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Wer die Wahrheit sucht

Электронная книга - «Wer die Wahrheit sucht». Краткое содержание книги:

An einem frühen Dezembermorgen wird Guy Brouard — Millionär, Mäzen und Frauenheld — ermordet an einem Strand der englischen Kanalinsel Guernsey aufgefunden. Verdächtige und Motive gibt es mehr als genug. Nur die junge Amerikanerin China River hat keines. Doch alle Indizien weisen ausgerechnet auf sie. China hatte ihren Bruder aus Kalifornien nach Guernsey begleitet, um Guy Brouard die Architekturpläne für ein von ihm gestiftetes Museum zum Gedenken an die deutsche Besatzung der Insel im Zweiten Weltkrieg zu übergeben. Eine andere Verbindung existiert augenscheinlich nicht.
Simon St. James, engster Vertrauter von Chief Inspector Thomas Lynley, reist mit seiner Frau Deborah auf die winterliche Kanalinsel, um die Unschuld von China, einer alten Freundin Deborahs, nachzuweisen. Doch je tiefer sie in die verschworene Inselgemeinschaft eintauchen, desto mehr Personen entdecken sie, die dem wohltätigen Mitbürger Guy Brouard alles andere als freundschaftliche Gefühle entgegenbringen — und die auf irgendeine Weise in den Mord verstrickt sind: seine Exfrau, sein Sohn, seine Geliebte, seine Schwester, seine jugendlichen Schützlinge, der tragisch ausgebootete einheimische Architekt. Liegen die Motive in Brouards undurchsichtiger Vergangenheit? Oder reichen sie zurück bis in Guernseys wechselvolle Geschichte?
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«Ach so. «Der Arzt legte die Hände auf den Schreibtisch und faltete sie ordentlich, so dass sein Siegelring das Licht reflektierte.»Sie haben ein Bild davon. Die Patientin im Koma, und die Familie um ihr Bett versammelt. Sie liegt reglos da, nicht einmal bei Bewusstsein, unfähig, sich mitzuteilen, ganz gleich, was in ihrem Geist vorgeht.«

Ruth spürte den Druck der Tränen, aber sie gab ihm nicht nach. Aus

Angst, sie könnte es doch tun, nickte sie nur.

«Das ist ein Bild von vor langer Zeit«, sagte der Arzt.»Natürlich können wir es auch heute herstellen, wenn das der Wunsch des Patienten ist: ein sorgfältig herbeigeführtes Hinübergleiten in ein Koma, an dessen Ende der Tod wartet. Wir können aber die Dosis auch so einstellen, dass der Schmerz gelindert wird und der Patient völlig wach bleibt.«

«Aber wenn der Schmerz zu stark wird, muss die Dosis ihm angepasst werden. Und ich weiß, wie Morphin wirkt. Sie können nicht sagen, dass es nicht schwach und müde macht.«

«Wenn Sie Probleme damit haben, wenn es Sie zu schläfrig macht, geben wir zum Ausgleich etwas anderes dazu, etwas Anregendes.«

«Noch mehr Tabletten. «Die Bitterkeit, die Ruth in ihrer Stimme hörte, stand in direktem Verhältnis zu ihrem Schmerz.

«Was haben wir für eine Alternative, Ruth? Neben dem, was Sie bereits bekommen?«

Das war die Frage, und es gab keine Antwort darauf, die sie leicht akzeptieren konnte. Da war der Tod von eigener Hand; die freudige Hinnahme der Qualen nach Art einer christlichen Märtyrerin, oder die Droge. Sie würde sich entscheiden müssen.

Sie dachte bei einer Tasse Kaffee darüber nach, die sie im Admiral de Saumarez Inn trank, gleich um die Ecke von der Berthelot Street. Im Kamin brannte ein Feuer, und in seiner Nähe fand Ruth einen kleinen Tisch, der frei war. Sie setzte sich vorsichtig und bestellte Kaffee, trank ihn langsam, den bitteren Geschmack auskostend, während sie zusah, wie die Flammen gierig über die Holzscheite herfielen.

Sie müsste, dachte sie müde, heute nicht in der Situation sein, in der sie sich befand. Als junges Mädchen hatte sie geglaubt, sie würde eines Tages heiraten und Familie haben wie andere Frauen. Doch als sie dreißig und dann vierzig geworden war, ohne dass das geschah, hatte sie geglaubt, sie könnte für ihren Bruder da sein, der ihr Leben lang ihr Ein und Alles gewesen war. Sie war eben für andere Aufgaben nicht geschaffen, sagte sie sich. Nun gut. Sie würde für Guy leben.

Aber in ihrem Leben für Guy war sie damit konfrontiert worden, wie Guy sein Leben führte, und das war für sie schwer zu akzeptieren gewesen. Es war ihr schließlich gelungen, indem sie sich sagte, dass sein Handeln eine Reaktion auf den frühen Verlust war, den er erlitten hatte, und auf die schwere Verantwortung, die ihm infolge dieses Verlusts aufgebürdet worden war. Auch für sie hatte er Verantwortung getragen und sich nie davor gedrückt. Sie schuldete ihm viel. So hatte sie die Augen verschlossen, bis zu dem Tag, an dem es nicht mehr ging.

Sie hätte gern gewusst, warum die Menschen so unterschiedlich auf Schwierigkeiten in der Kindheit reagierten. Des einen Herausforderung war des anderen Entschuldigung, aber stets lag die Ursache für ihr Handeln in der Kindheit. Diese einfache Regel war ihr immer wieder klar geworden, wenn sie das Leben ihres Bruders betrachtet hatte: Den durch frühe Verfolgung und frühen Verlust bedingten, starken Drang, erfolgreich zu sein und den eigenen Wert zu beweisen, die unaufhörliche Jagd nach Frauen, die die Sehnsucht des kleinen Jungen nach der Mutter widerspiegelte, die misslungenen Versuche, die Vaterrolle auszufüllen, Indiz für eine Vater-SohnBeziehung, die abgebrochen worden war, bevor sie sich hatte entwickeln können. Sie wusste das alles und dachte darüber nach. Aber bei all ihrem Nachdenken hatte sie nie bedacht, dass diese simple Regel, die die Rolle der Kindheit im Leben eines Menschen betraf, auch bei anderen Menschen Gültigkeit hatte.

Bei ihr selbst, zum Beispieclass="underline" ein Leben in Angst. Die Leute versprachen wiederzukommen, aber sie taten es nie — das war der Hintergrund, vor dem sie ihre Rolle in dem Stück gespielt hatte, das ihr Leben wurde. Aber in einem solchen Klima der Angst konnte man nicht funktionieren, deshalb versuchte man, so zu tun, als gäbe es die Angst nicht. Von einem Mann könnte man verlassen werden, also sucht man sich einen, der einem das nicht antun kann. Ein Kind könnte größer werden, sich verändern, fortgehen, also tritt man dieser Möglichkeit auf die einfachste Art entgegen: Man bekommt keine Kinder. Die Zukunft könnte Herausforderungen mit sich bringen, die einen ins Unbekannte stoßen, also lebt man in der Vergangenheit.

Mehr noch, man macht sein Leben zu einem Tribut an die Vergangenheit, wird selbst zur Chronistin der Vergangenheit, hält sie hoch und zeichnet sie in jeder Einzelheit auf. So lebt man außerhalb der Angst, was, wie sich herausstellte, nur eine andere Art war, außerhalb des Lebens zu leben.

Aber war das so verwerflich? Ruth konnte es nicht glauben, vor allem nicht, wenn sie sich überlegte, wozu ihre Versuche, im Leben zu leben, geführt hatten.

«Ich möchte wissen, was du vorhast«, hatte Margaret am Morgen gefordert.»Adrian ist das genommen worden, was ihm von Rechts wegen zusteht — in mehr als einer Hinsicht, wie du weißt — , und ich möchte wissen, was du zu unternehmen gedenkst. Es ist mir egal, wie er es geschafft hat, was für rechtliche Tricks er angewandt hat. Darüber bin ich hinaus. Ich möchte nur wissen, wie du das in Ordnung bringen willst. Nicht ob, Ruth. Wie! Denn dir ist ja wohl klar, was passiert, wenn du nichts unternimmst.«

«Guy wollte — «

«Es ist mir, verdammt noch mal, egal, was Guy deiner Meinung nach wollte! Ich weiß, was er wollte: das, was er immer wollte. «Margaret trat kämpferisch auf Ruth zu, die an ihrem Toilettentisch saß und versuchte, ihrem Gesicht etwas Farbe zu gehen.»Sie hätte seine Tochter sein können, Ruth. Sie war jünger als seine eigenen Töchter, Herrgott noch mal. Sie hätte für ihn unter allen Umständen unantastbar sein müssen. Das war sein letztes Meisterstück! Und du weißt davon, richtig?«

Ruths Hand zitterte so heftig, dass sie ihren Lippenstift nicht aufdrehen konnte. Margaret sah es und stürzte sich darauf. Sie interpretierte es als die Antwort, die Ruth nicht aussprechen wollte.

«Mein Gott, du hast es tatsächlich gewusst. «Margarets Stimme war rau.»Du wusstest, dass er es darauf anlegte, sie zu verführen, und hast nichts getan, um es zu verhindern. Für dich — das war ja immer so — konnte Guy nichts Böses tun, ganz gleich, wer leiden musste.«

Ruth, ich will es. Sie will es auch.

«Was bedeutete es schon, dass sie nur die Letzte in einer endlos langen Reihe Frauen war, die er unbedingt haben musste. Was bedeutete es schon, dass er einen Verrat beging, von dem niemand sich erholen würde? Er hat ja immer so getan, als erwiese er, der weltläufige Gentleman, ihnen einen Gefallen. Als erweiterte er ihren Horizont, nähme sie in seine Obhut, errettete sie aus einer unerfreulichen Situation, und wir wissen beide, was für eine Situation das war. In Wirklichkeit hat er sich auf die billigste Art, die es gibt, seine Selbstbestätigung geholt. Du hast es gewusst. Du hast es mit angesehen, und du hast es geschehen lassen. Als wärst du keinem außer dir selbst verantwortlich. «

Ruth ließ die Hand sinken, die jetzt so heftig zitterte, dass sie sie nicht mehr gebrauchen konnte. Guy hatte unrecht getan, ja. Sie war bereit, das einzuräumen. Aber er hatte es nicht vorsätzlich getan. Er hatte nicht im Voraus geplant. oder auch nur darüber nachgedacht. Nein. Ein solches Monster war er nicht gewesen. Es war einfach geschehen: Plötzlich fiel es Guy wie Schuppen von den Augen und ebenso plötzlich erwachte sein Begehren, und er meinte, unbedingt besitzen zu müssen, denn: Sie ist die Richtige, Ruth. Jede war für Guy» die Richtige«, damit rechtfertigte er sein Handeln. Insofern hatte Margaret Recht. Ruth hatte die Gefahr gesehen.

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