Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Apolonia lehnte sich in ihren Sessel zurück. »Ich fürchte mich nicht vor dem TBK.«
Nevera lachte leise auf. »Nein, wir meinen nicht die Bedrohung durch den Treuen Bund - die besteht so oder so. Wir sprechen von der Gefahr, die von den Menschen ausgeht, wenn du ihnen die Wahrheit erzählst. Sie werden dir nicht glauben, Apolonia.«
Sie zückte ihr Zigarettenetui und steckte sich eine Zigarette in ihren Halter. »Deine Mutter hatte vor, die Wahrheit zu sagen, die ganze Wahrheit über unsere Gaben und die des TBK. Das war nobel und ehrlich, aber wenig hilfreich. Hätte sie lange genug gelebt, um wirklich an die Öffentlichkeit zu gehen, hätte man sie ausgelacht oder bestenfalls ignoriert. Wenn wir eine Wahrheit vertreten, an die sonst niemand glauben kann, stehen wir sehr alleine da - aber wir brauchen jede Unterstützung, die wir bekommen können. Alles, was wir ab jetzt den Menschen sagen, darf nur dem Zweck dienen, sie auf unsere Seite zu ziehen - gegen den TBK. Und wenn wir erfinden und verschweigen und, Gott vergib mir, lügen müssen, dann soll es so sein. Unser ehrenvolles Ziel verzeiht alle Mittel.«
Morbus stützte die Arme auf den Tisch und setzte, um einem Einwand von Apolonia vorzubeugen, hinzu: »Du musst dir vorstellen, dass die Leute in gewisser Weise blind sind. Stell dir vor, alle Menschen wären ... Schweine auf einem Bauernhof, die vom Bauern gemästet werden, damit er sie bald schlachten kann. Wenn du mit den besten Absichten zu den Schweinen treten und sagen würdest: ›Tötet den Mann, der euch mit Nahrung versorgt!‹, würden sie dich auslachen und vertreiben. Stattdessen kannst du aber auch sagen: ›Tötet den Mann, der eine Axt besitzt, denn er kann sie gegen euch erheben!‹, und die Schweine tun, was du ihnen vorgeschlagen hast. Im Grunde läuft beides auf dasselbe hinaus, aber das weißt bloß du - die Schweine sind dümmer. Obwohl es nur zu ihrem Vorteil ist, den Mann umzubringen, der sie mästet, können sie nicht so weit vorausblicken. Sie sind kurzsichtig. Darum ist es so wichtig, wie du dich artikulierst. Worte regieren die Welt. Wenn du die Kunst der Worte beherrschst, liegt die Menschheit dir zu Füßen.«
Nevera lächelte geheimnisvoll. »Die Worte eines Dichters ...«
»Für einen Dichter steckt aber ganz schön viel Politiker in Ihnen«, bemerkte Apolonia.
»Nein ...« Morbus zog eine verächtliche Grimasse. »Ich bin nicht an Wählerstimmen interessiert. Was für mich zählt, ist das zarte, fleischlose Etwas - viele nennen es Seele -, das unter hundert hässlichen Schalen im Menschen verborgen liegt und das man nur als Künstler berühren kann.«
»Die Worte eines Dichters, fürwahr.« Apolonia lächelte. »Dann sagt mir, wie ich mich in dem Interview ausdrücken soll.«
Der Meister
Wie riesig war der Himmel hier draußen, auf dem Land, wo keine Hausreihen ihn eingrenzten. Er öffnete sich über Apolonia wie ein unfassbares, blindes Auge, milchig trüb, mit einem Blick, der überall und nirgends hinging. Einen Moment verweilte sie zwischen Haustür und Hof und starrte hinauf in die blaudunstige Morgendämmerung. Dann streifte sie die Handschuhe über und folgte Nevera in die Kutsche, die sie in die Stadt zurückbringen sollte. Ein Peitschenknall, klirrendes Pferdegeschirr, Hufschlag und knirschender Kies unter den Wagenrädern - schon verließen sie das Anwesen von Caer Therin und die dunklen Bäume huschten vorüber wie schlafende Traumgestalten.
Es war bereits alles bis ins kleinste Detail besprochen worden, sodass Schweigen zwischen Apolonia und ihrer Tante herrschte. Während Nevera die Abwesenheit ihres Mannes tatkräftig ausnutzte und sich ihre erste Zigarette am Morgen anzündete, lehnte Apolonia ihre Schläfe gegen die gepolsterte Wand und sah aus dem Fenster.
Im Norden war der Himmel perlfarben, ganz rein und glatt, mit einem lila Hauch darüber, als wäre er über seine offensichtliche Schönheit in Verlegenheit geraten. Im Osten erschien das erste Licht der kränklichen Novembersonne. Die Farben des Horizonts sickerten durch die kahlen Steckenbäume, und der Horizont selbst schien schmutzig gelb, ein wenig entzündet, ein wenig schwach, aber mit der deutlichen Euphorie des Lebens, das den Kampf der Geburt überstanden hat.
Mit schläfriger Ruhe wartete Apolonia die lange Fahrt ab. Sie würde den Journalisten treffen, die bereits bekannten Fragen mit den wohl zurechtgelegten Antworten erwidern, nach Hause - das hieß, zu ihrem Onkel - fahren, »nach dem Rechten sehen«, wie Nevera gesagt hatte, und ihre Sachen holen.
Es war besser, wenn sie in nächster Zeit in Caer Therin wohnte. Erstens konnte sie sich dabei ungestört ihren Studien mit Morbus widmen, zweitens war sie dort vor dem TBK sicher, der vom geheimen Hauptsitz der Dichter nichts wusste. Der Umzug machte Apolonia nichts aus. Wenigstens versuchte sie, sich das einzureden. Schließlich war das Haus ihres Onkels nie ihr Zuhause gewesen. Sie hatte immer gewusst, dass es eine vorübergehende Bleibe war. Viel abzuholen gab es auch nicht: Ein paar Kleider, Bücher, ihre Geige ... der bereits erwartete Sehnsuchtsschmerz stach ihr in die Brust, als sie an die Tiere dachte. Sie würde ihre Freunde eine lange Zeit nicht mehr sehen und ihnen vor allem nicht mehr helfen können, wenn sie in Not waren. Allein der Gedanke an Rache und Gerechtigkeit konnte dieses Opfer erträglich machen.
Die Zeit verstrich. Als es Tag geworden war, erreichten sie die Stadt und fuhren durch die belebten Straßen, die Apolonia viel lauter und irgendwie farbloser vorkamen als sonst, so als würde sie alles durch eine Linse der Trostlosigkeit sehen. Bald kamen sie zu einem Kirchplatz, der von zahlreichen Konditoreien und Cafés umgeben war. In einem davon war Apolonia mit dem Journalisten verabredet. Die Kutsche hielt vor einem reich dekorierten Schaufenster, auf dem mit weißer Farbe Der Pfefferminzprinz geschrieben stand. Apolonia atmete tief durch, dann gab Nevera ihr zwei Küsse auf die Wangen und umwölkte sie ein letztes Mal mit ihrem Parfüm und Zigarettenqualm. Apolonia war froh um den vertraut gewordenen Geruch.
»In eineinhalb Stunden holt dich die Kutsche ab und wir essen zu Hause zu Mittag«, sagte ihre Tante noch, dann öffnete der Kutscher die Tür, und Apolonia stieg aus. Sie betrachtete ihr Spiegelbild im Schaufenster: ein blasses Gesicht, das ihr nichtssagend vorkam. Ein stiller, ferner Blick ... Hinter ihr ratterte die Kutsche durch den dünnen Schnee davon. Apolonia öffnete die Tür zum Pfefferminzprinz. Glöckchen klimperten und ein Serviermädchen begrüßte sie und nahm ihr Mantel, Schal und Handschuhe ab.
»Ich bin verabredet mit Herrn Brahms«, sagte Apolonia, und das Serviermädchen führte sie an plaudernden Pärchen und einer Kuchentheke vorbei zu einem Tisch in der hintersten Ecke, wo der Journalist wartete. Als er Apolonia sah, klappte er sein Notizbuch zu und erhob sich, um ihr die Hand zu schütteln. Er hatte ein fröhliches Gesicht mit einem fliehenden Kinn und einer Brille, die auf einer spitzen Nase und unglaublich weit abstehenden Ohren ruhte.
»Erfreut! Erfreut, Sie kennenzulernen, Fräulein Spiegelgold. Wilhelm Kastor hat mir schon von Ihnen erzählt. Bitte, nehmen Sie Platz. Darf ich Sie Apolonia nennen?«
»Natürlich.«
Sofort kritzelte Herr Brahms etwas in sein Buch - wie es schien, Notizen zu Apolonias Erscheinungsbild -, aber er schrieb so unleserlich, dass sie kein Wort entziffern konnte.
»Nun, bestellen Sie sich doch etwas. Ich empfehle Ihnen den Bananenkuchen, sehr köstlich. Oder die Pfefferminzschokolade, für die der Pfefferminzprinz so berühmt ist.«
Apolonia machte ihre Bestellung, damit das Serviermädchen verschwand. Sobald sie alleine waren, legte der Journalist seinen Stift zur Seite und funkelte Apolonia an. »Ich weiß bereits über alles Bescheid. Den Artikel bekommen Sie vor der Veröffentlichung natürlich zur Ansicht. Ich muss sagen«, fuhr Brahms fort und streichelte mit einem halb verkniffenen Lächeln den Henkel seiner Kaffeetasse, »ich finde es überaus aufregend, Schöpfer einer Terroristengruppe zu sein.«