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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Ich weiß nicht, warum, aber in dem Moment fiel mir ein, wie die Unterhaltung mit Sokrates damals am Ufer der Ilisos weitergegangen war. Es war an jenem hellen Tag; die Luft war so rein und durchsichtig, die Gebirge so nah, als könnte man sie mit Händen greifen. Der Tod meines Vaters lastete auf meiner Seele. Ich suchte einen Sinn in den Dingen, die geschahen, und fand ihn nicht. Sokrates hatte mir lange zugehört. Dann erzählte er von seinem ersten Besuch in Delphi. Er war wohl ein junger Mann gewesen damals, ein Steinmetz, noch unbeweibt. Er hatte die Pythia fragen wollen, was er aus seinem Leben machen sollte, welches Schicksal ihm bestimmt war. Es kam nicht dazu. Bevor er zu den Priestern ging, besuchte er den Apollo-Tempel. Sein Blick fiel auf die Inschrift über dem großen Tor. «Erkenne dich selbst.» Der Satz traf ihn unmittelbar. In ihm erkannte er seine Bestimmung, seine einzige Bestimmung. Das war es, was er zu tun hatte, nicht mehr, nicht weniger.

Lykon blieb eine Weile stumm. Es war kalt. Sein Atem dampfte.

«Wie war das mit Anaxos?», fragte ich.

«Was denkst du, wie es war?», fragte Lykon zurück.

«Offen gestanden, glaube ich, dass ich es gewesen bin, der Anaxos und Kritias zusammengebracht hat.»

«Nicht schlecht», sagte Lykon wie ein Lehrer, der den Schüler lobt. «Und weißt du auch wie?»

«Ich habe nicht die geringste Vorstellung. Weißt du es?»

Lykon zog den Mantel enger.

«Du hast Anaxos auf Kritias' Spur gebracht, aber da war es schon zu spät. Das persische Schiff hatte Piräus verlassen. Der Kredit für Sparta war beschlossen und gesichert. Der Pfeil war abgeschossen ...», sagte er mit einem Seitenblick, den ich nicht zu deuten wagte. «Kritias hat Anaxos freundlichst empfangen und ihm nach einigem Zögern fast seinen ganzen Plan offenbart.»

«Und Anaxos hat nichts gegen ihn unternommen?»

«Rein gar nichts», sagte Lykon tonlos. «Kritias hat ihm einfach klargemacht, dass Anaxos ihn jetzt zwar vor Gericht bringen konnte, die Niederlage Athens aber nicht mehr aufzuhalten war. Anaxos soll beeindruckt gewesen sein.»

«Und?»

«Kritias hat Anaxos angeboten, mit ihm zusammen zu regieren, wenn die Zeit gekommen war, aber Anaxos hat abgelehnt. Er wollte nur bleiben, was er war, auch unter Kritias: Herr der Spione. Nur für seinen Sohn bat er um ein spezielles Amt.»

«Seinen Sohn?», fragte ich. «Anaxos hat einen Sohn?»

«Oh, ja», antwortete Lykon, «warum auch nicht? Nach allem, was ich höre, muss man aber wohl sagen, dass er einen Sohn hatte.»

«Um welches Amt hat er Kritias gebeten?»

«Kennst du die Antwort nicht selbst?»

«Hauptmann der Bogenschützen!», sagte ich.

Lykon nickte.

«Wie habe ich Anaxos auf Kritias' Spur gebracht?», fragte ich, während mir noch das Narbengesicht vor Augen stand.

«Der Staat der Athener», antwortete Lykon. «Anaxos wusste, dass Kritias der Autor war. Er hat es dir nur nicht gesagt. Ein paar Tage nachdem du ihm der Papyrus übergeben hattest, stand er in Kritias' Garten. Sein Sohn begleitete ihn. Er legte den Ausriss des Buches vor Kritias und fragte, ob er wisse, wo man es gefunden habe ... Aber der Tod Perianders war Anaxos gleichgültig. Das Einzige, was ihn beschäftigte, war die Frage, wie es Kritias gelungen war, die Verschwörung vor ihm geheim zu halten und dabei nicht nur Verbindungen zu den Persern zu knüpfen, sondern auch noch Alkibiades zu bestechen, damit der Frachter landen konnte.»

Ich erhob mich, ich hatte genug gehört. Es lag nun klar zutage ... - unverborgen. Ich ging ins Haus, um Aspasia zu sagen, dass ich Lykon zu Thrasybulos begleiten würde. Sie sah mich mit einem eigentümlichen Ausdruck an.

«Weißt du nun endlich, was du so dringend wissen musstest?», fragte sie.

«Ja», antwortete ich.

«Und war dieses Wissen es wert, deine Familie monatelang allein zu lassen?»

Ich verstand nicht.

«Geh jetzt», sagte sie bestimmt und kehrte mir den Rücken.

Es war nicht leicht, uns den Weg aus der Stadt heraus zu bahnen, wo Thrasybulos' Zelte standen. Ganz Piräus war auf den Beinen und halb Athen zu Besuch. Es war wie bei einer Prozession. Die Menschen drängten Schulter an Schulter durch die Straßen, und wo sich ihnen ein wenig Platz bot, tanzten und sangen sie, berauscht von Wein und Freude. Lykon hatte seine Kapuze über den Kopf geschlagen und suchte sich gebückt einen Weg durch die vollen Gassen. Er musste fürchten, als Kritias' Geliebter erkannt und von der wütenden Menge totgeschlagen zu werden. Trotzdem ging er weiter. Es blieb kein Zweifel, Lykon hatte Kritias geliebt, und er tat es noch nach dessen Tod. Und mich?

Wir hatten die Stadtgrenze hinter uns gelassen und sahen im hellen Mondlicht schon das Zeltlager, als ich Lykon zurückhielt. Er drehte sich zu mir und sah mir unmittelbar in die Augen. Mir war, als sähe er in mich hinein.

«Ich wollte nur noch eines wissen», sagte ich kleinlaut.

«Was?», fragte er sachlich. Ich zögerte.

«Ob du mir etwas bedeutet hast?», fragte er.

Ich nickte. Ich weiß nicht, warum, aber meine Zunge klebte mir am Gaumen.

«Ich wusste, dass du mich fragen würdest», antwortete er und sah auf die Straße, wo die Menschen in Trauben an uns vorbeizogen. «Kritias wusste es auch. Er hat oft über dich gesprochen, weißt du? Er hat dich in gewisser Weise verstanden ... Aber ich kann dir nicht antworten. Ich weiß es nicht.»

«Wieso hat Kritias über mich gesprochen?», fragte ich. Allein die Vorstellung war mir zuwider.

«Er sagte, er könne verstehen, dass du ihn hasst, weil er mich dir weggenommen hat .»

Ich stand da wie versteinert. Lykon zuckte mit den Schultern.

«Ich habe ihm gesagt, dass es dir nicht um mich geht, aber das hat er mir nie geglaubt. Ich wusste, dass ich dir nicht viel bedeute», sagte Lykon und wandte sich wieder in Richtung des Lagers, wo die Soldaten den Tod seines Geliebten feierten. Ich folgte ihm langsam.

«Du hast mir etwas bedeutet», sagte ich leise, aber da waren wir schon wieder von einem Pulk Menschen umringt. Lykon sah sich nach mir um und winkte mir wie ein Schwimmer in einem reißenden Strom. Ich weiß bis heute nicht, ob er mich gehört hat.

Wir waren verschwitzt und außer Atem, als wir endlich vor Thrasybulos' großem Zelt standen. Ein Feldfeuer brannte vor seinem Eingang. Ein Hoplit hielt Wache. Mir schien, als hörte ich Stimmen im Zelt.

«Einen Augenblick, Herr», sagte der Hoplit und meldete uns.

Wir warteten. Thrasybulos' Fahne blähte sich im Wind. Lykon war schweigsam und angespannt. Plötzlich flog der Zelteingang auf, und Thrasybulos begrüßte mich stürmisch.

«Nikomachos, Held des Tages, kommt herein!», sagte er überschwänglich und umarmte und küsste mich.

Thrasybulos führte uns in sein großes Feldherrnzelt. Es hatte sich verändert, seit ich es zuletzt betreten hatte. Von soldatischer Kargheit war nicht mehr viel zu sehen. Stattdessen erwarteten uns bestickte Kissen, mit Gold beschlagene Truhen und silberne Schüsseln voller Speisen. Kritias' silberne Rüstung stand an einen Dreifuß gelehnt. Das Sonnenzeichen auf dem Brustpanzer schimmerte im Licht der Öllampen.

«Wie kann ich dir helfen, mein lieber Nikomachos?», fragte Thrasybulos und setzte sich in einen prächtigen Sessel. Er sah meinem Blick durch das Zelt wandern und nickte voller Stolz. «Dem Sieger der Schlacht gebührt der Preis, nicht wahr?», stellte er fest.

«Gewiss», antwortete ich, als mein Blick auf ein kleines Tischchen neben Thrasybulos' Sessel fiel, wo zwei Becher standen. Zwei Becher! Ein eigentümlicher Geruch stand im Raum.

«Also, was führt dich zu mir? Sag es frei heraus. Ich weiß, den Sieg verdanke ich nicht zuletzt auch dir und deinem sicheren Auge. Wenn du dir etwas aussuchen möchtest?»

«Ich begehre nichts für mich», antwortete ich kurz und konnte den Blick kaum von diesem Tischchen abwenden. «Ich spreche für Lykon, hier an meiner Seite. Du kennst ihn sicher.»

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