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Die Elfensteine von Shannara

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Die Elfensteine von Shannara
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Amberle wollte etwas sagen, doch Wil drückte ihr hastig die Hand auf den Mund. Ein Geräusch — er hatte ein Geräusch gehört —, ja, dort im Treppenschacht. Es war der Raffer. Er wußte es mit absoluter Sicherheit. Er suchte sie. Und wenn er den Weg in diesen kleinen Raum gefunden hatte, dann gab es für sie kein Entkommen mehr. Kopflose Panik überwältigte Wil. Wie hatte das geschehen können? Wie hatte der Dämon sie so rasch finden können? Was sollte er jetzt tun?

Die Fackel vor sich haltend wie einen Schild, trat er von der Tür weg und weg vom Treppenschacht. Amberle schien ihm versteinert, wie sie stolpernd zurückwich wie er. Hier konnten sie nicht bleiben, sagte er sich wie betäubt, und blickte auf die Korridore, die sich zu beiden Seiten öffneten. In welchen von ihnen war Crispin hineingelaufen? Er war nicht sicher. Er entschied sich für den, in dem seiner Erinnerung nach der Hauptmann der Elfenjäger verschwunden war, und raste, Amberle fest an der Hand haltend, in die Finsternis hinein.

Mehrere hundert Fuß weiter hielten sie stolpernd an. Der Korridor endete hier, verzweigte sich in drei neue Gänge. Wieder wollte wilde Angst Wil alle klare Überlegung rauben. Welchen Gang sollte er nehmen? Er hielt die Fackel tief zum Boden hinunter. Crispins Stiefel hatte im Staub der Jahrhunderte eine klare, leicht zu lesende Spur hinterlassen. Ihr konnten sie folgen. Doch ihr konnte auch der Raffer folgen. Er schluckte seine Angst hinunter und rannte weiter.

Seite an Seite hetzten Wil und Amberle durch die finsteren Korridore der Festung, durch Säle, in denen Moder und Staub sich breitgemacht hatten, durch Gemächer, an deren Wänden zerfallende Teppiche hingen, über Altane und Gesimse, unter denen schwarze Abgründe gähnten. Ein tiefes, alles durchdringendes Schweigen wohnte in der uralten Zitadelle, so daß sogar das Heulen des Windes verklang und nur das Donnern ihrer Stiefel auf dem Steinboden zu hören war. Zweimal liefen sie in die Irre, rannten einen falschen Gang hinunter, bis sie merkten, daß die Spur verschwunden war und sie in ihrer Hast eine Abzweigung übersehen hatten. Mehrmals stießen sie auf zwei Spuren, wenn Crispin auf seiner Suche nach dem richtigen Weg einen Fehler gemacht hatte und wieder umgekehrt war. Jedesmal verloren sie kostbare Sekunden mit dem Bemühen, festzustellen, wohin Crispin tatsächlich gelaufen war. Und immer saß ihnen das schreckliche Gefühl im Nacken, daß gleich der Raffer aus der Düsternis hinter ihnen auftauchen und ihre letzte Chance auf ein Entkommen vertan sein würde.

Dann schimmerte das flackernde Licht einer Fackel in der Dunkelheit vor ihnen auf. Sie liefen ihm keuchend entgegen und sahen mit tiefer Erleichterung, wie sich langsam Crispins Gestalt aus den Schatten hob. Der Hauptmann war auf dem Rückweg von seiner Suche nach dem Weg, der durch den Berg führte. Die Klinge seines gezogenen Schwertes blitzte im Fackelschein, als er ihnen entgegenstürzte und abrupt stehenblieb.

»Was ist geschehen?« fragte er, als er die Angst in ihren Augen sah.

In aller Eile berichtete Wil. Crispins Gesicht wurde aschfahl.

»Dilph und Katsin auch noch! Kann denn nichts dieses Ungeheuer aufhalten?« Einen Moment lang blickte er schweigend auf sein Schwert hinunter, dann winkte er ihnen. »Kommt. Wir haben vielleicht doch noch eine Chance.«

Zusammen rannten sie den Gang hinunter, durch den Crispin gekommen war, bogen nach links in einen anderen Gang ab, durchquerten einen großen Saal, der früher als Waffenkammer gedient hatte, hasteten eine Treppe hinunter in eine weite, öde Rundhalle, bogen wieder in einen Gang ein. Am Ende dieses letzten Korridors wartete eine hohe Eisentür, die mit schweren Bolzen in den Fels des Berges eingelassen war. Crispin zog die Riegel zurück und öffnete die Tür. Brüllend schlug ihnen der Wind in die Gesichter, als wolle er sie ins Innere der Festung zurückschleudern. Der Elfen-Hauptmann warf seine Fackel weg, senkte entschlossen den Kopf und trat in die Dunkelheit hinaus. Amberle und Wil folgten.

Zu ihren Füßen gähnte eine tiefe Kluft, die entstanden war, als der Berg in uralter Zeit durch eine schwere Erschütterung vom Gipfel bis zum Fuß hinunter gespalten worden war. Ein schmaler Steg überspannte den Abgrund. Er führte von der kleinen Felsnische, in der sie standen, zu einem schlanken Turm, der in die gegenüberliegende Wand gebaut war. Der Wind fegte jaulend über die Kluft und rüttelte mit wütendem Geheul an dem schmalen eisernen Steg. Nur ein dünner Mondstrahl drang in die Tiefe der Schlucht hinunter und erhellte ein kurzes Stück des Stegs auf der anderen Seite.

Crispin zog Wil und Amberle nahe zu sich heran.

»Wir müssen hinüber!« schrie er durch das Tosen des Windes. »Haltet Euch am Geländer fest und schaut nicht nach unten.«

»Ich weiß nicht, ob ich das schaffe!« rief Amberle, den Blick voller Besorgnis auf den Steg gerichtet.

Wil spürte, wie ihre kleinen Hände krampfhaft seinen Arm umfaßt hielten.

»Ihr müßt!« Crispins Erwiderung duldete keine Widerrede. »Das ist unser einziger Ausweg.«

Amberle warf einen flüchtigen Blick auf die Eisentür in der Felswand, dann sah sie Crispin wieder an. Stumm nickte sie.

»Bleibt dicht bei mir!« mahnte der Elf.

Sie gingen los. Vorn der Elfen-Hauptmann, dann Amberle, zum Schluß Wil. Langsam und vorsichtig tappten sie durch die Dunkelheit, die Hände fest am Geländer auf beiden Seiten, die Köpfe gesenkt. Der Wind zerrte in wilden Stößen an ihnen, riß an ihren Kleidern und rüttelte an dem schmalen Steg, bis sie das Gefühl hatten, er müsse jeden Moment in den Abgrund stürzen. Als sie aus dem Schutz der Felswand traten, fegte die eisige Luft von den Gletschern des Berges über sie hinweg. Hände und Füße wurden rasch gefühllos vor Kälte, und das Eisen der Brücke fühlte sich an wie Eis. Schritt für Schritt tasteten sie sich voran, gelangten endlich aus den Schatten der Wand in silbriges Mondlicht, das in einem schmalen Streifen über dem Steg lag. Endlich hatten sie die letzte Etappe dieser gefährlichen Gratwanderung erreicht. Und Augenblicke später sprangen sie auf die Plattform vor dem einsamen Turm. Die Fenster in den dunklen Nischen waren dunkel, die Steinmauern von glitzerndem Eis überzogen. Eine Tür führte in das Innere des Turms.

Crispin führte Amberle vom Steg zum Eingang des Turms. Als Wil an ihrer Seite war, griff der Elf in einen Holzkasten, der an die Turmmauer gelehnt stand, und entnahm ihm zwei schwere Hämmer. Einen reichte er Wil und wies dann zur schmalen Brücke hinaus.

»Die Pfeiler des Stegs werden von sechs Bolzen gehalten — drei auf jeder Seite. Wenn wir die Bolzen herausschlagen, bricht der Steg ein. Das wurde extra so angelegt, um feindlichen Verfolgern zu entgehen, falls die Festung je überrannt werden sollte. Nehmt Ihr die drei auf der rechten Seite.«

Wil eilte auf die Plattform hinaus. Drei Bolzen, die horizontal durch Ringe getrieben waren, hielten die Strebepfeiler des Stegs in der Plattform, auf der er stand. Den Hammer fest in der Hand, begann er, gegen den ersten Bolzen zu schlagen. Rost und Schmutz hatten sich rundherum festgesetzt, und er löste sich nur sehr langsam aus seiner Fassung. Als er endlich heraussprang, fiel er lautlos in die Schlucht. Eilig nahm Wil sich den nächsten Bolzen vor. Im Rasen des Windes konnte er die Hammerschläge kaum hören, doch er spürte die Kälte, die seine ungeschützten Hände gefühllos machte. Der zweite Bolzen löste sich und fiel in die Tiefe.

Plötzlich begann die Brücke unter einer schweren Erschütterung zu schwanken. Wil und Crispin, die Hämmer in den Händen, blickten gleichzeitig auf. In den tiefen Schatten der gegenüberliegenden Wand bewegte sich etwas.

»Schnell!« rief der Elfen-Hauptmann.

Wie ein Wahnsinniger schlug Wil auf den letzten Bolzen ein, ließ einen wahren Hagel von Schlägen auf den runden Kopf niedergehen, doch der Bolzen rührte sich nicht von der Stelle. Er war eingerostet. Wil packte den Hammer mit beiden Händen und donnerte mit aller Wucht auf den Bolzen ein. Jetzt endlich bewegte er sich ein winziges Stück.

Auf der Brücke schob sich ein Schatten heran, der finsterer war als die Nacht. Mit einem Sprung kam Crispin auf die Beine. Zwei der Bolzen auf seiner Seite waren heraus, der dritte zur Hälfte herausgeschlagen.

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