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Das Dorf der verschwundenen Kinder

Электронная книга - «Das Dorf der verschwundenen Kinder». Краткое содержание книги:

Über dieses Buch
Als in der Grafschaft Yorkshire ein siebenjähriges Mädchen entführt wird, reißt bei den Bewohnern des kleinen Ortes Danby eine tiefe Wunde wieder auf: Schon einmal, vor fünfzehn Jahren, verschwanden im Nachbarort Dendale drei kleine Mädchen spurlos. Aber auch der Hauptverdächtige, der damals 19jährige Benny Lightfoot, verschwand von einem Tag auf den anderen. Das war in dem Jahr, als die Bewohner ihre Häuser aufgaben, weil das Dorf einem Stausee weichen musste. Nun prangt ein Graffiti an einer Eisenbahnbrücke: »Benny ist wieder da!«
Über Reginald Hill
Reginald Hill, geboren 1936, lebt seit vielen Jahren in der englischen Grafschaft Yorkshire, wo die allermeisten seiner Romane auch spielen. Er hat sich den Ruf erworben, »einer der herausragenden lebenden Krimiautoren« zu sein (Sunday Telegraph) und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter der Diamond Dagger der britischen Crime Writers’ Association, den er für sein Lebenswerk erhielt.
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»Und du hattest keine Ahnung davon?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht doch, ganz tief drin, aber ich wollte mir keine Sorgen machen müssen. Walter war zu der Zeit lange auf Geschäftsreise gewesen, einige Monate schon. Vielleicht hätte er etwas gemerkt. Er hat ihr schon immer nähergestanden als ich.«

»Davon merkt man jetzt aber nichts mehr«, meinte Inger.

»Nicht?« Chloe lächelte in sich hinein. Vielleicht überhörte Inger bei all ihrem Lauschen auf die Stille ja doch ein paar der richtigen Töne. »Na gut. Damals jedenfalls muß es sehr offensichtlich gewesen sein. Sie wurde von einer Kinderpsychiaterin behandelt, Dr. Paula Appleby – vielleicht hast du von ihr gehört. Ich glaube, sie ist ziemlich bekannt. Walter hat sich schon immer nur mit dem besten zufrieden gegeben. Dr. Appleby hat sie achtzehn Monate lang betreut, oder zwei Jahre, ich weiß gar nicht mehr. Ich ließ einfach Walter alles machen. Ich fühlte mich schuldig, ja, aber ich wollte da immer noch nicht hineingezogen werden. Ich hatte die Tür hinter Dendale zugemacht und es ausgeschlossen. Betsy hatte ebenfalls eine Tür zugemacht, sich aber anscheinend selbst mit ausgeschlossen, und ich wollte beim Öffnen auf keinen Fall beteiligt sein. Und als Dr. Appleby dann sagte, die Geschichte mit den Haaren und der Magersucht sei ein Versuch, sich von einem dicken, dunkelhaarigen in ein schlankes, blondes Mädchen zu verwandeln, so daß sie wie Mary aussieht und wir sie lieben, wurde mir nur schlecht. Höre ich mich an wie ein Ungeheuer?«

»Du hörst dich an wie jemand, der genausoviel Hilfe nötig hatte wie Betsy. Es überrascht mich, daß Walter das nicht gemerkt hat.«

»Walter war zu sehr damit beschäftigt, Betsy bei ihren Schwierigkeiten zu helfen. Dr. Appleby brachte sie dazu, über die Vergangenheit zu reden, und wollte, daß wir die Abschriften lesen. Sie meinte, es sei ein familiäres Problem, und wir müßten alle übereinander Bescheid wissen. Ich habe es rundheraus abgelehnt und hätte mich, glaube ich, auch nicht überreden lassen, aber dann sagte Betsy wohl selbst, sie habe nichts dagegen, daß Walter die Sachen liest, aber ich sollte sie nicht sehen. Ich glaube, als ich das hörte, spürte ich zum erstenmal so etwas wie Zuneigung zu ihr.«

»Weil sie dir den Schmerz ersparen wollte?«

»Das war der einzige Grund, den ich dahinter sah. Nach der Therapie, als sie dann wieder normal war, falls man das überhaupt so sagen kann, kamen wir viel besser miteinander aus. Ich glaube, wir haben beide gespürt, daß sie mir zwar nie eine Tochter sein könnte, wir unsere Blutsverwandtschaft aber auch nicht leugnen können.«

»Aber obwohl sie normal ist«, sagte Inger, »hält sie weiterhin Diät und trägt eine blonde Perücke?«

»Ihre Haare sind nicht mehr richtig nachgewachsen. Sie brauchte eine Perücke. Sie fragte, ob es mir etwas ausmachen würde, wenn sie blond wäre. Ich fragte, warum sollte es? Was ihre Diät betrifft, habe ich mir schon Sorgen gemacht und ihr beim Essen immer ins Gewissen geredet. Dann zeigte sie mir eines Tages eine sorgsam aufgelistete Kalorientabelle mit allem, was sie so aß, und sagte: ›Ich werde mich auf keinen Fall mit Keksen und solchem Schwachsinn vollstopfen. Das hier esse ich, und es reicht vollkommen, und ich geh auch nicht aufs Klo und steck mir den Finger in den Hals und kotze alles wieder aus. Also mach dir keine Sorgen, mir geht’s gut.‹ Das war’s. Zu der Zeit hat sie auch mit dem Singen angefangen. Sie hatte schon immer eine gute Stimme, das weißt du ja. Und nun wollte sie herausfinden, ob sie gut genug ist, daß sie sich ihren Lebensunterhalt damit verdienen kann. Um diese Zeit herum haben wir sie auch offiziell adoptiert. Wir haben sie von Anfang an Elizabeth genannt, und in der Schule schien es einfacher zu sagen, sie hieße Wulfstan.«

»Und sie hatte nichts dagegen?«

»Wer weiß schon, was in ihrem Kopf so vorgeht? Aber sie hat nichts gesagt. Und als Walter vorschlug, daß wir es offiziell machen, schien sie sogar erfreut.«

»Und du?«

»Mir hat es nichts ausgemacht. Irgendwie war sie dadurch weniger eine Erinnerung an die Vergangenheit. Ich glaube, deshalb hat mir das mit der blonden Perücke und ihrer schlanken Figur auch gefallen. Alles, was von der Betsy Allgood aus Dendale blieb, war der Akzent.«

»Hat der dich gestört?«

»Nein, aber ich dachte, sie könnte deswegen in der Schule Probleme kriegen. Und später, wenn sie mal älter ist. Ich habe ihr einmal vorgeschlagen, Sprechunterricht zu nehmen. Sie sagte: ›Warum? Mit meiner Sprache ist doch alles in Ordnung, oder?‹ Und da merkte ich, daß sie in perfektem BBC-Englisch sprach. Dann fuhr sie fort: ›Aber ich schäme mich nicht, so daherzureden wie Mam und Dad, und wem das nicht paßt, der soll sich verpissen!‹ Das war das letzte Mal, das ich das Thema angeschnitten habe.«

»Also wurdet ihr Freunde.«

»So würde ich es nicht unbedingt ausdrücken«, entgegnete Chloe. »Aber wie ich schon sagte, wir sind blutsverwandt, und man muß seine Verwandten nicht immerzu mögen, oder? Sie hat mir geholfen, glaube ich. Oder vielleicht war es nur die Zeit, die mir geholfen hat.«

»Daß es dir bessergeht, meinst du?«

»Nicht unbedingt. Wie bei Elizabeths Haaren gibt es keine Heilung für das, was in mir kaputtgegangen ist. Aber man lernt, mit einer Perücke zu leben. Wie auch immer – vor vier Jahren, als Walter immer mehr Zeit in der Firma hier verbrachte, hörte ich mich selber sagen, ob es nicht sinnvoller wäre, wenn wir hier herziehen. Er war sehr überrascht. Ich auch. Er fragte: ›Bist du sicher?‹ Und ich sagte, weil ich schließlich eine Frau bin und wir unsere Chancen nutzen müssen: ›Ja, aber nur wenn wir uns ein Haus im Glockenviertel kaufen.‹ Und hier sind wir.«

»Du wolltest nicht mehr auf dem Land leben?«

Chloes Gesicht wurde traurig, und sie sagte leise: »Nein. Ich bin ein Mädchen vom Land, durch und durch, aber jetzt kann ich es nicht einmal ertragen, aus dem Zug oder Auto zu blicken, wenn wir durch die Landschaft fahren. War das nun genug, Inger? Habe ich deine Neugier befriedigen können?«

»Wie beim Sex: nur bis zum nächsten Mal«, sagte Inger.

Vier

Edgar Wield hätte an jenem Morgen nichts gegen langes Ausschlafen gehabt.

Sein schlechtes Gewissen hatte ihn noch am vorigen Morgen früh geweckt, und das schlechte Gewissen des Dicken hatte ihn noch bis spät in der Nacht wachgehalten. Doch er ließ seinen morgendlichen Besuch bei Monte ausfallen, um rechtzeitig zum Krankenhaus zu kommen, und ein erneutes Fernbleiben würde sein Gewissen nur noch mehr belasten, also stieg er zu seiner gewohnt unchristlichen Zeit (Zitat Edwin) aus dem Bett.

So unchristlich schien sie allerdings auch wieder nicht zu sein, denn als er über den Kirchhof spazierte, ging die Kirchentür auf, und der Vikar Larry Lillingstone trat heraus. Er war ein gutaussehender junger Mann, der in seinem nicht klerikalen Gewand, bestehend aus Unterhemd und Shorts, mehr wie ein Adonis als ein Anglikaner aussah.

Wield ließ einen anerkennenden Blick über die braungebrannten Beine gleiten und sagte: »Morgen, Larry. Ist das die neue Kraft des Christentums?«

»Ich wollte gerade joggen gehen«, erwiderte Lillingstone lächelnd. »Dies ist wirklich die beste Tageszeit dafür. An einem Morgen wie diesem mag man kaum glauben, daß mit der Welt etwas nicht stimmt, oder?«

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