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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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Lea hatte auch jetzt kein Auge für die Annehmlichkeiten des Zimmers, sondern wartete nur, bis die Schritte des Wirtsknechts auf dem Flur verhallt waren. In dem Moment verzerrte sich ihr Gesicht vor Wut, und sie stemmte die Arme in die Hüften. »Herr Fischkopf! Ihr seid noch mein Untergang. Durch Euch habe ich heute erneut gutes Geld verloren - und zwar mehr als je zuvor.«

Orlando lachte schallend. »Immerhin hast du auf drei Jahre das Weinmonopol für Flandern erhalten, und dafür würde dich mancher deiner Landsleute glühend beneiden.«

»Was will ich mit einem Monopol, das ich nicht nutzen kann?

Ich bin weder in der Lage, spanische Weine nach Flandern zu bringen, noch kann ich verhindern, dass diese nach Herzenslust ins Land geschmuggelt werden.« Lea ballte die Fäuste und maß ihr Gegenüber mit einem geradezu mörderischen Blick.

Orlando lächelte beinahe schon mitleidig. »Jetzt schau doch ein Mal über deinen judäischen Tellerrand hinaus, mein beschnittener Freund. Du wolltest doch Rittlage am Boden sehen, nicht wahr? Sei versichert, Herzog Maximilian ist genau der Mann, der dir deine Rache verschaffen kann. Wenn jemand im Reich mächtig genug ist, um Rittlage von Elzsprung zu vertreiben, so ist er es. Mit seiner militärischen Macht im Rücken werden seine Bankiers, allen voran die Fugger, jeden lumpigen Heller, der in deinen Schuldbriefen steht, aus Rittlage herauspressen, dessen kannst du versichert sein.«

»Eine arg teure Rache«, höhnte Lea. »Außerdem wird Rittlage danach derselbe sein, der er vorher war, nämlich ein Edelmann des Reiches, und wenn er seine Herrschaft verliert, kann er jederzeit wieder in die reich belohnten Dienste eines hohen Herrn treten.«

Orlando lächelte spitzbübisch. »So leicht wird ihm das bestimmt nicht fallen, nachdem er sich Maximilians Feindschaft zugezogen hat. Er wird von einem reichsunmittelbaren Ritter, der sein Knie nur vor dem Kaiser zu beugen hat, zum abhängigen Diener eines weniger mächtigen Herrn absteigen, und wenn er Pech hat, als Vogt einer zugigen, halb verfallenen Burg irgendwo abseits der Handelsstraßen enden.«

»Das mag ja sein. Aber das bringt mir nicht das Geld zurück, das ich für die Schuldverschreibungen bezahlt habe.«

»Womit wir wieder beim flandrischen Weinmonopol wären. Höre mir gut zu, mein beschnittener Freund. Die Urkunde des Herzogs ist sicher das Dreifache der viertausend Gulden wert, die du dafür bezahlt hast. Dafür brauchst du noch nicht einmal selbst deinen Wein von Spanien nach Flandern zu transportieren. Es reicht, wenn du das herzogliche Privileg den flandrischen Ständen vorlegst. Von dem Augenblick an wird man drei Jahre lang auf jedes Fass spanischen Weines, das ins Land gebracht wird, eine Abgabe für dich einfordern und Groschen für Groschen mit dir abrechnen.«

Lea zeigte ihm die Zähne. »Was Ihr nicht sagt, Meister Fischkopf! Euren Worten zufolge muss ich nur mit dem Finger schnippen, und die Gulden fallen mir in den Schoß.«

Orlando hob die Hände zum Himmel, als wollte er von dort Beistand erflehen, und holte tief Luft. »Ich sehe, du hast keine Ahnung, wie so ein Monopol gehandhabt wird. Pass auf, ich erkläre es dir.«

In der nächsten halben Stunde hielt Orlando Lea einen ausführlichen Vortrag darüber, wie die christlichen Herrscher zu Geld kamen. Die Herren belegten den Handel und das Manufakturwesen nämlich oft willkürlich mit Steuern, die sie an Dritte vergaben, bevor sie überhaupt fällig geworden waren.

»An der Küste wird nicht viel geschmuggelt, zumindest keine Waren, die von so weit her kommen«, beruhigte Orlando sie zuletzt. »Die Behörden in Antwerpen, Brügge, Blankenberge und Ostende kontrollieren alle Ladungen, die in ihren Häfen umgeschlagen werden, und ziehen die Steuern ein. Wenn du Angst hast, man würde dir die Gelder nicht auszahlen, so will ich dir auch da behilflich sein - gegen eine gewisse Beteiligung, versteht sich. Freunde von mir, die in Flandern ansässig sind, werden gerne bereit sein, deine Interessen zu vertreten.«

»Das sind wohl ähnliche Schurken wie Ihr!«

Orlando setzte eine künstlich betrübte Miene auf. »Ich ein Schurke? Das tut weh, mein Lieber. Wenn ich daran denke, wie oft ich dir den Hals gerettet habe ...«

»Ein Mal! Und das wird mich wohl bis ans Ende meines Lebens verfolgen«, behauptete Lea.

»Und was ist mit der Sache in Augsburg, wo Ruben ben Makkabi und seine Gäste beinahe . « Orlando unterbrach sich im letzten Augenblick, denn er hatte eben sagen wollen, dass jene Leute hinter ihr Geheimnis gekommen wären, wenn er nicht eingegriffen hätte. Er räusperte sich und setzte den Satz mit einer unverfänglicheren Behauptung fort. »... dich wie ein Tier im Käfig betrachten wollten? Du warst doch froh, dass sie keine Möglichkeit hatten, sich über dich lustig zu machen. Wie steht es eigentlich mit deinen Verletzungen zwischen den Beinen? Sind sie mittlerweile abgeheilt?«

»Das geht Euch überhaupt nichts an.« Lea fühlte, dass sie diesem Mann nicht gewachsen war, und drehte ihm abrupt den Rücken zu.

Orlando wanderte durch die Schlafkammer, strich über die sauberen, nach Blüten duftenden Laken und blickte zuletzt sogar unter die Betten. »Wir wohnen hier wirklich feudal. Es steht sogar Nachtgeschirr bereit, damit wir nicht zum Abtritt gehen müssen. Das wäre bei über hundert Leuten, die heute hier übernachten, gewiss nicht so einfach. Das Häuschen und die Mistgruben werden ständig besetzt sein.«

Lea gab keine Antwort, sondern setzte sich auf das Bett, das der Tür am nächsten stand, verschränkte die Arme und überlegte, was sie jetzt tun sollte. In den Verschlagen, in denen Jochanan und sie bislang untergekommen waren, hatte es genügt, sich in den Mantel zu hüllen und einen Teil des eigenen Gepäcks als Kopfkissen zu benützen. Decken hatte es selten gegeben - und wenn, hatten sie nach Pferden gerochen oder gar nach Schweinen, weil missgünstige Herbergsknechte sie in deren Mist getaucht und in der Sonne getrocknet hatten. Sie konnte sich Orlando jedoch nicht im Hemd zeigen, weil ihm dann sofort klar werden würde, was es mit ihren angeblichen Verletzungen am Unterleib auf sich hatte.

»Hast du noch Lust, dir einen Namen für deinen Geleitbrief auszusuchen?«, fragte Orlando in ihre Überlegungen hinein.

»Samuel ben Jakob ist ein guter Name, und ich gedenke keinen anderen zu tragen«, erklärte sie störrisch.

»Es gibt genug Gegenden, die ein Jude heutzutage meiden muss, in denen sich ein Mann in der Kleidung eines normalen Reisenden aber ungefährdet aufhalten kann. Du solltest dir einen christlich klingenden Namen und die dazu passenden Gewänder zulegen.«

Lea wies auf ihren Mantel und den Judenhut. »Soll ich etwa so zu einem Schneider gehen?«

»Das ist nicht nötig. Ich bin bereit, dir unverfängliche Kleidung zu besorgen.«

Lea beantwortete sein Angebot mit einem grimmigen Schnauben, und Orlando begriff, dass an diesem Tage nicht mehr mit ihr zu reden war. Er zuckte mit den Schultern und wollte sie schon auffordern, sich endlich ins Bett zu legen, als ihre verkrampfte Haltung ihm verriet, dass genau das ihr Problem war. Schließlich konnte sie sich ja aus mehreren Gründen nicht vor seinen Augen ausziehen. Er beschloss, ihr die Sache leichter zu machen, gähnte ausgiebig und begann, sich bis auf die Unterhose zu entkleiden, an der seine Beinkleider nach alter Art mit Schnüren befestigt waren.

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