Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Ja.«
»Wann wird man mich füsilieren?«
»Morgen.«
Sainte-Hermine ergriff Fouchés Hände und drückte sie voller Dankbarkeit.
»Ach! Danke, danke!«
»Kommen Sie jetzt.«
Sainte-Hermine gehorchte so folgsam wie ein Kind. Der Wagen wartete noch vor der Tür. Fouché hieß ihn einsteigen und stieg nach ihm ein.
»Nach Vincennes«, sagte er zum Kutscher.
Hätte der junge Graf Zweifel gehegt, hätte der Name Vincennes ihn beruhigt, denn dort fanden die standgerichtlichen Exekutionen statt.
Beide stiegen aus und wurden in die Festung geführt.
Monsieur Harel, der Festungskommandant, eilte herbei. Fouché sagte ihm einige Worte ins Ohr, und der Kommandant verbeugte sich geflissentlich.
»Adieu, Monsieur Fouché«, sagte Sainte-Hermine, »und tausendfachen Dank.«
»Auf Wiedersehen«, erwiderte Fouché.
»Auf Wiedersehen?«, rief Sainte-Hermine, »was wollen Sie damit sagen?«
»Ach, mein Gott, wer weiß!«
Unterdessen waren Saint-Régeant und Limoëlan in Paris eingetroffen und hatten sich vom ersten Tag an ihrer Aufgabe gewidmet.
Der Limousiner, wie Fouché ihn genannt hatte, weilte ebenfalls wieder in Paris und hatte Fouché von der Abreise Saint-Régeants und Limoëlans aus London und von ihrem Reiseziel benachrichtigt.
Die beiden waren Hitzköpfe, die Georges gewissermaßen als Aufklärer vorausgeschickt hatte, während er selbst sich im Hintergrund hielt und erst dann die Bühne betreten wollte, wenn die beiden mit ihren Operationen Erfolg gehabt haben würden.
Auf welche Weise sie den Ersten Konsul angreifen sollten, hätte niemand sagen können – unter »niemand« verstehen wir all jene, die um das Geheimnis ihrer Anwesenheit in Paris wussten -, und vielleicht hätten sie selbst es ebenso wenig gewusst.
Der Erste Konsul war nicht schwer zu beschatten: Abends verließ er den Palast zu Fuß, tagsüber nahm er oft allein den Wagen, dreimal wöchentlich fuhr er mit einer Eskorte von drei, vier Männern nach La Malmaison, und mit vergleichbarer Eskorte besuchte er die Comédie-Française und die Oper.
Bonaparte war kein Büchermensch: Ein Werk beurteilte er nach den Details; Corneille schätzte er, nicht seiner Verse wegen, sondern der Gedanken wegen, die sie enthielten. Wenn er unversehens französische Verse zitierte, waren die Zitate meist mehr als holperig, aber dennoch liebte er die Literatur.
Die Musik hingegen war ihm reine Erholung. Wie jedem Italiener war sie ihm ein ganz und gar sinnlicher Genuss. Seine Stimme war so ungeübt, dass er keine zwei Noten treffen konnte, doch schätzte er alle großen Komponisten wie Gluck, Beethoven, Mozart oder Spontini.
Zu jener Zeit erfreuten sich die Werke Haydns besonders großer Beliebtheit, insbesondere seine Schöpfung, die er drei Jahre zuvor vollendet hatte.
Die Lebensgeschichte des ungarischen Komponisten ist ein wahrer Roman: Sohn eines armen Wagners, der sein Einkommen damit aufbesserte, dass er sonntags als Wandermusikant in den Dörfern auf der Harfe spielte, während seine Frau dazu sang und der fünfjährige kleine Joseph auf einem Brett eine Art Begleitmusik kratzte; dem Schulmeister im benachbarten Hainburg fiel die außerordentliche musikalische Begabung des Knaben auf, er nahm ihn zu sich, unterrichtete ihn in den Grundlagen der Kompositionslehre und verschaffte ihm einen Platz im Knabenchor am Wiener Stephansdom; sieben, acht Jahre lang wurde sein Kontertenor von den Zuhörern bewundert, bis er ihn im Stimmbruch verlor; nunmehr ohne Erwerbsmöglichkeit, stand er im Begriff, in sein Heimatdorf zurückzukehren, als ein armer Perückenmacher und Musiker ihn aufnahm, beglückt, den gescheiterten Sänger zu beherbergen, dessen Stimme er jahrelang voller Freude vernommen hatte; in der Gewissheit, zumindest nicht Hungers sterben zu müssen, arbeitete Hadyn von nun an sechzehn Stunden am Tag; mit der Oper Der krumme Teufel debütierte er am Theater am Kärntnertor, und von da an war er gerettet.
Fürst Esterhazy nahm ihn auf und behielt ihn dreißig Jahre lang bei sich. Doch als der Fürst ihm zu Hilfe kam, war Haydn bereits berühmt; mitunter ist es so, dass Fürsten großen Künstlern zu Hilfe und dennoch zu spät kommen.
Was würde aus den Armen ohne die Armen?
Haydn wurde nunmehr mit Ehren überhäuft, und aus Dankbarkeit hatte er die Tochter des Perückenmachers geheiratet, die ihm, wie wir nebenbei nicht verschweigen wollen, das gleiche unerreichte Glück zu bescheren wusste, wie Xanthippe es Sokrates angedeihen ließ.
Die französische Oper hatte Haydns Oratorium auf den Spielplan gesetzt, und der Erste Konsul hatte verkünden lassen, er werde der ersten Vorstellung beiwohnen.
Um drei Uhr nachmittags sagte Bonaparte zu Bourrienne, mit dem er arbeitete: »Apropos, Bourrienne, Sie werden heute Abend nicht mit mir dinieren. Ich gehe in die Oper und kann Sie nicht mitnehmen. Ich werde schon von Lannier, Berthier und Lauriston begleitet, aber Sie können auf eigene Faust hingehen; Sie haben abends frei.«
Doch als Bonaparte aufbrechen wollte, erschöpft von der Arbeit des ganzen Tages, war er unsicher, ob er tatsächlich hingehen sollte.
Sein Zögern währte von acht Uhr bis um Viertel nach acht.
Während dieser fünfzehn Minuten des Zögerns ereignete sich in der Nachbarschaft der Tuilerien Folgendes:
Zwei Männer führten in die Rue Saint-Nicaise, eine enge Straße, die es nicht mehr gibt und durch die der Weg des Ersten Konsuls geführt hätte, ein Pferd und einen Karren mit einem Pulverfass; auf der Mitte der Straße holte einer der beiden vierundzwanzig Sous aus der Tasche und gab sie einem Mädchen, das er bat, das Pferd zu halten; der andere lief zu einer Stelle mit Sicht auf die Tuilerien, um von dort das Signal zu geben, während sein Kumpan sich bereithielt, um die Lunte des schrecklichen Mechanismus zu entzünden.
Als es Viertel nach acht Uhr schlug, rief der Mann mit Sicht auf die Tuilerien: »Da ist er!«, und der Mann an der Höllenmaschine entzündete die Lunte und rannte davon. Wie ein Wirbelwind raste der Wagen des Ersten Konsuls mit seinen vier Pferden vom Louvre her, gefolgt von einer Abteilung Grenadiere zu Pferd. Als sie in die Straße einbogen, sah der Kutscher namens Germain, den der Erste Konsul César zu nennen pflegte, das Pferd und den Karren mitten auf der Straße und rief, ohne anzuhalten oder seine Pferde zu zügeln: »Aus dem Weg!«
Er lenkte seine Pferde nach links, und das Mädchen, das befürchtete, mitsamt dem Wagen, den man ihm anvertraut hatte, über den Haufen gefahren zu werden, drückte sich auf die rechte Straßenseite. Der Wagen des Ersten Konsuls und seine Eskorte donnerten vorbei, doch sie hatten noch nicht die nächste Straßenbiegung passiert, da ertönte ein entsetzlicher Lärm, als wären zehn Artilleriegeschütze gleichzeitig abgefeuert worden.
Der Erste Konsul sagte: »Man hat mit Kartätschen auf uns geschossen. César, halten Sie an!«
Der Wagen hielt an.
Bonaparte sprang heraus.
»Wo ist der Wagen meiner Frau?«, fragte er.
Wie durch ein Wunder hatte Madame Bonaparte sich verspätet, weil sie sich mit Rapp über die Farbe eines Kaschmirschals nicht hatte einigen können, und war dem Wagen ihres Mannes nicht unmittelbar gefolgt.
Der Erste Konsul sah sich um und erblickte eine Wüste der Vernichtung: Mehrere Häuser waren bis auf die Grundmauern zerstört, von einem war keine einzige Mauer stehen geblieben, die Schreie der Verwundeten klangen schaurig, Tote bedeckten den Boden.
Im Tuilerienpalast waren alle Fenster geborsten, und sämtliche Glasscheiben der Kutschen des Ersten Konsuls und Madame Bonapartes waren in tausend Scherben zersprungen. Madame Murat hatte sich so erschreckt, dass sie nicht weiterfahren wollte und in den Tuilerienpalast zurückgebracht werden musste.
Bonaparte vergewisserte sich, dass niemand aus seiner Umgebung verwundet war. Dass Joséphines Kutsche nicht zu sehen war, bekümmerte ihn nicht; er schickte zwei Grenadiere, die ihr ausrichten sollten, er sei gesund und wohlauf und erwarte sie in der Oper.