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Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.

Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:

Sommer 2008. Hundert Jahre sind vergangen, seit in Sibirien eine verheerende Explosion stattgefunden hat. Viktoria Vandenberg versucht mit zwei anderen deutschen Forschern dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Hat es sich um den Einschlag eines Meteoriten gehandelt? Leo, ein junger Hirte, erzählt Viktoria von seiner neunzigjährigen Großmutter, deren Vater zu den ersten Wissenschaftlern vor Ort gehörte. Die Alte beschwört Viktoria, ihre Nachforschungen einzustellen: Geister, böse Schamanen seien am Werk. Als sämtliche Stromgeneratoren ausfallen, scheinen die Prophezeiungen in Erfüllung zu gehen, erst recht als eine Serie von geheimnisvollen Todesfällen über die Forschergruppe hereinbricht. Doch Viktoria gibt nicht auf. Sie begreift, dass Leo den Schlüssel zu einer Wahrheit besitzt, die weitaus unglaublicher erscheint als ein Meteoriteneinschlag.
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»Wenn du es ganz genau wissen willst, fragst du besser meinen alten Onkel Taichin. Er ist ein ausgebildeter Schamane, der noch den alten Initiationsritus vollzogen hat. Er gibt mir ab und an heimlich Unterricht, obwohl meine Großeltern strikt dagegen sind. Sie befürchten, dass die falschen Geister von meiner Seele Besitz ergreifen, für den Fall, dass ich dem Ruf der Ahnen folge. Taichin ist genau der anderen Meinung. Er denkt, ich kann mich nur gegen die Dämonen wehren, wenn ich stark genug bin, um ihnen die Stirn bieten zu können. Es ist nicht immer leicht, es den Dreien recht zu machen. Zusammen haben sie einen großen Einfluss auf mich«, fügte er lächelnd hinzu. »Für uns Ewenken ist die Familie sehr wichtig. Ohne die Sippe oder den Stamm war man früher in der weiten Taiga verloren, und auf die Erfahrung der Alten konnte man nicht verzichten. Sie sind uns heilig, wie unsere Ahnen, die uns auch nach dem Tode noch beistehen.«

»Ich habe nur meine Mutter«, stellte Viktoria mit einem Achselzucken klar. Gleichzeitig verspürte sie ein schlechtes Gewissen. Von Heiligkeit konnte bei ihrer Mutter keine Rede sein. Manchmal war sie ihr mit ihren ewigen Ermahnungen lästig, die verrieten, dass sie nicht loslassen konnte, obwohl ihre Tochter längst auf eigenen Füßen stand. Andererseits hätte sie zu gerne gewusst, was ihre Mutter wohl dazu sagen würde, wenn sie sich tot geglaubt und von allen geächtet in einem endlosen Wald verstecken müsste.

»Auch du hast deine Ahnen«, bemerkte Leonid und schenkte ihr einen Blick, als ob er sie trösten wollte. Dann zwinkerte er ihr aufmunternd zu. Sie sah ihn nur an - schweigend, weil sie nicht wusste, was sie als überzeugte Atheistin auf eine solche Bemerkung erwidern sollte. Unvermittelt nahm er ihre Hand und küsste sie, dann schaute er ihr tief in die Augen. »Und wenn du willst, hast du jetzt mich.«

Ein flaues Gefühl beschlich Viktoria, als Leonid sich erhob, um Wasser von einer Quelle zu holen, die hinter dem Haus sprudelte. Als er hinausging, sah sie ihm nach. Er hatte ihr einen chinesischen Tee versprochen, der nichts weiter erweckte als ihre Lebensgeister, und das auf eine harmlose Weise.

Sie streckte sich unter der warmen Decke und vergrub ihre Nase in dem Fell, das längst Leonids Geruch angenommen hatte. Es fühlte sich tatsächlich an wie ein Traum, von dem sie nicht wusste, ob sie ihn ernst nehmen sollte. Aber vielleicht wirkte die Droge noch nach.

Erst ein Blick auf ihre Armbanduhr holte sie in die reale Welt zurück und bestätigte ihr, dass es höchste Zeit war, sich auf den Rückweg zu machen. In knapp drei Stunden wurde sie zum gemeinsamen Frühstück im Camp erwartet; falls sie nicht pünktlich erschien, würden nicht nur Rodius und Theisen sie vermissen.

Nachdem Leonid sich ausgiebig am Bach gewaschen hatte, stand er, die feuchten Haare zu seinem Zopf gebunden, barfuß und nur mit einem grauen Trägerhemd und einer Armeehose bekleidet in der Tür. Er sah einfach umwerfend aus, und am liebsten wäre Viktoria gleich bei ihm eingezogen - wenn die Welt ein wenig unkomplizierter gewesen wäre.

»Das Wasser ist herrlich frisch«, schwärmte er. »Du solltest es auch einmal versuchen.«

»Ich habe mein Mückenschutzmittel vergessen«, erklärte sie abwehrend.

Leonid lächelte. »Hier ist es nicht so schlimm wie draußen am See.«

Er ging zum Ofen, setzte den alten Wasserkessel auf und röstete Fladenbrot. Dann entnahm er einem selbst gezimmerten Birkenholz-schränkchen einen irdenen Topf. Mit seinem Jagdmesser verteilte er die Butter, die sich darin befand, auf dem noch warmen Brot. Immer wieder schaute er auf und beobachtete Viktoria, während sie in ihre Kleidung stieg. Nachdem sie ihre olivfarbene Cargohose gegürtet hatte, zog sie ihre Socken über und schlüpfte in die knöchelhohen Trekkingstiefel. Danach hob sie den Kopf und entwirrte mit den Fingern ihr Haar. Als sie aufsah, begegnete sie Leonids Blick.

»Du siehst unglaublich schön aus«, sagte er leise. Beiläufig goss er das heiße Wasser in zwei blaue Emaillebecher, in die er zuvor löffelweise den Tee hineingegeben hatte.

»Danke.« Verlegen nahm sie den dampfenden Tee entgegen und lehnte im gleichen Atemzug das Brot ab, das er ihr anbot. »Ich möchte nichts essen. Nur etwas trinken. Wir sind spät. Ich muss mich beeilen.« Ajaci lauerte schon, und Leonid gab ihm Viktorias Anteil, den er heißhungrig verschlang. In Wahrheit hätte sie ohnehin nichts hinun-terbekommen, weil der Abschied, der bevorstand, ihr die Kehle zuschnürte, doch das wollte sie sich nicht anmerken lassen.

Schweigend gingen sie Hand in Hand den Kimchu entlang. Ajaci wich seinem Herrn nicht von der Seite.

Viktoria genoss die Gegenwart Leonids. Immer wieder schaute sie zu ihm auf. Ab und an lächelte er glücklich. Der Duft der Taiga stieg aus Blättern und Moos mit dem Frühnebel empor, und plötzlich erschien ihr das Leben intensiver als je zuvor.

Auch Leonid verspürte ein flaues Gefühl. Viktoria hatte ihm genug von sich selbst erzählt, um ihm deutlich zu machen, dass im wahrsten Sinne des Wortes Welten zwischen ihnen lagen. An eine gemeinsame Zukunft mit einer solchen Frau war überhaupt nicht zu denken.

Als sie die Stelle erreichten, wo er sie aus dem Wasser gezogen hatte, hielt Viktoria inne und zwang ihn ebenfalls stehen zu bleiben. »Warte«, sagte sie leise mit einem warnenden Unterton in der Stimme.

»Was ist?« Leonid warf ihr einen alarmierten Blick zu und zog sie hinter eine dicke Lärche.

Im Flüsterton erzählte sie ihm von ihrer Entdeckung am Tag zuvor, die sie mit dem Magnetfeldmesser gemacht hatte. Jetzt sah es ganz danach aus, als ob zwischenzeitlich jemand zurückgekehrt war und nicht nur den Magnetfeldmesser an eine andere Stelle gelegt, sondern auch eine erste Grabung unternommen hatte.

»Ich gehe nachsehen«, beschied Leonid. Bevor sie Protest einlegen konnte, war er in geducktem Laufschritt zu jener Stelle gehuscht, wo sich wie von Geisterhand geschaufelt ein Hügel aus dunklem, fettem Erdreich erhob. Von ferne sah es aus, als sei ein riesiger Maulwurf am Werk gewesen. Einen Moment lang verharrte Leonid über dem Hügel, dann sah er sich noch einmal gründlich um. Die einzige Bewegung weit und breit war ein Eisvogelpaar, das dicht auf dicht über den Kimchu davonstob, während der Fluss mit seinem grünlichen Wasser träge nach Westen plätscherte. Aufrecht schaute Leonid in Viktorias Richtung und deutete mit einem Handzeichen an, dass sie ihm folgen sollte. Ajaci war seinem Herrn längst hinterher gelaufen, als er sie zusammen mit Leonid am Rand eines dunklen Schachtes erwartete, der mindestens vier Meter in die Tiefe reichte. Eingemauerte Eisenstiegen ermöglichten einen Einstieg.

»Was könnte das sein?« Viktoria sah Leonid fragend an, nachdem sie einen Blick in die gähnende Tiefe geworfen hatte.

»Du bist hier die Geophysikerin«, antwortete er mit einer leichten Ironie in der Stimme.

Viktoria blickte prüfend auf einen offenstehenden verrosteten Eisendeckel von der Größe eines Autoreifens, der, wie es schien, nach ewiger Zeit erneut das Licht der Welt erblickt hatte und nun die Einsicht in eine röhrenartige Finsternis freigab. Sie beugte sich weiter darüber, um den Grund des Lochs sehen zu können. Ein modriger Geruch schlug ihr entgegen.

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