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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Wo ist er?», fragte ich. «Haben sie ihn in das Gefängnis gebracht, oder ist er in der Kaserne?»

«Im Gefängnis», antwortete Sokrates wie von fern. Er wusste, dass ich ihm nun noch eine andere Frage stellen musste.

«Sag mir eins, Sokrates», bat ich ihn denn auch und suchte seine Gestalt im nächtlichen Schatten des Baumes auszumachen. «Woher weißt du von Myson?» Obwohl ich ihn kaum sah, fühlte ich, wie er verlegen zur Seite sah. Er seufzte.

«Jemand bat mich, dich zu warnen, aber seinen Namen nicht zu nennen. Er ist dir wohlgesinnt. Glaube mir», antwortete er.

«Hast du etwa mit Lykon gesprochen?», fragte ich entsetzt.

«Lykon? Aber nein, keine Sorge!», versicherte er vollkommen ruhig. «Ich habe mit deinem alten Eromenos noch nie ein Wort gewechselt. Aber ich bitte dich, dringe nicht weiter in mich. Ich habe versprochen, seinen Namen nicht zu verraten.»

Ich weiß nicht, ob ich imstande gewesen wäre, Sokrates nicht weiter zu bedrängen, wäre in dem Moment nicht die Tür des großen Zimmers geöffnet worden, wo Chilons jungenhafte Gestalt erschien. Im Licht der kleinen Öllampe war zu sehen, wie er sich noch einmal umdrehte, wohl um sich zu vergewissern, ob es Lysias auch gut ging. Dann schloss er die Tür hinter sich. Im Garten wurde es augenblicklich wieder dunkel.

«Hier sind wir!» flüsterte ich in seine Richtung. Chilons Schritte kamen auf uns zu. Plötzlich ein Geräusch; er musste gegen etwas Hartes getreten sein. Er jaulte auf vor Schmerz und fluchte wie ein Barbar. Ich lachte in mich hinein. Humpelnd kam Chilon zu uns herüber. Er ertastete sich einen Stuhl und ließ sich erschöpft nieder.

«Ich bin mit dem Zeh gegen einen Stein gestoßen», sagte er und hielt sich den Fuß. Ich schmunzelte und war froh, dass es niemand sehen konnte.

«Wie geht es Lysias?», fragten Sokrates und ich beinahe gleichzeitig. Chilon seufzte, bevor er antwortete.

«Er schläft jetzt. Ich habe ihm ein Schlafmittel gegeben.»

«Hat er dir gesagt, was ihn so mitgenommen hat?», fragte Sokrates.

«Nein», erwiderte Chilon mehr an Sokrates als an mich gerichtet, «und dazu ist es vielleicht auch noch zu früh. Aber du hast sicher recht mit deiner Vermutung. Ich habe Lysias auf seinen Bruder angesprochen. Er hat sofort zu zittern begonnen.» Sokrates musste Chilon schon erzählt haben, was er in Erfahrung gebracht hatte. Vielleicht auf dem Weg hierher.

«Was können wir tun?», fragte Sokrates.

«Nichts, wir können ihm nur Zeit und Ruhe geben», antwortete Chilon. «Die Seele kann der Arzt nicht kurieren.» Mit diesen Worten verstummte er und massierte seinen Fuß. Die Seele? Sokrates schien mehr und öfter mit Chilon zu sprechen, als ich annahm. Obwohl ich ihn kaum sehen konnte, spürte ich Chilons Blick auf mir.

«Ich denke, es ist das Beste, wenn ich Lysias morgen kurz vor Tagesanbruch mit nach Piräus nehme», sprach er weiter, diesmal eindeutig an mich gewandt.

«Und warum nach Piräus?», fragte ich gekränkt. Chilon antwortete nicht. Wie hatte ich nur so dumm sein können, ihm Aspasia und die Kinder anzuvertrauen, schoss es mir durch den Kopf. Er war viel zu jung und Aspasia viel zu schön, als dass ich ihnen hätte vertrauen dürfen. Wieso war Aspasia überhaupt so schnell damit einverstanden gewesen, mit den Kindern zu Chi-lon zu ziehen? Gerade sie, die es sonst nicht ertragen konnte, wenn ich nur eine Nacht ausblieb? Oder war das Versteck bei Chilon nicht vielleicht sogar ihre Idee gewesen?

Sokrates räusperte sich. «Ich habe Chilon erzählt, dass du in Gefahr bist», sagte er, so ruhig er nur konnte. «Wir dachten, Lysias sei dir eine Last und es wäre das Beste, wenn Chilon ihn zu sich nimmt. Außerdem kann Lysias die Stadt von Piräus aus am leichtesten verlassen. Wir wollten nicht an deinen Fähigkeiten als Gastgeber zweifeln.»

Obwohl es dunkel war, sah ich, wie Chilon nickte. «Natürlich bist du eingeladen, sofort mitzukommen», fügte er leise und bescheiden hinzu, «deine Familie wartet auf dich.» Mich überkam augenblicklich bitterste Reue, und ich schwieg beschämt. Vermutlich war ich viel zu lange allein geblieben. Mit der Zeit verlernt es ein einsamer Hund, zwischen Freunden und Feinden zu unterscheiden.

«Du würdest dich wundern, wie viele Athener schon nach Piräus geflohen sind», fügte Chilon noch hinzu.

«Bitte entschuldigt», sagte ich und stand auf, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Plötzlich fiel mir ein, was ich Sokrates schon lange hatte fragen wollen. Mitten in der Bewegung blieb ich stehen und drehte mich zu ihm: «Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt und zum ersten Mal über Periander gesprochen haben?», fragte ich und fuhr fort, ohne eine Antwort abzuwarten: «Du hast mir die Geschichte eines Mannes erzählt, der den eigenen Vater bei Gericht meldet, weil er einen seiner Sklaven erschlagen hat. Du erinnerst dich?»

«Gewiss», antwortete Sokrates.

«Wenn ich dich damals richtig verstanden habe, geht es bei dieser Geschichte um die Frage, ob es gerecht ist, die Gesetze der Polis über die Liebe zur Familie zu stellen.»

«So sehe ich es», antwortete Sokrates.

«Sag mir, was hat Periander dazu gesagt? Ich weiß es nicht mehr.»

Sokrates zögerte eine Weile. Sicher musste er sich das Gespräch mit Periander erst wieder ins Gedächtnis rufen. Leider sah ich sein Gesicht nicht, aber ich hätte schwören können, er bewegte die Lippen, während er nachdachte.

«Die Frage hat ihn ungemein beschäftigt», sagte er nach einer Weile. «Ich erinnere mich, wie er mich vier oder fünf Mal auf dieses kleine Gleichnis ansprach und seine Antwort immer wieder herauszögerte. Irgendwann sagte er dann, er könne sich nur für die Gesetze der Stadt entscheiden, aber es breche ihm das Herz.»

Ich biss mir auf die Lippe. Diese Antwort hatte ich erhofft und erwartet, und ganz von selbst begannen sich die vielen kleinen, bunten Steinchen, die sich in den letzten Jahren in meinen Taschen gesammelt hatten, zu einem Bild zusammenzusetzen. Es war noch nicht vollständig, das wusste ich, aber allmählich bekam alles einen Sinn. Wir saßen in unserem dunklen Garten, und trotzdem meinte ich alles so klar zu sehen, als ob die helle attische Sonne über dem Lykabettos stände.

«Wann zeigte sich diese Wesensänderung an Periander, die außer dir niemand bemerken wollte? Du weißt, was ich meine?»

«Das muss ...», wieder überlegte Sokrates lange. «Du hast recht! Das muss in etwa zur gleichen Zeit gewesen sein! Was, glaubst du, hat das zu bedeuten?»

Ich war damals noch viel zu jung und ungeduldig, um die Antwort zurückzuhalten. Sie wollte nun einmal aus mir heraus, und Schweigen ist noch nie meine Sache gewesen. Also sagte ich: «Ich glaube, hier liegt der Grund dafür, dass Periander erschlagen wurde.»

«In dieser Geschichte?», fragte Chilon überrascht. Sokrates dagegen blieb still. Er lauschte.

«Der Bau der spartanischen Flotte, die Niederlage Athens, die Herrschaft der dreißig Tyrannen - all das war von langer Hand vorbereitet», erklärte ich. «Periander wurde nur einen Tag vor der Ankunft der persischen Bankiers und ihrem Treffen mit Kritias ermordet. Bei genau diesem Treffen hat Kritias den Athener Staatsschatz an die Perser verpfändet. Ihr wisst, der persische Kapitän hat es mir offenbart. Ich bin sicher, Periander hat von Kritias' Plänen gewusst. Er kannte ihn und die Verschwörer gut. Es waren seine Freunde.»

«Und?», fragte Chilon, der immer noch nicht verstand.

«Siehst du es nicht?», fragte ich fast hitzig. «Die Verschwörung war gegen das Gesetz, aber sie wurde von Menschen getragen, die Periander nahestanden. Kritias war der beste Freund seines Vaters und der Onkel seines Geliebten. Sokrates' kleine Geschichte machte ihm klar, dass er ihn und die anderen verraten musste!»

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