Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.
- Автор: Jeschke Wolfgang
- Год: 1991
- Язык: немецкий
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.». Краткое содержание книги:
»Ich werde nicht zulassen, daß du sie umbringst«, rief Amy. »Ich werde Caroline retten.« Sie versuchte ihm das Gift zu entwinden.
Jim steckte das Fläschchen in seine Hemdtasche zurück und öffnete die Tür.
Sie hatte an der Seance teilgenommen, weil es Caroline besser ging und nichts sie erschrecken konnte, auch Jims Weigerung zu gehen nicht. Die Fenster waren aufgeflogen, und die Vorhänge hereingeblasen worden, die Kerzen flackerten. »Er wird irgend etwas unter dem Tisch machen«, dachte Amy. Sie beobachtete ihn die ganze Zeit durch die Kerzenflammen.
»Komm zu uns, du Geist«, sagte Ismay. Er saß nah des großen geschnitzten Stuhls, aber nicht darin. »Wir rufen dich. Komm zu uns!«
Es war Debra, die sie irgendwie über die Bahre projizierten, obwohl sie Amys Hand nicht losgelassen hatte. Debra, zurechtgemacht mit Fettschminke und in wehendes Weiß gekleidet. Sie schwebte dort, die Hände über der Brust verschränkt, und dann bewegte sie sich auf den Tisch zu.
»Willkommen, Geist«, sagte Ismay. »Welche Botschaft bringst du uns aus dem Jenseits?«
»Es ist sehr friedlich«, erwiderte Debras Geist.
Ismay ließ seine Hand unter den Tisch gleiten. Die Sterne strahlten sehr hell und glitzerten auf dem Eis. Das Schiff ragte wie ein Juwel gegen den dunklen Himmel auf, seine Lichter lagen zu tief im Wasser. Er macht da etwas, dachte Amy. Etwas, um mich zu erschrecken. Sie versuchte dagegen anzukämpfen, sah den falschen Geist Debras auf den Tisch zuschweben. Die Kerzen tropften und gingen aus, als sie vorbeikam. Sie ließ sich in den geschnitzten Stuhl sinken. »Ich bringe euch Grüße von euren Lieben«, sagte sie, die Hände auf den geschnitzten Lehnen. »Sie haben ihren Frieden.«
Das Achterschiff begann sich in die Luft zu heben. Es entstand ein schrecklicher Lärm, als das Inventar umzukippen begann: das berstende Glas des Leuchters, die blechernen Schwingungen des Pianos, als es das Bootsdeck herunterrutschte, das Schreien der Leute, die sich an den Relings festzuhalten versuchten. Die Lichter gingen aus, flackerten wie Kerzen und gingen wieder aus. Das Heck hob sich weiter.
»Nein!« stieß Amy hervor und stand auf, hielt dabei noch immer Jims und Debras Hände.
Ismay machte etwas unter dem Tisch, und die Lichter gingen an. Debras Geist verschwand. Alle sahen sie an.
»Ich habe es gehört … alles fing an umzukippen … das Schiff … Wir müssen die Leute retten.« Sie war sehr erschrocken.
»Mancher sieht die Toten«, erklärte Ismay. »Mancher hört sie. Sie hätten auf der Californian sein sollen. Dort hat man erst am nächsten Morgen etwas gehört.« Er bat die anderen mit einer Handbewegung aus dem Zimmer. Er saß noch immer am Tisch. Die Kerzen hatten sich wieder entzündet.
»Wissen Sie, daß die Titanic, als sie unterging, einen großen Strudel hervorrief, der alle, die ihm zu nah waren, mit hinunterriß?« fragte er, und sie war an ihm vorbeigestürzt, um Caroline nachzusetzen, die geschluchzt hatte und vor ihr davongelaufen war.
Jim ließ die Tür offen, und sie eilte hinter ihm her, hielt aber oben auf der Treppe inne, zu erschrocken, um hinunterzugehen, voller Angst, der Salon könnte schon unter Wasser stehen. Ich muß mich beeilen. Ich muß Caroline retten, dachte sie, bevor alle Boote fort sind, und sie ging die sich neigende Treppe hinunter.
Sie saßen an dem Tisch im Salon. »Komm zu uns, Amy«, sagte Ismay. »Wir rufen dich. Kannst du uns hören?«
»Ich höre dich«, sagte Amy deutlich. »Du hast mich umgebracht.«
Ismay sah sie nicht an. Er betrachtete den geschnitzten Stuhl, und es saß jemand darin. »Ich bin glücklich hier«, erwiderte Amys Geist. Debra, zurechtgemacht mit Fettschminke, die Hände entspannt auf den geschnitzten Lehnen. »Ich wünschte, du wärst hier bei mir, Caroline, mein Liebling.«
»Nein!« schrie Amy und versuchte über den Tisch auf ihr eigenes Abbild zuzugehen, aber der Fußboden bebte, so daß sie kaum stehen konnte. »Hör nicht auf sie«, schluchzte Amy. »Lauf weg! Lauf!«
Ismay wandte sich Caroline zu. »Würdest du gern deine Mutter sehen, Schatz?« fragte er, und Amy warf sich auf ihn, trommelte gegen seine Brust. »Mörder! Mörder!«
»Wir werden sie jetzt besuchen«, sagte er und entfernte sich vom Tisch, Carolines Hand in seiner.
»Nei-ein!« keuchte Amy in einem Anfall von Verzweiflung und versetzte ihm einen Schlag von solcher Wucht, daß er hätte auf den Tisch stürzen und die Kerzen zu Teichen aus Wachs umkippen müssen. Die Kerzen brannten unbeschadet in der ruhigen Luft.
»Hilfe, Polizei! Mörder!« schrie sie und mühte sich mit den Fensterriegeln, die sich nicht öffnen ließen, hämmerte mit den Fäusten gegen die Scheiben, die sich nicht einschlagen ließen. Sie konnten sie nicht hören. Sie konnten sie nicht sehen. Nicht einmal Ismay. Sie ließ ihre Hände an ihre Seiten sinken, als seien sie verletzt worden.
»Die Schiffsbauer wußten es sofort«, sagte Ismay, »aber dem Kapitän mußte man es erklären und selbst dann glaubte er es nicht.«
Sie wandte sich vom Fenster ab. Er sah sie nicht an, aber mit den Worten war sie gemeint. »Sie können mich sehen«, behauptete sie.
»O ja, ich kann Sie sehen«, erwiderte er und trat von der Bahre zurück. Sie hatten das Blut abgewaschen. Sie hatten ein Laken bis zu ihrer Brust hinaufgezogen und ihre Hände darüber verschränkt, um die Wunde zu verbergen. Natürlich konnten sie sie nicht sehen, während sie durch die Flure streifte und ihre Stimmen übertönte, um gehört zu werden. Natürlich konnten sie sie nicht hören. Sie war hier, war die ganze Zeit hier gewesen, die nutzlosen Hände über ihrer bewegungslosen Brust verschränkt. Natürlich konnte sie die Tür nicht öffnen.
Ich kann Caroline nicht retten, dachte sie und suchte sie unter den Frauen, aber sie waren alle fort. Sie haben sie doch noch in die Boote gebracht.
Ismay stand am Seance-Tisch und beobachtete sie. »Wir sind auf einen Eisberg gelaufen«, sagte er mit einem leichten Lächeln.
»Mörder«, rief Amy.
»Ich kann Sie nicht hören, wissen Sie. Was Sie sagen, kann ich manchmal erkennen, indem ich Sie beobachte. Das Wort ›Mörder‹ kommt ganz deutlich bei mir an. Aber meine Liebe, Sie geben überhaupt keinen Laut von sich.«
Sie blickte auf ihren Körper hinunter, in ihr ruhiges Gesicht, das nie mehr einen einzigen Laut von sich geben würde.
»Die Toten geben einen Laut von sich«, sagte Ismay. »Wie ein untergehendes Schiff. S.O.S. S.O.S.«
Amy blickte auf.
»Oh, meine Liebe, ich sehe, daß Sie jetzt noch hoffen. Ist die menschliche Seele nicht ein störrisches Ding? S.O.S. Save our Ship. Stellen Sie sich vor, Sie geben eine solche Botschaft durch, wenn das Schiff nicht mehr gerettet werden kann. Die Titanic war in dem Moment tot, als sie den Eisberg rammte, so wie Sie in dem Moment tot waren, nachdem ich Sie bei ihrem Gebet entdeckte. Aber es dauert einige Zeit, um unterzugehen. Und bis zuletzt bleibt der Bordfunker an seinem Posten und sendet Botschaften, die niemand hören wird.«
Es gab etwas, das er in seinen Worten verbarg, etwas über Caroline.
»Es ist offensichtlich ein wirklicher Laut, wenn die sterbenden Zellen ihre gespeicherte Energie freisetzen, obwohl ich vorziehe, es so zu betrachten, daß die sterbenden Zellen ihre letzte Hoffnung aufgeben. Er bewegt sich tief im Infraschallbereich, deshalb ist sein Nutzen begrenzt. Die reizende Debra und ein paar verborgene Lautsprecher sind auf lange Sicht viel brauchbarer. Aber er ist nützlich für Seancen, obwohl seine Wirkung nicht immer so spektakulär ist wie in ihrem Fall.«