Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Fredo nahm ihm das Taschentuch ab und wischte sich selbst über Mund und Kinn. Dann starrte er dumpf vor sich hin. Und plötzlich brach er erneut in Tränen aus und weinte still.
»Vielleicht kommt sie noch!«, rief Tigwid. »Ach, ich - ich wette, sie kommt gleich hier zur Tür herein, und alles ist in Ordnung!«
»Ich hab ihr nicht helfen können«, schluchzte Fredo ins Taschentuch. »Jetzt ist sie verloren. O Gott, Loo!«
Tigwid hatte sich selten so hilflos gefühlt. Er setzte sich auf den Tisch und tröstete Fredo mit stummer Anteilnahme. Endlich kamen Bonni, Emil und Zhang zurück und spähten aus dem Küchenfenster. Niemand war in Sicht.
Sie warteten eine geschlagene halbe Stunde. Mittlerweile hatte Fredo sich wieder halbwegs unter Kontrolle. Mal saß er teilnahmslos da, dann stand er auf und ging unruhig zwischen Tisch und Fenster hin und her. »Los, wir hauen ab«, murmelte er schließlich und packte Bonnis und Zhangs Bündel.
»Wir können noch ein bisschen warten«, warf Emil ein. Doch Fredo war bereits auf dem Weg ins Badezimmer. »Jede Minute zählt jetzt. Ich muss sofort zu Erasmus und Loo suchen.«
Vor dem Grünen Ring angekommen, wischte Fredo über das Bild hinweg, und die gemalte Tür sprang auf. Nacheinander stiegen sie ins raumlose Dunkel.
»Ich übernehme«, sagte Fredo und schloss die Augen. Einen Moment später flimmerte der Grüne Ring vor ihnen auf und sie traten in Collontas Arbeitszimmer. Rings um den Tisch mit den seltsamen Gerätschaften standen Collonta, Mart, Kairo, Fuchspfennig und Laus, die in viele bunte Schals gehüllte Geisterherrin.
»O Fredo!« Collonta kam hastig um den Tisch herum und betrachtete sein zerschundenes Gesicht. »Mart hat gerade alles erzählt.«
»Wir haben die Wohnung geräumt«, sagte Bonni und wies auf die drei Bündel, die die wenigen Kostbarkeiten des Treuen Bunds enthielten.
»Loo ist nicht gekommen«, fügte Fredo hinzu, und Tigwid bemerkte, wie seine Fäuste sich ballten. »Wir müssen sie finden, und zwar jetzt sofort. Vielleicht kommen wir nicht zu spät ...«
»Du solltest nirgendwo hingehen, sondern dich ausruhen«, riet Collonta.
»Auf keinen Fall.« Er schüttelte entschieden den Kopf. Collonta musterte ihn eine Weile, dann klopfte er ihm auf die Schulter und nickte. »Nun gut. Dann ist das unser Plan: Fredo, Rupert, Laus und ich machen uns auf die Suche nach Loo. Zhang, komm du auch mit, deine Gabe könnte von Nutzen sein. Mart, du führst die anderen in unser Versteck im Untergrund. Und nun pass gut auf, Tigwid, denn du hast das noch nie gemacht.« Collonta trat an die Bücherregale und zog an einem verborgenen Griff. Das Regal schwang auf und offenbarte einen niedrigen Geheimgang. »Dies ist der einzige reale Weg hinein und hinaus. Benutze ihn, doch du darfst dich kein einziges Mal umdrehen. Vergiss das nicht, Tigwid! Wenn du dich umdrehst, wirst du dich an die Tür erinnern, und die Dichter können dir diese Erinnerung stehlen!«
Tigwid nickte. »Versprochen.«
»Gut. Dann wollen wir keine Zeit mehr verlieren. Wir treffen uns in ein paar Stunden wieder.«
Mart wies die anderen an, ihm durch das Regal zu folgen, während Collonta den Grünen Ring herbeirief.
Keine Worte konnten beschreiben, was Apolonia beim Verfassen ihres ersten Buches empfand. Inzwischen war sie Herr des wilden Meeres geworden und konnte die Erinnerungen aufrufen, nach denen ihr beliebte, als stünde sie in einer Bibliothek voller sortierter Karteikästen. Es waren Tausende Karteikästen. Überquellend vor Bildern, Geräuschen, Gerüchen und vor allem Gefühlen.
Und was für Gefühle Apolonia erlebte! Innerhalb von Minuten empfand sie die ganze Freude, die ganze Angst, Traurigkeit, Überraschung und das Glück eines Lebens. Hätte ihre Hand nicht unermüdlich geschrieben und all das Erlebte aufs Papier entlassen, wäre sie wirklich am Schwall der Erinnerungen verrückt geworden. Nur als sie die Gabe des Mädchens fand, ein leuchtendes, kleines Etwas, das die Terroristin dicht bei ihrem Namen aufbewahrte, hielt Apolonia im Schreiben inne und verwahrte die Gabe in ihrem eigenen Gedächtnis. Nun wusste sie, wie die Kräfte einer Geisterherrin funktionierten.
Es kostete sie große Selbstbeherrschung, das Mädchen nicht zu lieben wie sich selbst. Immer wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie Apolonia hieß; und als sie tiefer in die Persönlichkeit der Terroristin drang und ihre Zuneigung wuchs, sagte sie sich nach jedem fünften Satz: »Ich hasse Loreley und ich liebe nur mich, Apolonia.« So schaffte sie es, ihr Gewissen zu überwinden, das von dem wortlosen Verständnis zwischen ihr und Loo genarrt wurde und ihr befehlen wollte, die junge Frau zu verschonen. Aber natürlich wusste Apolonia, dass sie jeden lieben würde, wenn sie seine Gefühle und Gedanken kannte - davon durfte sie sich nicht zu falschem Mitleid verleiten lassen.
Irgendwann fuhr ein stechender Schmerz durch ihr Handgelenk. Erschrocken fuhr sie auf und wandte den Blick von den Augen der Terroristin: Ihre Hand war völlig erschöpft vom langen Schreiben. Mit zittrigen Fingern durchblätterte sie die beschrifteten Seiten. Es waren mehr als dreißig.
Morbus stand hinter ihr und berührte sie am Arm. »Wie fühlst du dich?«
»Ich zittere. Wie lange habe ich geschrieben?«
Morbus zog seine Taschenuhr hervor. »Fast drei Stunden. Du bist ausgesprochen schnell, Apolonia. Ich bin beeindruckt. Aber lass dir ab jetzt ruhig Zeit. Wir werden das Mädchen noch Wochen hierbehalten können.«
»Nein, ich schreibe nicht weiter«, sagte Apolonia und schloss das Buch. Dann erhob sie sich und betrachtete die Terroristin, die nahe der Ohnmacht schien und die Augen verdreht hatte. Ein Ausdruck von ängstlicher Besorgnis huschte über Morbus’ Züge.
»Ich habe gesehen, wo sie lebt. Sie teilt sich eine Wohnung mit weiteren TBK-Mitgliedern und ich kenne jetzt den Weg. Wenn wir sofort losfahren und die Polizei alarmieren, können wir sie alle festnehmen lassen.«
Ein Lächeln breitete sich auf Morbus’ Gesicht aus. »Du übertriffst meine Erwartungen immer wieder.«
»Also fahren wir sofort los?«, fragte van Ulir. »Kastor und ich sind mit Automobilen hier - wenn wir die nehmen, sind wir in einer halben Stunde in der Stadt.«
»Hervorragend«, sagte Morbus. »Apolonia, kennst du den Namen der Straße, in der die Wohnung liegt?«
Sie blätterte durch das Buch. »Hier. Die Gasse hat keinen Namen, doch es ist die erste Gasse links, wenn man die Luisenstraße hochfährt. Die Wohnung liegt in einem verlassenen Haus am Ende der Straße, im dritten Stock.«
»Ich rufe bei der Polizei an und gebe die Informationen durch«, bot sich Manthan an und eilte aus dem Raum.
»Was passiert mit der Gefangenen?«, fragte Apolonia, als Noor und Jacobar sich daranmachten, die junge Frau vom Stuhl loszubinden. Sie hatte endgültig das Bewusstsein verloren.
»Wir setzen sie irgendwo aus. Bist du sicher, dass du ihre Gabe ganz herausgeschrieben hast?«, hakte Morbus nach. Apolonia nickte. »Sehr gut. Nun, dann bringe ich das Buch in die Bibliothek. Später werde ich es mir einmal ansehen.«
Er nahm das Buch und Apolonia am Arm; dann verließen sie den Raum eiligen Schrittes, gefolgt von den Dichtern, die die Terroristin trugen.
Die Fahrt von Caer Therin in die Stadt dauerte nur eine knappe halbe Stunde, doch Apolonia plagten vor Nervosität Magenschmerzen. Die Polizei musste die Wohnung in diesem Augenblick stürmen, und wenn Tigwid unter den Terroristen war, würde er wahrscheinlich so manches über sie preisgeben. Sie musste so schnell wie möglich dort sein und ihn irgendwie zum Schweigen bringen ...
Endlich angekommen, parkten van Ulir und Kastor ihre Wagen zwei Straßen entfernt und sie liefen das letzte Stück zur Wohnung. Die Polizei war bereits da, und als Apolonia und die Dichter sich als die Informanten zu erkennen gaben, ließen sie sie in die Wohnung. Allerdings fehlte vom TBK jede Spur.