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Die Elfensteine von Shannara

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Die Elfensteine von Shannara
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»Das ist ja allerhand.«

Der Junge sah ihn neugierig an.

»Was tut ihr hier draußen?«

Wil mußte unwillkürlich lachen.

»Genau das gleiche wollte ich dich gerade fragen. Wohnst du hier?«

Der Junge schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich wohne im Süden, unterhalb vom Irrybis. Im Rockshort.«

Wil hatte keine blasse Ahnung, was ein Rockshort sein könnte. Er hörte, wie Amberle sich hinter ihm regte.

»Sie ist sehr schön«, sagte der Junge leise. »Seid ihr verheiratet?«

»Ah — nein, wir reisen nur zusammen«, erwiderte Wil leicht verlegen. »Wie bist du denn hierhergekommen?«

»Ich bin geflogen«, antwortete der Junge. »Ich bin ein Himmelsreiter.«

Wil war sprachlos. Der Junge blickte an ihm vorbei zu Amberle, die sich jetzt aufsetzte.

»Guten Morgen, schöne Dame«, begrüßte er sie.

»Guten Morgen«, antwortete Amberle. Belustigung mischte sich mit Verwunderung in ihren grünen Augen. »Wie heißt du ?«

»Perk.«

»Ich heiße Amberle.« Das Elfenmädchen lächelte. »Und das ist Wil.«

Der Junge stand auf und trat zu Wil, um ihm die Hand zu schütteln.Mit Überraschung stellte Wil fest, daß die Innenhand des Jungen schwielig und von Hornhaut überzogen war. Der Junge schien sich dieser Tatsache bewußt zu sein und zog seine Hand rasch zurück. Amberle bot er sie gar nicht, sondern nickte ihr nur zu.

»Möchtet ihr etwas zum Frühstück?« fragte er.

Wil zuckte die Schultern. »Woran hattest du denn gedacht, Perk?«

»Milch, Nüsse, Käse und Brot. Das ist alles, was ich bei mir habe.«

»Nun, das ist doch wunderbar.« Wil lachte und blickte rasch zu Amberle hinüber. Er hatte keine Ahnung, was Perk hier tat, doch was er zum Frühstück zu bieten hatte, klang köstlich. »Wir teilen das Frühstück mit Freuden mit dir.« Sie ließen sich im Gras nieder. Aus einem der Beutel, die er bei sich trug, holte der junge Elf die versprochenen Nüsse, den Käse und das Brot hervor, dazu drei kleine Becher. Diese füllte er mit Milch aus einem anderen Beutel.

Wil und Amberle verzehrten die kleine Mahlzeit mit Heißhunger.

»Woher hast du die Milch?« fragte Amberle.

»Von den Ziegen«, murmelte der Junge mit vollem Mund. »Ein paar Meilen weiter nördlich ist ein Ziegenhirt mit einer kleinen Herde. Ich hab’ heute morgen in aller Frühe eine von den Geißen gemolken.«

Amberle warf einen fragenden Blick auf Wil. Der zuckte die Schultern.

»Er hat mir erzählt, daß er ein Himmelsreiter ist. Er fliegt.«

»Ein richtiger Himmelsreiter bin ich nicht — noch nicht«, schränkte der Junge ein. »Dazu bin ich noch zu jung. Aber eines Tages werde ich einer sein.«

Ein etwas verlegenes Schweigen folgte auf diese Worte, das der Junge schließlich brach.

»Ihr habt mir noch gar nicht erzählt, was ihr hier draußen tut«, bemerkte er. »Lauft ihr vor irgendwas davon?«

»Warum fragst du das, Perk?« wollte Amberle sogleich wissen.

»Weil ihr so ausseht, als ob ihr vor irgendwas flieht. Eure Kleider sind ganz zerrissen und schmutzig. Ihr habt keine Waffen und kein Essen und keine Decken. Ihr habt kein Feuer entzündet. Und ihr seht so aus, als ob euch etwas schreckliche Angst gemacht hat.«

»Perk, du bist ein kluger Junge«, bemerkte Wil eilig und wußte schon, wie er diese Situation anpacken wollte. »Versprichst du mir, daß du es nicht weitererzählst, wenn ich dir jetzt etwas sage?«

Der Junge nickte mit einer Miene gespannter Erwartung. »Ja, das verspreche ich.«

»Gut.« Vertraulich neigte sich Wil ihm zu. »Diese Dame hier — Amberle — ist etwas ganz Besonderes. Sie ist eine Prinzessin, eine Enkelin von Eventine Elessedil, dem König der Elfen.«

»Dem König der Landelfen«, verbesserte Perk. Als Wil, durch den Einwurf des Jungen verwirrt, innehielt, rückte dieser begierig näher an ihn heran. »Seid ihr auf Schatzsuche? Oder ist die Dame verzaubert? Ist sie behext?«

»Ja. Nein.« Wil brach ab. Worauf hatte er sich da eingelassen? »Wir suchen — äh, wir sind auf der Suche nach einem — einem Talisman, Perk. Nur Amberle kann seine Kraft zur Wirkung bringen. Das Volk der Elfen wird von großem Unheil bedroht. Nur dieser Talisman kann vor diesem Unheil schützen, und wir müssen ihn schnell finden. Wärst du bereit, uns zu helfen?«

Perks Augen blitzten aufgeregt.

»Ein Abenteuer? Ein richtiges Abenteuer?«

»Wil, ich weiß nicht —« unterbrach Amberle mit gerunzelter Stirn.

»Vertrau mir bitte.« Wil hob beschwichtigend die Hände. Er wandte sich wieder an Perk. »Das ist eine sehr gefährliche Sache, Perk. Die Wesen, vor denen wir fliehen, haben schon eine ganze Anzahl von Elfen getötet. Das ist kein Spiel. Du mußt genau das tun, was ich dir sage, und wenn ich dir sage, daß es vorbei ist, dann mußt du uns auf der Stelle verlassen. Ist das klar?«

Der Junge nickte zustimmend.

»Was soll ich denn tun?«

Wil wies zum Steinkamm-Gebirge hinauf.

»Du sollst mir einen Weg durch dieses Gebirge zeigen. Kennst du einen?«

»Aber natürlich.« Perks Stimme klang entrüstet. »Wohin wollt ihr denn?«

Wil zögerte. Eigentlich hätte er das dem Jungen lieber nicht verraten.

»Spielt das eine Rolle?« fragte er.

»Aber gewiß spielt das eine Rolle«, gab Perk sogleich zurück. »Wie kann ich euch zeigen, wie ihr zu eurem Ziel kommt, wenn ich gar nicht weiß, wo euer Ziel liegt?«

»Das klingt sehr vernünftig«, bemerkte Amberle und warf Wil einen Blick zu, der besagte, daß er all dies hätte voraussehen müssen. »Ich glaube, es ist besser, du sagst es ihm, Wil.«

Wil nickte. »Also gut. Wir wollen in den Wildewald.«

»In den Wildewald?« Mit ernster Miene schüttelte Perk den Kopf, und sein Eifer wurde ein wenig gedämpfter. »Der Wildewald ist mir verboten. Er ist gefährlich.«

»Das wissen wir«, pflichtete Amberle ihm bei. »Aber wir haben keine andere Wahl. Wir müssen dorthin. Kannst du uns helfen?«

»Ja, ich kann euch helfen«, antwortete der Junge fest. »Aber ihr könnt nicht durch das Gebirge wandern. Da würdet ihr Tage brauchen.«

»Ja, aber wenn wir nicht durch das Gebirge gehen, wie kommen wir dann hin?« fragte Wil. »Gibt es denn einen anderen Weg?«

Perk lachte. »Klar. Wir können fliegen.«

Wil sandte einen hilfesuchenden Blick zu Amberle hinüber.

»Perk, das geht doch gar nicht, wir können nicht fliegen«, sagte sie behutsam.

»Doch, wir können fliegen«, beharrte er. »Ich hab’ euch doch gesagt, daß ich ein Himmelsreiter bin — jedenfalls schon fast.«

Eine blühende Phantasie hat der Knabe, dachte Wil.

»Schau mal, Perk, zum Fliegen braucht man Flügel, und die haben wir nicht.«

»Flügel?« Der Junge machte ein verwirrtes Gesicht. Dann lachte er. »Ach so, ihr dachtet — ach so, jetzt verstehe ich. Nein, nein, nicht wir selbst. Wir haben Genewen, Hier, kommt mit.«

Eilig sprang er auf und lief aus dem Schatten der Föhren auf die Wiese hinaus. Verwundert folgten ihm Wil und Amberle. Als sie die Bäume hinter sich gelassen hatten und am offenen Hang standen, griff Perk in einen der Lederbeutel, die er am Hals trug, und zog eine kleine silberne Pfeife heraus. Er legte sie an die Lippen und blies hinein. Kein Laut war zu hören. Wil blickte wieder zu Amberle hinüber und schüttelte verstohlen den Kopf. Perk steckte das silberne Pfeifchen wieder ein und hob den Kopf zum Himmel hinauf. Ganz mechanisch taten es Wil und Amberle ihm nach.

Plötzlich stieg aus den Zacken des Steinkamms ein gewaltiges, golden schimmerndes Wesen in die Lüfte empor. Hell blitzte es im warmen Sonnenlicht des Morgens, als es am Hang des Berges abwärtstauchte und auf sie zukam. Wil und Amberle fuhren erschreckt zusammen. Es war der größte Vogel, den sie je gesehen hatten, ein riesenhaftes Geschöpf mit einer Spannweite von vollen dreißig Fuß. An dem schlanken, von einem Kamm gekrönten Kopf, der, schwarz gesprenkelt, wie Feuer leuchtete, saß ein mächtiger gebogener Schnabel, und scharfe Krallen schoben sich aus den Füßen, als der Vogel sich näherte. Einen Moment lang fühlten sich Wil und Amberle an das geflügelte schwarze Ungeheuer erinnert, das sie auf ihrer Flucht durch das Rhenn-Tal beinahe eingeholt hätte, doch dann sahen sie, daß dies nicht dasselbe Geschöpf war. Keine zehn Fuß von ihnen entfernt, landete der Vogel auf der Wiese und faltete die gewaltigen Schwingen über seinem golden gefiederten Körper. Sein durchdringender Schrei zerriß die morgendliche Stille, und dann neigte er den schmalen Kopf begierig zu Perk hinunter. Der Junge antwortete mit einem raschen, seltsamen Ruf und wandte sich dann wieder seinen erstaunten Begleitern zu.

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