Wen die Götter lieben
- Автор: Waters Paul
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wen die Götter lieben». Краткое содержание книги:
Über den Autor:
Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.
Titel der Originalausgabe: »The Philosopher Prince«
Am Abend feierten Marcellus und ich mit Kameraden. Wir zogen durch die von Fackeln beschienenen Straßen und machten an jeder Schenke Halt, wo Männer, die wir kannten, uns zujubelten. Jeder wollte unsere Geschichte hören; mein Becher wurde nie leer.
Später verließen wir die anderen und schlenderten, ich vom Wein beschwingt, durch die duftende Nachtluft zum Fluss.
»Heute Nacht sind wir Helden«, sagte ich lachend. »Fünfzehn Mann gegen die Stärke Illyriens, und wir brauchten nicht einmal eine Schlacht zu bestehen.« Ich warf den Arm um Marcellus’ Schultern und zog ihn an mich.
»So hat Julian es haben wollen«, sagte er. »Nur unsere Feinde gewinnen, wenn Römer gegen Römer kämpfen. Aber Constantius hat noch nicht aufgegeben.«
Mit einer heftigen Armbewegung wischte ich seine ernsten Gedanken beiseite und zeigte zum Sternenhimmel hinauf. »Sieh, Marcellus, wie schön sie sind. Genau wie du. Glaubst du, sie halten die Antwort auf die Rätsel der Menschen bereit, wie die Astrologen behaupten?«
Er lächelte. »Nicht ehe wir uns selbst begriffen haben, und das ist schwieriger als alle Sternguckerei.«
Ich lachte und küsste ihn, und als ich wieder zum Himmel schaute, stolperte ich auf den Pflastersteinen.
Marcellus fing mich auf. »Du bist betrunken!«, rief er aus.
»Na und?« Ich küsste ihn wieder. »Wir haben endlich ein Bett, nach Monaten auf feuchtem Stroh, wo einem die Ameisen ins Ohr gekrabbelt sind. Das ist ein Grund zum Feiern.«
Er lachte. »Nach so viel Wein könntest du auf einem Misthaufen schlafen.«
»Und du mit mir.«
So redeten wir weiter albernes Zeug und stützten uns aufeinander, und unsere Stimmen hallten in den dunklen Gassen. Schließlich bogen wir um eine Ecke und gelangten auf die Uferstraße. Dort lehnten wir uns an die Mauer am Fluss. Auf dem glatten schwarzen Wasser spiegelte sich das Licht einer nahen Schenke. Dort gab es eine Terrasse mit Tischen, wo Laternen von den Bäumen hingen.
»Komm, Marcellus«, sagte ich und zeigte hinüber. »Noch einen Krug Wein, nur du und ich. Wir waren heute Abend noch kein einziges Mal allein.«
Wir setzten uns an einen Tisch beim Wasser. Ein hübsches dunkeläugiges Schankmädchen brachte uns Wein und lachte über meine Trunkenheit. Wir schwelgten in Erinnerungen und schauten zwischen den flackernden Lichtern hindurch in die Dunkelheit. Irgendwann ging ich, um mich zu erleichtern. Als ich zurückkam, wollte ich Marcellus etwas entgegenrufen, doch er hielt mich mit einer warnenden Geste zurück.
Still ging ich an unseren Tisch.
»Horch, aber sieh nicht hinüber«, flüsterte er und deutete mit Blicken auf den Nachbartisch, der durch einen Lorbeerbusch vor unseren Augen abgeschirmt war.
Die Männer mussten gekommen sein, während ich fort gewesen war. Ihrer Unterhaltung nach waren es Soldaten, aber keine von unseren. Sie hatten ebenfalls allerhand getrunken, waren jedoch nicht in heiterer Stimmung. Langsam rutschte ich auf meiner Holzbank näher heran.
Einer, der auf die Äußerung eines Kameraden einging, sagte gerade, er könne es ertragen, in der Schlacht besiegt zu werden; im Krieg sei das nun einmal so. Es sei keine Schande, in einem ehrlichen Kampf Prügel zu beziehen. Doch durch Hinterlist und eine unterlegene Streitmacht besiegt zu werden … Er hielt bedeutungsvoll inne und erntete beifälliges Gemurmel von den anderen.
Ein anderer meinte: »Und nun schickt Julian uns nach Gallien wie Gefangene.«
»Er würde uns hierbehalten, würde er uns trauen.«
»Das habe ich ja gesagt.«
»Auf Gnade können wir kaum hoffen. Wir sind erledigt.«
»Aus den Augen, aus dem Sinn«, sagte einer im pathetischen Ton des Kasernenphilosophen.
Ich schaute Marcellus an. Kein Soldat wird gern besiegt. Was hatten sie erwartet? Sie waren zwei Legionen und eine Kohorte Bogenschützen gegen unsere dreitausend Mann, und obwohl Julian dringend Verstärkung brauchte, wagte er nicht, sie so kurz nach ihrer Kapitulation gegen Constantius einzusetzen.
Sie murrten weiter. Lucillian hätte sich wehren müssen, meinten sie. Unseren Pöbelhaufen hätte er mühelos schlagen können. »Und du bist nicht der Erste, der das sagt«, warf ein anderer ein und nannte Freunde in anderen Einheiten, die dasselbe dachten. Dann sagte jemand leise und in gefährlichem Tonfalclass="underline" »Es ist noch nicht zu spät, um etwas dagegen zu unternehmen … noch nicht.«
Mehr brauchten wir nicht zu hören. Geduckt schlichen wir davon.
Als wir außer Hörweite waren, sagte ich, schlagartig nüchtern geworden: »Sie müssen in der Kaserne isoliert werden. Die Stimmung wird sich sonst ausbreiten wie Feuer im Heuschober.«
»Ja. Komm, wir sollten zu Julian gehen. Bis zum Morgen wird es zur Meuterei kommen.«
In der Nacht, als die Soldaten wieder in der Kaserne waren, wurden in aller Stille Wachen postiert. Viele Befehlshaber hätten in solch einer Lage, wo alles auf dem Spiel stand, die Männer entlassen und jeden hingerichtet, auf den ein Verdacht fiel. Doch Julian sagte zu uns, dass er mit den Männern reden wolle.
Wir alle sprachen uns dagegen aus. Julian hielt uns entgegen, die Männer hätten ihr Wort gegeben. Es sei besser, sagte er, einem Mann Ehre zuzubilligen, obwohl er sie nicht besitzt, als ihn unter seinem Wert zu behandeln.
Also ging er im ersten Morgengrauen in die Kasernen und sprach zu ihnen. Sie hätten keinen Grund, sich zu schämen, verkündete er, und dass er sie dringend in Gallien brauche.
Nach seiner Rede gab es nur ein paar wenige Jubelrufe. Vielleicht hatten die Männer am Vorabend zu tief in den Weinbecher geschaut.
Doch als wir sie bald darauf nach Gallien abmarschieren sahen, ließen sie den Kopf hängen, als würden sie in die Gefangenschaft geführt.
Wir waren froh, sie loszuwerden. Doch wir hatten nicht zum letzten Mal von ihnen gehört.
Wir hielten uns nicht länger in Sirmium auf und waren bald auf der Straße nach Osten unterwegs, zu der Stadt Naïssus.
Naïssus war die letzte Bastion der westlichen Reichshälfte, und sie öffnete uns widerstandslos die Tore. Julian, Marcellus und ich standen auf einer nahen Anhöhe und schauten über das Land. Am Fluss hinter den Bergen lag Thrakien, die erste Provinz des Ostens, und dahinter die große Hauptstadt Konstantinopel – die Stadt Constantins, den die Christen den Großen nennen, weil er sich von den alten Göttern abwandte.
Julian blickte missbilligend auf die neu erbauten Kuppelkirchen, die das Stadtbild sprenkelten. Constantin hatte sie mit dem Gold finanziert, das er aus den Tempeln raubte. Was an ihrer Stelle dort gestanden hatte, war geschleift worden. Die neuen Bauten stachen dunkel heraus wie Mottenlöcher in einem schönen alten Kleidungsstück.
»Ich wäre nicht gern am Hof, wenn Constantius erfährt, dass Naïssus sich so bereitwillig ergeben hat.«
»Nein, wirklich nicht«, pflichtete ich lachend bei. Wir alle wussten, dass sein Vater Constantin dort geboren war. Es war die Stadt seiner Ahnen. Constantius würde den Verlust als bitter empfinden.
Bald sahen wir, dass er seine Beute nicht nur für die Christen und ihre strengen Kirchen ausgegeben hatte. Drei Meilen außerhalb der Stadtmauer, jenseits der Vorstadtvillen, hatte er sich einen Sommerpalast gebaut – ein weitläufiges Bauwerk mit hohen Gewölbesälen, Mosaikböden und Marmorkolonnaden, das bald selbst so groß war wie eine Stadt, und hatte scharenweise Köche und Kammerdiener, Badesklaven, Schreiber, Gärtner und Männer jeden Gewerbes dort angestellt, die er vielleicht nötig haben könnte. Es war eine Stadt voller Diener, die auf einen allzeit abwesenden Kaiser warteten, denn Constantin war nie dorthin gereist.
Der Palast gehörte nun uns, und wir wohnten dort in all der Pracht zwischen Seidenvorhängen, Kaskadenbrunnen und hallenden Marmorsälen und warteten auf die Rückkehr Nevittas.