär sind«, erkläre ich.
Knopf überlegt das. »Ich behalte den Stein«, knurrt er dann. »Schade, daß ich ihn schon bezahlt habe.«
»Wir kaufen ihn jederzeit wieder.«
»Das möchten Sie wohl! Ich denke nicht daran, ohne Verdienst! Ich behalte ihn als Spekulation. Geben Sie ihm einen guten Platz.« Knopf schaut besorgt aus dem Fenster. »Vielleicht gibt es Regen.«
»Grabsteine halten Regen aus.«
»Unsinn! Dann sind sie nicht mehr neu! Ich verlange, daß meiner in den Schuppen gestellt wird. Auf Stroh.«
»Warum stellen Sie ihn nicht in Ihre Wohnung?« fragt Georg. »Da ist er im Winter auch vor Kälte geschützt.«
»Sie sind wohl verrückt, was?«
»Nicht im geringsten. Es gibt viele hochachtbare Leute, die sogar ihren Sarg in der Wohnung haben. Heilige hauptsächlich und Süditaliener. Viele benutzen ihn sogar jahrelang als Bett. Wilke oben schläft immer in seinem Riesensarg, wenn er so viel getrunken hat, daß er nicht nach Hause gehen kann.«
»Geht nicht!« entscheidet Knopf. »Die Weiber! Der Stein bleibt hier. Tadellos! Sie sind verantwortlich. Versichern Sie ihn! Auf Ihre Kosten!«
Ich habe genug von diesem Feldwebelton. »Wie wäre es, wenn Sie jeden Morgen einen Appell mit Ihrem Grabstein abhielten?« frage ich. »Ob die Politur erstklassig ist, ob er genau in Richtung und auf Vordermann steht, ob der Sockel wie ein Bauch gut eingezogen ist, ob die Büsche rundum strammstehen, und wenn Sie darauf bestehen, könnte Herr Heinrich Kroll jeden Morgen in Uniform Ihren Grabstein angetreten melden. Dem würde das sicher Spaß machen.«
Knopf schaut mich finster an. »Es würde besser in der Welt aussehen, wenn mehr preußische Zucht herrschte«, erwidert er und rülpst furchtbar. Der Geruch nach Rothschem Korn wird durchdringend. Der Feldwebel hat wahrscheinlich tagelang nicht gegessen. Knopf rülpst ein zweites Mal, diesmal weicher und melodischer, starrt uns noch einmal mit den erbarmungslosen Augen eines etatsmäßigen Feldwebels im Ruhestand an, dreht sich um, fällt beinahe, fängt sich und wandert dann zielbewußt zum Hof hinaus nach links – in die Richtung der ersten Kneipe, in der Tasche die restlichen Milliarden der Familie.
Gerda steht vor ihrem Kocher und macht Kohlrouladen. Sie ist nackt, hat ein Paar grüne ausgetretene Pantoffeln an den Füßen und ein rotkariertes Küchenhandtuch über die rechte Schulter geworfen. Es riecht nach Kohl, Fett, Puder und Parfüm, draußen hängen die Blätter des wilden Weins rot vor dem Fenster, und der Herbst starrt mit blauen Augen herein.
»Schön, daß du noch einmal gekommen bist«, sagt sie. »Morgen ziehe ich hier aus.«-»Ja?«
Sie steht unbefangen und ihres Körpers sicher vor dem Kocher. »Ja«, sagt sie. »Interessiert dich das?«
Sie dreht sich um und sieht mich an. »Es interessiert mich, Gerda«, erwidere ich. »Wohin gehst du?«
»Ins Hotel „Walhalla“.«
»Zu Eduard?«
»Ja, zu Eduard.«
Sie schüttelt die Kohlrouladen. »Hast du etwas dagegen?« fragt sie dann.
Ich sehe sie an. Was kann ich dagegen haben? denke ich. Ich wollte, ich hätte etwas dagegen! Einen Augenblick will ich lügen – aber ich weiß, daß sie mich durchschaut.
»Bleibst du auch nicht mehr in der Roten Mühle?« frage ich.
»Ich habe längst Schluß gemacht in der Roten Mühle. Du hast dich nur nicht darum gekümmert. Nein, ich bleibe nicht dabei. Man verhungert in unserem Beruf. Ich bleibe in der Stadt.«
»Bei Eduard«, sage ich.
»Ja, bei Eduard«, wiederholt sie. »Er gibt mir die Bar. Ich werde Bardame.«
»Und du wohnst dann im „Walhalla“?«
»Ich wohne im „Walhalla“, oben unter dem Dachstuhl, und ich arbeite im „Walhalla“. Ich bin nicht mehr so jung, wie du glaubst; ich muß sehen, daß ich etwas Festes habe, bevor ich keine Engagements mehr finde. Mit dem Zirkus ist es auch nichts. Das war nur so ein letzter Versuch.«
»Du kannst noch viele Jahre Engagements finden, Gerda«, sage ich.
»Davon verstehst du nichts. Ich weiß, was ich tue.«
Ich blicke auf die roten Weinreben, die vor dem Fenster pendeln. Ich habe keinen Grund dazu, aber ich fühle mich wie ein Drückeberger. Meine Beziehung zu Gerda ist nicht mehr gewesen als die eines Soldaten auf Urlaub; aber für einen von zweien ist sie wohl immer etwas mehr als das.
»Ich wollte es dir selbst sagen«, sagt Gerda.
»Du wolltest mir sagen, daß es mit uns vorbei ist?«
Sie nickt. »Ich spiele ehrlich. Eduard hat mir als einziger etwas Festes angeboten – eine Stellung -, und ich weiß, was das heißt. Ich will keinen Schwindel.«
»Weshalb -« Ich breche ab.
»Weshalb hast du dann jetzt noch mit mir geschlafen, wolltest du fragen«, antwortet Gerda. »Weißt du nicht, daß alle wandernden Artisten sentimental sind?« Sie lacht plötzlich. »Abschied von der Jugend. Komm, die Kohlrouladen sind fertig.«
Sie stellt die Teller auf den Tisch. Ich sehe ihr zu und bin plötzlich traurig. »Nun, was macht deine große himmlische Liebe?« fragt sie.
»Nichts, Gerda. Nichts.«
Sie füllt die Teller. »Wenn du mal wieder ein kleines Verhältnis hast«, sagt sie,»erzähl dem Mädchen nie etwas von deinen anderen Lieben. Verstehst du?«
»Ja«, erwidere ich. »Es tut mir leid, Gerda.«
»Um Gottes willen, halt den Schnabel und iß!«
Ich sehe sie an. Sie ißt ruhig und sachlich, ihr Gesicht ist klar und fest, sie ist von Kindheit an gewöhnt, unabhängig zu leben, sie kennt ihr Dasein und hat sich damit abgefunden. Sie hat all das, was ich nicht habe, und ich wollte, ich liebte sie, und das Leben wäre klar und übersehbar, und man wüßte immer alles darüber, was man braucht, nicht allzuviel, aber das unanfechtbar.
»Weißt du, ich will nicht viel«, sagt Gerda. »Ich bin mit Prügeln aufgewachsen und dann von zu Hause weggelaufen. Jetzt habe ich genug von meinem Beruf und werde seßhaft. Eduard ist nicht der Schlechteste.«
»Er ist eitel und geizig«, erkläre ich und ärgere mich sofort darüber, es gesagt zu haben.
»Das ist besser als schlampig und verschwenderisch, wenn man jemanden heiraten will.«
»Ihr wollt heiraten?« frage ich überrascht. »Glaubst du ihm das wirklich? Er wird dich ausnützen und dann irgendeine Hotelierstochter mit Geld heiraten.«
»Er hat mir nichts versprochen. Ich habe nur einen Kontrakt mit ihm für die Bar gemacht, für drei Jahre. Er wird in den drei Jahren merken, daß er mich nicht entbehren kann.«
»Du hast dich verändert«, sage ich.
»Ach, du Schaf! Ich habe nur einen Entschluß gefaßt.«
»Bald wirst du mit Eduard auf uns schimpfen, weil wir immer noch die billigen Eßmarken haben.«
»Habt ihr noch welche?«
»Noch für ein und einen halben Monat.«
Gerda lacht. »Ich werde nicht schimpfen. Außerdem habt ihr sie ja seinerzeit richtig bezahlt.«