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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Wie kommt das?», fragte Myson. Bias beendete sein Lied und wurde auf unsere Unterhaltung aufmerksam.

«Ganz einfach. Kritias hat einen Statthalter eingesetzt», erwiderte Chilon, «aber der ist den ganzen Tag betrunken und lässt uns in Ruhe, solange wir ihn nur mit allem versorgen, was sein Leib begehrt - von Seele will ich bei ihm nicht sprechen. Zehn Soldaten stehen unter seinem Kommando, aber sie sind genauso träge und käuflich wie er. Wir haben uns mit ihnen arrangiert, und so lässt es sich hier im Moment ganz friedlich leben.»

«Habt ihr eure Waffen noch?», fragte Myson. Ich sah ihm an, was er dachte.

Chilon nickte. «Die meisten Waffen, ja», antwortete er. «Charmides hat zwar auch bei uns zum Schein eine Versamm-lung einberufen, um heimlich die Männer zu entwaffnen, aber seine Soldaten haben uns den Plan vorher verraten. Wir haben ihnen zwei Wagenladungen alter Schwerter und Speere überlassen, die sie Charmides als Beute präsentieren konnten. Es hieß, er sei sehr beeindruckt gewesen.»

«Charmides?», wiederholte ich. «Du meinst ...?»

«Kritias' Vetter, gewiss», sagte Chilon. «Ich wusste, du bist ihm schon einmal begegnet.»

«Das kann man sagen», bestätigte ich, und unwillkürlich hatte ich das Bild dieses Mannes vor mir: klein, dick, besudelt von den Spuren des Gelages, das er am Tag nach dem Tod Perianders gefeiert hatte. Und neben ihm Platons Bruder, eine Bohnenstange mit dickem Hals, der uns betrunken den nackten Hintern entgegenstreckte.

«Charmides war ein Freund Perianders!», sagte ich laut und nahm einen viel zu tiefen Schluck des mit Honig versetzten Weines, den Chilon uns hatte auftragen lassen.

Plötzlich wurden alle still. Niemand sprach mehr ein Wort. Ich sah in die Runde. Chilon richtete den Blick zu Boden, Myson räusperte sich. Es klang beinahe so wie früher bei meinem Vater. Ich hätte wie ein Kind weinen wollen, so sehr fehlte er mir plötzlich. Von einem Moment auf den anderen war die Stimmung gekippt.

«Was ist, habe ich euch die Laune verdorben?», fragte ich und kämpfte mit den Tränen. Aspasia gab mir ein Zeichen zu schweigen, aber ich achtete nicht auf sie. «Findet ihr es peinlich, wenn ich wieder mit dieser alten Geschichte anfange?»

«Nein, Nikomachos, das findet niemand peinlich», antwortete Myson. Aber er sah mir nicht in die Augen dabei, und ich wusste, er war nicht aufrichtig - nicht einmal er. Konnte es sein, dass sogar meine Freunde, Menschen wie Lysias, Myson und Chilon, glaubten, ich hätte mich verrannt? Wie konnten sie zweifeln?

«Was ich sagen wollte», nahm Chilon das Gespräch wieder auf, und es war, als ob sich alle entspannten, «ist, dass uns der Schrecken der Dreißig bisher einigermaßen verschont hat. Es ist wie bei einem Gewitter in der Ferne. Wir hören den Donner, aber noch brauchen wir das Unwetter nicht zu fürchten. Und genau deswegen sind jetzt so viele Athener hier.»

«Und jetzt auch wir», sagte ich und hob meinen Becher.

«Ja», antwortete Chilon, «und ihr seid von Herzen willkommen.»

Ich lag lange wach in jener Nacht. Es war heiß. Ich schwitze, obwohl ich nackt war und mir nur ein dünnes Tuch um die Hüfte geschlungen hatte. Von den Hafenspelunken dröhnten Seemannslieder herauf. Lieder vom kalten, grausamen Meer und dem geliebten Weib in der Ferne.

Aspasia lag neben mir. Sie hatte mir den Rücken zugekehrt und atmete tief und regelmäßig. Trotzdem wusste ich, dass sie nicht schlief. Sie trug ein dünnes Leinenhemd, dessen Saum über ihr Knie gerutscht war und ihre runden Oberschenkel entblößte. Sie roch nach Granatapfelblüten und Öl. Nichts trennte uns, und doch blieb sie mir fern. Wochenlang waren wir voneinander getrennt gewesen, aber sie war noch nicht wieder bei mir. Ich sehnte mich nach ihr, und Sehnsucht und Begehren liegen beim Mann nahe beieinander. Zaghaft, sehr zaghaft, tastete ich nach ihrer Schulter und strich über ihren Nacken und ihren Rücken, um meine Hand endlich auf ihr weibliches Becken zu legen, wo ich sie ruhen ließ. Ich fühlte, wie Aspasias Atem ihren Bauch hob und senkte. Ihre Haut schien mir unendlich zart, wie die Schale jener süßen Frucht, die mir der persische Kapitän gegeben hatte. Durfte ich mich nähern? War ich nicht ihr Mann? Wünschte sie es vielleicht, ohne ein Wort zu sagen? Ich beugte mich langsam zu ihr hinüber. Sicher würde sie meinen Atem in ihrem Nacken fühlen. - In dem Moment ergriff sie meine Hand und schob sie weg. Sie wies mich ab; die Geste duldete keinen Widerspruch. Ich drehte mich um und schloss die Augen. Das Meer, das Feuer und die Frauen sind die größten Übel, sagt das Sprichwort.

Am nächsten Tag kam Sokrates. Barhäuptig und mit bloßen Füßen erschien er in der prallen Mittagssonne eines vor Hitze flirrenden Tages. Man wollte keinen Schritt vor die Tür setzen, so brüllend heiß war es. Trotzdem hatte er sich sofort auf den Weg nach Piräus gemacht, nachdem man ihm erzählt hatte, dass es bei der Befreiung Mysons einen Kampf gegeben haben musste.

«Geht es euch gut, sind alle gesund?», fragte er, kaum dass er in Chilons Innenhof getreten war. Seine Stirn war von den Strahlen der Sonne halb verbrannt. «In der Stadt erzählen sie, es habe Tote gegeben. Da musste ich gleich kommen.»

Wir beruhigten ihn und brachten ihn ins Haus, wo es um diese Zeit am kühlsten war. Chilon ließ uns etwas Wasser bringen, musste sich aber um einen Kranken kümmern. Als er gegangen war, ließ auch Aspasia uns allein.

«Sie haben uns eine Falle gestellt», erklärte ich, nachdem er einen Becher Wasser getrunken hatte. «Ich denke, sie haben Myson nur deswegen gefangen, weil sie hofften, ich würde ihn zu befreien versuchen. Das Narbengesicht hat auf mich gewartet.»

«Und jetzt?», fragte Sokrates.

«Er ist tot. Bias hat ihn erstochen. Sonst wäre ich nicht mehr am Leben.»

«Den Göttern sei Dank, mein lieber Nikomachos, den Göttern sei Dank», sagte Sokrates, während eine Träne ihren Weg über die Wangen des Philosophen suchte.

«Dieser Freund von dir», sagte ich nach einer ganzen Weile, «du weißt, derjenige, der dir erzählt hat, Myson sei verhaftet und im Gefängnis. Meinst du, er wusste, dass man mir eine Falle stellen wollte?»

«Nein, das wusste er sicher nicht», antwortete Sokrates sofort. «Ich habe es dir schon gesagt, er will mit den Dreißig nichts zu tun haben. Er verabscheut sie.»

«Du vertraust Platon sehr», stellte ich fest. Sokrates sah mich offen an.

«Du weißt, ich sage dir nicht, wer er ist», antwortete er ruhig. «Aber ich vertraue ihm voll und ganz, und du kannst es auch.»

Ich ließ es gut sein. Nach allem, was ich mittlerweile wusste, lag Sokrates in der Einschätzung seiner Freunde und Schüler längst nicht so falsch, wie ich ihm dies einmal unterstellt hatte.

«Sag mir nur etwas anderes», bat ich stattdessen. «Du erinnerst dich an die Geschichte des Mannes, der den eigenen Vater anzeigt. Du hast sie doch gewiss nicht nur mit Periander, sondern auch mit deinen anderen Schülern besprochen?»

«Sicher», antwortete Sokrates.

«Auch mit Platon?»

«Auch mit Platon», sagte er ganz unbefangen.

«Wie hat er sich entschieden?», fragte ich.

«Du meinst bei der Wahl zwischen den Gesetzen und der Familie?», fragte er.

Ich nickte. Sokrates überlegte nur kurz. Die Antwort fiel ihm sehr schnell wieder ein.

«Er entschied sich für die Familie», antwortete er. Es war genau so, wie ich vermutet hatte.

In den nächsten Tagen erkundeten wir Piräus. Myson und ich strichen durch die Straßen und Tavernen. Wir schwatzten mit den Händlern, scherzten mit den Wirten und bestachen die Soldaten, die vor Ort waren, damit sie uns in Ruhe ließen. Es war, wie Chilon es beschrieben hatte. Kritias hatte seinen Vetter Charmides zwar zum Archon über Piräus eingesetzt, aber Charmides tat keinen Streich, er verließ kaum das Haus. Seine eigenen Soldaten lachten über ihn. Und es trat etwas ein, was ich nicht für möglich gehalten hätte. Ich war Charmides beinahe dankbar, denn seinem verkommenen Wesen schuldeten wir unsere Sicherheit.

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