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Tutanchamun - das Buch der Schatten

Электронная книга - «Tutanchamun - das Buch der Schatten». Краткое содержание книги:

Ägypten im 10. Regierungsjahr von Tutanchamun. In Theben wird ein junger Mann grausam ermordet. Das ruft Rai Rahotep auf den Plan, den Obersten Wahrheitssucher der Stadt. Aber Rahotep muss nicht nur einen Mörder fangen: Jemand hat in den Gemächern von Tutanchamun ein Relief hinterlassen, auf dem eine schwarze Sonne eingekratzt wurde - eine eindeutige Drohung gegen den König. Rahotep tappt zunächst im Dunkeln. Als jedoch ein weiterer Mord geschieht und beim Opfer ein persönlicher Gegenstand Tutanchamuns gefunden wird, ahnt der Wahrheitssucher, dass die beiden Fälle zusammenhängen ...
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Wir betraten den Salon. Dort hatte ein Kampf stattgefunden. Möbel waren umgeworfen worden. Kelche lagen zerschmettert auf dem Fußboden. Und auf einer niedrigen, vergoldeten Bank lag ein dunkles, graues Häufchen. Ganz vorsichtig schaufelte ich händeweise das Salz herunter. Mutnedjmets Augenhöhlen starrten mich an, weiß und leer; ihr hageres Gesicht, das von den Salzkristallen glitzerte, war dermaßen ausgedörrt und faltig, dass es den Anschein hatte, die Zeit habe es von einem Augenblick zum anderen ausgesaugt. Die Lippen waren verschrumpelt und weiß, und der offene Mund war so trocken wie ein Leinentuch, das man in die Mittagssonne gelegt hat.

»Was ist mit ihr passiert?«, wisperte Simut.

»Das Natron hat ihr sämtliche Flüssigkeit aus dem Körper gezogen. Ihre inneren Organe dürften sich inzwischen in einen dunkelbraunen Brei verwandelt haben.«

»Sie hat also noch gelebt, als er ihr das da angetan hat?« Angesichts einer derart ausgeklügelten Barbarei konnte der Soldat nur den Kopf schütteln.

»Auf diese Weise zu sterben muss lange gedauert haben. Sie muss vor Durst fast wahnsinnig geworden sein. Und das ist es, was ihn fasziniert. Menschen ganz genau dabei zu beobachten, wie sie leiden und sterben. Ich bin mir allerdings sicher, dass er das nicht nur tut, weil es ihm Vergnügen bereitet, ihren Qualen beizuwohnen. Der Schmerz ist nur ein Teil des Gesamtprozesses, nicht dessen Ziel. Erreichen will er etwas anderes. Etwas Originelleres.«

»Aber was?«, fragte Simut.

Ich starrte auf die arme Frau ohne Augen. Das war die entscheidende Frage.

Als wir wieder zurück durch die Gänge liefen, erinnerte ich mich plötzlich an die kleine Glasphiole, die ich in Sobeks Laboratorium gefunden hatte. Ich öffnete sie, aber obwohl sie mit dem Stöpsel verschlossen und das Datum so sorgfältig darauf vermerkt war, schien sie leer zu sein. Nur am Boden entdeckte ich kleine Rückstände einer glitzernden weißen Substanz. Ich tupfte mir ein wenig davon auf den Finger und leckte es vorsichtig ab. Wieder Salz, aber kein Natronsalz. Eine andere Art von Salz. Es schmeckte vertraut. Ich wusste nur nicht, woher ich den Geschmack kannte.

42

Haremhabs prachtvolles Staatsschiff, die Glorie von Memphis, ankerte inzwischen auf den stillen Wassern des Sees. Dräuend erhob es sich über seinem schimmernden Spiegelbild und sah aus wie eine gefährliche Waffe. Besonderen Schutz gewährte dem Schiff das Horusauge, das in gleichmäßigen Abständen auf den gesamten Rumpf gemalt war. Zwischen den einzelnen Augen befanden sich andere Bildnisse wie der Widderkopf des Amun, geflügelte Falken und Darstellungen des Königs, der mit den Füßen seine Feinde zertrampelte. Über die Gucklöcher an den Seiten schritt in kühner Haltung Month, der Gott des Krieges und Beschützer der Waffen; und die Decksaufbauten waren mit bunten Kreisen bemalt. Selbst die einzelnen Ruderblätter zierte das Horusauge. Noch bedrohlicher wurde der Anblick durch die Leichen der sieben hethitischen Soldaten, die man an den Füßen aufgehängt hatte, sodass sie sich langsam in der Morgensonne drehten, während sie in deren Licht verwesten.

»Meinst du, er hat sich schon blicken lassen?«, fragte ich Simut, der neben mir stand und mit mir dieses einschüchternde Schiff begutachtete.

»Nein. Ihm wird daran gelegen sein, seinen großen Auftritt im Palast bestmöglich zu nutzen.«

»Kennst du ihn persönlich?«, wollte ich wissen.

Simut starrte auf das Schiff.

»Ich war in Memphis Kadett, als er bereits Stellvertretender Kommandeur des Nördlichen Heeres war. Ich erinnere mich, dass er mal kam, um eine Rede zu halten. Bei einem privaten Fest für Offiziere der Ptah-Division, von denen man annahm, dass sie Karriere machen würden. Damals hatte er bereits in die königliche Familie eingeheiratet. Jeder wusste, dass er in Bälde General werden würde, und man behandelte ihn fast so, als sei er der König. Seine Ansprache war interessant. Er sagte, die Amunpriester hätten eine tiefgreifende Schwäche: Ihr Tun sei darauf ausgerichtet, Reichtümer anzuhäufen, und seiner Meinung nach konnte die Sehnsucht nach Reichtum in den Menschen nie befriedigt werden, sondern wurde immer größer und endete schließlich in Dekadenz und Korruption. Wie er argumentierte, entstand dadurch sowohl logischerweise als auch unvermeidlicherweise ein Kreislauf, der zu Instabilität in den Beiden Ländern führte, die uns unseren Feinden gegenüber verwundbar machen würde. Er sagte, die Armee habe die heilige Pflicht, diesen Kreislauf zu durchbrechen, indem sie für Ordnung sorge. Das Recht dazu könne sie sich aber nur erhalten, wenn sie ethisch und moralisch unantastbar bliebe.«

»Wenn Menschen von ethischer und moralischer Unantastbarkeit sprechen, meinen sie damit, dass sie ihre Unsittlichkeit und Amoral unter dem Deckmäntelchen der Tugend verbergen«, erwiderte ich.

Simut sah mich an.

»Für einen Medjai kannst du dich gut ausdrücken.«

»Ich weiß, wovon ich rede«, antwortete ich. »Menschen sind nicht in der Lage, sich absolut ethisch und moralisch zu verhalten. Und das ist gut so, denn wenn sie es wären, wären sie meines Erachtens nicht mehr menschlich.«

Knurrend starrte Simut auf das großartige Schiff im Hafen.

»Er hat auch etwas über die königliche Familie gesagt, was ich nie vergessen habe«, sprach er schließlich weiter. »Er sagte, für sie habe Priorität, den Fortbestand ihrer Dynastie als Stellvertreter der Götter auf Erden zu sichern. Und das wäre selbstverständlich in Ordnung, solange es mit den Interessen der Beiden Länder vereinbar sei. Er sagte aber, wenn es Unstimmigkeiten oder Aufruhr gäbe oder wenn die königliche Familie bei ihren göttlichen Pflichten versage, sollten die Beiden Länder ihren eigenen Bedürfnissen und Wertvorstellungen Priorität geben. Nicht denen der königlichen Familie. Und deshalb habe ausschließlich die Armee, die weder nach persönlicher Macht noch nach persönlichem Reichtum strebe, sondern lediglich die Ordnung in der Welt erhalten wolle, die heilige Pflicht, ihre Herrschaft zum Wohle des Überlebens der Beiden Länder zu erzwingen.«

»Und was meinte er deiner Ansicht nach mit ›Unstimmigkeiten oder Aufruhr‹?«, hakte ich nach.

»Er deutete auf die Gefahren hin, die damit einhergehen, dass ein König die Kronen erbt, der viel zu jung ist, um in irgendeiner Form sinnvoll regieren zu können, und es unter der Schirmherrschaft eines Regenten tun muss, dessen Interessen undurchsichtig sind. Ich glaube aber, dass er unterschwellig etwas anderes meinte.«

Er senkte die Stimme.

»Ich glaube, er spielte darauf an, dass innerhalb der Familie nach wie vor Aton verehrt wurde. Der verbannte Gott des Vaters. Es war noch jedem in bester Erinnerung, dass diese gefährliche Religion schon einmal entsetzliches Chaos angerichtet hatte, und man durfte nicht zulassen, dass sie noch einmal hochkam. Er spielte darauf an, dass die Armee es nicht tolerieren würde, falls es Anzeichen gab, dass sie ins öffentliche Leben zurückkehrte.«

»Ich glaube, das siehst du richtig. Und das ist auch Anchesenamuns Schwäche. Denn für sie ist es ebenso schwierig, wie es für ihren Gemahl schwierig war, sich nicht nur von den Misserfolgen ihres Vaters zu distanzieren, sondern auch von der Wurzel allen Übels: der verbotenen Religion.«

Anchesenamun war von ihren Kammerzofen umringt, die sie für den offiziellen Empfang herrichteten. Die schweren Düfte von Parfums und Ölen wehten durch die Stille. Kleine goldene Tiegel sowie blaue und gelbe Glasbehälter standen geöffnet vor ihr. Sie hielt einen Fisch in den Händen, der aus blauem und gelbem Glas gefertigt war, und goss einen intensiv duftenden Extrakt aus seinen gespitzten Lippen.

»Haremhab hat um eine Audienz ersucht«, begrüßte sie mich. »Heute Mittag.«

»Wie wir erwartet haben.«

Sie sah mich kurz an und schaute dann wieder in den polierten Kupferspiegel und widmete sich weiter der eingehenden Betrachtung ihres Erscheinungsbildes. Sie trug eine kunstvoll gearbeitete Perücke aus kurzem, dicht gelocktem Haar und ein Gewand aus feinstem, mit Goldfäden besticktem, plissiertem Leinen, das unter ihrer rechten Brust verknotet war, was ihre Figur betonte. Ihre Arme waren geschmückt mit Armreifen und sich windenden Kobras aus Gold. An ihrem Hals hingen an Goldfäden, die so dünn waren, dass man sie fast nicht sehen konnte, mehrere Anhänger, und auf ihrer Brust lag ein aufwendig gearbeitetes goldenes Amulett, das Nechbet zeigte, die Göttin mit der Geierhaube, die die Symbole der Ewigkeit hielt und schützend ihre blauen Flügel ausbreitete. Als Nächstes legten ihre Zofen ihr ein beeindruckendes Kleidungsstück um die Schultern, einen Schal, der aus vielen kleinen Goldscheiben gefertigt war. Sie drehte sich damit im Kreis und glitzerte im Licht der Kerzen umwerfend. Dann ließen ihre Zofen sie in ihre Sandalen schlüpfen – einen Traum aus Riemchen, die aus feinstem Gold gefertigt und mit kleinen goldenen Blumen verziert waren. Und schließlich wurde ihr die hohe Krone auf den Kopf gesetzt und mit einem Goldband gesichert, das die schützenden Kobras schmückten. Als ich sie das letzte Mal in den königlichen Gewändern gesehen hatte, hatte sie ängstlich gewirkt. Heute wirkte sie in höchstem Maße majestätisch.

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