Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Ihr Blick irrte über die Zimmerdecke. Dann stiegen ihr Tränen in die Augen. »Es ist zu spät. Es ist geschehen.«
»Was ist geschehen?«, fragte Zhang verzweifelt.
»Magdalenas Tochter ... sie hat gewählt.« Zhang umklammerte Collontas Arm. Nicht nur sie, auch er schien zu zittern.
»Sie hat sich den Dichtern angeschlossen«, sagte Bonni, und Zhang schüttelte den Kopf, als wolle sie es nicht glauben.
Tigwid trat einen Schritt vor. »Redest du von Apolonia? Das ist unmöglich. Apolonia - niemals.«
Zhang drehte sich zu Bonni um. »Bist du dir ganz sicher? Ich meine ... hast du das auch wirklich gesehen?«
Gebannt warteten alle auf eine Antwort. Doch Bonni starrte nur an die Decke und zwang sich schließlich zu einem knappen Nicken. Collonta sank zu Boden. Sein Gehstock schlug klappernd gegen das Bett. Mit dumpfen Augen starrte er ins Leere.
»Nein«, stammelte Tigwid. »Wartet einfach hier ... keine Angst. Ich werde sie finden!«
Enttarnt
Apolonia traf Morbus am späten Nachmittag in der Bibliothek des Anwesens zu ihrer ersten Unterrichtsstunde. Es war ein weitläufiger Raum, fast eine Halle, mit einer bemalten Decke voller Szenen aus der griechischen Mythologie. Die dunklen Regale waren schlicht und ordentlich, die Bücher nach Bänden sortiert.
Als Apolonia eintrat, wandte er sich mit einem Lächeln um und winkte gleichzeitig seinem Diener, woraufhin dieser die schweren dunkelblauen Vorhänge zuzog. Das gräuliche Tageslicht schwand, und Morbus knipste eine Lampe auf einem der Schreibtische an, die einen Kreis um die leer stehende Mitte der Bibliothek schlossen. Dann wartete er, bis der Diener sich verneigt hatte und verschwunden war. Leise schlossen sich die hohen Türflügel. Morbus trat in die Mitte des Raumes, wo kunstvolle Mosaike wie ein riesiges Mandala den Boden bedeckten und ein Marmorauge in ihrem Zentrum präsentierten. Auf dieses Auge presste Morbus eine Hand. Durch den Druck sprang die runde Fläche ein Stück aus dem Boden. Morbus drehte die dicke Marmorscheibe nach rechts. Augenblicklich lief ein Grollen durch den Boden. Plötzlich setzten sich die Fliesen rings um das Mandala in Bewegung. Die schweren Steinplatten erhoben sich und zogen Glasvitrinen ins Licht, in denen jeweils ein rotes Lederbuch ruhte.
Morbus richtete sich auf und schob die Hände in die Hosentaschen. »Komm ruhig näher. Sieh sie dir an!«
Apolonia trat an den Tischen vorbei und näherte sich den Vitrinen. Die Bücher sahen alle aus wie Der Junge Gabriel. »Das alles sind ...?«
Morbus nickte. »Einunddreißig Blutbücher, alle aus meiner Feder. Sie sind innerhalb der letzten neun Jahre entstanden. - Sieh mal hier, das war mein Allererstes.« Er trat an eine Vitrine und seufzte gedankenverloren. »Der Junge Adam. Er war zwölf Jahre alt.«
»Und hat schon zum TBK gehört?«, fragte Apolonia ungläubig.
»O ja, sie fangen früh an. Darum dürfen wir uns von der Jugend unserer Feinde auch nicht zu Milde verleiten lassen.« Er wandte sich wieder dem Buch zu und lächelte leise. »Damals war die ganze Sache noch ein Experiment, ich hatte keine Erfahrung mit dem Herausschreiben von Erinnerungen. Ich entzog dem Jungen ganz wahllos alles, was ich greifen konnte, und am Ende wusste er die banalsten Dinge nicht mehr, zum Beispiel, wie er hieß und was ein Mensch ist.«
»Sie hätten ihm nur die Erinnerung an den TBK nehmen sollen«, sagte Apolonia vorwurfsvoll.
»Wie gesagt, ich war unerfahren. Aber manchmal ist es auch nicht genug, einem Terroristen allein das Wissen um seine Tätigkeit zu nehmen - viele von ihnen haben ein durch und durch böses Wesen, und alles muss getilgt werden, bevor man sie guten Gewissens wieder auf die Straße lassen kann.« Morbus zog einen dünnen Schlüssel aus seiner Westentasche und schloss die Vitrine auf. Dann nahm er das Blutbuch behutsam heraus und strich über den Einband. »Es ist vielleicht nicht das am stilvollsten geschriebene Werk meiner Sammlung. Doch ich denke, das gewisse Durcheinander an Informationen ist genau das Richtige für dich, um damit anzufangen.«
Apolonia stockte, als Morbus ihr das Buch hinhielt. Schließlich zwang sie sich dazu, die Hände auszustrecken und es entgegenzunehmen. Es war schwer und kam ihr plötzlich viel größer vor als in Morbus’ Arm.
»Keine Angst«, sagte er leichthin und ging ihr zu den Schreibtischen voran. Er zog zwei Stühle ins Licht und setzte sich. »Ich passe auf, dass nichts außer Kontrolle gerät.«
Mit einem flauen Angstgefühl ließ Apolonia sich neben ihm nieder. Ihre Finger machten mehrere Versuche, den Deckel zu öffnen, doch immer wieder verließ sie der Mut.
»Ich weiß nicht, ob ich das kann«, brachte sie schließlich hervor. Soweit sie sich erinnern konnte, war es das erste Mal, dass sie sich der gestellten Aufgabe eines Lehrers nicht gewachsen fühlte. Daran musste sie sich erst mal gewöhnen. »Damals in der Lagerhalle bin ich fast ohnmächtig geworden und ... Sie wollen bestimmt nicht, dass ich mich in Ihrer Bibliothek übergebe.«
Gegen jede Erwartung begann Morbus bei dieser abschreckenden Drohung zu lachen. »Ich glaube nicht, dass es dir diesmal ergehen wird wie beim ersten Mal. Jetzt bist du vorbereitet. Und du bist dir deiner Mottengaben bewusst. Nun atme tief durch. Denk immer daran, dass all das, was du gleich lesen wirst, nur deinen Kopf erreicht - obwohl es wahr ist, darf es dich nicht besiegen, verstehst du? Versuche, an dir selbst festzuhalten. Und egal was passiert, vergiss niemals, wo du dich befindest - hier neben mir in der Bibliothek -, deinen eigenen Namen und dass du eine angehende Dichterin bist. Hältst du dich an diese drei Wahrheiten, kannst du dich gegen den Ansturm stellen, der dich in dem Buch erwartet.«
Apolonia atmete tief durch. Dann straffte sie den Rücken und klappte den Deckel auf. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Morbus sich gespannt zurücklehnte. Mit klammen Fingern strich sie die Seite um. In jugendlich geschwungener Schrift stand geschrieben:
Von Jonathan Morbus.
Das Erste Buch.
Der Junge Adam
Apolonia blätterte um. Und da - da schmolz die Welt fort unter der neuen Welt, die aus den Worten auf sie niederstürzte. Wie ein Wasserfall aus leuchtenden Farben spülte der Junge Adam sie fort aus der Gegenwart, fort von sich selbst ... Aber Apolonia zwang sich, in diesem Orkan der Gefühle an ihrer Vernunft festzuhalten. Tränen stiegen ihr in die Augen. Könnte sie sich der unglaublichen, unbegreiflichen Schönheit doch ganz und gar ergeben! Könnte sie sich doch einfach vergessen für dieses fremde, vertraute Leben, das auf seine intensivsten Emotionen komprimiert war, wie tausend Sirenenstimmen auf ein einziges Seufzen ... Dann fing sie sich. Sie atmete tief. Es ist nur eine Geschichte, sagte sie sich. Nur eine Geschichte ... das ganze, ganze Leben war nichts als eine Geschichte. Konzentriert, zwischen schwelgender Liebe und glühendem Schmerz, las sie das Blutbuch weiter.
Apolonia verlor jegliches Zeitgefühl. Erst als Morbus sie kräftig an den Schultern schüttelte, konnte sie sich von den Worten losreißen und erwachte mit einem trockenen Mund und kalten Fingern wie aus einem stundenlangen Tagtraum. Es war zwei Uhr nachts.
»Das reicht für heute«, sagte Morbus, der die ganze Zeit neben ihr gesessen und aufgepasst hatte. Apolonia brachte nur ein Nicken zustande. Als sie sich eine Viertelstunde später in ihr Bett sinken ließ, lag sie noch lange wach und starrte in die Dunkelheit, erfüllt von hundert wirr durcheinanderflatternden Gedanken. Erst nach einer Weile meldete sich eine Stimme zu Wort, die ihr verriet, dass diese Gedanken gar nicht ihre waren, sondern die des Jungen Adam, die noch durch ihr Bewusstsein schwammen wie Fische, die in fremdes Gewässer geworfen worden waren. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf, nicht wissend, ob sie träumte oder wach war, und kam erst im grauen Licht des Tages wieder zu sich.