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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Ich befasste mich länger und ausgiebiger mit der Epoche -Xenophons Hellenika und Erinnerungen an Sokrates, Aristoteles' Staat der Athener und nicht zuletzt Platons Dialoge waren wertvolle Quellen - und entdeckte das hohe Niveau, welches Athen um 400 v. u. Z. erreicht hatte. Allgemeine Wehrpflicht, Ordnungspolizei, Invalidenhilfe, Müllabfuhr, Baupolizei und ein beginnendes Gerichtswesen - Institutionen, die wir mehr oder weniger unbesehen der Neuzeit zuordnen, waren im antiken Athen nicht nur schon erdacht, sondern eingerichtet.

Das rätselhafte Pamphlet der ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ, dessen Autor bis heute unbekannt geblieben ist, die Finanzierung der spartanischen Flotte durch Persien, der Sturz der Demokratie am Ende des Krieges, die Dreißig Tyrannen - der Stoff drängte sich auf und fand mich mehr, als dass ich ihn gesucht hätte. Ich konnte gar nicht anders, als genau hierüber einen Roman zu schreiben. Darin wollte ich die Blüte Athens mit ihren Errungenschaften in Kultur und Verwaltung ebenso vorführen wie die Abgründe des Verrats am eigenen Volk, zu dem sich die Dreißig Tyrannen wie alle späteren Diktatoren haben hinreißen lassen. Diesem Wunsch entsprechend ist die Kulisse, vor der der Roman spielt, so wahrhaftig, wie dies meine Recherchen und die Gesetzmäßigkeiten des Genres zuließen. Die Politiker Kritias, Thrasybulos und Alkibiades - zum Teil auch Charmides - sind nach historischen Quellen beschrieben, wenn auch mit jenen menschlichen oder allzumenschlichen Eigenschaften bedacht, die den meisten Quellen nicht zu entnehmen sind. Die Schilderung der Verwaltung Athens mit Vollversammlung, Rat, Archonten, Polizei und Gerichten, Behindertenrenten und organisierter Müllabfuhr ist belegbar und insbesondere Aristoteles' kleiner Schrift Der Staat der Athener entnommen. Und natürlich haben auch die in dem Roman erwähnten Philosophen und Schriftsteller, Ärzte und Redner in Athen gelebt, wenn auch nicht zwingend in den Jahren 408 bis 404 v. u. Z., in denen die Handlung dieser Erzählung spielt. Selbst Glaukon, Platons Bruder, dem in diesem Buch eine eher unrühmliche Rolle zukommt, ist bei Xenophon erwähnt und schon von ihm als Aufschneider charakterisiert. Im weiteren Anhang findet sich ein Verzeichnis, das die Lebensdaten der realen Personen benennt, die in dieser Erzählung erwähnt sind, und Dichtung und Wahrheit weiter scheidet.

Trotzdem bleibt das Buch ein Roman. Die Geschichte um den Mord an einem Olympiasieger ist also ebenso erfunden wie die im Vordergrund der Handlung agierenden Figuren Niko-machos, Aspasia, Raios, Anaxos, Lykon, Chilon, Bias usw. Sie habe ich, so gut ich dies eben vermochte, mit dem Bild der Geschichte verwoben, wie es vor meinem inneren Auge stand. Wo genau die Nahtlinie im Einzelfall verläuft, ist dabei manchmal nur schwer zu entscheiden. So ist beispielsweise gesichert, dass Sparta seine Flotte tatsächlich nur mit persischem Geld bauen konnte, und es wird vermutet, dass aristokratische Kreise in Athen dabei geholfen haben. Wo beginnt dann die Fiktion, wenn ich die erste Ankunft persischer Bankiers in Athen schildere, die das Geschäft der Finanzierung besprechen wollen?

Auch bei der Beschreibung realer Personen habe ich mir Freiheiten erlaubt, und die Charakterisierung Platons ist gewiss die Ungehörigste von allen. Ich bekenne frei, dass es keinen Beleg dafür gibt, dass der große Philosoph je gelispelt hätte. Ich habe mir diesen Scherz erlaubt, weil Platon die Vorgänger meines bürgerlichen Berufes - ich bin Anwalt und also in gewisser Weise Kollege der Rhetoren und Logographen - in seinen Dialogen immer wieder so massiv angreift, dass noch mein alter, humanistisch gebildeter Schuldirektor meinte, mich vor den zweifelhaften Künsten der Redekunst warnen zu müssen, als er von meiner Berufswahl erfuhr. Belegt jedoch ist Platons sprichwörtliche Traurigkeit, schon Freud hat auf seine Homosexualität hingewiesen, und Platon selbst berichtet im Dialog Phaidon, wie eine Krankheit ihn daran gehindert habe, Sokrates in seinen letzten Stunden beizustehen.

Was Platon angeht, muss ich ein weiteres Geständnis ablegen: Er ist mir während all meiner Recherchen fremd geblieben.

Daher ist die Rolle, die er in dieser Erzählung spielt, kleiner, als sie ihm ursprünglich zugedacht war, und daher musste denn auch ein Verwandter den zweifelhaften Part des Mörders geben, weil nur seine Täterschaft die Passivität Platons plausibel machen konnte. Hierfür bitte ich all seine Anhänger und Bewunderer um Verzeihung, zugleich aber auch um eine Erklärung: Wieso hat Platon seinen Onkel Kritias im gleichnamigen Dialog zum Gesprächspartner des Sokrates gemacht, obwohl er die Herrschaft der Dreißig nach eigenem Bekunden ablehnte und obwohl Kritias Sokrates in Schuld verstricken wollte, als er ihm befahl, einen Athener ungesetzlich von eigener Hand zu verhaften - was Sokrates jedoch mutig verweigerte?

Freiheiten habe ich mir auch bei der Beschreibung der attischen Demokratie erlaubt, wie sie am Ende des Krieges praktiziert wurde. So wurden mittlere Verwaltungsämter, zu denen auch das Amt des Hauptmanns der Bogenschützen zu rechnen wäre, während der radikalen Demokratie nicht im Wege der Wahl, sondern im Losverfahren vergeben, was keinerlei Gewähr für die Eignung des erfolgreichen Bewerbers bot. Ich wollte für meinen Roman aber keinen zufälligen Polizeichef und bin über dieses Detail hinweggegangen. Überhaupt habe ich die Athener Volksherrschaft unkritisch gezeichnet, was gewiss nicht durchgehend gerechtfertigt ist, war sie in ihrer Außenpolitik doch sicher nicht den Werten von Frieden und Gerechtigkeit verpflichtete, die wir mit dem Begriff Demokratie heute ohne weiteres verbinden. So paradox es vielleicht klingen mag: Die Kritik, die die ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ in diesem Punkt formuliert, ist durchaus berechtigt: Ein Bündnispartner Athens zu sein, bedeutete für die kleineren Städte Ausbeutung und Unterdrückung. Aber das scheint mir eher ein Wesensmerkmal der Hegemonie Athens zu sein, nicht der Demokratie - oder kann man glauben, ein oligarchisches Athen hätte sich anders verhalten?

Ohne der Erzählung ganz den Zauber zu nehmen, seien einige weitere Freiheiten erwähnt, die ich mir gestattet habe:

• Schon vor Alkibiades' Rückkehr nach Athen um das Jahr 409 v. u. Z. gab es im Jahr 411 einen ersten oligarchischen Umsturz, den ich an keiner Stelle erwähne. Diese Ungenauigkeit ist schlicht der Lesbarkeit des Textes geschuldet.

• Das Amt des Hauptmanns der Bogenschützen ist nicht belegt, wird es aber in der einen oder anderen Art gegeben haben. Die Bogenschützen als Polizeitruppe sind nachgewiesen. Sie waren jedoch nur für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, nicht für die Strafverfolgung zuständig. Diese galt als reine Privatangelegenheit. Ein Gefängnis gab es gleichwohl.

• Der Areopag war das Athener Blutgericht, tagte aber, wenn ich es richtig verstanden habe, unter freiem Himmel. Ein Gerichtsgebäude gab es wohl nicht. Überliefert dagegen ist die Wasseruhr zur Begrenzung der Redezeit.

• Den Beruf des Advokaten, also dessen, der für einen anderen spricht, haben erst die Römer erfunden. In Athen war es nicht zulässig, sich vor Gericht vertreten zu lassen. Da ein Mordprozess eine reine Privatklage war, hätten Perianders Eltern den Prozess also selbst führen müssen. Das Auftreten ihres Freundes Kritias als Ankläger wäre nicht möglich gewesen.

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