Wen die Götter lieben
- Автор: Waters Paul
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wen die Götter lieben». Краткое содержание книги:
Über den Autor:
Paul Waters ist in England geboren und riss mit siebzehn von zu Hause aus, um zur See zu fahren. Irgendwo auf dem Indischen Ozean fiel ihm ein Exemplar von Herodots Historien in die Hände, was seine Faszination für die Antike weckte. Später studierte er Latein und Griechisch am University College London. Danach lebte und lehrte er in Frankreich, Griechenland, Amerika und im südlichen Afrika. Er wohnt heute in Cambridge, England.
Titel der Originalausgabe: »The Philosopher Prince«
Eines Abends stieg ich heimlich ein zweites Mal den Weg hinter dem Theater hinauf zu der alten Zitadelle auf dem Hügel, wo die alten verwahrlosten Tempel stehen, und dankte den Göttern, dass er noch lebte.
Ich hatte ihn vom Knaben zum Mann werden sehen. Seine Schultermuskeln waren stark und fest geworden, seine Arme mit dem blonden Flaum gekräftigt vom Schwertkampf und Speerwerfen. In der Schlacht hatte er zähes Durchhalten gelernt, wie wir alle; manchmal merkte ich ihm bei Kleinigkeiten an, dass die Strenge seines Großvaters in ihm steckte – etwa an der kühlen Distanz gegenüber Leuten, die er nicht leiden konnte, oder an seiner Unduldsamkeit gegenüber niederträchtigem und unehrenhaftem Verhalten. Ich konnte es verstehen, denn beides hatten wir zur Genüge erlebt.
Mir gegenüber hatte er sich nicht verändert; da zeigte er Sanftheit und das Verlangen nach Liebe. Und wie damals, als ich ihm zum ersten Mal begegnete, fuhr er sich stirnrunzelnd durchs Haar, wenn ihn etwas beunruhigte und seine Gedanken in Anspruch nahm. Und jetzt, zu Frühlingsanfang, begann die Sonne ihren alljährlichen Zauber, indem sie seine bronzenen Locken vergoldete. Er hatte nichts von seiner Anmut, von seiner kraftvollen Schönheit verloren; er war noch immer der Jüngling von damals – klug, großmütig und fehlerlos.
Ich war nicht der Einzige, der dies an Marcellus bemerkte. Er war unter den Soldaten wohl gelitten und hatte viele Freunde, auch Verehrer; es hatte Zeiten gegeben, in denen Männer und Frauen ihr Glück bei ihm versuchten. Was daraus wurde, habe ich ihn nie gefragt. In den wirklich wichtigen Dingen habe ich nie an ihm gezweifelt; seine Freundschaft war die Felssohle meines Lebens. Er hatte mir ungeahnten Reichtum beschert. Auf solche Weise berühren die Götter das Leben der Menschen und lassen ihre Gegenwart erkennen.
Nach zehn Tagen Bettruhe erklärte der Arzt, Marcellus könne gefahrlos aufstehen, und kurz darauf saß er wieder im Sattel. Wir ritten zusammen über die Bergwiesen oberhalb der Stadt, wo die Luft frisch und kühl war, und eine Zeit lang vergaßen wir die dunklen Wolken, die jenseits der Alpen aufzogen.
Der Hieb hatte ihn an der schwachen Stelle in der Seite getroffen, wo er schon einmal verwundet worden war. Hätte die Klinge ihn einen Fingerbreit höher erwischt, sagte mir der Arzt in nüchternem Ton, wäre er in den Hügeln Rätiens gestorben. Dieser Gefahr waren wir alle ausgesetzt, das war mir klar, und ich behielt meine Befürchtungen für mich, damit sie nicht Macht erlangten, indem ich sie aussprach.
Ich brauchte diese Zweisamkeit mit Marcellus. Ich nahm unser Zusammensein, als könnte es gar nicht anders sein. Und wie auch? Dennoch war mir, als hätte der Tod mich mit kalter Hand an der Schulter berührt und gesagt: Bedenke, dass ich in der Nähe bin, Drusus! Jeder Tag wird von mir verliehen, und ich bin unerbittlich.
Bei seiner Rückkehr aus Rätien erzählte Julian, er habe von Hermes geträumt, der ihm ankündigte, dass Constantius in Asien den Tod finden werde, sobald Jupiter ins Sternbild Aquarius eintrete und Saturn die Jungfrau berühre. Julian hatte den Traum genau niedergeschrieben, um ihn nicht zu vergessen, und sobald er wieder in Vienne war, schilderte er die Einzelheiten den Astrologen der Stadt, die ihm erklärten, es sei in der Tat ein Omen; es sage voraus, dass Constantius noch vor Ablauf des Jahres sterben werde. Julian war erfreut; aber Eutherius gab mir zu bedenken, dass die Astrologen gerade freundlich gestimmt seien, da sie von den Beschränkungen befreit worden waren, die Constantius ihrer Kunst auferlegt hatte.
Unabhängig davon hatte das Omen Julian zum Nachdenken gebracht. Bald darauf stattete er dem Tempel der Kybele, für den Vienne einst berühmt gewesen war, einen Besuch ab. Anschließend berichtete er: »Ich habe mit den Priestern gesprochen. Es ist an der Zeit, mich zu reinigen und einen neuen Anfang zu machen. Es gibt eine alte Zeremonie, sagen sie. Ich werde mich ihr unterziehen, ehe ich in den Krieg reite. Es ist notwendig; ich spüre es.«
Ich befragte Eutherius über Kybele. »Die Gallier nennen sie die Große Mutter«, sagte er. »Sie ist die Tochter von Himmel und Erde und so alt wie die Zeit selbst. Du triffst überall auf sie, jedoch unter verschiedenen Namen. Selbst die Christen können sie nicht übergehen und haben ihr einen eigenen Namen gegeben. Sie nennen sie Mutter Gottes. Ihre ursprüngliche Heimat ist Ephesus – dort steht ihr bedeutendster Tempel.«
»Den würde ich gern einmal sehen«, sagte ich.
»Vielleicht wirst du das. Und«, fügte er lächelnd hinzu, »vielleicht werde ich dein Fremdenführer sein, wenn unser junger Krieger Julian nicht vorher die Bischöfe gegen sich aufbringt oder auf seinem Weg nach Illyrien in eine Schlucht stürzt.«
An dem Tag, den die Sterngucker für günstig hielten, gingen wir mit Julian in den Kybele-Tempel. Die bekränzten Priester stimmten ihre Gebete an. Auf den Stufen draußen in der klaren Morgensonne sang ein Knabenchor eine alte Hymne, und Diener streuten Lilienblüten über den Marmorboden. Später kam Julian in einem strahlend weißen Gewand aus dem inneren Heiligtum, die Haare feucht vom Wasser des heiligen Brunnens. Selbst Eutherius, der für Tempelzeremonien nicht viel übrig hatte, sagte zu mir, als wir den blütenübersäten Hof durchquerten: »Es scheint, als ob die Göttin ihren neuen Anhänger begünstigt.« Und tatsächlich haftete Julians Schritten eine neue Leichtigkeit an.
»Die Priester sagten ihm, er sei wiedergeboren worden«, bemerkte ich.
Eutherius rümpfte die Nase. »Das haben sie gesagt? Nun, jedenfalls braucht er sich jetzt nicht mehr zu verstellen, was für keine Seele gut ist. Vielleicht kann man das eine Wiedergeburt nennen.«
»Aber du hältst nichts davon?«
»Ich halte nichts von Priestern. Es heißt, die Götter erwählen sich, wen sie wollen; ich kann nur annehmen, dass sie mich nicht erwählt haben.«
Er blickte mich auf seine typische Art von der Seite an, dann ließ er mich allein, denn er wollte der kleinen heiteren Sängerschar, die von allen vergessen am Brunnen wartete, sein Lob aussprechen.
Bald darauf meldeten unsere Kundschafter, dass die hohen Pässe eisfrei seien. Wir machten uns marschbereit, und Julian rief die Soldaten zusammen, um ihnen seine Pläne mitzuteilen. Der Appell hatte aber auch einen anderen Zweck, vor dem Nevitta uns vorher heimlich warnte. In der wichtigtuerischen, vertraulichen Art eines Mannes, der Geheimnisse verbreitet, ging er reihum und sagte jedem, Julian wolle alle um den Treueid bitten. Das wäre der endgültige Bruch mit Constantius gewesen, denn dieser Eid wird nur dem Kaiser geschworen.
Wieso Nebridius von der Warnung ausgenommen wurde, weiß ich nicht. Vielleicht eine unglückliche Fügung. Allerdings war es kein Geheimnis, dass Nevitta den altmodischen italischen Anstand des Präfekten nicht leiden konnte und eine Zeit lang auf Julian eingewirkt hatte, ihn zu entlassen.
An dem festgesetzten Tag ging ich mit Marcellus und Jovinus vor die Stadt, wo das Heer sich versammelte. Marcellus stellte sich zu den anderen Offizieren bei Nevitta; ich blieb bei Jovinus und plauderte mit ihm, bis alle sich aufgestellt hatten.
Bald erschien auch Nebridius. Er blieb kurz stehen, um mich auf seine höfliche, ein wenig steife Art zu grüßen; dann gesellte er sich zu den Beamten der Präfektur, die als kleine Gruppe unter der erhöhten Bühne standen. Ich unterhielt mich weiter mit Jovinus, ohne zu ahnen, was kommen würde. Es war ein schöner Frühlingsmorgen. Die Stadt strahlte rosa und weiß in den schrägen Sonnenstrahlen. Sie schienen auf das stille Wasser der Rhone und funkelten auf den Feldzeichen mit ihren bronzenen Kränzen und Adlern. Über den Reihen hing erwartungsvolles Gemurmel. Die Soldaten hatten über Julians Pläne noch nichts Genaues erfahren, doch ihnen war klar, dass der Augenblick der Entscheidung gekommen war.