Kerker und Ketten
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #2
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Kerker und Ketten». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Wie ist das, Doktor, meint Ihr, daß wir hier jemals wieder herauskommen? Ich habe nicht viel Hoffnung.«
Michel nickte nachdenklich.
»Wir werden zumindest alles versuchen. Am schlimmsten ist es, daß der Schuft, dieser Hussejn, mein Gewehr in Algier behalten hat. Wenn es einer von diesen Burschen hier bei sich trüge, so hätten wir wenigstens eine wirksame Waffe in Aussicht. Andererseits frage ich mich schon die ganze Zeit, wie wir ohne ein Messer unsere Fesseln zerschneiden sollen. Die Knoten bekommen wir niemals auf.«
Michel erhielt plötzlich einen Stoß mit dem Gewehrkolben.
»Kelb ibn Kelb!«, schrie ihn einer der Wächter an. »Was hast du hier zu erzählen? Bei Allah, ich haue dir das Gehirn aus dem Kopf, du stinkender Giaur!«
Michel hatte zwar nicht alles verstanden, jedoch war der Ton deutlich genug, und es bedurfte keiner Übersetzung, ihm den Sinn der Worte klar zu machen. So trottete er weiter hinter dem Kamel her.
4
Am Fuß des südlichsten Atlasausläufers liegt heute die Stadt El Mengub; zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, war es noch ein kleiner, unbedeutender Flecken, der seine traurige Berühmtheit lediglich den Steinbrüchen verdankte, in denen täglich die Menschen wie Fliegen dahinstarben.
Der Höhenzug, an dessen Fuß El Mengub liegt, bildet die nördliche Grenze des Gebietes der Uelad Sekri, der Uelad Mulat und der Schebka-Stämme, die alle zum großen Tribus der Beni Msab gehören. —
Von Norden her näherte sich der Kamelreiterzug, zehn Tiere stark, an deren Sattelgurten unsere Freunde hingen. Zu Tode erschöpft, wurden sie mehr geschleift, als sie gingen. Die Kamele liefen jetzt in scharfem Trab.
»Ho! — Heh! — Jallah!« schrien die Reiter, die froh waren, endlich das Ziel ihres Ritts zu erreichen. »Lauft, ihr Hunde, lauft! Oh, daß euch Allah verderben möge, ihr verfluchten Giaur!«
Michel hielt sich verhältnismäßig gut. Immer und immer, wenn sein Körper versagen wollte, befahl er ihm durchzuhalten. Er wollte sein Leben nicht hier beschließen. Deste stöhnte und fluchte leise vor sich hin. Ihn hielt einzig sein eiserner Wille aufrecht. Seine Füße waren zu dicken, blutigen Klumpen angeschwollen.
Und Jardin, der kleine Jardin? Er hielt die Augen geschlossen und war wohl halb besinnungslos. Nur die unaufhörlich rinnenden Tränen verrieten, daß er im Weinen Erleichterung suchte. Ähnlich wie Jardin ging es dem gelehrten Steuermann der »Medina«.
Abu Hanufa lief dagegen wie eine Maschine. Nicht ein einzigesmal war der Laut einer Klage über seine Lippen gekommen. Seine Haltung war mustergültig; er erinnerte an einen zu Unrecht verurteilten Edelmann.
Am unverwüstlichsten war Ojo. Seine Kräfte schienen nie zu erlahmen. Seit vier Tagen trug er schon den alten Kapitän Porquez auf seinen Schultern. Der alte Mann war zusammengebrochen. Sein erbarmungsloser Reiter hatte ihn über eine Strecke geschleift, bis es Ojo zu dumm wurde. Der Herkules blieb einfach stehen, zog das Kamel mit seinem Reiter neben das des alten Kapitäns, lud sich diesen auf die Schulter und trottete, als sei nichts geschehen, weiter. Dieser Beweis seiner nicht zu brechenden Kraft nötigte selbst den Wächtern ein achtungsvolles Staunen ab. Sie hatten irgendwie Angst vor ihm, und er kam ihnen unheimlich vor. So ließen sie ihn gewähren.
Unvermittelt hielt der Spitzenreiter, der Zugführer, sein Tier an und blickte gespannt nach Westen.
Von dort näherte sich eine riesige Staubwolke. Sie mußte von vielen Menschen herrühren; denn der Staub war trotz des geröllübersäten Bodens so dicht, daß sich der Himmel zeitweise verfinsterte.
Die Reiter wurden aufmerksam. Michel flüsterte: »Vielleicht irgendein Berberstamm, der gegen den Daj und seine Janitscharen zu Felde zieht---?«
»Herrgott«, stöhnte Deste. »Ihr meint vielleicht gar eine Rettung? Das wäre wunderbar.« »Frage Ibn Kuteiba, was er davon hält.«
Deste wandte sich an den Steuermann.Doch der zuckte nur die Achseln.
»Ich glaube nicht, daß es uns besser gehen würde, wenn wir in die Hände von Berbern fielen. Diese Stämme kennen noch weniger menschliche Regungen als die Araber. Sie haben nur ein Zieclass="underline" Beute.
Es kann durchaus sein, daß in ein paar Minuten unsere Wächter ebenso gefesselt sind wie wir.« »Nichts!« flüsterte Deste Michel zu. »Er glaubt nicht an Rettung.« Destes Kameltreiber hatte wohl gemerkt, daß sein Gefangener sich mit Ibn Kuteiba über irgendetwas verständigt hatte. Und er sah auch, wie er nun Michel die Botschaft weitergab. Aber merkwürdigerweise reagierte er nicht darauf. Eine fiebernde Unruhe hatte sich der Janitscharen bemächtigt. Ihre Uniformen waren zu bekannt, als daß man sie übersehen hätte. Die Staubwolke kam immer näher. Doch noch immer konnte man keine Einzelheiten unterscheiden.
Der Zugführer sagte etwas auf arabisch. Destes Gesicht leuchtete auf.
»Doktor, sie beraten, ob sie uns freilassen sollen, weil wir sie an einer etwaigen Flucht hindern würden.«
Doch kaum hatte er das gesagt, da wechselte der Ausdruck in seinem Gesicht. Schrecken stand jetzt darin. Die Reiter hatten sich geeinigt, die Gefangenen bei Gefahr zu erschießen.
»Sag es nicht weiter«, zischte Michel, »sonst gibt es unnötige Aufregung, dann schießen uns die Kerle womöglich gleich zusammen. Wir müssen kaltes Blut bewahren.«
»Wir sollten versuchen, uns zu befreien! Ich werde meinem Wächter den Krummsäbel zu entreißen versuchen. Wir müssen---«, sagte Deste hastig, und kleine Schweißperlen standen auf seiner Stirn. Er wollte vorwärtsstürzen. Michel wußte sich nicht anders zu helfen, als ihm ein Bein zu stellen.
Durch Destes Fall wurden die Wächter wieder auf die Gefangenen aufmerksam. »Steh auf, du Hund!« brüllte einer den Spanier an und stieß mit dem Kolben nach seinem Kopf. »Allah! Waliah! Tallah!« schrie der Zugführer jetzt begeistert. »Seht doch, es sind unsere Leute. Beim Barte des Propheten, es sind Janitscharen wie wir!«
Tatsächlich konnte man jetzt einzelne Reiter erkennen. Immer näher kamen die Leute des Daj. Aber es waren nur wenige Janitscharen. Die Menschenmasse, die die große Staubwolke verursachte, bestand aus gefangenen Spaniern. Ein Haufen von annähernd fünfzehnhundert Menschen wälzte sich über das Geröllplateau.
Das Stöhnen der Verwundeten wurde laut. Schmerzensschreie stiegen zum Himmel empor. Sie wurden von keinem Gott gehört. Erbarmungslos sausten die Nilpferdpeitschen auf die Rücken der Gefangenen und trieben sie immer wieder zum Laufen an. Blut floß aus staubverkrusteten Wunden, die mit jedem Schlag erneut aufplatzten. Es war ein Zug des Jammers und des Leides. Die zehn Posten, die mit ihren Gefangenen aus Algier kamen, brachen in Jubelrufe aus, stürmten auf ihren Kamelen ohne Rücksicht auf die daranhängenden Gefangenen ihren Kameraden entgegen und wurden von diesen mit dem gleichen Freudengeheul begrüßt. Michel stürzte über einen Stein und wurde eine Strecke weit geschleift. Deste überschlug sich gar mehrmals und riß sich an den Steinen die Arme blutig. Bei den anderen ging es glimpflicher ab. Dennoch waren Michel und Deste froh, daß sie für diesmal dem drohenden Tode entgangen waren. »Schejtan«, schrie der Anführer des großen Haufens, ein Onbaschi, den Heranstürmenden zu. »Wo kommt ihr her? Was habt ihr da für verfluchte Hunde an euren Tieren hängen? Wollen wir sie nicht in die Reihen der anderen jagen? Ich nehme doch an, daß sie ebenfalls nach El Mengub in die Steinbrüche sollen, ist es nicht so?«