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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten

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Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
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Apolonia legte die Zeitung beiseite und machte sich an ihr Frühstück. Sie aß mit großem Appetit und langsam; ein Bissen von ihrem Brötchen, ein Stück Rührei, ein Schluck Tee. Sie dachte an die gefassten Terroristen und den Brand in der Buchhandlung, den diese Männer gelegt hatten. Sie dachte an Morbus und die Dichter und wie sie eines Nachts heimgekehrt waren, erschöpft und mitgenommen vom Kampf gegen den TBK, um einen anonymen Brief an die Polizei zu schreiben, der verriet, wo die beiden besiegten Männer sich aufhielten. Sie dachte an ihren Vater ... dachte an jenen späten Frühlingsmorgen, als sie ihn in der Buchhandlung gefunden hatte, rußverschmiert und verrückt ... wie sie seinen Namen sagte, wieder und wieder, und an ihm zerrte, und er sich nicht bewegte; er ignorierte sie einfach, sie und die ganze Welt. Apolonia spießte das letzte Stück Rührei auf ihre Gabel. Schade, dass ihr Vater nicht mehr mitbekam, wie sie sich rächte. Wenn er nur verstehen könnte, dass jetzt alles wieder gut wurde, vielleicht würde er dann zurück zu seinem alten Selbst finden ... aber nein. Apolonia ließ diese kindischen Hoffnungen nicht zu. Wenn Menschen sich einmal veränderten, konnten sie sich nicht zurückverwandeln. Im Leben gab es keine Schritte zurück, nur nach vorne. Immer und immer weiter nach vorne.

Die Gabel fiel auf den Teller und Apolonia ließ sich in ihren Sessel sinken. Mehrere Minuten saß sie reglos und dachte an alles Mögliche und gar nichts. Die verschneite Landschaft draußen blendete wie frisches weißes Papier. Das Gefühl von Schwere, das in den letzten Tagen immer intensiver geworden war, kroch ihr über die Schultern und schien sie hinunterziehen zu wollen ... Nervös schlug Apolonia die Beine übereinander und räkelte sich im Sessel. Je mehr sie von Morbus’ Blutbüchern gelesen hatte - inzwischen waren es schon fünf -, desto öfter war sie mit Unbehagen aus der dort eingeschlossenen Welt in ihr eigenes Leben zurückgekehrt. Nach jedem Lesen kam ihr die Wirklichkeit deprimierender und langweiliger vor, und was noch schlimmer war: Sie sehnte sich jedes Mal danach, so schnell wie möglich weiterzulesen, um ihre bedrückenden Gedanken zu vergessen. Denn obwohl der gelungene Auftakt zu ihrem Rachefeldzug gegen den TBK sie hätte erfreuen sollen, fühlte sie sich im Gegenteil ... ja, wie eigentlich? Wie sollte sie die Stille in sich beschreiben?

Kurz entschlossen stand sie auf und lief durch das Haus, bis sie auf einen Bediensteten stieß. Sie fragte ihn, ob es hier ein Telefon gäbe, und der Mann führte sie in ein lichtes Zimmer neben der Eingangshalle. Als Apolonia alleine war, wählte sie die Nummer der Polizei und ließ sich mit Inspektor Bassar verbinden. Bis jetzt hatte sie sich nicht getraut anzurufen - schließlich lag der Tod des Polizisten noch nicht lange zurück -, doch nun konnte sie sich nicht mehr zurückhalten. Der Inspektor meldete sich mit leiser, beinahe misstrauischer Stimme.

»Ja, Inspektor Bassar? Hier spricht Apolonia Spiegelgold. Ich wollte fragen ... es geht um den TBK und meine Zeugenaussagen. Ich würde gerne einen Insassen sehen, wenn es möglich ist. Sein Name lautet ...« Sie hielt inne. Dann räusperte sie sich. »Er ist bekannt als Jorel. Oder Tigwid.«

Stille am anderen Ende der Leitung. Sekunden verstrichen. Apolonia hielt den Atem an.

»Ich glaube, ich erinnere mich an den Jungen, Fräulein Spiegelgold. Er ist geflohen, als er in eine andere Zelle verlegt werden sollte.«

Apolonias Mund war so trocken, dass sie nicht antworten konnte.

»Sind Sie noch dran?«

»... ja. Ja, ich bin da.«

»Sagen Sie, wie kommen Sie auf den Jungen?«

Der Hörer fühlte sich rutschig in ihrer Hand an. »Ich ... er hatte Kontakt zum TBK.«

»Fräulein Spiegelgold«, hob der Inspektor an und kam Apolonia lauter vor, »vielleicht wollen Sie trotzdem vorbeikommen und mit mir darüber sprechen. Wir haben noch einige Fragen bezüglich des TBK.«

»Ich habe schon alle Fragen letzte Woche beantwortet!«

»Sie wollen uns doch helfen, nicht wahr?«

»Ich rufe wieder an«, sagte Apolonia mit belegter Stimme und hängte auf. Sie starrte den Apparat wie ein lebendig gewordenes Ungeheuer an.

Er war geflohen. Jetzt wusste sie es mit Sicherheit: Er hatte dazugehört. Der TBK hatte ihm zur Flucht verholfen. Es war wahrscheinlich alles von ihm geplant gewesen - die ganze Zeit über hatte er versucht, sie zum Treuen Bund zu bringen! Und sie hatte auch noch Schuldgefühle gehabt und sich um ihn ... Ihre Fäuste zitterten.

Sie lief aus dem Zimmer. Erst allmählich wurde ihr die Tragweite ihres Irrtums bewusst. Wahrscheinlich hatte Tigwid der Polizei irgendetwas über sie erzählt, wieso sonst wollte der Inspektor sie noch einmal sprechen? Sie musste sich konzentrieren. Was hatte Tigwid der Polizei gesagt? Was würde er sagen, um den TBK zu schützen? Sie musste es wissen, bevor der Inspektor sie befragte!

Ihr wurde ganz schwindelig. Sie lehnte sich gegen das Treppengeländer und musste tief durchatmen. Eine tückische Stimme flüsterte ihr zu, dass Tigwid der einzige Freund gewesen war, den sie je gehabt hatte. Aber nein, nein - er war nie ein Freund gewesen, er war ein Lügner, der schlimmste von allen!

Schritte erklangen unter ihr und Apolonia drehte sich um. Morbus trat in die Eingangshalle. »Apolonia, komm! Du musst etwas sehen.«

Sie ließ das Geländer los. »Was denn?«

Morbus war schon halb in einem Korridor verschwunden. Er lehnte sich zu ihr zurück und lächelte dünn. »Wir haben einen mitgebracht für ... dein erstes Buch.«

Bassar verließ das Polizeipräsidium für einen Spaziergang im Park. Bis auf ein paar Hundebesitzer war alles menschenleer. Der Kies knirschte unter Bassars Füßen, als er Spuren in den Schnee setzte. Wie gut tat der Frieden der Natur! Seit der Auflösung von Eck Jargo ging es im Polizeipräsidium noch schlimmer zu als früher, sodass Bassar manchmal sogar das Gefühl hatte, Eck Jargo sei gar nicht aufgelöst worden, sondern lediglich umgezogen. Außerdem belagerte die Presse das Präsidium immer wieder. Nach den vielen Vorwürfen, die die Polizei sich nach den Toten von Eck Jargo hatte anhören müssen, war nun ein regelrechter Regen von Presselob auf sie niedergegangen: Kaum hatte die kleine Spiegelgold von ihrer Entführung und dem längst zerschlagen geglaubten TBK berichtet, waren auch schon die ersten beiden Terroristen geschnappt worden. So schnell hatte die Polizei selten Erfolge erzielt.

Während der Beifall nun auch von den Regierungsoberhäuptern kam, fühlte Bassar sich zunehmend bedrückter. Er, der in allen Zeitungen gepriesen wurde, fühlte sich keineswegs, als würde er in der Verbrecherwelt aufräumen. Zwar waren die Akten, die vor einem Monat aus dem geheimnisvollen Büro sichergestellt worden waren, voller wertvoller Informationen, doch insgesamt hatten sie, anstatt Rätsel zu lösen, nur noch größere aufgeworfen. Bis heute wusste die Polizei nicht einmal, wer für das Büro verantwortlich gewesen war - der Name des Inhabers hatte sich als erfunden herausgestellt. Nein, Bassar leistete keine gute Arbeit. Er folgte lediglich der Spur, die jemand ihm fein säuberlich hinterließ, wie ein Hund, der sich Stück für Stück an einer Wurstkette vorwärtsfrisst.

Aber wer legte die Spur? Und wohin würde sie führen ...?

Es gab eine Verschwörung - damit hatte die kleine Spiegelgold recht. Nur ihre Geschichte von Terroristen, die aus reiner Bosheit Kinder entführten, mordeten und Brände legten, konnte Bassar nicht überzeugen. Schließlich hatte er die Akte aus der falschen Detektei, die besagte, dass Alois Spiegelgold den Brand selbst gelegt hatte. Außerdem erinnerte er sich gut an die Märchen, die Apolonia ihm erzählt hatte, bevor sie an die Öffentlichkeit gegangen war. Was war mit den Motten? Hatte sie der Polizei damals einen dummen Streich spielen wollen? Wenn ja, durfte man ihre Behauptungen über den TBK auch nicht ernst nehmen.

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