Die Familie ohne Namen
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Familie ohne Namen». Краткое содержание книги:
Es liegt auf der Hand, daß ein derartiger Angriff länger dauernder Vorbereitungen bedurft hätte. Ueberdies wußte der Abbe Joann noch nicht, da sich die Nachricht hiervon bisher kaum verbreitet hatte, daß das Urtheil vor zwei Tagen ergangen war und daß der Befehl zur Hinrichtung von einer Stunde zur anderen eintreffen konnte. Jenen Handstreich gegen das Fort Frontenac betrachtete der junge Priester auch nur als das äußerste Mittel; er bezweckte vielmehr, Johann Mittel und Wege zu verschaffen, in kürzester Frist zu entweichen.
»Haben Sie, Herr Abbe, fragte Lionel, einige Hoffnung, Ihren Bruder zu sehen zu bekommen?
- Lionel, könnte man den Eintritt ins Fort einem Diener des Herrn verweigern, der einem jedenfalls zur Todesstrafe verurtheilten Gefangenen den Trost der Religion bringen will?
- Das wäre unwürdig!. Das wäre abscheulich! antwortete Lionel.. Nein! Man wird es Ihnen nicht abschlagen!. Gehen Sie, Herr Abbe, ich werde hier warten.«
Der Abbe Joann drückte dem jungen Schreiber die Hand und verschwand um den Rand des Waldes.
In weniger als einer Viertelstunde hatte er das Ausfallsthor des Fort Frontenac erreicht.
Das am Strande des Ontario errichtete Fort bestand aus einem in der Mitte gelegenen Blockhaus, welches hohe Palissaden umgaben. Am Fuße dieser Umplankung und nach der Seite des Sees hin erstreckte sich ein frei gelegtes schmales Gestade, welches jetzt unter der Schneedecke verschwand und mit der am Rande übereisten Seefläche verschmolz. An der anderen Seite stieß ein Dorf mit wenigen Feuerstätten daran, das in der Hauptsache von Fischersleuten bewohnt war.
Doch würde zunächst ein Entweichen und dann eine Flucht durch das Land möglich sein? Würde Johann seine Zelle verlassen, die Palissaden erreichen und die Aufmerksamkeit der Wachthabenden täuschen können? Das sollte von ihm und seinem Bruder erwogen werden, wenn dem Abbe Joann der Zutritt zum Fort nicht verboten wurde. Einmal in Freiheit, wollten sich Beide mit Lionel nicht nach der amerikanischen Grenze, sondern nach dem Niagara und der Insel Navy wenden, wo die Patrioten sich gesammelt hatten, um einen letzten Befreiungsversuch zu wagen.
Nachdem der Abbe Joann schräg über das Vorland geschritten, langte er vor dem engen Thore an, neben dem ein Wachtposten auf und ab ging. Er sprach den Wunsch aus, dem Commandanten des Forts zugeführt zu werden.
Ein Sergeant trat aus dem Wachtlocal, das sich im Innern der Palissade befand. Der ihn begleitende Soldat trug eine Fackel, da es bereits ganz dunkel geworden war.
»Was wollen Sie? fragte der Sergeant.
- Mit dem Commandanten sprechen.
- Und wer sind Sie?
- Ein Geistlicher, der dem gefangenen Johann ohne Namen seinen Beistand leisten will.
- Sie können sagen dem verurtheilten!.
- Ist das Urtheil schon gefällt?
- Vorgestern, und Johann ohne Namen ist damit dem Tode verfallen!«
Der Abbe Joann besaß Selbstbeherrschung genug, um nichts von seiner Erregung zu verrathen, und er begnügte sich zu antworten:
»Das ist nur ein Grund mehr, einem Verurtheilten den Beistand des Geistlichen nicht zu versagen.
- Ich werde dem Major Sinclair, dem Commandanten des Forts, Meldung machen,« erwiderte der Sergeant.
Er begab sich mit diesen Worten schon nach dem Blockhause, während er den Abbe Joann zunächst in das Wachtlocal eintreten ließ.
Dieser setzte sich in einer dunklen Ecke nieder und überdachte, was er soeben gehört.
Die Verurtheilung war ausgesprochen. Sollte es ihm da nicht an Zeit fehlen, seine Pläne auszuführen? Doch da der schon vor vierundzwanzig Stunden gefällte Urtheilsspruch bis jetzt noch nicht vollzogen war, so konnte das doch vielleicht daher rühren, daß der Major Sinclair Befehl erhalten hatte, die Hinrichtung aufzuschieben. An diese Hoffnung klammerte sich der Abbe Joann, obwohl er nicht wußte, wie lange dieser Aufschub dauern und ob er hinreichen würde, die Entweichung des Gefangenen vorzubereiten, ja nicht einmal, ob der Major Sinclair ihm den Zutritt ins Gefängniß erlauben werde. Was sollte aber geschehen, wenn er nur dann die Herbeiholung eines Priesters zuließ, wenn Johann ohne Namen schon auf dem Wege zur Hinrichtung war?
Man begreift leicht, welche Seelenangst der Abbe Joann gegenüber dieser Verurtheilung ausstehen mußte, da diese ihm keine Zeit zum Handeln mehr ließ.
In diesem Augenblicke betrat ein Unterofficier den Posten und wandte sich an den jungen Priester:
»Der Major Sinclair erwartet Sie!« sagte er.
Vor ihm der Sergeant, dessen Fackel den Weg erleuchtete, überschritt Joann den inneren Hof, in dessen Mitte das Blockhaus sich erhob. Soweit es die Dunkelheit gestattete, sachte er die Größenverhältnisse dieses Hofes und die Entfernung zu erkennen, die den Wachtposten von dem Ausfallsthore trennte, da letzteres den einzigen Ausweg aus dem Fort Frontenac bot, wenn man es nicht vorzog, die Palissade zu überklettern. Wenn Johann die Anordnung der Baulichkeiten und die Lage dieser Punkte nicht kannte, so wollte Joann sie ihm doch wenigstens beschreiben können.
Die Thür des Blockhauses stand offen. Der Sergeant voran und der Abbe Joann nach ihm durchschritten dieselbe. Eine Schildwache schloß sie wieder hinter ihnen. Dann betraten sie die Stufen einer nach dem oberen Stockwerk führenden und in die Wand selbst eingelassenen Treppe. Oben angelangt, öffnete der Sergeant eine gerade gegenüberliegende Thür, und der Abbe Joann trat in das Zimmer des Commandanten.
Der Major Sinclair war ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, von rauhem Aeußeren und schroffem Auftreten, »sehr englisch« durch seine Steifheit und »sehr sächsisch« durch das geringe Mitgefühl, welches menschliches Elend ihm einflößte. Vielleicht hätte er es sogar abgeschlagen, dem Verdammten geistlichen Zuspruch zu gewähren, wenn er in dieser Hinsicht nicht Befehle erhalten hätte, die er nicht wohl unbeachtet lassen konnte. Den Abbe Joann empfing er nicht eben vielverheißend; ja er erhob sich nicht einmal aus dem Lehnstuhle, in dem er saß, und legte die Pfeife nicht aus der Hand, deren Rauch das durch eine einzige Lampe nur schwach erhellte Zimmer erfüllte.
»Sind Sie Geistlicher? fragte er den Abbe Joann, der einige Schritte vor ihm stehen geblieben war.
- Ja, Herr Major.
- Sie kommen, um dem Verurtheilten beizustehen?.
- Wenn Sie das gestatten.
- Woher kommen Sie?
- Aus der Grafschaft Laprairie.
- Dort haben Sie von seiner Gefangennahme gehört?.
- Ja, eben dort.
- Und auch von seiner Verurtheilung?.
- Davon vernahm ich erst bei meiner Ankunft im Fort Frontenac, und ich glaubte, der Major Sinclair würde mir ein Zusammentreffen mit dem Gefangenen nicht verweigern.
- Nein, das nicht; doch ich werde Sie erst rufen lassen, wenn es dazu Zeit ist, antwortete der Commandant.
- Etwas ist niemals zu frühzeitig, erwiderte der Abbe Joann, wenn der Mensch zum Tode verdammt ist.
- Ich sagte Ihnen, daß Sie rechtzeitig Nachricht erhalten werden. Warten Sie darauf im Dorfe Frontenac, wo einer meiner Soldaten Sie dann aufsuchen wird.
- Verzeihen Sie, wenn ich noch auf meiner Bitte bestehe, Herr Major, entgegnete der Abbe Joann. Es kann ja der Fall eintreten, daß ich gerade in dem Augenblick abwesend wäre, wo der Gefangene meinen Beistand am meisten bedarf. Gestatten Sie mir also, denselben in dieser Stunde zu sprechen.
- Ich wiederhole Ihnen, daß ich Ihnen werde eine Meldung zugehen lassen, unterbrach ihn der Commandant. Mir ist verboten, den Gefangenen vor der Stunde seiner Hinrichtung mit irgend Jemand, wer es auch sei, sprechen zu lassen. Ich erwarte jetzt nähere Befehle von Quebec, und wenn diese anlangen, hat der Gefangene noch zwei Stunden für sich. Was Teufel, diese zwei Stunden werden Ihnen genügen, und Sie mögen diese anwenden, wie es Ihnen für das Heil seiner Seele passend erscheint. Der Sergeant wird Sie nach dem Thore zurückgeleiten!«