Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: cbt/cbj Verlag
- ISBN: 978-3-641-02418-5
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nocturna - Die Nacht der gestohlenen Schatten». Краткое содержание книги:
Apolonia nickte abwesend. Erst als sie schon eine Hand auf die Türklinke gelegt und Nevera sich zum Gehen gewandt hatte, fiel ihr noch eine Frage ein: »Was wird er mir beibringen? Blutbücher zu schreiben? Oder den TBK aufzuspüren?«
Wieder lächelte Nevera, offenbar erfreut über Apolonias Interesse. »Er wird dir alles beibringen, was wichtig ist. Mehr dazu beim Abendessen.«
Nevera wies auf die Tür und Apolonia trat ein.
Das Zimmer war von mehreren Lampen erhellt, die gedämpftes Licht verströmten. Durch die hohen Fenster konnte man den Wald und die Parkanlage überblicken, die zusehends mit der Dunkelheit verschmolzen. Rechts standen ein großes Himmelbett und ein schwerer Schreibtisch, links gab es einen großen, von Eisendrachen bewachten Kamin und eine Tür zu einem anliegenden Zimmer, vermutlich einem Bad, denn Apolonia hörte das Rauschen von Wasser. Sie blieb eine Weile auf der Stelle stehen und blickte durch das Zimmer, ohne etwas wahrzunehmen. Fenster, Wald, Bett, Teppiche, Schreibtisch ... all das waren bedeutungslose Informationen, die ihre Augen dem Hirn ganz umsonst lieferten, denn sie befand sich in einer merkwürdigen Trägheit, die ihr ganzes Denken lähmte.
Morbus war ihr neuer Lehrer.
Es war so absurd! Der Mann, den sie vor wenigen Stunden für den Mörder ihrer Mutter und ihren größten Widersacher gehalten hatte, würde jetzt Herrn Klöppel ablösen. Aber im Vergleich zu all den anderen Dingen, die sie erfahren hatte, war das nicht mal am schockierendsten.
Aus dem anliegenden Bad erklangen Schritte, dann ein heller Schrei. »Apolonia!«
Trude kam mit offenen Armen auf sie zugeflogen. Einen Augenblick später lag sie ihrem Kindermädchen in den Armen und rang nach Luft.
»Ahhh! Ich habe mir solche Sorgen - wo waren - ich habe, und Ihre Frau Tante, und dann - Sie sind ja ganz blass, oh - was ist passiert?!«
Mit zittrigen Fingern wischte sich Trude ihre Tränen aus den Augenwinkeln, dann zog sie Apolonia in das anliegende Zimmer. Apolonia staunte über das große Bad, das im Vergleich zum Rest des Schlosses hochmodern ausgestattet war: In ein sechseckiges Becken schoss ein starker, dampfender Strahl Wasser. Für Handtücher und Waschutensilien war gesorgt, an einem Bügel hing sogar ein schwarzer Morgenmantel im orientalischen Stil.
»Kommen Sie, ich kümmere mich schon drum«, murmelte Trude schniefend und half Apolonia aus ihren Kleidern. Das Becken war kurz vorm Überlaufen, und Trude stellte den Wasserhahn ab, als Apolonia sich ins heiße Bad sinken ließ. Ihr entfuhr ein erschöpftes Seufzen.
»Wollen Sie etwas essen?«, fragte Trude. »Vorher wurde etwas hergebracht, ich glaube, kalter Truthahn und ...«
Apolonia winkte ab und lächelte. »Ich sitze doch im Bad, Trude ... Abgesehen davon habe ich gefrühstückt, hatte zweimal Mittagessen und Tee und Kuchen.«
Dabei hatte Apolonia jedes Mal kaum mehr als ein paar Bissen genommen, wenn Morbus und Nevera sie mit süßen und salzigen Stärkungen überhäuft hatten. Trotzdem spürte sie keinen Hunger - nur unsägliche Erschöpfung. Sie hatte den ganzen Tag im selben Zimmer verbracht, und obwohl sie sich höchstens bewegt hatte, um ihre Gabel in eine Nudel zu piksen, hatte sie selten anstrengendere Stunden erlebt. Offenbar hatte ihr Kopf, indem er die Wahrheit verarbeitet hatte, Höchstleistungen erbringen müssen.
Trude setzte sich an den Rand des Beckens und strich Apolonia behutsam mit einem Schwamm über die Schulter. Dabei entdeckte sie den Schnitt, den Morbus ihr zugefügt hatte, als er ihr in der Lagerhalle das Blut abgenommen hatte. Trude schien sich beherrschen zu müssen, um nicht wieder in Tränen auszubrechen.
»Was ist nur geschehen mit Ihnen«, flüsterte sie. »Dass der liebe Gott Ihnen ja nicht noch mehr Unglück hat zustoßen lassen als ohnehin, sonst ...«
Und ohne nachzudenken, beugte Apolonia sich vor und schloss die Arme um den dicken, weichen Bauch ihrer Kinderfrau. Den nassen Kopf auf ihre Schürze gelegt, presste sie die Augen zu und vergoss kostbare Tränen, die ihr mehr Erleichterung verschafften als alle Logik und jedes Grübeln der Welt.
Pünktlich um halb acht klopfte ein Diener an ihre Zimmertür und führte Apolonia zum gemeinsamen Abendessen mit Morbus und Nevera. Inzwischen waren ihre Haare getrocknet, sie trug ein sauberes, schlichtes Kleid, das Nevera aus der Stadt für sie mitgebracht hatte, und war warm und schläfrig vom Baden und vom langen Sitzen vor dem Kamin.
Es ging die breite Treppe hinab und quer durch die Eingangshalle, durch einen Flur, noch eine Treppe hinab und durch einen zweiten Flur. Während Apolonia sich im Haus umsah, konnte sie nicht entscheiden, ob seine beunruhigende Wirkung davon kam, dass es hier so verlassen war oder so lebhaft. Die Wände schienen sich mit ihrer gemusterten Tapete zu bewegen und die grellen Farben - Honiggelb und Giftgrün und Blutrot - zogen die Augen ständig in verschiedene Richtungen. Doch über all dieser geordneten Wildnis lag eine zentimeterdicke Stille. Apolonia fühlte sich, als würde sie durch ein Ölgemälde wandern.
Der Diener öffnete eine Doppeltür, und Apolonia betrat ein Esszimmer mit einem großen Kamin und einem polierten Holztisch, umringt von roten Sesseln. Im Feuerschein saßen Nevera und Morbus. Apolonia musste sich immer noch an den Anblick von den beiden zusammen gewöhnen.
Morbus bot ihr den Stuhl zu seiner Rechten an, gegenüber von Nevera. Kaum einen Moment später kam der Diener mit mehreren Tellern zurück und tischte das Abendessen auf. Apolonia beobachtete abwesend, wie drei Gläser mit Wein gefüllt wurden. Schweigend begannen sie zu essen, und obwohl sie den Blick auf ihren Rosenkohl geheftet hielt, bemerkte sie, wie Nevera und Morbus sich immer wieder ansahen, unausgesprochene Gedanken tauschend.
Schließlich tupfte Morbus sich die Mundwinkel mit seiner Serviette ab. »Ich hoffe, wir haben dich heute nicht zu sehr ... gefordert«, begann er behutsam. »Niemand weiß besser als wir, dass die Wahrheit nicht leicht zu verkraften ist.«
Apolonia senkte ihre Gabel und bemühte sich um ein gelassenes Lächeln. »Ich mache mir noch einige Sorgen, was die Sache betrifft, die in der Zeitung stand. Und auch die mit dem überfahrenen Polizisten.«
Nevera nickte. »Dein Onkel wird sich darum kümmern, dass man dich nie mit dem toten Polizisten in Verbindung bringen wird.«
»Wie?«, fragte Apolonia nach einer Pause.
»Es gibt Mittel, Zeugen zum Schweigen zu bringen. - Ich spreche von finanziellen Aufmerksamkeiten. Keine Angst.« Ein kleines Lächeln huschte über Neveras Gesicht, als sie einen Schluck Wein nahm, und ihr Blick flog zu Morbus. Apolonia fragte sich, in welcher Beziehung Morbus zu ihrem Onkel stand - und, überdies, zu Nevera ... Das Ganze war sehr nebulös, und Nevera und Morbus hatten augenscheinlich kein Interesse, daran etwas zu ändern.
»Was dein dreitägiges Verschwinden angeht«, fuhr Morbus fort, »denke ich, wir sollten bei dem Plan bleiben, den wir heute Nachmittag besprochen haben: Du wirst sagen, dass du entführt wurdest. Damit entgehst du auch irgendwelchen albernen Verdächtigungen bezüglich Eck Jargo, die für die Karriere deines Onkels schädlich sein könnten.«
»Wir haben bereits mit einem Journalisten vom Stadtspiegel ausgemacht, dass es ein Interview mit dir geben wird. Sein Name ist Erich Brahms und er ist ein guter Freund von Wilhelm.«
Apolonia versuchte, sich vorzustellen, dass Wilhelm Kastor, der kühle blonde Dichter, »gute Freunde« hatte.
»Vorher habt ihr gesagt, dass die Arbeit der Dichter sich nun, da ich dabei bin, sehr verändern wird. Ihr wollt einen offenen Kampf gegen den TBK führen, so wie meine Mutter es gewollt hat. In dem Interview werde ich bekannt geben, dass der TBK mich entführt und bedroht hat - ich werde die ganze Wahrheit über Magdalena erzählen.«
»Du ...« Morbus räusperte sich und legte die Stirn in Falten. »Du sprichst mir aus der Seele, Apolonia. Genau das wollte ich dir gerade vorschlagen. Allerdings müssen wir an die Gefahr denken, in die du dich begibst.«